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StartseiteKultur heuteVom "Zauberberg" bleibt kaum was übrig16.05.2019

"Die große Gereiztheit" in ZürichVom "Zauberberg" bleibt kaum was übrig

Das vorletzte Kapitel von Thomas Manns „Der Zauberberg“ heißt „Die große Gereiztheit“. Die Regisseurin Karin Henkel hat im Züricher Schauspielhaus nun eine eigene Version des Romanklassikers auf die Bühne gebracht. Was sie mit dem krisengeschüttelten Europa von heute zu tun haben könnte, bleibt allerdings unklar.

Von Christian Gampert

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"Die große Gereiztheit" von Karin Henkel am Schauspielhaus Zürich. (Matthias Horn)
Szene aus der Premiere des Stücks "Die große Gereiztheit" von Karin Henkel am Schauspielhaus Zürich. (Matthias Horn)
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Hans Castorp, der schwächliche Hamburger Bürgersohn, ist nicht nur phlegmatisch und tuberkulös; er hat auch eine Geschlechtsumwandlung hinter sich. Er tritt in Zürich als Frau auf, zudem in zweifacher Ausfertigung, als Klon seiner selbst. Carolin Conrad und Lena Schwarz spielen die Figur als düsteres doppeltes Lottchen oder Hänschen, und welchen Mehrwert die Hosenrolle ergeben soll, wird nie ganz klar. Man macht das halt so, Projekttheater, wir fahren auf den Zauberberg, holladihaho.

Selten so bewegt: Fahrende Zuschauer-Tribüne

Die eigentlich für ihre hochdifferenzierten Inszenierungen bekannte Karin Henkel ist während der Proben nun selber erkrankt - und die Arbeit wurde vom Ensemble heldenhaft zu Ende geführt. Das ist einerseits ermutigend, denn es zeigt Ethos und Zusammenhalt dieser Truppe. Es ist andererseits völlig desillusionierend, denn ohne wirkliche Regie will sich der zeitlupenhafte Lebensrhythmus der luxurierenden Dekadenzler droben auf dem Sanatoriumsberg nicht einstellen. Aber auch das ganze Konzept ist wenig überzeugend: Man muss die große Schiffbau-Halle bespielen und fährt eine riesige Zuschauer-Tribüne samt Publikum ständig vor und zurück. Man fährt uns nah heran an Liegekuren und Weltrettungs-Gespräche – aber wenn schon in der Pause gekalauert wird, man sei im Theater selten so bewegt gewesen, dann stimmt was nicht.

Eigentlich ist es ganz einfach: Durch den Wegfall der erzählenden Prosa hat man Thomas Mann seinen stärksten Zahn gezogen, den raunenden Beschwörer des Imperfekts und der Leitmotive. Das Dialogische allein schafft noch keine moribunde Stimmung; die Enthobenheit, Selbstbezogenheit, Weltabgewandtheit, das Aus-der-Zeit-Fallen dieser Olymp- und gleichzeitig auch Hadesbewohner wird in Zürich ersetzt durch seltsame Cabaret-Übungen, durch Morgengymnastik und Wechselgesänge. Auch, wenn man ständig behauptet, hier sei ein Zimmer frei zum Sterben:

"Und der Herr hat eine angenehme Reise zu uns gehabt? Ist man schon im Besitze seines Urteils? Ich meine: hat die düstere Zeremonie der ersten Untersuchung bereits stattgefunden? – Neinnein, Sie irren sich. Ich gehöre ja nicht zu den Kranken. Ich besuche nur meinen Vetter Ziemßen auf ein paar Wochen…" 

Ein müder Debattierclub

Aus den paar Wochen werden bei Hans Castorp sieben Jahre; aber auch drei Theaterstunden können ziemlich lang sein. Michael Neuenschwander herrscht als diabolischer Medizinal-Hofrat Behrens über eine Schar aufgeregter Sanatoriumsgäste, unter denen einzig die beiden philosophischen Streithähne Settembrini und Naphta auffallen. Aber auch dieser Disput – zwischen Aufklärung und Nihilismus – wird viel zu schnell abgebrochen, obgleich der böse Milian Zerzawy alle Anlagen zu einem Sieg der Weltverachtung über das Licht der Vernunft mitbrächte. Noch nicht einmal das tödliche Duell der beiden wird ausgekostet. Madame Chauchat, die fleischgewordene Verführung, ist quasi nicht da, Castorps Flucht in die Musik (eigentlich in Verdi und Schubert) leuchtet nur schwach als dämmriger Alpenjodler einer Live-Combo auf.

 Vor allem aber wird nicht klar, was die "große Gereiztheit" der Davoser Kur-Chargen mit dem krisengeschüttelten Europa von heute zu tun hat. Der Urknall eines Weltkrieges steht ganz offenbar nicht bevor. Das tägliche Geschwätz von emphatischen Europa-Befürwortern und Brexit-Hysterikern hat nur entfernte Ähnlichkeit mit der Weltflucht-Prosa jener melancholischen Tuberkulose-Patienten, die bei Thomas Mann den Untergang des Bürgertums zelebrieren. Heute geht es eher um den Untergang der Demokratie, auch in den formierten Gesellschaften des Westens. Der Auftritt des lebensprall-wütenden Gottfried Breitfuss als Mynheer Peeperkorn ist der einzige Anschluss an diese Aktualität: Seine kleine Züricher Publikumsbeschimpfung trägt den Titel "Ihr seid alle Egoisten".

Von Thomas Manns "Zauberberg" aber ist, um im medizinischen Jargon zu bleiben, in Zürich nur ein Skelett übrig. Ein müder Debattierclub und eine mäßige Geisterbahn. Fast möchte man sich zu einer Liege- und Schlafkur gern dazulegen:

"Das einzige, was wir wollen, ist schlafen... Schlafen, immer nur schlafen."

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