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StartseiteHintergrundDie Gegenwart der Vergangenheit06.05.2005

Die Gegenwart der Vergangenheit

Der 9. Mai in Moskau: Estland, Lettland und das schwierige Verhältnis zu Russland

Ein kleiner Park am Rande der Rigaer Altstadt. Schnellen Schrittes eilen gut gekleidete Geschäftsleute über die kleinen Gehwege zur Haltestelle hinüber. Auf den weißen Holzbänken sitzen vereinzelt junge Pärchen. Zwei sich gegenseitig stützende ältere Damen verstreuen Brotkrümel aus einer zerknitterten, schon etwas milchigen Plastiktüte - um sie herum eine Scharr gurrender Tauben. Nahezu unscheinbar liegt am Rande des Weges eine handvoll Steinquader aus rotem Granit. Darauf die Namen Gefallener, die 1991 ihr Leben ließen - im Kampf um die Unabhängigkeit Lettlands von der Sowjetunion. Für die beiden Frauen immer noch ein wichtiger Abschnitt ihres Lebens:

Von Marc-Christoph Wagner

Vajra Vike-Freiberga, lettische Staatspräsidentin (AP Archiv)
Vajra Vike-Freiberga, lettische Staatspräsidentin (AP Archiv)
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" Wie könnten wir diese Zeit, diese Ereignisse vergessen? Gerade unsere Generation, die ja erlebt hat, was es bedeutet, in Unfreiheit zu leben? Die jungen Leute, die wissen das alles teilweise gar nicht mehr, sie haben ja nur das unabhängige Lettland erlebt."

Zwei flanierende Mädchen bleiben stehen - und widersprechen. Ihre modische Kleidung, ihr Make-up, die hochgesteckten Sonnenbrillen im Haar - das alles verkörpert ein unbeschwertes, selbstbewusstes, den Moment genießendes und optimistisches Lebensgefühl. Der Kontrast zu den beiden Rentnerinnen mit den langen braunen Wollmänteln könnte größer kaum sein.

" Wir wissen, warum die Steine hier liegen. In der Schule haben wir Filme darüber gesehen, und auch unsere Eltern haben uns erzählt, wie die Leute damals für die Unabhängigkeit gekämpft haben. Doch wir gehen jeden Tag an diesen Steinen vorbei. Und eben deswegen denken wir nicht darüber nach. Man kann ja nicht jeden Tag weinen."

Die jüngere Geschichte des Landes, des gesamten Baltikums - dieses Thema hat die lettische Öffentlichkeit in den vergangenen Wochen und Monaten intensiv beschäftigt. Mit ihrer Einwilligung, der Einladung des russischen Präsidenten Vladimir Putin nach Moskau zu folgen und dort am 9. Mai zusammen mit den anderen Staats- und Regierungschefs des Kriegsendes vor 60 Jahren zu gedenken, hat die lettische Präsidenten Vajra Vike-Freiberga nicht wenige ihrer Landsleute überrascht. Aber - sie hat sich bewusst dafür entschieden:

" Persönlich will ich da sein, um meine Solidarität mit allen anderen Führern von Europa zu zeigen. Und auch mit dem russischen Volk, welches sehr viel gelitten hat in diesem Zweiten Weltkrieg. Ihr Land war ja doch okkupiert, ihre Soldaten haben gekämpft gegen eine Okkupation und eine Invasion, und das muss man ja respektieren. Sie waren auch der Alliierte der demokratischen Länder, sie haben geholfen, das totalitäre, nazistische Regime Hitlers zu besiegen. Aber das ist ja nur eine Hälfte dieser Geschichte! Und die andere Hälfte wollte ich auch in Erinnerung der ganzen Welt, besonders aber Europas rufen. Und darum habe ich diese Erklärung aufgeschrieben und eine Deklaration."

