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StartseiteKultur heuteDie fremde Vergangenheit08.05.2010

Die fremde Vergangenheit

Dusan David Parizek inszeniert "Gestern" nach dem Roman von Agota Kristof

Die in Ungarn geborene Autorin Agota Kristof kam als Flüchtling 1956 in die Schweiz nach Neuenburg, Neuchatel. In ihrem vierten Roman "Gestern"geht es um Abwesenheit, Einsamkeit und in der Heimat Zurückgebliebene. Die Bühnenfassung hatte Schauspielhaus Zürich Premiere.

Von Cornelie Ueding

Koffer (Stock.XCHNG / Rodolfo Clix)
Koffer (Stock.XCHNG / Rodolfo Clix)

Line war gestern. In einem anderen Leben. In einem anderen Land. Gestern war alles schön. Jetzt ist Line nur noch ein Traum. Und das Leben des Fabrikarbeiters Sándor ohne Hoffnung. Daran ändert auch Yolande nichts,die Übergangsfrau, die er nicht liebt. Aber heiraten wird. Doch erst einmal geschieht das Unglaubliche: Er sieht Line wieder, die plötzlich auch in der fremden Stadt ist, verheiratet, mit Kind. Das kann natürlich nicht gut gehen. Die reale Line hat mit der Traumfrau von vor 15 Jahren nur die Erinnerung an die Dorfschule gemeinsam. Aber Sándor lügt sich eine Weile eine Idylle zusammen.

Agota Kristofs im weitesten Sinne zur Migrationsliteratur zählender Roman "Gestern" ist auf den ersten Blick für eine szenische Adaption nicht gerade ideal: Dialogsplitter, durchsetzt von Träumen, Selbstbeobachtungen Sándors und getränkt mit seiner literarisch überformten, alle Vorkommnisse verzerrenden Sicht auf die Welt. Und Kristofs meist als lakonisch und kühl beschriebene Sprache ist bei genauerem Hinsehen so kühl nicht, sondern schwerblütig, gelegentlich bleischwer, schicksalsträchtig und, ja: pathetisch. Eigene Erfahrungen mit dem Fremdsein mögen den tschechischen Regisseur Dusan David Parízek bewogen haben, sich mit dieser Geschichte einer Lebenslüge, eines in die Vergangenheit projizierten Glücks auseinanderzusetzen. Mit Gewinn: zusammen mit fünf fantastischen jungen Menschendarstellern ist ihm der Balanceakt gelungen, das Pathetische der unfrohen Vorlage virtuos-banal zu umspielen und Agota Kristofs ohnehin doppelbödigem Text einen zusätzlichen doppelten Boden zu verleihen: In einer Mischung aus Erstarrung und künstlicher Lebendigkeit ist ein Kammerspiel zwischen verdämmernder Avantgarde und entgrätetem Schicksalsdrama entstanden. Die Figuren stehen alle irgendwie isoliert, mit hängenden oder angelegten Armen herum, geraten für kurze Sequenzen in einen fast mechanischen Bewegungsrausch, trinken, tanzen oder kämpfen miteinander, lassen wieder voneinander ab und verfallen in Lethargie. Sándor ist das Lähmungszentrum. Oft steht er wie festgeschraubt auf der Stelle, während die Arme in hilfloser Gestik herumrudern, der Oberkörper sich windet, die Knie einknicken - und, Frank Seppeler bringt das Kunststück fertig, sein Gesicht,während er spricht, die Suche nach einer Empfindung spiegelt. Der Roman ist aus Sándors Perspektive geschrieben. Seine Sehweise lenkt damit auch die Wahrnehmung des Lesers. Auf der Bühne lässt sich zeigen, wie eine Situation, ein Gespräch entsteht, verläuft, endet - und wie Sándor sie dann nacherzählend umformt. Und man sieht, dass er selbst erschafft, was ihn unglücklich macht: durch seine entwertende Sicht auf die Menschen und sein Verhalten. Immer wieder bremst er etwa Yolandes Spontaneität. Die ist dumm genug, sich seinem Diktat zu beugen - und dafür verachtet er sie. Line dagegen wirkt bodenständig und robust, ist es aber nicht. Lässt sich von ihrem ungeliebten Mann aufs Übelste erpressen. Immerhin schafft sie es, sich Sándors tyrannischer Liebesobsession zu entziehen, wenn auch ausgerechnet mit dem Vorwurf seiner Herkunft, denn seine Mutter war die Dorfhure - und ihr Vater auch seiner. Zug um Zug entlarvt Parízek Sándors rücksichtsloses Verhalten als Tyrannei der Schwäche. Er ist feige, selbstmitleidig und schnell mit den Worten wie mit dem Messer: von hinten. Und fühlt sich zu Höherem berufen: zum Schriftsteller. Am Ende, die Rückwand der kleinen Spielfläche im weiten, leeren Raum klappt nach vorn, sieht man ihn auf einem Hochsitz weit hinten an der Brandmauer, mitten zwischen ein paar erstarrten Bildern der jüngsten Vergangenheit und vielen leeren, beleuchteten Diafenstern, die alle nacheinander verlöschen. Verheiratet, sagt er. Vereinsamt, sieht man. Was zunächst als melodramatisches Gastarbeiterstück mit allen Ingredienzien des selbstmitleidigen Underdog-Klischees beginnt, wandelt sich im Verlauf der nuancenreichen Aufführung zu einer Analyse - oder soll man sagen Autopsie - der eigenen Herkunft. Nicht die Fremde, sondern die im Gedächtnis wie Pech an den Schuhsohlen klebende Vergangenheit ist das Problem.

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