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StartseiteAus Religion und GesellschaftDas ehrfürchtige Rudern hin zu Gott26.08.2020

Die Dichterin Anne SextonDas ehrfürchtige Rudern hin zu Gott

Krankheit und Religion, Therapie und Dichtung sind untrennbar verbunden im Werk der Lyrikerin Anne Sexton. Theologen erkennen in ihren Gedichten eine Sehnsucht nach Gott. Sie litt zeitlebens an Depressionen. Ihre Lyrik ist in den USA in einer Gesamtauflage von 500.000 Exemplaren erschienen.

Von Burkhard Reinartz

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Strand im Südosten Sansibars, der größten Insel von Tansania im Indischen Ozean. (Foto von Juli 2015) | Verwendung weltweit (picture alliance)
Die Lyrikerin Anne Sexton schrieb über „das ehrfürchtige“ – oder je nach Übersetzung auch: „das schreckliche Rudern hin zu Gott“ (picture alliance)
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Ich stehe am Meer und es rollt in seinem grünen Blut,
sagt: "Verzichte nicht auf einen Gott,
denn ich habe eine ganze Handvoll".
Die Passatwinde wehten
in ihrem zwölffingrigen Umspringen
und ich stand nur da am Strand,
als der Ozean ein Sandkreuz schlug
und seine Ertrunkenen aufhängte
und sie riefen: Deo Deo

Johann Hinrich Claussen, Theologe: "Ich erlebe in diesen Gedichten eine große Sehnsucht, eine große Sehnsucht nach Gott, nach Erfüllung in der Begegnung mit Gott im Glauben und andererseits eine große Kreativität, das in ganz neue Sprachbilder zu gießen."

Anne Sexton war die Starpoetin der amerikanischen Lyrikszene in den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Attraktiv, unangepasst, umschwärmt. Künstlerinnen wie Madonna und Annie Lennox verehren sie noch heute. Mit schonungsloser Offenheit schrieb sie über ihre psychischen Abgründe und die Suche nach Gott. Bei ihren Auftritten schlenderte sie - die Lippen grellrot geschminkt - zum Podium, streifte die Pumps ab und sagte: 

Ich lese jetzt ein Gedicht, das Ihnen darüber Auskunft gibt, was für eine Art Dichterin ich bin, was für eine Art Frau ich bin. Wenn es Ihnen nicht gefällt, können Sie ja gehen.

Anne Sexton (Archiv S. Fischer-Verlag)Die Lyrikerin Anne Sexton (Archiv S. Fischer-Verlag)

Meist begann sie mit ihrem Lieblingsgedicht:  "Her Kind", "Von ihrer Art":

Ich bin ausgezogen, eine besessene Hexe,
den dunklen Himmel verzaubernd, tapfrer des Nachts.
Böses träumend habe ich meine Runde gedreht
über die öden Häuser, Licht für Licht;
einsames Ding, zwölffingrig, von Sinnen.
Solch eine Frau ist keine Frau, eigentlich,
ich war von ihrer Art.

Ein Leben als Hausfrau im Mittelstand?

Dabei hatte alles ganz anders angefangen. Anne Sexton entspricht in den 50er Jahren lange Zeit dem Ideal einer braven Mittelstandshausfrau. Sie kommt am 9. November 1928 in Newton, Massachusetts, als jüngste von drei Töchtern einer wohlhabenden Ostküstenfamilie zur Welt. Ihr ganzes Leben wird sie in verschiedenen Vorstädten von Boston verbringen. Schon als Kind fühlt sich Anne als Außenseiterin. Sie leidet unter starken Gemütsschwankungen. Später beklagt sie das lieblose Verhalten der Eltern - besonders die Gewalttätigkeit ihres Vaters. An das wohl schlimmste Trauma ihrer Kindheit wagt sie sich in einem Gedicht heran:

Daddy?
Das ist eine andere Art von Gefängnis.
Das ist gar nicht der Prinz,
sondern mein Vater,
der sich betrunken über mein Bett beugt,
in der Tiefe kreist wie ein Hai,
mein Vater dicht auf mir
wie eine schlafende Qualle.
Was für ein Reise ist das, kleines Mädchen?
Dieses Herauskommen aus dem Gefängnis.
Gott behüte -
dieses Leben nach dem Tode? ...
Damals roch ich das Vitalis an seinem Pyjama
und schluckte seinen Whisky-Atem herunter.
Rot. Rot. Vater, du bist blutrot.
Vater, wir sind zwei Vögel in Flammen

  (B0329_Röhnert) (B0329_Röhnert)Die Lyrikerin Mascha Kaléko": Ich möchte in dieser Zeit nicht Gott sein 
Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, schrieb Mascha Kaleko: "Wir haben keinen Freund auf dieser Welt. Nur Gott." Später klagte sie Gott an. 

Anstatt zu studieren, flüchtet sich die Neunzehnjährige aus der einengenden Familie in ein zweifelhaftes Eheglück mit dem Medizinstudenten Alfred Muller Sexton, Kayo genannt. Das Paar gerät in finanzielle Schwierigkeiten. Er wird nach Ausbruch des Koreakriegs Mitglied der aktiven Reserve, sie schlägt sich zwei Jahre als Modell und Buchhändlerin durch. 1953 bekommt Anne ihre erste Tochter, Linda Gray. Sie fühlt sich als Mutter überfordert, ist bedrückt. Zwei Jahre später kommt die zweite Tochter zur Welt: Joyce Ladd. Anne will nun endlich die perfekte Mutter sein, versucht sich den stereotypen Idealen anzupassen. Und scheitert damit auf ganzer Linie. Nach der Geburt von Joyce wird sie von Angstzuständen gequält, die sie ihr ganzes Leben begleiten werden. Den Töchtern gegenüber empfindet sie in ihren ersten Lebensjahren einen explosiven Mix aus Apathie, Wut, und Schuldgefühlen.

Bis zum Alter von achtundzwanzig Jahren war mein Selbstgefühl verschüttet; ich wußte nicht, dass ich auch zu etwas anderem in der Lage war, als nur weiße Soße zu kochen und Säuglinge zu wickeln. Ich wußte nicht, dass ich eine kreative Begabung besaß. Ich war ein Opfer des amerikanischen Traums, des bürgerlichen Traums der Mittelschicht. Alles, was ich wollte, war ein kleines Stückchen Leben, verheiratet sein und Kinder haben. Ich glaubte, die Alpträume, die Dämonen würden verschwinden, wenn genug Liebe da wäre, um sie zum Schweigen zu bringen. Ich habe mein Äußerstes gegeben, um ein konventionelles Leben zu führen. Aber auch wenn man kleine, weiße Gartenzäune aufstellt, kann man nicht verhindern, dass Alpträume kommen. Die Oberfläche brach auf und zersprang, als ich etwa achtundzwanzig Jahre alt war. Ich bekam einen psychotischen Schub und versuchte mir das Leben zu nehmen.

Nach der Klinik beginnt das Schreiben

Nach dem anschließenden Klinikaufenthalt beginnt sie eine ambulante Therapie bei Dr. Martin Orne. Dieser rät ihr zu schreiben und ihre psychischen Nöte durch Gedichte zu verarbeiten. Beide ahnen nicht, dass die junge Frau schon bald zu den erfolgreichsten Schriftstellerinnen Amerikas gehören wird - und mitten im seelischen Aufruhr Gedichte schreibt, die zu den spirituell anregendsten der Weltlyrik gehören.

GODS
Ms. Sexton went out looking for the gods.
She began looking in the sky
- expecting a large white angel with a blue crotch.
No one.
She looked next in all the learned books
and the print spat back at her.
No one.
She made a pilgrimage to the great poet
and he belched in her face.
No one.
She prayed in all the churches of the world
and learned a great deal about culture.
No one.
She went to the Atlantic, the Pacific, for surely God…
No one.
She went to the Buddha, the Brahma, the Pyramids
and found immense postcards.
No one.
Then she journeyed back to her own house
and the gods of the world were shut in the lavatory.
At last!
she cried out,
and locked the door.

GÖTTER
Frau Sexton ging aus dem Haus und suchte nach den Göttern
Sie begann in den Himmel zu schauen
- erwartete einen großen weißen Engel mit einem blauen Schritt.
Niemand.
Sie sah als nächstes in allen gelehrten Büchern nach
und der Druck spuckte sie an.
Niemand.
Sie pilgerte zu dem großen Dichter
und er rülpste in ihr Gesicht.
Niemand.
Sie betete in allen Kirchen der Welt
und lernte eine Menge über die Kultur.
Niemand.
Sie ging zum Atlantik, zum Pazifik, da musste Gott doch sein.
Niemand.
Sie ging zum Buddha, zum Brahman, zu den Pyramiden
und fand eine Menge Postkarten.
Niemand.
Dann reiste sie zurück in ihr Haus
und die Götter der Welt waren im Badezimmer eingeschlossen.
Endlich!
rief sie aus
und schloss die Tür.

"Therapie, Religion und Dichtung"

"Dass bei Anne Sexton Krankheit, Therapie, Religion und Dichtung so einen engen Zusammenhang bilden, das lässt einen eigentlich nur staunen. Da kann man jetzt nicht Ursache und Wirkung genau auseinander friemeln, sondern vielleicht noch mal schauen: Was ist das eigentlich für eine Art von Lyrik?", fragt Johann Hinrich Claussen, Theologe und Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD):

"Ich habe fast den Eindruck, dass beim Schreiben in der Therapie plötzlich Bilder in ihr aufgehen und die dann ganz plastisch vor ihr stehen wie dieses 'Ich rudere hin zu Gott'. Bilder sozusagen, die explosionsartig niedergeschrieben werden."

Johann Hinrich Claussen, Kulturrbeauftragter der EKD - Berlin Februar 2016  (Deutschlandfunk/ Andreas Schoelzel)Johann Hinrich Claussen, Kulturrbeauftragter der EKD. (Deutschlandfunk/ Andreas Schoelzel)

Vier Jahre nach Beginn der Therapie veröffentlicht Anne Sexton 1960 ihren ersten Gedichtband "To Bedlam and Part Way Back" - "In die Klapsmühle und halb wieder heraus". Es folgen neun weitere Bände. 1967 erhält sie den Pulitzer-Preis, die wichtigste literarische Auszeichnung in den USA. 1972 wird sie als Poetik-Professorin für kreatives Schreiben an die Universität von Boston berufen - eine Frau, die nie studiert hat und die zeitlebens Depressionen, Ängste und Wahnvorstellungen plagen. Ihre Lyrik ist in den USA bis heute in einer Gesamtauflage von unglaublichen 500.000 Exemplaren erschienen.

"Vielleicht hat meine Mutter Gott aus mir heraus geschnitten"

Johann Hinrich Claussen: "Die Gedichte, in denen es auch um Religion geht, haben mich sehr angesprochen, die fand ich wahnsinnig interessant. Einerseits natürlich auch wieder vor dem Hintergrund ihrer eigenen Lebens- und Krankheitsgeschichte. Wie äußert sich eigentlich Religion bei einem Menschen, der aus einer tiefen Angefochtenheit, nämlich durch massive psychische Erkrankung diese Bilder geschrieben hat? Da muss man allerdings auch sagen: Religion und Wahn haben doch einiges miteinander zu tun und können vielleicht auch nochmal im Gedicht auf eine gute Weise zusammenkommen."

Mich hat die Dichtung an der Hand genommen und aus dem Wahnsinn heraus geführt. Ich hoffe, ich kann anderen damit einen Weg zeigen.

Vielleicht hat meine Mutter Gott aus mir heraus geschnitten
als ich zwei war und in meinem Laufstall.Ist es zu spät? Zu spät,
die Narbe zu öffnen, ihn neu einzupflanzen?
Alles ist Wüste.
Alles ist Heu, verdorrt von zu viel Regen,
meinen elenden Tränen.
Nach wessen Gott suchst du? Fragte der Priester.
Ich erwiderte:
Ein Hungernder fragt nicht, was auf den Tisch kommt.
Ich würde eine Tomate essen, einen Feuervogel.
Ich würde eine Motte essen in Essig getränkt.
Aber gibt es irgendwo Nahrung?
Ist es wahr? Ist es wahr?
Wenn Gott aus Holz wäre, es würde mich nicht stören.
Ich würde ihn tragen wie ein Haus,
Seine Astlöcher preisen,
Ihn putzen wie einen Schuh.
Ich würde ihn nicht schmoren lassen.
Ich würde ihn nicht verbrennen.
Oh Holz, mein Vater, meine Zuflucht.
Sei gesegnet.       

