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StartseiteHintergrundDie Furcht der USA vor Terrorgruppen im Sahel20.07.2006

Die Furcht der USA vor Terrorgruppen im Sahel

Washingtons militärisches Engagement in Westafrika

Seit 2002 warnen US-Militär und Regierung vor einer terroristischen Bedrohung aus dem Sahel und der Sahara. In einer Reihe von militärischen Programmen haben die USA ihre Präsenz in Nord- und Westafrika seit den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001 massiv erhöh. Das offizielle Ziel: bessere Grenzkontrollen, mehr militärische Sicherheit, die Stärkung afrikanischer Staaten und Armee

Von Bettina Rühl

In Mali und weiteren Staaten am Rande der Sahara verstärken die USA ihre Militärpräsenz. (AP)
In Mali und weiteren Staaten am Rande der Sahara verstärken die USA ihre Militärpräsenz. (AP)
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Seit Tagen weht heftiger Wind; die Luft ist voller Sand und der Himmel bräunlich verhangen. In dem Dunst sind die Pappkameraden kaum auszumachen, die in einiger Entfernung auf den Dünen stehen. 80 malische Soldaten sollen gleich mit einem Granatwerfer und Maschinengewehren auf diese Ziele schießen. Noch stehen die Männer in einem Halbkreis um ihren Ausbilder, der ihnen vor der Übung einige Sicherheitsregeln erklärt. Jeder englische Satz wird von einem Dolmetscher in die malische Amtssprache Französisch übersetzt.

Der Ausbilder ist US-Soldat und gehört zu den amerikanischen "Special Forces". Ein zwölfköpfiges Team dieser Spezialtruppe ist für sechs Wochen in Timbuktu, um hier eine Infanterie-Division der malischen Armee zu trainieren. Timbuktu liegt im Norden des westafrikanischen Staates Mali, am Rande der Wüste Sahara. Captain Bill Torrey ist Kommandeur des "Special Forces"-Teams in Timbuktu.

" Alle Elemente des Trainings, das wir hier durchführen, haben auf die eine oder andere Weise mit dem Anti-Terror-Kampf zu tun. Wir sprechen nicht explizit darüber, wie man Terroristen ins Visier nimmt, aber unser Training ist eine Grundlage, auf der wir aufbauen werden."

Der Einsatz der US-Soldaten ist Teil der so genannten "Trans-Sahara-Anti-Terror-Initiative" der USA. Sie umfasst zehn nord- und westafrikanische Staaten. Neben Mali gehören dazu Mauretanien, Tschad und Niger, Ghana, Nigeria und Senegal. Hinzu kommen die drei nordafrikanischen Länder Algerien, Marokko und Tunesien. Das militärische Ausbildungs- und Kooperationsprogramm ist auf fünf Jahre angelegt und hat ein Budget von 500 Millionen Dollar. Es gehört in eine Reihe von militärischen Programmen, mit denen die USA ihre Präsenz in Nord- und Westafrika seit den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001 massiv erhöhen. Das offizielle Ziel: bessere Grenzkontrollen, mehr militärische Sicherheit, die Stärkung afrikanischer Staaten und Armeen.

" Wir haben mit den Maliern zum Beispiel zwei Wochen lang Schießübungen gemacht. Das hat zwar nicht unmittelbar mit der Terrorabwehr zu tun, verbessert aber ihre Fähigkeit, Antiterroroperationen zu leiten."

Seit 2002 warnen US-Militär und Regierung vor einer terroristischen Bedrohung aus dem Sahel und der Sahara. Mit dieser Terrorgefahr begründen sie ihr wachsendes militärisches Engagement in der Region. Allerdings will Bill Torrey über diese terroristische Bedrohung nicht sprechen. Er verweist auf seine Vorgesetzten in Stuttgart. Dort befindet sich das Hauptquartier des so genannten "European Command", kurz EUCOM, der US-Armee, das für Westafrika zuständig ist. Doch auch die Kommandeure des EUCOM lehnen ein Interview ab. In der Vergangenheit ließen sie sich allerdings wiederholt in der Internationalen Presse zitieren. Westafrika sei ein "Sumpf des Terrors", und der müsse "ausgetrocknet" werden, sagte beispielsweise der stellvertretende Oberkommandierende der EUCOM, General Charles F. Wald. Zitiert wurde er so in dem Magazin der US-Luftwaffe. Sein Vorgesetzter, General James Jones, wurde in einer Presseerklärung der EUCOM mit folgender Einschätzung wiedergegeben:

"Große Gebiete des Kontinents werden von keiner Regierung kontrolliert. Diese Gegenden können von Terrorgruppen und Kriminellen als Rückzugsräume genutzt werden. Sie sind bereits jetzt für Terrorzellen attraktiv, die in Afghanistan und dem Nahen Osten immer stärker unter Druck geraten."

