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StartseiteEssay und DiskursDie Erotomanin, die sich nicht traut09.06.2013

Die Erotomanin, die sich nicht traut

Das gescheiterte Leben Adele Schopenhauers

Adele Schopenhauer war nicht nur die Schwester des berühmten Philosophen und die Tochter der Schriftstellerin. Sie schrieb selbst, traute sich jedoch erst zu einem späten Zeitpunkt ihres Lebens, etwas zu veröffentlichen. Tagebucheinträge zeigen außerdem ihre Zerrissenheit beim Thema Liebe.

Von Christa Bürger

Adele Schopenhauer in jungen Jahren (r.) mit ihrer Mutter, der Schriftstellerin Johanna Schopenhauer (picture alliance / akg-images)
Adele Schopenhauer in jungen Jahren (r.) mit ihrer Mutter, der Schriftstellerin Johanna Schopenhauer (picture alliance / akg-images)
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Sieg der Entsagung

Ein zufällig entdeckter Satz Rilkes war der Anlass, um sich noch einmal die Tagebücher Adele Schopenhauers vorzunehmen:

"Was für ein ernstes heldisches Mädchen darin erscheint [aber nur] wie als Silhouette, zur Gestalt kommt es nicht."

Der Satz klingt, als bedauerte Rilke, dass sich die Schwester des Philosophen nicht hat kenntlich machen können. Aber warum war es dieser Frau, die ein Mädchen geblieben ist, verwehrt, sich als Gestalt zur Erscheinung zu bringen? Sich schreibend zu verwirklichen? Vielleicht hat ihr der Mut einer Ingeborg Bachmann gefehlt, um die Einsicht zuzulassen, dass ihr ganzes Leben "eine ungeheure Kränkung" gewesen ist.

Der Eintritt der kleinen Adele in die Welt steht im Zeichen des Schreckens. Nach dem Tod ihres Mannes entschließt sich Johanna Schopenhauer, mit der neunjährigen Tochter von Hamburg nach Weimar umzuziehen. Wo sie hofft, begünstigt durch ein beträchtliches Vermögen, über das sie nun frei verfügen kann, ihre geselligen und schriftstellerischen Neigungen voll ausleben zu können.

Der Zeitpunkt ihrer Übersiedlung im Herbst 1806 fällt aber zusammen mit der Niederlage der Preußen in der Schlacht von Jena und Auerstedt und der Plünderung Weimars durch die siegreiche französische Armee. In ihrem dramatischen Briefbericht für den in Hamburg zurückgebliebenen Sohn erzählt Johanna, wie Adele inmitten all dieser Schrecknisse sich nicht habe aus der Fassung bringen lassen, und wie sie durch ihr "niedliches" Französisch einen Trupp betrunkener Husaren gezähmt habe.

Als erzählte bezeugen die Schreckensszenen, dass die gefasste Haltung von Mutter und Tochter ihren tragenden Grund hat in dem, was sich für sie in Weimar buchstäblich verkörperte: eine die Gräuel des Krieges und die Gewalt der Leidenschaften bändigende Kultur. Der Schrecken hat nämlich ein Vorspiel, das von Johanna Schopenhauers Aufnahme in Weimar und ein Nachspiel, das von der Einweihung ihres Salons handelt.

Am Tag vor der Schlacht lässt Goethe sich bei ihr melden, inkognito, wie er es liebt, und gibt dieser Begegnung damit sogleich die Aura einer Theaterszene. Am Tag nach seiner Trauung mit der Mamsell, wie man in Weimar Christiane Vulpius nennt, stellt Goethe diese Johanna Schopenhauer vor, von der er mit Recht annimmt, dass sie vorurteilsfrei genug sein wird, um der Frau, der er seinen Namen gegeben hat, ihr Haus nicht zu verschließen.