Johann Hinrich Claussen: "Das Gedicht 'Ist das wahr?' schlägt einen unendlichen Bogen, bei dem man eigentlich immer denkt: Dieser Bogen kann gar nicht halten, der muss zerbrechen. Das beginnt mit diesem wirklich schrecklichen ersten Vers: 'Vielleicht hat meine Mutter Gott aus mir heraus geschnitten'. Das ist eine solche Schärfe und Brutalität oder auch ein Satz wie 'Alles ist Wüste'. Da denkt man natürlich auch an Israel in der Wüste in der totalen Verlorenheit. Und dann ändert es sich aber, es findet auch wieder eine Anrede statt: 'Oh, Holz, mein Vater, meine Zuflucht'. Es findet dann doch wieder zu einem Gottesverhältnis. Er ist eben nicht restlos aus ihr heraus geschnitten worden, sondern findet dann in einer ganz neuen Sprache Gestalt.

"Gott schlurft im Himmel umher"

Durch das Schreiben lernt Anne Sexton, den inneren Dämonen produktiv zu begegnen und ihren Todesdrang lange Jahre in Schach zu halten. Ihre Gedichte sind Teil einer neuen Art von Poesie, die in Amerika nach dem Zweiten Weltkrieg entstand: die "confessional poetry", kurz: Bekenntnislyrik. Ihr Kennzeichen: die Auflösung der  klaren Trennung zwischen lyrischem und autobiographischem Ich. Ohne jede Verschlüsselung sprechen Dichter und Dichterinnen wie Robert Lowell, Sylvia Plath und Allen Ginsberg jetzt tabulos über ihre Aufenthalte in Nervenkliniken, ihre Depressionen, Süchte, sexuellen Obsessionen - und  Anne Sexton darüber hinaus über ihre spirituellen Sehnsüchte und Krisen. Kaum eine Schriftstellerin der Weltliteratur hat so viele Gedichte zur Chiffre Gott verfasst wie sie.

Johann Hinrich Claussen: "Sie zeigt, wie vielfältig, wie unterschiedlich, wie verrückt, crazy und wie großartig man über den Glauben sprechen kann und dass das nichts mit konventionellem Frömmigkeits-Blabla zu tun hat, sondern dass man, wenn man die Gottesfrage sich im Gedicht stellt, zu ganz anderen Aufschwüngen oder zu ganz anderen Tiefenbohrungen gelangen kann." 

Gott schlurft im Himmel umher
ohne jede Form,
dabei möchte er bloß seine Zigarre rauchen
oder an den Fingernägeln kauen und dergleichen.
Gott hat den Himmel,
sehnt sich aber nach der Erde,
die Erde mit den kleinen lauschigen Höhlen,
dem Vogel, der am Kaminfenster rastet,
auch nach den Morden, aneinandergereiht wie zerbrochene Stühle,
den Säuglingen, die schnüffelnd suchen nach ihrer Musik,
doch vor allem ist er neidisch auf die Körper.
Er, der körperlos ist.
Auf die Seele ist er nicht so neidisch,
ließe sie aber gerne wohnen in einem Körper
und käme herunter und ließe sie
ab und zu einmal baden.

Johann Hinrich Claussen: "Ich finde diese Schnoddrigkeit in dem Gedicht 'Erde' ganz wunderbar. Sie ist wahnsinnig witzig und löst erst mal von falschen Ehrfurchts-Vorstellungen, wenn man über Gott redet. Und zugleich aber macht sie das Thema ja nicht klein, sondern macht es eher groß. Sie nimmt ein ganz altes Motiv auf, nämlich von dem einsamen Gott, der die Erde auch geschaffen hat, weil er sie braucht und weil eben die Erde und die Menschheit für ihn das ganz andere ist. Dieses Gedicht beginnt so schnoddrig, wird dann aber wirklich sehr, sehr anspruchsvoll theologisch und dreht die Beziehung um. Es ist nicht nur, dass die Menschen Gottes bedürfen, um erlöst zu werden von ihren Körpern, sondern umgekehrt: Gott ist bedürftig und sehnt sich nach einer Art Körperlichkeit."

"Ein schönes Beispiel für die Christus-Geschichte"

Der Theologe Johann Hinrich Claussen geht soweit, Sextons Gedicht "Erde" eine "zeitgemäße Aktualisierung" der Christusgeschichte zu nennen:

"Im Grunde, wenn ich mal so theologisch steil werden darf, kann man dieses Gedicht als ein schönes Beispiel für die Christus-Geschichte wahrnehmen. Gott wird Mensch, nimmt einen Körper an, bleibt nicht in der Ewigkeit, schlurft nicht mehr im Himmel herum, sondern muss auch nicht mehr neidisch sein, weil er nur eine Seele hat, sondern ist in die Menschheit eingegangen."