Im Magazin der US-Luftwaffe heißt es außerdem:

"Wir gehen heute davon aus, dass in der Sahara einige Tausend der insgesamt wohl 30.000 Gotteskrieger leben, die während der 90er Jahre in Osama bin Ladens Trainingslagern in Afghanistan ausgebildet wurden."

Malische und amerikanische Soldaten liegen in ihren Tarnuniformen im Sand, vor sich Maschinengewehre russischer und amerikanischer Bauart. Die schweren Geschütze stehen auf Pick-ups: Auf diese Weise umgebaut und bewaffnet, werden die leichten und geländetauglichen Zivilfahrzeuge von der Infanterie-Division in Timbuktu als Kampfwagen eingesetzt.

" Unser Trainingsprogramm hat wie gesagt mit den Schießübungen angefangen. Der nächste Punkt waren Fahrzeugpatrouillen. Die malische Einheit in Timbuktu ist für ein so großes Gebiet der Sahara zuständig, dass sie die Patrouillen nur mit Fahrzeugen bewältigen kann. Diesen Ausbildungsabschnitt haben wir gestern abgeschlossen. Heute haben wir während der Schießübungen die Waffen getauscht, was sehr erfolgreich war. Morgen werden die Malier mit uns etwas Überlebenstraining in der Wüste machen und uns beibringen, wie man Kamele reitet. So etwas ist ein wichtiger Teil des Programms: Sie zeigen uns Sachen, die wir nirgendwo anders lernen könnten. "

Am nächsten Morgen treffen sich die Soldaten auf einem freien Gelände hinter der Kaserne. Noch immer ist die Luft Staub geschwängert, das Licht fahl. Die amerikanischen Soldaten stehen mit ihren hell gefleckten Wüstenuniformen und Sonnenbrillen im Halbkreis um ihre malischen Kollegen. In der Mitte liegen zwölf Kamele mit bunt verzierten Geschirren und Sätteln im Sand - ein Reittier für jeden Amerikaner. Die US-Soldaten hören den Ausführungen der malischen Spezialisten mit ernsten Minen zu. Die malischen Soldaten freuen sich über das Interesse der Amerikaner - und deren Versuche, das Gelernte umzusetzen.

Nur die Kamele beschweren sich lautstark über ihre Rolle in dem Trainingsprogramm und die unsachgemäße Behandlung durch die Amerikaner. Colonel Maiga ist der Kommandeur der malischen Infanterie-Division in Timbuktu.

" Aus meiner Sicht hat diese Ausbildung einen doppelten Sinn. Wir profitieren militärisch davon, und gleichzeitig hat unsere Bevölkerung die Möglichkeit, mehr über die Amerikaner zu erfahren. Viele Malier haben schon von den Vereinigten Staaten gehört - zum Beispiel, dass die USA hier in der Region einige humanitäre Projekte planen. Sie haben verstanden, dass die Präsenz der Amerikaner einen doppelten Sinn hat: Sie wollen die wirtschaftliche Entwicklung in der Region fördern und unsere militärischen Kenntnisse verbessern."

Im Rahmen eines früheren Militärprogramms war ein Team der US-Armee bereits 2003 in Timbuktu. Damals übergaben sie Colonel Maigas Division dreizehn Geländewagen, damit die malische Armee ihre Patrouillen in dem unwirtlichen Gebiet ausdehnen kann. Dennoch bleibt die Kontrolle des riesigen Terrains eine Herausforderung: Zwischen Timbuktu und der algerischen Grenze liegen 1700 Kilometer Wüste. Captain Bill Torrey:

" Das Gebiet rund um Timbuktu gehört noch zum Sahel, es ist also nicht ganz so karg wie die Sahara selbst. Hier gibt es noch etwas Vegetation: Alle zwanzig oder dreißig Meter sieht man einen trockenen Busch oder eine andere Pflanze, die in dieser extrem feindlichen Umgebung überleben kann. Hin und wieder stößt man auf eine menschliche Siedlung. Wenn man weiter Richtung Norden fährt kommt man in eine Gegend, die den üblichen Vorstellungen von der Wüste entspricht: Sanddünen, so weit das Auge reicht. Jemand sagte mal ganz passend, das sei eine "mathematische Landschaft". Was er meinte, ist: Man sieht keine Spuren menschlichen Lebens. Nur eine schier endlose Fläche, deren Ausdehnung man mit dem Bewusstsein nicht erfassen - und in der man kaum überleben kann."

