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StartseiteBüchermarktEin unkonventioneller, subversiver Roman 13.11.2014

"Die Fremde im Spiegel"Ein unkonventioneller, subversiver Roman

Samar Yazbek hat sich als Gegnerin des Assad-Regimes einen Namen gemacht. Nun liegt mit "Die Fremde im Spiegel" einer ihrer Romane auf Deutsch vor, der ein Schlaglicht auf die syrische Vorkriegsgesellschaft wirft. Für unsere Rezensentin ist das Buch ein beeindruckendes Zeugnis der modernen arabischen Literatur.

Von Dorothea Dieckmann

Zwei schwere Explosionen erschütterten die syrische Hauptstadt (picture alliance / dpa / Youssef Badawi)
Der Krieg hat Teile von Damaskus zerstört, doch in der syrischen Gesellschaft war aus Sicht von Samar Yazbek schon vorher einiges kaputt. (picture alliance / dpa / Youssef Badawi)
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"Ich will meine Leidenschaft für die Worte, den Rhythmus der Buchstaben wieder gewinnen. Ich will die Wärme meiner Finger wieder spüren, die sich wie Schilf im Wind bewegen, während sie den Worten nachjagen und ein Bild nach dem andern in dieser Welt aus Luft malen. möchte nur eine einzige Nacht tief und fest schlafen, ohne von dieser Feuernadel ins Herz gestochen zu werden, die wie Rost aus meinen Augen wieder herauskommt. Ich möchte den Luxus haben, die Gesichter meiner Geschichten auszuwählen."

Verzweifelte Worte, niedergeschrieben am 20. Juni 2011 in Damaskus: Der syrische Frühling ist in einen blutigen Sommer übergegangen. Unter Lebensgefahr recherchiert und dokumentiert die Schriftstellerin und Journalistin Samar Yazbek die Gewalt des Regimes gegen das aufständische Volk. Wenige Wochen nach diesem Eintrag floh sie ins Ausland. Ein Jahr später erschien ihr Tagebuch unter dem Titel "Schrei nach Freiheit". Ihr eigener Schrei galt der Freiheit, endlich wieder Geschichten erfinden zu können, statt sie vom Krieg diktiert zu bekommen. Zwei Erzählungsbände und drei Romane hatte sie bis dahin veröffentlicht; der jüngste, 2008 erschienen, hieß auf Arabisch "Zimtduft". Unter dem Titel "Die Fremde im Spiegel" liegt das Buch nun auf Deutsch vor. In der Eingangsszene ertappt Hanan al-Hâschimi, eine reiche bürgerliche Ehefrau, die Dienerin Alia im Bett ihres Mannes und jagt sie im Morgengrauen aus dem Haus.

"Sie wird in die Gosse zurückkehren, aus der sie gekommen ist; in die schmutzige Gasse voller Schrotthaufen und plärrender Kinder, die mit verrotzten Nasen auf den Müllcontainern hocken und ihre dunklen nackten Beine hinunterhängen lassen wie Äste eines verbrannten Orangenbaums."

Zwischen Müll und Luxus, Gestank und Wohlgeruch

Obwohl Hanan ihren wesentlich älteren, kranken Mann nicht begehrt, sondern verachtet, will sie, so heißt es, Alia "ausradieren wie ein mit weichem Bleistift niedergeschriebenes Wort." Der eigentliche Grund für diese brutale Reaktion enthüllt sich kurz darauf: Die Dienerin war die Geliebte ihrer Herrin. Und während Alia ihren Koffer in Richtung der Vorstadt schleppt, aus der sie vor Jahren in das noble Villenviertel von Damaskus kam, verwandelt sich Hanans Wut allmählich in Reue. Am Ende wird sie sich überstürzt auf die Suche nach der Vertriebenen machen. In der Zwischenzeit eröffnen sich den Lesern die Erinnerungen und Gedanken der beiden Frauen im Wechsel und enthüllen ein eindringliches Panorama der sozialen Gegensätze. Hart prallen die Kontraste zwischen Müll und Luxusmöbeln, Gestank und Wohlgerüchen, Krankheit und raffiniertem Körperluxus aufeinander.

"Alia schließt die Augen und denkt an den farbenprächtigen, sauberen Ort zurück, an dem sie gelebt hat. Wo keine Blechwände den Blick begrenzten, nur dünne Gardinen vor dem Fenster flatterten und Bäume Schatten warfen. Wo die Fußtritte ihres Vaters sie nicht mehr trafen. Wo sie den Gestank der Abfallcontainer nicht mehr ertragen musste. Als Hanan al-Hâschimi sich die erst elfjährige Alia auf den Schoß setzte und sie aufforderte, ihren Körper mit fremdartigen Ölen einzureiben und zu massieren, gruselte sich das Mädchen. Doch Alia war ein Stück Teig und ließ die Herrin tun, was immer ihr beliebte. Die weichen Berührungen, die ihr anfangs unangenehm waren verwandelten sich, während sie allmählich in der Villa zu einer Frau heranwuchs, in Wachträume. Manchmal stellte sie sich sogar vor, sie sei nicht in dem ärmlichen Viertel geboren, sondern direkt einem sinnlichen Traum ihrer Herrin entsprungen.