Einige Wochen später berichtet Johanna dem Sohn:

"Jetzt ist hier alles sicher und ruhig. Die Verwundeten sind weitergeschafft bis auf wenige, die nicht transportabel sind; die Toten sind alle begraben, für Krankheiten ist nichts mehr zu befürchten. [...] In meinem Kreise darf ich doch auf manchen fröhlichen Abend hoffen."

Johanna Schopenhauers Salon spiegelt die sozialpsychologische Verfassung der gebildeten Gesellschaft Weimars nach der Katastrophe von Jena, das Bedürfnis, die Ungewissheit über das politische Schicksal Deutschlands und die Angst um Besitz, Rang und öffentliche Ordnung zu verdrängen. Und sie wird sich, als eifrige Goethe Leserin, insgeheim mit der Baronin aus den Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten identifiziert haben, die dem kleinen Emigrantenzirkel, der sich um sie gebildet hatte, ein strenges Gesetz geselliger Zivilisation auferlegt.

"Lasst uns darin übereinkommen, dass wir, wenn wir beisammen sind, gänzlich alle Unterhaltung über das Interesse des Tages verbannen [...], bietet alle eure Kräfte auf, lehrreich, nützlich und besonders gesellig zu sein."

Goethe, daran kann kein Zweifel bestehen, hat diesen bildungsbürgerlichen Salon geschätzt, wo man musizierte, zeichnete, Kupferstiche betrachtete, vorlas und bastelte.

Im Geschmack, in einer genießenden Teilhabe einer kultivierten Gesellschaftsschicht, haben Kunst und Kunsthandwerk ihren Vereinigungspunkt. Hinter dem Rücken gleichsam der Beteiligten verwirklicht sich das kulturpolitische Programm, das Goethe und Schiller in ihren Dilettantismus-Skizzen entwickelt hatten: eine kultivierte Geselligkeit als Voraussetzung und Träger einer autonomen Kunst.

Am Teetisch Johanna Schopenhauers kann man "geistreich sticken". Oder, wofür Adele berühmt ist, Schattenrisse ausschneiden. Goethe mochte Adeles "zartumriss'ne, holde Finsternisse" und hat dabei vielleicht, als er in ein Silhouettenbuch von ihrer Hand ein paar Verse schreibt, ihr von persönlicher Grazie so wenig begünstigtes Leben im Sinn. Die Künstlerin, wünscht er, möge sich weiterhin "eine Welt von Schatten bilden […] denn das irdische Gefilde schattet oft nach eignem Sinn".

Für die kleine Adele standen der Teetisch der Mutter und Goethes Haus am Frauenplan dicht beieinander. Als Vaterinstanz bietet sich Goethe geradezu an. Die spontane Zuneigung, die er der Kleinen, sie sogleich auch zur Schülerin und Gehilfin machend, entgegenbringt, verdankt sich vielleicht der Erinnerung an seine früh dahingegangene Schwester Cornelia, an deren Eheunglück er sich mitschuldig fühlt.

In Goethes Haus findet auch die Begegnung statt, die das junge Mädchen als eine neue Epoche oder erst eigentlich als den Beginn ihres Eigenlebens erfährt: mit Ottilie von Pogwisch, der späteren Ehefrau von August Goethe. Beiden Mädchen gemeinsam ist die Abwesenheit eines Vaters. Ottilies Mutter, eine der Hofdamen der weimarischen Erbprinzessin, lebt getrennt von ihrem Ehemann. Johanna Schopenhauers Zeit ist ausgefüllt von ihrer schriftstellerischen Arbeit und gesellschaftlichen Verpflichtungen. Adele und Ottilie, sich selbst überlassen, finden, die eine in der anderen: alles.

Wie ihre vielen Briefe und Tagebucheintragungen bezeugen, erweist sich das Freundschaftsbündnis, das sie damals geschlossen haben, als verlässlich aber alle Wechselfälle ihres Lebens hinaus. "Da fing mein Leben an, als ich Dich liebte", schreibt Ottilie in Adeles Stammbuch, und Adele fasst ihr Verhältnis zu der Freundin in die einfache Einsicht zusammen:

"Ich passte nur zu Ottilien, ihre fesselfreie Empfindung aller Tiefen des Lebens und Liebens hatten mich verdorben für alles andere Leben."