An den Staatsgrenzen, die innerhalb der Sahara verlaufen, gibt es keine Kontrollen - wer wollte schon bei Tagestemperaturen bis sechzig Grad Celsius dauerhaft Grenzposten unterhalten? Die wenigen Militärstützpunkte sind weit gestreut und leicht zu umgehen. Wegen dieser Tatsache warnt Washington. Denn auch Mitglieder von Terrorzellen könnten die Grenzen unbemerkt überqueren. Ein solcher Fall machte in der Vergangenheit international Schlagzeilen: Im Frühjahr 2003 wurden in der algerischen Sahara insgesamt 32 überwiegend deutsche Touristen entführt. Als Täter galten Mitglieder der algerischen GSPC, der "Salafistischen Gruppe für Predigt und Kampf". Die GSPC äußerte in einer Erklärung Sympathien mit Al Qaida. Die Entführung der Sahara-Touristen dient den USA seither als der wichtigste Beleg dafür, dass ihre Warnungen vor der Bedrohung aus der Sahara gerechtfertigt sind: Der Fall belegt aus ihrer Sicht erstens, dass algerische Terrorgruppen noch immer aktiv sind. Zweitens, dass sie die Landesgrenzen ungestört überqueren können. Drittens gilt die GSPC als Franchise-Unternehmen von Osama Bin Ladens Truppen, weil sie Sympathien mit Al Qaida geäußert hat - wenn auch nur in einer einzigen Erklärung. Der Politologe Werner Ruf hat sich mit dem Terror in Algerien ausführlich beschäftigt.

" Es ist schon eine sehr, sehr seltsame Geschichte wenn man sich das anschaut, was in Algerien in den letzten 15 Jahren passiert ist. Einschließlich des Ermordens von über 200.000 Menschen, von etwa 20.000 Verschwundenen usw. usw. 1993 tauchten plötzlich überall die so genannten "Bewaffneten Islamischen Gruppen" auf. Von denen inzwischen - es gibt inzwischen eine Menge solidester Literatur dazu - feststeht, dass sie vom algerischen militärischen Sicherheitsdienst unterwandert, teilweise gelenkt worden sind, und dass die schlimmsten Sachen, die da passiert sind, offenbar aus der Geheimdienstküche heraus organisiert worden sind. "

In den 90er Jahren war selbst die algerische Hauptstadt Algier vor den Terrorgruppen der GIA, der "Bewaffneten Islamischen Gruppen", nicht mehr sicher. Bei nächtlichen Überfällen ermordeten sie die Bevölkerung ganzer Dörfer, und wegen der zahlreichen Hinterhalte war jede Fahrt durch das Land ein tödliches Risiko. Die algerische Armee unterwanderte die GIA und schürte den Terror, um den Islam bei der Bevölkerung zu diskreditieren und so die eigene Macht zu erhalten. Der Grund: Bei den ersten demokratischen Wahlen in Algerien hatte eine islamische Partei wegen der großen sozialen Not Anfang der 90er Jahre einen deutlichen Sieg vor den Generälen errungen. Das Militär brach die freien Wahlen ab, der Terror begann. Die GSPC, die durch die Entführung der Sahara-Touristen international von sich reden machte, gilt als Abspaltung der "Bewaffneten Islamischen Gruppe", kurz GIA. Werner Ruf:

" Ich bin mir nicht sicher ob nicht dieses berühmte omnipräsente Gespenst der Salafistischen Gruppen, wie es jetzt gehandelt wird, nicht ein Stück weit auch an der Leine des Algerischen Sicherheitsdienstes läuft, und wenn man weiß, dass die Kooperation zwischen den algerischen Sicherheitsdiensten und den USA enorm dicht ist, und Algerien der Hauptlieferant für Meldungen und Erkenntnisse über Terrorismus ist, dann wundert einen das nicht mehr, dass dieses Gespenst jetzt am Horizont auftaucht, von dem man nicht weiß, was es ist."

Das Geiseldrama zog sich über Monate hin. Im Mai 2003 befreite das algerische Militär die erste Gruppe von Geiseln, mit der zweiten Gruppe flohen die Entführer über die Grenze nach Mali.

" Sie haben mich gefragt, ob ich mit den Geiselnehmern sprechen könne. Ich sollte mit ihnen Kontakt aufnehmen um herauszukriegen wer sie sind, ob die Geiseln noch leben, und ob sie unversehrt sind. Außerdem sollte ich sie davon überzeugen, dass sie sich auf Verhandlungen einlassen. Die Bitte kam von Deutschland, die malische Regierung autorisierte mich."