Körperliche Beziehung als Element der Herrschaft

Auch die körperliche Beziehung zwischen den beiden Frauen ist also zunächst ein Element der Herrschaft der einen über die andere. Als sich jedoch Alia ihrer erotischen Macht bewusst wird, entwickelt sich ein Rollentausch: Wird sie am Tag "wie eine Unreine" behandelt, ist sie nachts die Herrin der Herrin. Vollends zur Königin der Nacht wird sie, als sie sich aus Rache für eine Demütigung heimlich Hanans Mann zuwendet. Nicht zufällig webt Samar Yazbek das Motiv von 1001 Nacht in das Geschehen: Alia ist zwar nicht mit dem Tod bedroht, doch wie Scheherezade wird ihre nächtliche Anwesenheit für die Herrschaft unverzichtbar. Zugleich verweist die lesbische Liebe auf den Druck des patriarchalischen Systems, das die beiden Frauen diesseits der sozialen Kluft miteinander verbindet. Beide sind zum Gehorsam erzogen, die eine durch Schläge, die andere durch Schweigen und Kälte; beide sind sexueller Gewalt unterworfen, Hanan durch die ungewollte Verheiratung, Alia durch die grausame Willkür in der Umgebung des Armenviertels, wo Vergewaltigungen an der Tagesordnung sind. Draußen wehrt sie sich wie ein kleines wildes Tier, doch in der Familie kann sie der nackten Rohheit des Vaters nichts entgegensetzen – des Mannes, der Frau und Kinder für sich arbeiten lässt und der Alia als Zehnjährige an die reiche Damaszener Familie verkauft.

"Warum verwandeln sich die Augen der Frauen unter den Körpern der Männer in eine offene Leere? Selbst im Dunkel der Nächte konnte sie erkennen, wie ihre Mutter den Blick vom Gesicht ihres Mannes abwandte, als rufe sie um Hilfe. ‚So kommen die Kinder', sagte Alias kleiner Bruder.  Alia schlug ihn auf den Mund, damit er still war und sie nicht entdeckt wurden. Ihr Vater würde sie sonst mit dem Ledergürtel verprügeln und dann ins Bad werfen, wo sie neben dem schwarzen Loch stehen mussten."

Frauen unter dem Joch der Anpassung

Weniger brutal, aber ebenso nachdrücklich fordert auch die Oberschicht sexuelle Unterwürfigkeit. Die Frauen selbst zwingen ihre Töchter mit ebenso archaischen wie dekadenten Riten in das Joch der Anpassung. Doch die weiblichen Kreise bieten zugleich Auswege: In den reichen Salons und Hamams werden Formen weiblicher Liebe praktiziert, die den Druck der Unterwerfung kompensieren und mildern. Samar Yazbek führt uns also nicht nur in das Elend der unteren Schichten, sondern auch in die Enklaven freier Liebe, in denen reiche Gattinnen einander den physischen Genuss schenken, der ihnen im System der arrangierten Ehen vorenthalten bleibt. Im luxuriösen Dampfbad lernt Hanan schon als Kind den Zimtduft kennen, der Frauen sexuell empfänglich machen soll; in den Kreisen der Damen wird sie in das lesbische Milieu eingeführt, das Samar Yazbek opulent schildert.

Was Hanan hier erfahren hat, blüht in der homosexuellen Liebe zu ihrer Dienerin auf. Diese Beziehung aber ist nicht imstande, die Klassengrenzen zu überschreiten. Deutlich zeigt sich das im paradoxen Motiv der Schuhe. Die vertriebene Alia läuft in den hochhackigen Schuhen ihrer Herrin davon, weil sie selbst keine hat, denn sie durfte das Haus nie verlassen; Hanan dagegen rennt am Ende in ihrer Bedürftigkeit barfuß aus dem Haus, um sie zu suchen. Schlimmer noch ist Hanans Erkenntnis, dass es keine Sprache zwischen ihr und der Geliebten gegeben hat.

"Und während sie so in den Spiegel starrt, wird ihr auf einmal bewusst, dass sie in all den langen Jahren nie miteinander gesprochen haben. Den Tag über schwieg Alia, empfing ihre Anweisungen nur mit einem leichten Kopfnicken. Die einzigen Worte, durch die Hanan sich ihre Stimme in Erinnerung rufen kann, sind: Jawohl, Madame."

Himmelschreiende Verhältnisse vor der Revolution

"Die Fremde im Spiegel", geschrieben vor dem Beginn des Terrors in Syrien, führt uns als kleiner unkonventioneller, ja subversiver Roman die himmelschreienden Verhältnisse vor Augen, die in der Revolution aufbrachen. Seine klare Komposition, die starken Bilder und eine von Larissa Bender in ein kraftvoll fließendes Deutsch übersetzte Sprache machen ihn zudem zu einem kleinen Kunstwerk und damit zu einem beeindruckenden Zeugnis der modernen arabischen Literatur.

Samar Yazbek, Die Fremde im Spiegel. Mit einem Nachwort der Übersetzerin Larissa Bender. Verlag Nagel & Kimche, 156 S.

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