Ob Adele "vielleicht mehr als billig weiß", dass sie hinter Ottilie an äußerer Schönheit sehr weit zurücksteht, lässt sich schwer sagen. Sie muss, wenn man dem Eindruck geradezu schockierter Zeitgenossen trauen will, eine Aura von Hässlichkeit um sich haben. Die Unverbrüchlichkeit der Liebesfreundschaft zwischen einem elfenhaft schönen Geschöpf, geistreich und ein wenig verrückt, und einem jungen Mädchen, das wie Rahel Varnhagen mit einem großen Defizit leben muss, dem Mangel an Grazie, mit dem heroisch verdrängten Wissen, nicht begehrenswert zu sein, gründet in einer exklusiven Gemeinsamkeit, ihrer Besessenheit vom Eros, oder, anders gefasst, einer totalen Identität von Leben-Schreiben-Lieben.

Verstehen lässt sich die Erotomanie der beiden jungen Mädchen, wenn man sich verdeutlicht, dass sie im mütterlichen Haushalt eine erotisch aufgeladene Atmosphäre als selbstverständlich erleben. Johannas Hausfreund von Gerstenbergk, Archivrat in Weimar, wird von Adele als eine Art systematischer Quälgeist ertragen: Johanna denkt in allem Ernst daran, den Freund mit der Tochter zu verheiraten, ein Ansinnen, das bei dieser Weinkrämpfe hervorruft. Eine ähnlich zweideutige Beziehung unterhält der Kammerherr Graf von Edling mit Henriette von Pogwisch. Er umwirbt die Mutter, aber meint die Tochter.

Bei Ottilie kommt diese Erotomanie zum Durchbruch in der Realität, vor allem nach ihrer Heirat mit August von Goethe. Bei Adele bewegt sie sich, maßstabs- und ziellos, im Imaginären. "Vater, der Du alles hast, gib mir Liebe!", lautet der Refrain eines von Ottilie mit Gebet überschriebenen Gedichts. Das Leitmotiv in Adeles Briefen und Tagebüchern ist: Entsagung. Aber das Pathos, mit dem sie sich selbst als ewig Zurücktretende darstellt, verrät die verdrängte Kränkung.

Über die Lebens- und Denkungsart der Weimarer Gesellschaft äußert sich Adele kritisch, mit einem deutlichen Unterton des Ressentiments. Die verbreitete Lockerheit der Sitten, die Frivolität der Salongespräche sind mit der Stimmung der nationalen Erhebung, die besonders Ottilie erfasst hat, schwer zu vereinbaren. Als im Winter 1813 ein junger preußischer Leutnant in Johanna Schopenhauers Salon auftaucht, weckt dieser zufällige Besucher in den Freundinnen die lange Zeit im vertrauten Umgang eingehegte Bereitschaft, ihre schweifenden erotischen Fantasien auf ein reales Objekt zu richten.

Mit der Erscheinung Ferdinand Heinkes beginnt für die beiden jungen Mädchen eine Epoche der Verwirrungen und Verirrungen, in der sie die Identität von Leben-Schreiben-Lieben gemeinsam auskosten. Stimuliert von dem herrschenden patriotischen Enthusiasmus, der allerdings in der Umgebung Goethes nicht geschätzt wird, was wiederum ihrer Schwärmerei einen zusätzlichen Charme verleiht, fantasieren sie sich einen HeIden, in dessen Liebe sie sich erhoben fühlen - beide.

Sie müssen mit ihrer Heinke-Begeisterung einiges Aufsehen erregt haben, denn es ranken sich darum abenteuerliche Legenden von einem verwundeten Lützower Jäger, den sie im Weimarer Park gefunden und vor den Franzosen gerettet hätten. Wie es "wirklich" war, liest man in den lakonischen Notizen in Heinkes Tagebuch:

"Abends bei Schopenhauers. Adele präsentiert uns ihrer bildschönen Freundin Ottilie von Pogwisch."

