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StartseiteKalenderblattDie größte Menschenrechtsorganisation der Welt28.05.2011

Die größte Menschenrechtsorganisation der Welt

Vor 50 Jahren wurde Amnesty International gegründet

Als der britische Rechtsanwalt Peter Benenson 1961 von der Verurteilung zweier portugiesischer Studenten las, weil sie in Lissabon auf die Freiheit angestoßen hatten, war er fassungslos. Er schrieb einen Brief an die Wochenzeitung "Observer", in dem er die Freilassung dieser Häftlinge forderte - die Geburtsstunde von Amnesty International.

Von Matthias Bertsch

Amnesty International setzt sich vor allem für die Freilassung politischer Gefangener ein.  (AP)
Amnesty International setzt sich vor allem für die Freilassung politischer Gefangener ein. (AP)
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Scheinbar aussichtslos

"Plötzlich stürzten sechs oder sieben Polizisten in meine Wohnung. Sie fanden mehrere Falun-Gong-Bücher. Das war alles. Das war das sogenannte 'Beweismaterial'. Dann steckten sie mich in ein Haftzentrum." .

Der chinesische Falun-Gong-Anhänger Bu Dongwei ist einer von mehreren Hundert politischen Häftlingen, für die sich Amnesty International jährlich einsetzt. Das zentrale Anliegen der Menschenrechtsorganisation ist seit ihren Anfängen unverändert geblieben. Ausgelöst wurde ihre Gründung von einem Zeitungsartikel über die Verurteilung zweier portugiesischer Studenten, die in einem Café in Lissabon auf die Freiheit angestoßen hatten. Der britische Rechtsanwalt Peter Benenson reagierte darauf mit einem Brief, der am 28. Mai 1961 in der Wochenzeitung "Observer" veröffentlicht wurde.

"Sie können Ihre Zeitung an jedem Tag der Woche aufschlagen: Sie werden immer einen Bericht über jemanden finden, der irgendwo auf der Welt inhaftiert, gefoltert oder hingerichtet wird, weil seine Meinung oder Religion der Regierung nicht gefallen. Als Leser empfindet man eine Hilflosigkeit, die einen krank macht, aber wenn man diese Gefühle auf der ganzen Welt bündeln könnte, könnte man gemeinsam handeln und etwas Wirksames tun."

Die Resonanz war enorm. Der Artikel wurde unter dem Motto "An appeal for amnesty" in vielen Zeitungen nachgedruckt. Innerhalb kürzester Zeit entstanden Amnesty-Gruppen in Europa und den USA, die sich für politische Häftlinge einsetzten, Briefe an Regierungen schrieben und Menschenrechtsverletzungen anprangerten. Mit Erfolg: Am 10. Oktober 1977 wurde der unermüdliche Einsatz der Organisation international geehrt. Generalsekretär der deutschen Sektion war damals der Theologe Helmut Frenz.

""Der Gefangenenhilfsorganisation Amnesty International wurde heute in Oslo der Friedensnobelpreis 1977 verliehen. Sie wurde wegen ihrer Bemühungen um die Freilassung politischer Gefangener in aller Welt ausgezeichnet."

"Keiner von uns, die wir in der Geschäftsstelle, im Generalsekretaria, saßen, hatte davon gehört, dass wir Kandidaten seien oder was, und im Laufe des Vormittages kam mein Geschäftsführer plötzlich rein: Haste gehört im Radio, haste gehört im Radio, wir haben den Nobelpreis, den Friedensnobelpreis bekommen."

Mit dem Friedensnobelpreis war Amnesty zu einer moralischen Adresse geworden, an deren Stimme bis heute kaum ein Staat vorbeikommt. Für viele Regierungen, so die heutige Generalsekretärin der deutschen Sektion, die Völkerrechtlerin Monika Lüke, sind Menschenrechte nach wie vor Lippenbekenntnisse, doch die Angst, in der Weltöffentlichkeit schlecht dazustehen, kann vieles bewirken.

"Immer dann, wenn jemand bedroht ist, in Haft ist, dann setzen wir unsere Maschinerie in Gang, dann schreiben unsere Mitglieder und Unterstützer, das sind weltweit über drei Millionen, hier in Deutschland deutlich über 100.000, Briefe, E-Mails, Faxe, SMSe an die ausländischen Regierungen und schaffen es dadurch eigentlich, in jedem vierten Fall etwas zu erreichen, sei es eine Hafterleichterung, besseres Essen, dass die Angehörigen besuchen dürfen und häufig eben auch die Freilassung."

Neben dem Einsatz für die Freilassung politischer Häftlinge engagiert sich Amnesty International längst auch in anderen Bereichen: Der Schutz von Flüchtlingen ist genauso Thema wie der Kampf gegen Rassismus und die Aufweichung des Folterverbotes nach den Terroranschlägen des 11. September.

"Eine große Herausforderung sind die Menschenrechtsverletzungen, die uns nicht so vor Augen sind, beispielsweise die die Menschen betreffen, die in Slums leben. Das sind weltweit eine Milliarde Menschen, die eigentlich permanent davon bedroht sind, weil sie keinen ordentlich formulierten Mietvertrag haben, über Nacht aus ihren Häusern vertrieben zu werden mit brutaler Gewalt und dann wirklich alles zu verlieren. Das ist eine ganz massive, gravierende Menschenrechtsverletzung, die wirklich an die Würde des Menschen angreift."

Auch aus ihrer Unterstützung der Demokratiebewegungen in der arabischen Welt macht Amnesty International keinen Hehl. Und doch: Im Zentrum der Arbeit stehen keine Bewegungen, sondern Individuen – so wie der Falun-Gong-Anhänger Bu Dongwei, der 2008, nach zwei Jahren in einem Arbeitslager, von der chinesischen Regierung freigelassen wurde.

"Jetzt weiß ich, dass ich wegen der Briefe von Amnesty-Mitgliedern nicht allein war. Obwohl mich nie ein Brief erreichte, bemerkte ich das veränderte Verhalten der Wärter. Wenn Sie wissen, dass die Öffentlichkeit aktiv wird und sich um eine Person kümmert, verbessern sie deren Haftbedingungen."

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