Diese Deklaration hat inzwischen zu viel Wirbel in den lettisch-russischen Beziehungen geführt. Gelegentlich haben sich insbesondere russische Kommentatoren gefragt, ob Vaira Vike-Freiberga eigentlich nur ihre Ausladung und somit einen ernsthaften diplomatischen Eklat habe provozieren wollen. Dabei steht in dem sechsseitigen, Mitte Januar zeitgleich mit ihrer Reisezusage nach Moskau veröffentlichten Dokument, nichts, was man in den baltischen Staaten nicht schon seit vielen Jahren als Selbstverständlichkeit betrachtet - was in dieser Deutlichkeit in den alten EU-Staaten jedoch kaum jemals artikuliert worden ist, schon gar nicht von offizieller Seite. Wer der Opfer des nationalsozialistischen Regimes gedenke, so der Tenor des Dokumentes, der dürfe auch die Verbrechen Stalins nicht vergessen. Hätten diese beiden totalitären Systeme, das so genannte "Dritte Reich" und die Sowjetunion 1939 nicht kooperiert, hätte es damals den Molotov-Ribbentrop-Pakt sowie dessen geheimes Zusatzprotokoll zur künftigen Aufteilung Ost-Mitteleuropas nicht gegeben, dann hätte die Geschichte sicherlich einen anderen Verlauf genommen. In dem von der lettischen Präsidentin publizierten Text heißt es dazu unter anderem:

Genau diesen beiden Diktatoren gilt die Schande für den ungeheuerlichen Verlust von unschuldigem Leben und dem Leiden während der Kriegsjahre. Wenn wir der Toten des Zweiten Weltkrieges gedenken, müssen wir auch der Verbrechen gegen die Menschlichkeit gedenken, die sowohl Hitler wie auch Stalin begangen haben. Wir müssen diese beiden totalitären Tyrannen mit Namen nennen, damit die Welt nicht vergisst, welche Verantwortung sie für den Beginn dieses Krieges tragen.

Ein jedes Volk, ein jedes Land muss seine Vergangenheit verstehen, besonders diese komplizierte Vergangenheit des 20. Jahrhunderts. Man muss verstehen, was da geschehen ist, aber dann kann man nur nach diesem Verständnis und dem Akzeptieren davon, wenn es auch falsch war, wenn es auch kriminell war, sich abwenden von so etwas und sagen - na ja, jetzt wissen wir, was sie da falsch getan haben; wir werden dafür sorgen, dass so etwas nicht mehr geschieht. Und das ist ja wirklich fundamental wichtig.

Zwei sich diametral gegenüberstehende Auffassungen zur Geschichte des 20. Jahrhunderts werden an dieser Stelle deutlich. In Russland, in dem Josef Stalin seit geraumer Zeit regelmäßigen Berichten zufolge fast so etwas wie eine Renaissance erlebt, in dem sich das Ansehen des Diktators und Massenmörders in den vergangenen fünf Jahren von 19 auf 53 Prozent beinahe verdreifachte, klingt eine Gleichsetzung des "Großen Vaterländischen Krieges" mit den Verbrechen des Hitler-Regimes für viele Menschen absurd. Sie verstehen dies als böswilligen Affront.

In Russlands baltischer Nachbarschaft hingegen zeigt man sich erstaunt und verärgert über die mangelnde Bereitschaft Moskaus, sich mit der eigenen Vergangenheit und den im Namen des Kommunismus begangenen Verbrechen auseinanderzusetzen. Dies sehen viele Balten als Hindernis für bessere zukünftige Beziehungen. Denn im Gegensatz zu vielen westeuropäischen Staaten bedeutete der Sieg über das Hitler-Regime im Mai 1945 für Estland, Lettland und Litauen nicht die erhoffte Befreiung von der Tyrannei, sondern den Beginn einer neuen brutalen Besatzung. Und genau dies spricht die lettische Präsidentin Vike-Freiberga in ihrer Erklärung unumwunden an:

Während der nächsten fünf Jahrzehnte verschwanden Lettland, Estland und Litauen von der europäischen Landkarte. Unter sowjetischer Herrschaft mussten die drei baltischen Staaten Massendeportationen und Ermordungen, den Verlust ihrer Freiheit sowie das Eindringen von Millionen russischsprachiger Einwanderer erdulden.

Und dennoch hat sich Vaira Vike-Freiberga - im Gegensatz zu ihren Amtskollegen in Estland und Litauen - entschieden, am 9. Mai doch nach Moskau zu reisen. Sie hat an ihrem Entschluss festgehalten, selbst nachdem der russische Präsident Putin die baltischen Nachbarn erst kürzlich erneut provozierte, als er den Zusammenbruch der Sowjetunion vor über 13 Jahren als die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnete. Die lettische Staatspräsidentin lehnt solch einen Standpunkt enttäuscht und entschieden ab. Dennoch ist sie überzeugt, dass es zum Dialog grundsätzlich keine Alternative gibt, nicht zuletzt im Interesse des zukünftigen Verhältnisses zwischen Lettland und Russland:

Ob Russland und der Präsident Putin es auch verstehen will, da bin ich überhaupt nicht überzeugt darüber, aber ich finde, dass es wichtig war, von meiner Seite aus zu zeigen, dass Lettland doch diesen guten Willens ist, und ich muss auch sagen, dass, wenn ich da - inch' allah - in Moskau in dieser Parade stehen werde, dann will ich doch denken, dass es jetzt Gott sei Dank doch sechzig Jahre später ist, dass es ein anderes Europa ist, dass ich da sein kann als Präsidentin eines unabhängigen Lettlands, souverän, demokratisch, frei, und auch Mitglied der Europäischen Union und der NATO, und in der NATO fühlen wir uns endlich in Sicherheit. Und ich glaube, dass der alte Stalin sich in seinem Grabe umdrehen würde, wenn er dies alles so sehen würde. Und das ist auch für mich, wissen Sie, emotionell ist es sehr wichtig.

Ojars Kalnins, Leiter des Lettischen Instituts, vergleichbar dem deutschen Goethe-Institut, ist wie viele andere lettische Kommentatoren davon überzeugt, dass ausschließlich Vaira Vike-Freiberga diese delikate Entscheidung habe treffen können. Unter den politischen Parteien des Landes habe es zunächst einen Aufschrei des Entsetzens gegeben. Doch dank ihrer Persönlichkeit und des Respekts, den die Präsidentin sowohl in der Bevölkerung wie bei den Entscheidungsträgern des Landes genieße, habe sich das Blatt nach und nach gewendet. Aber auch Kalnins, der nach der Unabhängigkeit Lettlands als erster Botschafter seines Landes in die USA entsandt worden war, macht sich grundsätzlich Sorgen über das Verhältnis zum großen Nachbarn im Osten:

" Seit 1991 ist das immer ein schwieriges Verhältnis gewesen. Ich denke nicht, dass dies unser Fehler gewesen ist - wir haben alles dafür getan, die Dinge zu normalisieren. Doch die russische Außenpolitik ist in all diesen Jahren ziemlich aggressiv gewesen - sie sind es, die die Probleme geschaffen haben, zum Teil um die russischsprachige Bevölkerung hier im Land zu instrumentalisieren bzw. zu politisieren. Ihre ganzen Bemühungen - denken Sie nur an unsere NATO-Mitgliedschaft - sind allerdings fehlgeschlagen, und ich hoffe, dass sich die Dinge nach dem 9. Mai und nach der Unterzeichnung des Grenzvertrages normalisieren. Vielleicht ändern die Russen dann auch ihren Standpunkt und betrachten uns nicht länger als eine ehemalige Sowjetrepublik, sondern als EU-Staat, zu dem sie - zu ihrem eigenen Vorteil - ein positives Verhältnis entwickeln."

Positiv hingegen sieht Kalnins die Beziehungen zwischen der russisch- und der lettischsprachigen Bevölkerung im eigenen Land. Die Zahl der Ehen zwischen beiden Volksgruppen sei hoch. Man arbeitete miteinander, besuche die gleichen Schulen und Diskotheken, im Alltag gebe es keine Probleme. Russen könnten in Lettland leben und ihre eigene Sprache sprechen. Nur wer sich für die Regierung bewerbe und die Staatsangehörigkeit erhalten wolle, müsse die lettische Sprache lernen.
Tanja Boguschevitsch hingegen teilt die Einschätzung des Direktors des Lettischen Institutes ganz und gar nicht, ein wenig erinnern sie Ojars Kalnins Worte an wohlfeile Propaganda:

" Was unsere Präsidentin betrifft, lassen Sie mich hier nur aus einem Interview zitieren, dass sie einer russischsprachigen Zeitung hier in Lettland gegeben hat, in dem sie sagte, dass Lettland das Land der Letten und ihrer lettischen Nachfahren ist. - 'Wow', da frage ich mich: 'Wer sind dann eigentlich wir, die Russen - Gäste etwa??!' - Hier in der lettischen Öffentlichkeit gibt es ein enormes Problem, nämlich die Tatsache, dass immer wieder gesagt und unterstellt wird, die hier lebende russischsprachige Bevölkerung würde Russland als ihre Heimat betrachten. Aber das ist falsch. Die große Mehrheit der lettischen Russen identifiziert sich nicht mit Russland oder betrachtet es als ihre Heimat."

