Sonntag, 12.07.2020
 
Seit 02:07 Uhr Klassik live
StartseiteCampus & KarriereDie Grenzen der Inklusion18.04.2013

Die Grenzen der Inklusion

Beim gemeinsamen Unterricht besteht Nachholbedarf

Inklusionsschulen sollen alle Schüler gemeinsam unterrichten - ob mit Handicap oder ohne. Auf dem Papier eine gute Idee, im Alltag warten aber viele Probleme, wie ein Beispiel aus Münster zeigt.

Von Nicole Albers

An vielen Schulen fehlt speziell geschultes Personal für Kinder mit Handicap (picture alliance / dpa / Waltraud Grubitzsch)
An vielen Schulen fehlt speziell geschultes Personal für Kinder mit Handicap (picture alliance / dpa / Waltraud Grubitzsch)

"Und sonst irgendwas Spannendes passiert heute?" - "Abgesehen, dass ein Elefant vom Himmel gefallen ist, nichts. - Das war ein Scherz, Mama."

Ein Gespräch, wie es viele Mütter mit ihren Kindern nachmittags nach der Schule führen. Bei Ursula P. [*] aus Münster aber steckt immer echte Sorge dahinter, denn ihr zehnjähriger Sohn ist besonders. Sven [*] gilt als überdurchschnittlich intelligent und ist außerdem ein ESE-Kind, kurz für Kinder mit ausgeprägten Schwächen bei der emotional-sozialen Entwicklung.

"Er ist laut, er hat auch ein Problem, Grenzen zu erkennen, auch bei anderen. Es fällt ihm unheimlich schwer zu erkennen, was sein Gegenüber gerade fühlt, dass man sagen muss: Stopp, du tust mir weg oder ich möchte nicht, ich bin jetzt traurig."

Hinzu kommen Konzentrations- und Aufmerksamkeitsschwächen. Für viele ist sein Verhalten nicht nachvollziehbar und immer musste die Mutter ihren Sohn verteidigen. Seit vier Jahren aber geht es bergauf mit ihm, denn er besucht eine integrative Grundschulklasse.

"Das war eine Zeit des endlich einmal Aufatmens, und dass man gesehen hat, die unterstützen einen wirklich. Die Lehrerinnen sind ja immer zu dritt, die haben es wirklich geschafft, auch die ganzen positiven Dinge an Sven zu sehen und nicht nur zu versuchen, das Negative auszumerzen."

Das hat Sven großen Auftrieb verschafft, persönlich aber auch schulisch, sodass er nun eine gymnasiale Empfehlung in der Tasche hat. Ursula P. dachte: Prima, dann melde ich ihn am Schillergymnasium in Münster an, dort nämlich gibt es eine integrative Klasse. Doch sie bekam eine Absage, denn, was für die Grundschule gilt, gilt nicht für die weiterführenden Schulen: ESE-Kinder haben ab der fünften Klasse keinen Anspruch mehr darauf, in einer integrativen Klasse aufgenommen zu werden. Allerdings wurde ihr das mit anderen Worten vermittelt:

"Da wurde mir gesagt, man würde ja nicht alle Freaks in eine Klasse stecken. Da bin ich fast rückwärts vom Stuhl gefallen."

Dieser Jemand war Ulrich Gottschalk, der Rektor des Gymnasiums. Im Nachhinein ist ihm klar, dass er sich da wohl im Wort vergriffen hat, indem er einen Begriff seiner Schüler wählte. Seine Intention ist aber nach wie vor die Gleiche:

"Das tut mir leid, dass das so passiert ist, aber dieser Gedanke ist sehr wichtig, dass wir nicht einzelne Lerngruppen schaffen können, wo alle Kinder mit Förderbedarf untergebracht werden können und dadurch quasi eine Sonderklasse herbeigeführt wird. Wenn wir jetzt Förderschulen auflösen, dann können wir nicht an den Regelschulen Förderklassen einrichten. Das ist ja widersinnig."

Zumal bei ESE-Kindern noch mal zusätzliches und speziell geschultes Personal nötig wäre. Das aber kann das Gymnasium nicht leisten. Ob sich daran demnächst etwas ändert? Lothar Dunkel ist der Leiter der schulpsychologischen Beratungsstelle der Stadt Münster und stellt eine düstere Prognose:

"Wir befinden uns im Moment in einer wahnsinnigen Umbruchsituation. Und die Schulen sind noch lange nicht soweit. Die Schulen werden noch auf Jahre nicht soweit sein, meiner Einschätzung nach."

Ein wichtiger Grund ist das längst überfällige neunte Schulrechtsänderungsgesetz, das bis heute noch nicht beschlossen, geschweige denn umgesetzt wurde. Ein großes Manko, findet Dunkel, denn dieses Gesetz soll die Eckdaten liefern, bei wem Inklusion wie umgesetzt werden kann und welche Hilfsmaßnahmen Schulen dafür in Anspruch nehmen können.

"Wir werden eine Zeit haben, in der man mit sehr viel gegenseitigem Verständnis arbeiten muss, um zu guten Lösungen zu kommen."

Eine Lösung ist, Sven ab Sommer in eine gymnasiale Regelklasse zu schicken, denn zumindest wurden ihm dort ein paar Stunden sonderpädagogische Betreuung pro Woche zugesichert. Ansonsten bleibt Ursula P. nur zu hoffen, dass Sven in dieser großen Klasse ohne speziell geschultes und zusätzliches Personal nicht untergeht.

"Ich habe Angst davor und hoffe, dass die Schule mir das an Unterstützung auch wirklich zukommen lässt und auch in der Lage ist, genauso wie in der Grundschule, ihn wirklich in seinen Stärken zu fördern, damit dieses Selbstwertgefühl erhalten bleibt."


[*] Anmerkung der Redaktion: Die Namensangaben wurden aus Datenschutz-Gründen geändert.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk