Samstag, 16.01.2021
 
StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturDie Erziehung des "neuen Menschen"18.02.2013

Die Erziehung des "neuen Menschen"

Anne Nagel: "Hitlers Bildungsreformer. Das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung (1933-1945)", Fischer Taschenbuch Verlag

Verblüffend ist, wie bekannt viele Bildungsdiskussionen während der Nazi-Herrschaft erscheinen, wie etwa die Frage nach dem acht- oder neunjährigen Abiturjahrgang. Anne Nagels Buch beschreibt aber auch den systematischen Ausschluss von Menschen nach den erbbiologischen Vorgaben der NSDAP.

Von Henry Bernhard

Adolf Hitler bei einem Truppenaufmarsch: Die Nationalsozialisten versuchten auch, das Bildungssystem zu verändern. (AP)
Adolf Hitler bei einem Truppenaufmarsch: Die Nationalsozialisten versuchten auch, das Bildungssystem zu verändern. (AP)

"Die deutsche Jugend, so, wie sie die Dinge nun erlebt hat, lässt sich nun einmal heute vom fremdrassigen Professor nicht führen."

Der Reichsminister Bernhard Rust im Mai 1933 vor Berliner Studenten.

"Denken sie nicht immer an den Einzelnen, denken sie an die Nation!"

Bernhard Rust war ein Bildungsbürger, ein geselliger Mensch, der Klavier spielte und geschliffene Reden hielt. Ein Lehrer, der 1930 wegen seines Engagements bei den Nazis seinen Dienst quittieren musste und sich als Gauleiter der NSDAP in Hannover verdient machte. Diesen Bernhard Rust machte Hitler zunächst zum Preußischen Kultusminister, später zum Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, der über alle Schulen, Hochschulen und viele Fachschulen im Reich bestimmen sollte, dem 250.000 Beamte unterstanden.

Über die Kompetenzen des Ministeriums gab es bis 1945 immer wieder Streit – mit Himmler, Göring, Goebbels, Rosenberg, dem SD, der Parteikanzlei. Den "neuen Menschen" sollten die Pädagogen schaffen und die Autorin weist darauf hin, dass dies keineswegs nur eine Idee der Nazis war. Auch in Stalins Reich sollte der schablonenhafte "neue Mensch" der Staatsideologie treu ergeben sein.

Schon die Kulturkritik des Fin de Siècle hatte von einer anderen, besseren Gesellschaft samt "neuen Menschen" geschwärmt. Die um 1900 entstandenen Entwürfe wurzelten in unterschiedlichen Kontexten, mal aus der avantgardistischen, mal aus der kulturrevolutionären oder lebensreformerischen Ecke. Die späteren Ideale einer nationalsozialistischen "Lebens- und Schaffensgemeinschaft" speisten sich aus den verschiedenen Ursprüngen der Kulturkritik und des Kulturpessimismus der Jahrhundertwende.

Um den "neuen Menschen" zu schaffen wiederum brauchte es Strukturen, in denen er geformt werden konnte. Die Autorin reiht auch die Ordnungs- und Planungswut der Nationalsozialisten in europäische Tendenzen des frühen 20. Jahrhunderts ein:

Der Geist des 20. Jahrhunderts sollte sich vielerorts im "Plan" manifestieren. Planung verhieß in den Worten ihrer Verfechter Ordnung, Sicherheit und eine goldene Zukunft. Der technische Fortschritt seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert, die Errungenschaften in Naturwissenschaften und Medizin schienen die Planer zu bestätigen und beflügelten Machbarkeitsfantasien vor allem in den Köpfen der Politiker. Alles, nicht zuletzt die Gesellschaft selbst, schien demnach plan- und steuerbar.