Und drei Tage später:

"Bei Schopenhauers, wo die Abende immer interessanter werden [...] August Goethe will sich jeden Tag um Ottilie Pogwisch totschießen."

Die Verarbeitung dieser ersten schwärmerischen Liebe lässt das Schema erkennen, nach dem die Mädchen ihre erotischen Fantasien ausleben und tagträumen. Ottilie von Pogwisch durchschaut die Ordnung der Geschlechter: Sie begreift, dass sie nichts als das personifizierte Begehren eines jungen Offiziers gewesen ist und dass diese Erfahrung sich nun unendlich oft wiederholen wird.

Das Bild Heinkes aber, das sie mit der verblassenden Erinnerung an den verlorenen Vater ausstattet, wird zum Vorbild, an dem sie alle späteren Begegnungen messen wird und das sie vor dem Verlust der Selbstachtung bewahrt. Der Fixstern, der den Namen Heinke trägt, steht unwandelbar über den vielen freudlosen Liebesabenteuern von Goethes Schwiegertochter. Adele Schopenhauer blieb nur, den Mut der Freundin zu bewundern, die von ihrer Erotomanie mehr und mehr Gebrauch macht, und sich wie Rahel zu sagen:

"Ich denke mir das meiste, weil ich kein Glück hatte und keinen Mut bekam."

So sind unerfüllte erotische Wünsche die Triebfedern ihrer Fantasien. Ihre Tagebücher hinterlassen in der Leserin ein unbehagliches Gefühl. Sie inszeniert auf einer leeren Seelenbühne in ermüdenden Variationen Liebesdramen nach stets demselben Schema. Die konkrete Situation, inspiriert von einer flüchtigen Bekanntschaft, wiederholt das erste, einzige Erlebnis, die Begegnung mit Heinke.

"Er ist der begleitende Akkord meines ganzen Erdenlebens."

Die fantasierende Tätigkeit zielt aber offenbar nicht nur auf die Erfüllung erotischer Wünsche, sondern ebenso auf die Abwehr von Enttäuschung. Mit der Geste der Entsagung kommt Adele der Erkenntnis zuvor, dass Heinke nicht sie geliebt hat, sondern die bildschöne Freundin.

"Dein Glück ist mein teuerster Wunsch auf Erden."

Diesen Satz wird sie unzählige Male hinschreiben. Und immer wieder fühlt sie sich bereit, auf eigenes Liebesglück zu verzichten. Ihre Philosophie der Entsagung findet Rückhalt nicht zuletzt in den Romanen der Mutter, die vor allem von Frauen viel gelesen, aber auch als ein "ununterbrochenes Opferfest" verspottet worden sind.

Adele war es gegeben, sich in die Liebesgeschichten Ottilies oder einer anderen Freundin gleichsam einzunisten, und es gelingt ihr, auch noch das eindeutigste Beziehungsverhältnis umzufantasieren. Sie zieht sich zurück, bevor die Evidenz sie zur Anerkennung der Realität zwingt und sie sich fragen müsste, ob sie sich nicht einer Einbildung hingegeben habe.

Das Tagebuch einer Einsamen umfasst die für das Liebes- und Lebensschicksal Adeles entscheidenden Jahre 1823 bis 1826. Es sind die letzten Jahre der Jugend. Durch den Bankrott ihres Bankiers verlieren Johanna Schopenhauer und Adele den größten Teil ihres Vermögens; sie müssen sich einschränken, was der an einen aufwendigen Lebensstil gewöhnten Johanna schwerfällt. Sie verzichtet nicht auf ausgedehnte Reisen zu den gewohnten Badeorten an Rhein und Main. Adele passt sich den Bedürfnissen der Mutter nach Abwechslung und Gesellschaft widerspruchslos an, begleitet sie ins Theater und zu Ausflügen, sitzt neben ihr an der Table d'Hôte und in Ballsälen.