Tanja Boguschevitsch ist selbst Lettin russischer Herkunft. Die Politologin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin eines russischsprachigen Abgeordneten im lettischen Parlament. Nebenbei schreibt sie eine Doktorarbeit über ethnische Diskriminierung. Das Thema liegt der jungen Frau am Herzen. Nur sieben Prozent aller einflussreichen Posten in der öffentlichen Verwaltung Lettlands werden einer kürzlich veröffentlichten Studie zufolge an Letten russischer Herkunft vergeben - bei einem Bevölkerungsanteil von weit über 30 Prozent. Tanja Boguschevitsch zufolge herrscht bei ihren ethnisch-russischen Landsleuten kein Zweifel daran, dass die lettische Seite bewusst versuche, die russischsprachige Volksgruppe außerhalb von Macht und Mitbestimmung zu halten:

" Ich selbst habe das erleben müssen. Ich wollte im Außenministerium arbeiten - ich spreche Französisch, bin studierte Politologin. Aber das konnte ich mir abschminken - ja, unter der Hand hat man mir bedeutet, dass meine Herkunft die Sache nicht unbedingt befördere. In den Dokumenten, die man einreichen muss, im Außenministerium, ich denke aber auch in allen anderen Ministerien, da gibt es diese Kategorie: ethnische Herkunft, die ethnische Herkunft der Mutter, des Vaters, deren Geburtsorte, usw, usf. Und wir sprechen nicht von Top-secret-Tätigkeiten, das gilt selbst, wenn man sich als Sekretärin bewirbt."

Die Diskussion um den 9. Mai und die Teilnahme der Präsidentin an den Moskauer Feierlichkeiten - laut Tanja Boguschevitsch wurde sie weitgehend unter Ausschluss der russischsprachigen Letten geführt.

" Man sagt in Estland immer, alles Schlechte kommt aus dem Osten. "

Auch im benachbarten Estland ist das Verhältnis zum Nachbarn im Osten sowie zwischen Esten und der russischsprachigen Minderheit noch immer alles andere als konfliktfrei. Im Alltag, sagt die Studentin Kristel Veternär, gehe man sich größtenteils aus dem Weg. Zwar hätten die Esten mittlerweile akzeptiert, dass die russische Bevölkerung im Lande bleiben werde. Doch aktiv auf die Minderheit zuzugehen, gar im eigenen Land die russische Sprache zu sprechen, das sei für die meisten undenkbar - zu groß seien die historischen und psychologischen Hürden. Auch auf dem Blumenmarkt in der Tallinner Altstadt muss man nicht lange suchen, um das brüchige Miteinander und entsprechende Ressentiments zu erkennen. - Eine Rentnerin, die hier Tulpen anbietet:

" Also, unter meinen Bekannten gibt es auch ein paar sehr nette Russen. Ich habe an einer Schule unterrichtet, die sowohl von russischen wie estnischen Schülern besucht wurde. Aber Russen im allgemeinen mag ich nicht. Sie haben meinen Vater ermordet und meine ganze Familie wurde enteignet - wir hatten beispielsweise einen kleinen Laden, den wir dann aufgeben mussten. Nein, ich liebe sie nicht, und ich weiß, das ich so etwas nicht laut sagen sollte, aber mein Herz geht da seine eigenen Wege. Und was ich besonders hasse, ist, dass sie immer nur fordern und fordern, und dass sie denken, dieses kleine Land hier gehöre im Grunde zu Russland. Neulich erst hat Putin wieder gedroht, die Gaslieferungen einzustellen, nur weil die Tallinner Stadtverwaltung verboten hat, dass die ewige Flamme am sowjetischen Kriegerdenkmal am 9. Mai angezündet werden darf."