  (Wallstein Verlag / Christies / dpa) (Wallstein Verlag / Christies / dpa)Die Dichterin Christine Lavant: Zweifeln, lästern, klagen
Sie war das neunte Kind einer armen Arbeiterfamilie. Christine Lavant kommt am 4. Juli 1915 in Kärnten zur Welt. Seit ihrer Kindheit wird sie gequält von schweren Krankheiten. Doch sie schreibt rund 1700 Gedichte. Darin ringt sie auch mit Gott.

Für Anne Sexton ist das Reden über Gott nur in Paradoxien möglich. So verweist sie darauf, das GOD in der orthographischen Umkehrung DOG ergibt: Gott als Einheit von Erhabenem und Animalischem. Die Dichterin verwandelt die Passion Christi in Bilder, in denen die Grenze zwischen Männlichem und Weiblichem, zwischen Mensch und Tier flüssig wird. Im Jahr vor ihrem Tod intensiviert sich Sextons Ringen mit dem Göttlichen. In den "Death Notes", den "Todes-Notizen", schreibt sie einen Gedichtzyklus mit dem Titel "Psalmen".

Es werde ein Gott, groß wie eine Höhensonne, der euch
seine Wärme zulacht.
Möge Gott die Wasser sich scheiden, damit Gott sich das Gesicht
waschen kann beim ersten Lichtschein.
Es werde das Licht Tag genannt, damit die Menschen Getreide anbauen
oder Bus fahren können.

"Das schreckliche Rudern hin zu Gott"

Zu Beginn der siebziger Jahre ist Anne Sexton auf dem Gipfel des Erfolges. Ihre Gedichtbände erreichen Verkaufsrekorde, i hre Lesungen besuchen bis zu zweitausend Bewunderer. Doch der Schein trügt. Hinter der charismatischen Performerin steht eine gebrochene Frau, von psychischen Krisen und körperlichen Zusammenbrüchen zerrissen.

Ich bin nur da, wenn ich über Gedichte und Schreiben nachdenke, hin- und her geworfen zwischen Fluchtwegen – Alkohol, Tabletten, Schreiben – sonst hab ich nichts.

Ihren letzten großen Gedichtszyklus "The awful rowing towards God", "Das ehrfürchtige" – oder je nach Übersetzung - "schreckliche Rudern hin zu Gott" schreibt Anne Sexton kurz vor ihrem sechsundvierzigsten Geburtstag. Nachdem sie das Manuskript an ihren Verlag geschickt hat, zieht sie am 4. Oktober 1974 den Pelzmantel der Mutter an, setzt sich in der Garage ins Auto, dreht das Radio an, den Zündschlüssel herum und wartet mit einem Glas Wodka in der Hand auf den Erstickungstod. Für die Dichterin gilt wohl das gleiche, was Heinrich von Kleist vor seinem Suizid geschrieben hat: "Die Wahrheit ist, daß mir auf Erden nicht zu helfen war". Weder Psychopharmaka und Alkohol noch ihre unermüdliche Suche nach Gott konnten Anne Sexton helfen, sich auf der Erde zuhause zu fühlen.

Wie ein Plymouth-Kotflügel, wurde ich in diese Welt gepresst.
Zuerst kam das Kindbett mit seinen eisigen Stäben.
dann das Leben mit seinen grausamen Häusern ...
und Menschen, die selten berührten -
wo doch Berührung alles ist -,
doch ich wuchs auf wie ein Schwein im Trenchcoat, ich wuchs …
und Gott war da wie eine Insel, zu der ich nie gerudert war,
noch immer blind für ihn ...
und nun bin ich im mittleren Alter ...
und rudere, ich rudere,
zwar klemmen die Dollen, sind rostig,
und das Meer blinzelt und rollt wie ein gereizter Augapfel.
Doch ich rudere, ich rudere,
und da wird eine Tür sein
und ich werde sie öffnen
und mich von der Ratte in mir befreien,
der scheußlich nagenden Ratte.
Gott wird sie mit beiden Händen empfangen
und umarmen.

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