"Der Schmerz muss vertanzt werden [...] ich werde auch das können und froh werden, weil ich will."

Sie ist nichts als eine noch junge Frau im Schatten der Mutter, die in diesen Jahren auf dem Höhepunkt ihres literarischen Ruhmes angelangt war.

Adeles wirkliches Leben findet auf ihrer Seelenbühne statt. Dieses Tagtraumleben mit den wechselnden Gestalten, an die sich ihre erotischen Fantasien heften, vertraut sie dem Tagebuch an. Ein Handkuss, ein Blick, eine Geste, aufgefangen an einem Gesellschaftsabend, genügen ihr, um ein beginnendes Liebesverhältnis zu imaginieren. "Ein interessanter, aber sehr ungewöhnlich aussehender Mann […] verfolgt und beobachtet" sie drei Stunden lang im Kursaal von Radesheim: Sie muss auf einen Augenblick die Gesellschaft verlassen und - sieht ihn nicht wieder.

Der Schauspieler, den sie in Frankfurt als Prinz in Emilia Galotti gesehen hat und der ihr bei einem Empfang vorgestellt wird, küsst ihre Hand und halt sie ein wenig länger fest, als die Konvention es erfordert. Auch während der nächsten Begegnung, wieder in einer größeren Gesellschaft, ist ihr noch bewusst, dass sie es mit einem Schauspieler zu tun hat, der die Sprache der Liebe beherrscht. Und sie redet sich ein, dass "nur ihr poetisches Gefühl für Schönheit" von ihm berührt sei. ln Schlangenbad will sie aber wissen, "wie es in [ihrem] Innern aussieht", denn sie hat eine neue Bekanntschaft gemacht, Graf Luckner, dessen "zarte Auszeichnung" ihr "töricht Herz verlockt". Der Graf macht ihr einen Besuch. Sie nimmt seine Schmeicheleien auf, aber sie erinnert sich zur rechten Zeit an den Mann, mit dem sie sich und mit dem man sie in Weimar verlobt glaubt.

"Ich kann auf keine Art Luckner lieben, denn Dir gehöre ich an, unauflöslich - aber wunderbar wehmütig schaue ich ein Herz an, das mich lieben könnte und würde, wenn es dürfte und wenn uns nicht der Stand trennte."

In diesem Fall durchschaut Adele nicht einmal, dass man sie mystifiziert. Luckner macht in Wirklichkeit Ottilie den Hof. Aber sie will die Zweideutigkeit seiner Gesten und Reden nicht wahrhaben. Er reist ab ohne Abschied, und sie hat Mühe, sich selbst über die fehlgeschlagene Hoffnung hinwegzutäuschen.

Gegen derartige Enttäuschungen gefeit ist sie in der Rolle der entsagenden Geliebten, die dem Leben des in sie verliebten jungen Mannes eine feste Richtung geben will, deren Liebe ihn "aufwärts" führen soll, bis sie ihn dann ins Leben entlassen kann oder - zu seiner jungen Geliebten. In einem solchen, Goethes Iphigenie nachempfundenen Liebesverhältnis gibt es sogar Augenblicke der Berührung. Diese sind aber selbst im Tagtraum nur als geistige, also entwirklicht, zugelassen.

"Er zog meine Hände an sein Herz, meine ganze Gestalt zu sich, aber er berührte mich nicht - kann man einen Kuss denken?"

Adele gelingt es, das eigene Entsagungsfantasma in die Geste des Mannes zu übersetzen, für den sie sich zu opfern wähnt. Er wird sich trösten mit der Erinnerung an diesen Augenblick, denn sie ist ja seine erste Liebe gewesen.