1936 legte das Kultusministerium einen ehrgeizigen Entwurf zur Rahmengesetzgebung eines einheitlichen deutschen Schulwesens vor – auch dies keine neue Idee. Die Schulen sollten den jeweiligen Bedürfnissen der verschiedenen Berufsgruppen dienen und – auf allen Ebenen – eine "Führerauslese" leisten. Die Schultypen sollten durchlässig sein und die Begabtenauslese für die höheren Schulen nicht zu früh geschehen. Mädchen würden speziell hausfraulich, Jungen handwerklich gebildet werden. Die achtjährige Schule sollte Pflicht werden, ebenso die folgende Berufsschule für Nichtstudierende. Die Schulpflicht sollte auch für Behinderte gelten. Der Reformplan, der nach Ansicht der Autorin "einen Meilenstein in der deutschen Bildungsgeschichte" markiert hätte, scheiterte an Hitler. Also musste das Ministerium jede Schulform für sich reformieren, dazu die Hochschulen.

Anne Nagel beschreibt diese mehr oder weniger gelungenen Reformversuche sehr detailliert und kenntnisreich. Zwar galten die "Vergemeinschaftungsprinzipien" der SA und der Hitler-Jugend als Vorbild der NS-Erziehung, dennoch orientierte sich das Ministerium an Bildungsprinzipien der 20er-Jahre: Bildung sollte nicht nur einen messbaren Berufsnutzen stiften, sondern auch allgemeinbildend wirken. Dagegen gab es immer wieder heftigen Widerstand aus der Partei, die Bildung billiger, kürzer, entakademisiert und deutlich eingeschränkt vermittelt sehen wollte. Hier argumentiert die Autorin sehr schlüssig, dass Rusts Widerstand dagegen mitnichten ein Akt des "Widerstands" gewesen sei. Vielmehr sei sich Rust mit Hitler einig gewesen,

dass eine stärkere Ideologisierung der Wissenschaftsstrukturen die kooperationsbereiten Eliten in den Forschungseinrichtungen verschreckt und das eigentliche Ziel ihrer Indienstnahme zum Zweck der Kriegsführung gefährdet hätte.

Mit Erlassen regelte das Ministerium weiterhin, wer eine höhere Schule besuchen durfte und wer nicht: Ganz im Sinne der erbbiologischen Vorgaben der Partei waren Kinder mit schweren Herzfehlern, Asthma, Ekzemen oder Psychosen einer höheren Bildung fortan nicht mehr "würdig". All die Diskriminierungen erläutert die Autorin, auch den schrittweisen Ausschluss der jüdischen Professoren, Lehrer, Studenten und Schüler von Lehre beziehungsweise Bildung. Im Kern geht es Anne Nagel um die reformerischen Qualitäten des Ministers und seines Ministeriums. Ihr Resümee ist bemerkenswert dünn: Die Reformbemühungen Rusts seien ambitioniert gewesen und hätten in die Zukunft gewiesen, das Schulwesen sei insgesamt gestrafft und verbessert worden; die Forschung zentralisiert und stärker vernetzt, wovon die Wirkung bis heute ausstrahle.

Zugleich illustriert die Geschichte des Reichskultusministeriums aber auch, wie wenig sich die Realität den nationalsozialistischen Visionen fügte.

Verblüffend ist, wie bekannt uns viele Diskussionen in der Bildungspolitik des Nationalsozialismus' scheinen: Wie soll ein länderdifferenziertes Schulwesen vereinheitlicht, wie einheitliche Standards geschaffen werden? Wie viele Schultypen soll es geben? Wie lange soll die gymnasiale Oberstufe dauern – acht oder neun Jahre? Damals drängten Militär und Partei auf Verkürzung, heute Wirtschaft und Politik.

Sehr deutlich macht das Buch die Parallelität der Staats- und Parteistrukturen im sogenannten "Dritten Reich", die gegenseitige Durchdringung, aber auch die divergierenden Interessen. Fazit: Ein interessantes Buch mit vielen überraschenden Erkenntnissen; doch der Erkenntnisgewinn ist mit einiger Lesemühe verbunden.

Buchinfos:
Anne Nagel: "Hitlers Bildungsreformer. Das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung (1933-1945)", Fischer Taschenbuch Verlag, ISBN: 978-3596194254, 448 Seiten, Preis: 12,99 Euro

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk