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StartseiteKultur heute"Die Dresdener Weber" ganz ohne Hauptmann15.02.2005

"Die Dresdener Weber" ganz ohne Hauptmann

Die Neuinszenierung des so genannten Skandalstücks in Dresden

Die erste Dresdener "Weber"-Inszenierung vom Oktober vergangenen Jahres wurde vom auf Wunsch der Hauptmann-Enkelin vom Bühnenverlag angerufenen Berliner Landgericht vorerst verboten. Aber nicht etwa, weil die Collage aus Hauptmanns gekürzten Texten und neuen, emotional aufgeheizten, authentischen Texten eines Weberchores aus Dresdener Bürgern volksverhetzend oder gewaltverherrlichend sei, wie manche Medien und die mit Gewaltphantasien bedachte Fernsehmoderatorin Sabine Christiansen meinten, sondern weil die massiven Änderungen vertraglich nicht eindeutig abgesprochen schienen. Nur konsequent, dass die neue Inszenierung unter dem Titel "Die Dresdener Weber - eine Hommage an Gerhart Hauptmann" ohne Worte von Gerhart Hauptmann auskommt, aber auf den kruden Meinungsmix der Dresdener Weberchor-Bürger zu Arbeitslosigkeit und Freiheit, Utopie und gesellschaftlicher Misere nicht verzichtet. Man kann den Versuch des Dramaturgen Stefan Schnabel und des Regisseurs Volker Loesch durchaus für gewagt halten, die historische Situation der hungernden schlesischen Weber im 19.Jahrhundert mit der von Arbeitslosen und Hartz IV Betroffenen von heute in parallelisierende Beziehung zu setzen. Doch das Theater hat damit einen Nerv seiner Zuschauer getroffen. Das bewiesen die heftigen Reaktionen sowohl auf die neue Inszenierung wie bei der anschließenden Publikumsdiskussion.

Von Hartmut Krug

"Die Dresdner Weber" am Staatsschauspiel Dresden (Staatsschauspiel Dresden)
"Die Dresdner Weber" am Staatsschauspiel Dresden (Staatsschauspiel Dresden)
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Auch die neue Dresdener "Weber-"Inszenierung collagiert historische und aktuelle Texte:

Auf der Gegenwartsebene fügt sie zu den Chortexten Dresdener Bürger über ihre Lebens- und Arbeitserfahrungen Zitate von Politikern zur Auseinandersetzung über Hartz IV, während sie auf der Vergangenheitsebene mit Texten aus dem Vormärz (so von Georg Weerth, Wilhelm Wolff, Heinrich Heine) und zum schlesischen Weberelend den Weberaufstand des 19.Jahrhunderts mit den Problemen der Arbeitsgesellschaft unserer Tage verbindet.

Es beginnt mit Grimms Märchen vom eigensinnigen Kind, das zur Metapher für den gesamten Abend wird. Dann wird der Verbotsprozeß zur ersten Dresdener Inszenierung mit satirischer Schärfe und mit in der leichten Verfremdung gut wieder erkennbaren realen Personen durchgespielt. Dem Chor, der einige Zeilen aus Hauptmanns Stück zu sprechen begann, wird der Mund Tesafilm verklebt. Minutenlang versucht er vergeblich, seine Texte zur artikulieren. Dann ruft sein wütend aufbegehrendes Donnern gegen den eisernen Vorhang eine Figur herbei, die, angesprochen als Herr Zwanziger, an den Kapitalisten Dreißiger aus Hauptmanns Stück gemahnt, sich aber als Bundespräsident Horst Köhler entpuppt. Indem die Inszenierung dessen präsidiale Antrittsrede in den Zusammenhang des Hauptmannschen Stückes und der chorischen Passagen über Glück und Utopie setzt, werden Köhlers Phrasen vom Umbau des Sozialstaates, bei dem alle in einem Boot säßen und alle mit ihrem Mut gleichermaßen wertvoll für Deutschland seien, nicht kabarettistisch verjuxt, sondern als kitschige Besänftigung mit falschem, hohlem Ton kenntlich.

Der Abend ist eine dialektische Zitaten-Collage, die aus der Montage gegensätzlicher Texte sinnliche Funken schlägt. Wenn da aus den ökonomisch-philosophischen Manuskripten von Karl Marx über das Wesen der Arbeit zitiert wird, tritt Peter Munck aus Wilhelm Hauffs Märchen "Das gläserne Herz" auf und betet den Mammon an. Dagegen setzt das "Manifest der Glücklichen Arbeitslosen" seine Meinung, das Unglück des Arbeiters beruhe nicht auf dem Mangel an Arbeit, sondern an dem Mangel an Geld. Und das Bier fließt in Strömen aus großen Krügen. Jemand, der behauptet, Hauptmann gekannt zu haben, kritisiert den Sozialkitsch der Inszenierung und zitiert Überlegungen (auch der einstigen Zensurbehörde), auf wen und wie Hauptmanns Stück wirken könne.

So reflektiert die Inszenierung im Spiel zugleich Form und Wirkung des Gespielten. Auch schauspielerisch virtuos dann das Nachspiel einer Sabine-Christiansen-Talkshow (deren Name nie erwähnt wird) in einem goldenen Wagen. Die originalen Texte entlarven sich sofort in ihrer erbärmlichen Sprachlosigkeit und vernutzten Klischeehaftigkeit. Was bei Hauptmann die Wohnung des Fabrikanten, ist hier der goldene Wagen: auch er wird zertrümmert. Dieser Abend bietet keine theatralische Feinkost. Er arbeitet sich mit theoretischen Texten wie mit kabarettistischen Szenen analytisch wie emotional an der Frage ab, wie man mit der Arbeits- und Arbeitslosen-Situation unserer neokapitalistischen Zeit umgehen könne. Hier geht es nicht um große Kunst, sondern um die großen Fragen unseres Alltags. Und damit wurden die Menschen erreicht. Das Publikum jubelte. Die "Dresdener Weber" sind ein schönes Beispiel bewegenden und intelligenten politischen Theaters.

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