Zu einem wirklichen Drama auf der Seelenbühne Adeles entwickelt sich die Verschränkung zweier gleichzeitiger und gleichermaßen illusorischer Beziehungen. Zugrunde liegt diesem Drama die verzweifelte Anstrengung, ihre Niederlagen umzuwerten in moralische Triumphe, ihre aus der Realitätsverleugnung entsprungenen Entsagungsgesten als heroische Akte. In der Weimarer Gesellschaft gilt Adele als Verlobte des Chemikers Gottfried Osann, der 1826 eine Professur in Dorpat antritt. Das im März 1823 begonnene Tagebuch Adeles setzt ein mit einem großen Fragezeichen.

"Vielleicht liebt er mich [...] vielleicht irre ich, und er liebt mich nicht - und ich habe die Pforten der Jugend auf ewig geschlossen hinter mir durch dies wunderbare Verhältnis."

Eine Antwort auf diese Frage wird sie nie erhalten. Als ewig vielleicht Verlobte verharrt sie in einem Jahre währenden Erregungszustand. Die Anlässe dazu sind freilich dürftig, einige wenige, eher konventionelle Begegnungen, ein paar wortkarge Briefe, Gespräche mit der Mutter und dem Bruder Osanns, Gerüchte. Das Tagebuch endet mit dem "Todesurtheil jeder Lebenshoffnung". Das Abschiedsgespräch, das sie aufzeichnet, ist von einer geradezu erschreckenden Sprachlosigkeit. Nach einer flüchtigen Umarmung weiß sie:

"Es war vorüber […] Es war ein Mann, der mich heiß geliebt hatte."

Unversehens verwandelt sich durch das Tempus die harte Gegenwart in eine zu erinnernde Liebesgeschichte.

In der Beziehung zu dem um fast zehn Jahre jüngeren Medizinstudenten Louis Stromeyer, der sich später als Chirurg einen Namen gemacht hat, lassen sich Imagination und Wirklichkeit nicht deutlich auseinanderhalten. Adele hat vor sich einen wirklich verliebten jungen Mann und muss sich eingestehen, dass ihr zum ersten Mal die Nähe eines Mannes nicht "widerlich" ist, aber sie fühlt sich berufen - wie ehemals Charlotte von Stein - die Leidenschaftlichkeit ihres Geliebten zu "bändigen". Sie duldet Stromeyers Zärtlichkeiten, und vielleicht hat sie ihm sogar das gegeben, was Rahel "das Bisschen" nennt. Aber auch diese Episode endet mit der Geste der Entsagung.

Aber der Traum der Liebe und das Schwelgen in der Erinnerung gewähren der Schreibenden in der Gegenwart den Genuss einer totalen Identität von Leben-Schreiben-Lieben. Diese "Erotomanin, die nie davon Gebrauch gemacht hat" sieht sich mit ihren beiden Partnern in unterschiedlichen Rollen, als Begehrende, als Angebetete, als Treulose, die in den Armen eines Louis an den fernen Gottfried denkt.

An einen mit Ottilie verbrachten Weihnachtsabend stürzt dann mit einem Mal die Traumbühne, auf der sie ihren erotischen Fantasien freien Lauf lassen konnte, in sich zusammen. Ein Brief Heinkes an die Freundin zwingt sie zur Anerkennung der Wahrheit: Sie ist niemals geliebt worden.

"Es war ein furchtbar großer Lebensmoment […] ich suche kein Erinnern, keine Hoffnung, nichts."

Der Satz steht im Präsens, das Wort "nichts" ist unterstrichen. Adele Schopenhauer hat danach noch zwanzig Jahre Leben vor sich.

Adele, die Tagträumerin, ist zugrunde gegangen, aber sie weiß, dass sie unverloren ist in einer neuen Ordnung der Liebe. Diese steht, folgt man der Biografie Angela Steideles Geschichte einer Liebe, im Zeichen von Lesbos. Adele hatte das Glück, einer Frau zu begegnen, die umfassend begabt war, mit Geist, Bildung, Herkunft und Vermögen. Sibylle Mertens-Schaaffhausen, Tochter eines Kölner Bankiers, früh verheiratet mit einem erfolgreichen Kaufmann, mit dem sie nichts verband außer den gemeinsamen Kindern. Zu dem Beginn der Freundschaft mit Adele war sie als Sammlerin, aber auch als Forscherin auf dem Gebiet der Altertumskunde keine Unbekannte mehr. Sie ist aber vor allem anderen eine große Liebende. Wie Goethe von Winckelmann hätte man von ihr sagen können: "Sie empfand [ihr] eigenes Selbst nur unter der Form der Freundschaft." Einer Freundschaft, vor der Ottilie von Goethe die Jugendfreundin zu warnen sucht.