Der Streit um das sowjetische Kriegerdenkmal in Tallinn ist nur ein Konfliktpunkt von vielen im bilateralen Verhältnis. Immer wieder gibt es Berichte, wonach russische Flugzeuge kurzzeitig den estnischen Luftraum verletzen.
Die Entscheidung von Estlands Staatspräsident Arnold Rüütel, anders als seine lettische Amtskollegin, nicht an den Moskauer Feierlichkeiten teilzunehmen, hat das estnisch-russische Verhältnis nach Meinung vieler Beobachter sicherlich nicht entspannt. Arnold Rüütel selbst sieht das allerdings anders:

" Natürlich wäre es eine Möglichkeit gewesen, nach Moskau zu fahren, und dort unseren Standpunkt hinsichtlich der Geschichte darzulegen. Doch bei den Feierlichkeiten gibt es keine Tribüne, auf der man Reden halten könnte, schon gar nicht für ein Staatsoberhaupt aus den baltischen Ländern. Ich selbst habe Präsident Putin Anfang des Jahres getroffen und ich habe ihm bereits dort erklärt, warum ich eventuell nicht nach Moskau fahren werde. Und Putin hat meine Entscheidung nicht nur akzeptiert; er hat gesagt, dass er dies sogar verstehen könne. So gesehen habe ich mein Ziel bereits erreicht."

Im Gegensatz zu Vaira Vike-Freiberga hat Arnold Rüttel lange gezögert, eine endgültige Entscheidung hinsichtlich der Moskau-Reise zu treffen. Erst am 7. März gab er sie bekannt - zeitgleich mit dem ebenfalls negativen Bescheid des litauischen Präsidenten Valdas Adamkus. Und auch die Begründung beider, von den Feierlichkeiten fern zu bleiben, war nahezu gleich lautend. Estland und die anderen beiden baltischen Staaten - so die Quintessenz - seien damals nicht befreit worden.

Hätte sich der estnische Präsident vielleicht nicht ein wenig mehr Solidarität von Seiten der anderen EU-Staaten gewünscht? Schließlich werden diese nun nahezu geschlossen nach Moskau fahren und den Tag mit den ehemaligen Okkupanten Estlands, Lettlands und Litauens verbringen - dreier Staaten also, die anders als Russland heute Mitglied der Europäischen Union sind. Arnold Rüütel:

" Nein, ich bin nicht enttäuscht! Es ist ein natürlicher Prozess, dass die EU-Staats- und Regierungschefs nach Moskau fahren werden. Die Sowjetunion und ihr Nachfolger, Russland, spielten ja eine wichtige Rolle bei der Beendigung des Nazi-Regimes. Ich habe gesehen und bin froh darüber, dass meine Entscheidung unter meinen Kollegen auf sehr viel Verständnis gestoßen ist."

In Estland selbst steht die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung hinter der Entscheidung ihres Präsidenten. Vor allem nachdem Russland offenbar versucht hatte, den Besuch Rüütels an die von Moskau seit Jahren immer wieder verschobene Unterzeichnung eines abschließenden Grenzvertrages zu koppeln, schwang das Meinungs-Pendel endgültig in Richtung "Fernbleiben". Lediglich die Regierung von Ministerpräsident Andrus Ansip hatte aus symbolischen und gutnachbarschaftlichen Erwägungen heraus dafür plädiert, der Präsident möge doch an den Feierlichkeiten teilnehmen.

Mit dieser Ansicht steht das Kabinett übrigens nicht ganz allein. Siim Raie etwa, Direktor der estnischen Industrie- und Handelskammer in der Hauptstadt Tallinn, gibt sich ausgesprochen pragmatisch. Allein in der benachbarten Region Sankt Petersburg lebten dreimal so viele Menschen wie in ganz Estland. Sobald dort noch die durchschnittliche Kaufkraft steige, werde sich der russische Markt zu einem der interessantesten Plätze für estnische Unternehmer gestalten. Die Diskussion um den 9. Mai, so Raie, sei - zumindest aus unternehmerischer Sicht - eigentlich nur noch Schnee von gestern. Raies Blick ist nach vorn gerichtet:

" Wenn wir die politischen und die wirtschaftlichen Beziehungen miteinander vergleichen, dann wird deutlich, dass die Wirtschaft stets einen Schritt voraus ist. Im vergangenen Jahr hat es in der politischen Sphäre kaum eine Entwicklung gegeben, während der Handel immer weiter zunimmt. Wie gesagt: die Wirtschaft ist der Politik immer etwas voraus."

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