Der ehemalige malische Botschafter Mohamed Mahmoud El Oumrany gehört zum Volk der Tuareg und kennt deshalb die Menschen im Norden des Landes. Er zögerte nicht einen Augenblick, sich in den Entführungsfall einzuschalten: Nach einer Rebellion der Tuareg und einem Bürgerkrieg in den 90er Jahren vermittelte die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit 1995 einen tragfähigen Frieden. Seitdem hilft die GTZ, den Norden wieder aufzubauen. Deutschland hat deshalb in Mali einen guten Ruf.

" Es war einfach herauszukriegen, wo sich die Geiselnehmer aufhalten. Die Wüste wirkt leer, aber in Wirklichkeit sind die Menschen dort viel in Bewegung. Wenn sie von einer Reise zurückkommen erzählen sie, was es Neues gibt. Die Geiselnehmer waren in der Region bekannt, denn sie waren auch Händler und mussten also mit den Leuten in Kontakt treten, um ihre Waren verkaufen zu können - in der Isolation können sie nicht überleben. Ich habe sie von Timbuktu aus angerufen."

Die algerischen Kidnapper willigten nach drei Tagen ein, über die Freilassung der Geiseln zu verhandeln. El Oumrany hatte seinen Auftrag erfüllt und gab die Sache aus der Hand - die Verhandlungen selbst führten andere. Am 18. August wurden die restlichen Touristen freigelassen. Angeblich haben Deutschland, Österreich und die Schweiz fünf Millionen Dollar Lösegeld bezahlt.

Die Terrortruppen im Sahel seien ein Schreckgespenst der USA, meint auch der britische Politologe Jeremy Keenan. Warum Washington vor einem "zweiten Afghanistan" in Afrika warnt, erklärt er durch die "Bananen-Theorie":

" Um das Jahr 2002 herum versuchten die USA, ihren globalen Anti-Terror-Krieg zu legitimieren - vor allem vor ihren europäischen Verbündeten, denn Europa war ziemlich skeptisch, was die politischen Entwicklungen in Amerika angeht. Europa musste also davon überzeugt werden, dass es eine ernst zu nehmende terroristische Bedrohung gibt. Für Europa ist - rein geographisch gesehen - Nordafrika besonders bedrohlich. Und so entstand folgendes Bild: Die US-Truppen haben die Terroristen aus Afghanistan vertrieben. Die Terroristen fliehen nach Ostafrika, in den Sudan, dann weiter in den Sahel und schließlich nach Nord-West Afrika. Und damit sind sie, um General Wald vom EUCOM zu zitieren, "von Europa nur durch einen Steinwurf entfernt und nur durch die Meerenge von Gibraltar getrennt". Das also ist das Bild der Bedrohung, das Washington zeichnet."

Diese Bedrohung nennt Jeremy Keenan die "Bananen-Theorie". Der Grund: Auf einer Landkarte hätte der Weg der Terrorgruppen die Form einer Banane. Sie Beginnt in Afghanistan; krümmt sich über dem Sudan und dem Sahel und endet schließlich in Algerien. Allerdings gibt es Ende 2002 kaum Beweise für die Theorie, dass die Sahara ein Rückzugsraum internationaler Terroristen ist. Das ändert sich erst im Frühjahr 2003 mit der Entführung von 32 westlichen Touristen im Süden Algeriens. Damit gerät der Terror in der Wüste monatelang in die internationalen Schlagzeilen.

Keenan geht nicht so weit, den USA die Entführung zu unterstellen. Wie Werner Ruf und andere Kenner der Region ist er allerdings davon überzeugt, dass die Salafisten vom algerischen Geheimdienst unterwandert sind. Tatsache ist: Algerien profitierte politisch von der Entführung. Der spektakuläre Fall diente Algier als Argument bei dem Versuch, Washington zur Lieferung von Waffen für den Anti-Terror-Kampf zu überreden. Doch zurück zu den USA:

" Es geht um die Zeit, als Bush an die Macht kam. Als eine der ersten Handlungen veröffentlichte die Bush-Administration den Bericht, der als "Cheney-Report" bekannt wurde. Dieser Bericht überzeichnete die Situation zwar etwas, stützte sich aber auf Fakten, die im Kern richtig sind: Der Nachschub an Erdöl wird für die USA knapp. Der Bericht nimmt alternative Nachschubwege in den Blick, namentlich Afrika, besonders den Golf von Guinea. Mit diesem Bericht wird Erdöl plötzlich zu einem zentralen Thema bei allem, was Afrika angeht. Von da an will Amerika den Kontinent allmählich militarisieren und sicherheitspolitisch unter Kontrolle bringen, um seine Interessen abzusichern. Dabei geht es an erster Stelle um Erdöl, aber nicht nur darum. Es gibt etliche andere Bodenschätze und weitere geschäftliche Interessen. "

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