"Sie hat die Freundin als Surrogat des Geliebten - deshalb ist sie so anfordernd, so leidenschaftlich."

Rilke sieht das Wesen dieser Liebe wohl schöner, dass es nämlich

"den andern zwingt, etwas zu werden, unendlich viel zu werden, das Äußerste zu werden, wozu seine Kräfte reichen."

Zwei Jahre nach dem Todesurteil über alle ihre Lebenshoffnungen teilt Adele der Freundin in Weimar die Veränderung ihrer Lebenssituation mit. Sie war mit Johanna nach Unkel am Rhein übergesiedelt, wo Sibylle Mertens ihr das Landhaus ihrer Familie als Wohnsitz zur Verfügung gestellt hatte.

"Ich habe wieder eine menschliche weiche Neigung in meinem vom Kummer versteinten Herzen - zu einer Frau, die im Wesen Dir und mir gleicht. Was sie alles getan hat, um mich zu gewinnen, aus welcher reinen Absicht, wie sie mittendrin die Absicht verloren und nur Gefühl geworden ist, das, meine Ottilie, ist zu groß und wunderlich, um es einem Wisch Papier anzuvertrauen."

Ottilie spürt sofort, dass Adele in dieser Freundschaft auf einem guten Grund geht, und ändert ihre Einstellung gegenüber Sibylle. Die Freundschaft mit dieser großen Liebenden überdauert, wenn auch nicht ohne schmerzhafte Phasen der Entfremdung, die leidenschaftlichen Liebesbeziehungen, die Sibylle Mertens mit anderen Frauen unterhält, Künstlerinnen zumeist, die wie Annette von Droste Hülshoff ihre homoerotischen Neigungen wenn nicht offen zur Schau tragen, so doch nicht eigentlich verborgen halten.

Sibylle Mertens ist das großherzige Zentrum einer weiblichen Allianz eines Beziehungsnetzes von Frauen, die einander die mit einer selbstständigen weiblichen Existenz verbundenen Schwierigkeiten anvertrauen und auf einen selbstverständlichen Beistand hoffen können - Affidamento nannten dergleichen die Mailänder feministischen Philosophinnen im letzten Viertel des vergangenen Jahrhunderts. Nach dem Tod Johanna Schopenhauers 1838 leben Adele und Sibylle meistens zusammen, in Bonn oder in Italien. Wo Adele Linderung ihrer durch eine unheilbare Unterleibserkrankung verursachten Schmerzen sucht, bis sie im Spätsommer 1849 im Haus von Sibylle ihren qualvollen Tod stirbt, wenige Tage nach einem letzten Besuch Ottilies.

Der Tod der Mutter hatte Adele von dem drückenden Gefühl befreit, nichts als die Tochter der Autorin von Gabriele zu sein, begabt allenfalls als Rezitatorin oder als Meisterin im Scherenschnitt. Sie beginnt nun, auch selbst zu schreiben, zumal die Freundin von ihrer Begabung überzeugt ist.

"Hilf Sibylle! Jetzt kann etwas sehr Gutes [...] aus mir werden. Hilf!"

bittet sie die Freundin im Sommer 1842. Zwei Jahre später kommt ihr Roman Anna heraus, nichts sehr Gutes, aber wohl das Äußerste, was sie leisten konnte.
Wie sehr sie selbst in der Entsagungsphilosophie der Mutter lebt-schreibt-liebt, weiß Adele wohl nicht. Schon in ihren Tagebüchern aber wiederholt sie die Sehnsuchtsgeste der Gabriele, die Johanna in einem späten Text thesenhaft beschwört.

