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StartseiteSport am WochenendeDie familiären Spiele von 1952 und das erboste IOC21.07.2012

Die familiären Spiele von 1952 und das erboste IOC

Helsinki 1952 - Binnensichten einer politisch brisanten Veranstaltung

Die Spiele in Helsinki, sie jähren sich genau in diesen Tagen. Es waren ganz besondere Spiele damals. Politisch sehr brisant, da es die ersten Spiele nach dem zweiten Weltkrieg waren, an denen deutsche Athleten wieder teilnehmen durften.

Von Gerd Michalek

Ein Denkmal für Finnlands berühmtesten Sportler, Paavo Nurmi (1897-1973) vor dem Olympiastadion in Helsinki.  (picture alliance/ dpa/ Olaf Kraak)
Ein Denkmal für Finnlands berühmtesten Sportler, Paavo Nurmi (1897-1973) vor dem Olympiastadion in Helsinki. (picture alliance/ dpa/ Olaf Kraak)
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Die Spiele von Helsinki begannen mit einem Paukenschlag:

"Jetzt hören Sie mit – Nurmi kommt. Paarwo Nurmi, das Idol von Finnland, der die Fackel des Sports hierher trug."

Selten war der Riss zwischen Publikum und Funktionären größer als 1952 im Olympiastadion. Für das Internationale Olympische Komitee war Paavo Nurmi als Fackelläufer absolut skandalös! Sporthistoriker Karl Lennartz:

"Das IOC machte sehr lange Gesichter, weil Nurmi für das IOC ein Berufssportler war, den man 1932 gesperrt hatte, weil er Geld genommen hatte. Das finnische Publikum feierte ihn enthusia-stisch, er entzündet das olympische Feuer. Und noch Jahre später schrieb der Generalsekretär des IOCs, Meier, dass ein alter kahlköpfiger Profi das Feuer entweiht hätte, als er mit der Fackel ins Stadion lief."

Die Begeisterung der Finnen jedoch erfasste Sportler wie Journalisten. Der Düsseldorfer Reporter Gustav Schwenk, heute 88 Jahre alt, arbeitete damals für den Sportinformationsdienst:

"Es war alles so intim, die Finnen waren große Kenner im Sport, die Leichtathletik stand natürlich im Mittelpunkt. Man konnte wunderbar an die Athleten heran. Ich habe fast eine Stunde alleine gesprochen mit Emil Zatopek auf dem Platz, wo Nurmi einen großen Teil seiner Weltrekorde gelaufen ist. Ich habe auch zu Zatopek gesagt: So wie Sie laufen, so stampfend wie eine Lokomotive, werden sie den Marathonlauf gar nicht schaffen."

Da sollte sich Gustav Schwenk mächtig irren: Emil Zatopek trat in Nurmis Fußstapfen und wurde zum Star der Spiele. Er gewann nicht nur die 5000 Meter und 10.000 Meter, sondern auch den Marathonlauf. Ehefrau Dana schleuderte exzellent den Speer:

"Der Clou war, dass bei den 5000 Metern zu gleicher Zeit das Speerwerfen stattfand und beide gewannen am gleichen Nachmittag eine Goldmedaille. Emil Zatopek hat dann in seiner unnachahmlichen Art, Anekdoten zu erzählen, gesagt, er und seine Frau hätten drei Dinge gemeinsam: Sie seien am gleichen Tag geboren, hätten am gleichen Tag geheiratet und am gleichen Tag eine Goldmedaille gewonnen."

In Helsinki beteiligte sich zum ersten Mal die Sowjetunion an Olympischen Spielen, die sie zuvor als kapitalistisch abgetan hatte. Es galt, sportlich an Prestige zu gewinnen. Der erfolgreichste Sportler der Spiele war der sowjetische Kunstturner Wiktor Tschukarin: mit viermal Gold und zweimal Silber. Und: Deutsche Sportler durften sieben Jahre nach dem zweiten Weltkrieg erstmals wieder an Sommerspielen teilnehmen. Heinz Ulzheimer erinnert sich. Er gewann mit der Bronzemedaille über 800 Meter, die erste Sommerspiele-Medaille für Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg.

"Wir haben uns gefreut, wieder dabei zu sein. Wir waren nicht sonderlich beliebt. Ein Jahr vorher haben sich die Belgier geweigert, mit uns an den Start zu gehen."

Die deutsche Mannschaft stellte einige Medaillenkandidaten, doch Gold holte keiner: Reiter Fritz Thiedemann gewann sowohl Bronze in der Dressur wie im Springen, was einmalig ist. Karl Storch holte Silber im Hammerwerfen. Der 1500-Meter-Weltrekordler, Werner Lueg, musste sich mit Bronze begnügen - ebenso wie 5000-Läufer Herbert Schade. Übrigens: Alle Athleten lebten im Olympischen Dorf am Maschendrahtzaun! Karl Lennartz:

"Es gab wie immer zwei olympische Dörfer, eins für die Männer und eins für die Frauen. Da herrschte strikte Geschlechtertrennung mit einem Maschendrahtzaun. Es gibt ein schönes Foto, auf der einen Seite des Zauns Emil Zatopek und auf der anderen Seite seine Frau, die sich einen Kuss geben. Das sieht aus wie in einem Gefangenenlager."

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