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StartseiteKultur heuteDie friedliche Revolution im Theater08.11.2009

Die friedliche Revolution im Theater

Ein Überblick über die Stücke zu 20 Jahren Mauerfall

20 Jahre Mauerfall – dieses Jubiläum bestimmt schon seit einigen Wochen auch das kulturelle Leben in Deutschland. Die Wendezeit selbst ist zurzeit Thema bei vielen Theatern in Ostdeutschland.

Von Hartmut Krug

Reste der Berliner Mauer liegen 1996 in der Nähe des Checkpoint Charlie in Berlin. (AP)
Reste der Berliner Mauer liegen 1996 in der Nähe des Checkpoint Charlie in Berlin. (AP)

Wenn Theater zurück auf die DDR schauen, erklingt fast immer dieses DDR-Lied. Mal so plärrend ironisch, wie in Thomas Thiemes Leipziger Theaterabend, mal nur als bombastisches Zitat wie zu Beginn des Rostocker Theaterprojekts"Geschichten aus der Zeitenwende".

"Alles offen" behauptet der Obertitel des Rostocker Projektes, für das die Theatergruppe "lunatiks produktion" die Interviews von rund 70 Zeitzeugen der Wende zu einem lebendigen Geschichtspanorama collagiert hat.

Die Darsteller versuchen die authentischen Zeitzeugen-Erinnerungen nicht realistisch nachzuahmen, sondern befragen die Texte spielerisch in einem Bühnenbild aus Pappkartons danach, was die Menschen damals bewegt hat und heute bestimmt. Nicht Helden-, sondern scheinbar banale Alltagsgeschichten werden erzählt.

Es geht um Westbrötchen und Ostschrippen, um Begrüßungsgeld und Arbeit auf der Warnowwerft, eine Funktionärin wird in eine Leitungsfunktion gespült und ein engagierter Bürger findet sich am runden Tisch als Bürgermeister wieder. Erinnerungssplitter, in Parallelmontagen gegeneinander und zusammengesetzt zu einem fragenden Theater, so lebendig wie wahrhaftig.
Auch das Theaterhaus Jena arbeitet in seinem Projekt "Der dritte Weg" mit dokumentarischem Befragungsmaterial. Theaterleiter Markus Heinzelmann:

"Es ist quasi eine theatrale Demonstration durch die Stadt. Sie beginnt in der Stadtkirche in Jena, so wie damals auch die Protestbewegung begonnen hat und geht verschiedene Stationen ab, die vor 20 Jahren in der Stadt wichtig waren. Wir sind in Privatwohnungen, in einem Lokal, wir sind in der Aula der Uni, zum Schluss gibt es einen Protestzug auf der gleichen Strecke wie vor zwanzig Jahren, und zum Schluss landen wir im Jetzt, auf der Theaterbühne."

Der sinnliche Erfahrungswert des Abends ist groß. Dabei kommt er, wie alle Theaterprojekte zu Widerstand und Wende, völlig ohne Geschichten von Helden oder von schlimmer Gewalt aus. Auch dieser Abend überzeugt immer dann, wenn Schauspieler die Zeitzeugen-Erinnerungen nachspielen. Während dagegen die Gespräche mit realen Zeitzeugen merkwürdig uneigentlich wirken, und die Mitspielangebote, wie eine Demonstration hinter Polizei und Fahnen und Workshops zu Formen zivilen Ungehorsam im Theater, neben dem Schauspieler-Spiel nur wie Kaspereien erscheinen.

Thomas Thieme lässt im Mittelteil seines dreiteiligen Abends im Centraltheater Leipzig unter dem Titel "Büchner/Leipzig/Revolte" einen Chor alter Männer zwischen goldenen Lamettastreifen die kämpferisch hoffnungsvollen Lieder der Arbeiterbewegung singen und damit auch vom Tod einer tief gefühlten Utopie erzählen. Umrahmt wird das Chorkonzert von einem Film, in dem ein junges Paar von heute in Leipzig über bewaffneten Widerstand streitet, und einer Bearbeitung des "Woyzeck" zu abstraktem Denk- und Stehtheater. Thiemes Büchner-Version, bei der der Hauptmann und der Doktor Parteigenossen sind und der hilflose Woyzeck zum IM gemacht wird, wirkt konzeptionell unausgegoren wie der gesamte Abend.

Konsequent kabarettistisch gehen Peter Dehler und Markus Wünsch in Schwerin den historischen Termin unter dem ironischen Titel "Lob des Kapitalismus" in der ehemaligen Staatsbank der DDR an. Politiker, Philosophen, Arme und Reiche stehen auf Podesten. Ihr vielstimmige Chor über Geld und Armut, über Egoismus und Gemeinsinn, über staatliche Lenkung und freien Markt vermittelt ein realistisches und sinnliches Bild herrschender gesellschaftlicher Verwirrung. Die auf den vielen Stationen der anschließenden Mitspieltour durch das Haus verstärkt wurde. Man wurde Schüler sozialistischen Staatsbürgerkunde-Unterrichts, bekam Soljanka und Handreichungen serviert, um als Hartz-IV-Empfänger "gut" kochen zu können, und durfte seine Wut an Bankmanagern in einem Käfig ausagieren.
Das einzige "echte" literarische Theaterstück war in Stralsund zu erleben:
Birgit W. Durand erzählt in ihrem teils autobiografischen Stück "Fanny B. Fragmentarischer Blues in Zeitsprüngen" von einer Frau auf der Suche nach ihrer Identität.

Geboren in Ost-Berlin als Tochter einer ihrem Mann in den Osten gefolgten Rheinländerin leidet sie unter Gängelung und Einengung und geht vor 1989 in den Westen. In Tobias Sosinkas Inszenierung tanzt sie zu den Rolling Stones, während die Autorin mit literarischen Verweisen eine zweite Bedeutungsebene in ihr Stück zieht. Am Theater Vorpommern in Stralsund wird der Monolog Fannys von drei Schauspielerinnen dreier Generationen gespielt, wodurch der Text eine noch stärkere Sinnlichkeit erhält. Dokumentarisches Bildmaterial verwendet Regisseur Tobias Sosinka kaum.

Insgesamt aber dominieren bei der Beschäftigung ostdeutscher Theater mit der Wende die nachgespielten oder vorgetragenen Zeitzeugenberichte. Auch Birgit W. Durand ist Zeitzeugin, doch sie stellt die Fragen ihres Lebens und der Gesellschaft in einem literarisch wie sprachlich überzeugend gestalteten Stück.


Alles offen. Rostocker Geschichten aus der Zeitenwende
von Tobias Rausch
lunatiks produktion am Volkstheater Rostock

Lob des Kapitalismus. Vom Mauerfall an der Wallstreet
von Peter Dehler/Markus Wünsch
Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin

Fanny B.Fragmentarischer Blues in Zeitsprüngen
von Birgit W. Durand
Theater Vorpommern

Büchner/Leipzig/Revolte
von Thomas Thieme
Centraltheater Leipzig

Der Dritte Weg
Eine theatrale Demonstration von Nina Gühlstorff und Dorothea Schroeder
Theaterhaus Jena

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