"Wer einmal die Liebe kannte, er mag sie und den Gegenstand derselben besessen und verloren, oder nur gesucht und vorahnend empfunden haben, der wird von dem Augenblick an sich selbst als das Pfand ihres wirklichen Daseins ehren, als den Schein, der einst das Heiligste in sich bewahrte."

Gabriele ist ein Thesenroman aus dem Geist Weimars. Die Philosophie der Entsagung, nach der die Protagonisten leben, wird aufgefangen von einer Ästhetik der Versöhnung. Nach dem Vorbild von Rousseaus Nouvelle Héloïse lässt Johanna Schopenhauer ihre Heldin sterben, erschöpft von der seelischen Anstrengung jahrelanger Entsagungsübungen, genau in dem Augenblick, als sie durch den Tod ihres despotischen Mannes frei wird und der Geliebte an ihrem Totenbett steht. Aber sie stirbt mit einem hymnischen Bekenntnis, geliebt zu haben, und der seligen Gewissheit, geliebt worden zu sein.

Goethe schreibt in seiner Rezension:

"Der Roman stellt das Unbedingte als das Interessanteste vor unbedingte Leidenschaft, für die dann bei unübersteiglichen Hindernissen nur Befriedigung im Verzweifeln bleibt, Ruhe nur im Tod."

Auch Anna hätte er vielleicht gelobt, weil darin

"einem anziehenden weiblichen Wesen die schwerste Rolle zugeteilt ist, die sie mit höchster Zartheit und Anmut durch unerträgliche Leiden durchführt."

Aber Adele scheut davor zurück, ihre Figuren in die Verzweiflung hineinzutreiben. Sie lässt ihre Anna nicht mit einem Schwanengesang sterben, sondern vereinigt sie nach langen Jahren der Trennung mit dem Geliebten, derart gleichsam der Entsagung entsagend.

Johanna Schopenhauer stellt die Wirklichkeit als Bild dar, das Sterben als Kunstwerk. Adele erzählt ihre erotischen Fantasien als Roman. So will sich bei der Leserin nicht das "heitere Behagen" einstellen, das sich durch die Lektüre von Gabriele dem Leser Goethe mitgeteilt hatte, sondern das unbehagliche Gefühl, einer Niederlage beizuwohnen. Es eignet dem Schreiben Adeles etwas eigentümlich Künstliches; es zeigt sich darin mehr ein Wille zum Werk als die Notwendigkeit zum Ausdruck. Es fehlt ihr die innere Freiheit, eine andere Ordnung der Liebe zu denken als die romantische. Sie weiß nicht, dass diese in der Asymmetrie der Geschlechter gründet. Das "Ich" ihrer Tagebücher meint zu lieben, Heinke, Osann, Stromeyer, andere, Namenlose, aber was sie in der Liebe sucht, ist das Begehrtwerden - gegen ihr großes Defizit.

Sie ist, wie es Arthur Schopenhauer ausdrückt, ein "Subjekt des Wollens". Sie kennt nicht den schmerzlosen Zustand, das Sich-Verlieren-im-Objekt - eine Liebe ohne Begehren. Bettina von Arnim hat eine solche Liebe in der Erinnerung an die Günderrode beschworen, eine mystische Bootsfahrt auf dem Rhein in einer Mondnacht, zu Füßen der Freundin:

"Unter der blähenden Orangerie auf dem Verdeck [...] Da warst Du auch so still, und wenn ich ein Wort sagte, so verlor sich's gleich im tiefen Schweigen - dass ich auch nicht mehr reden mochte aus Ehrfurcht vor der stillen Versunkenheit der ganzen Natur! [...] Da sah ich mich um nach Dir, hinauf zu Dir, da lächeltest Du, weil es zu schön war, was uns da widerfuhr."

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