23. November 2021Die internationale Presseschau

Schwerpunkte der Kommentare sind die Corona-Lage und die erste Runde der Präsidentenwahl in Chile.

23.11.2021

Menschen nehmen an einer Demonstration gegen Covid-Maßnahmen teil.
In vielen Städten in den Niederlanden, hier in Amsterdam, sind die Menschen aus Protest gegen die Corona-Maßnahmen auf die Straße gegangen. (dpa Peter Dejong)
Die kroatische Zeitung NOVI LIST fasst die Corona-Lage in Europa zusammen: "Trotz der Tatsache, dass es in Europa mittlerweile genügend Impfstoffe gibt, verlaufen der Impfprozess und damit eine kollektive Immunisierung ziemlich langsam. Viele europäische Bürger zögern immer noch, sich für eine Impfung zu entscheiden, was darauf hindeutet, dass die Gesundheitskampagnen nicht wirksam genug waren. Deshalb verschärfen viele EU-Staaten in dieser vierten Welle der Pandemie die Corona-Schutzmaßnahmen. Dies scheint der einzige Weg zu sein, einen Teil der Bürger dazu zu bringen, die Pandemie ernst zu nehmen – als Gefahr, die so schnell wie möglich gestoppt werden muss", meint NOVI LIST aus Rijeka.
"Sollen wir weiterfeiern oder bremsen?", fragt der TAGESANZEIGER aus Zürich: "Es gibt Einzelgänger und Herdentiere, vorsichtige Menschen und unbekümmerte. Die einen halten sich an Empfehlungen, andere warten auf Verbote, einige foutieren sich um beides. Manche suchen die Sicherheit, andere den Tanz auf dem Vulkan. Der Vulkan - das ist derzeit der Glühweinstand, der Weihnachtsmarkt, die voll besetzte Veranstaltung. Man darf hingehen, niemand verbietet es. Aber man muss nicht ängstlich sein, um festzustellen: Zumindest ohne Maske ist es nicht besonders schlau." hält der Schweizer TAGESANZEIGER fest.
DER STANDARD aus Wien verweist auf die Proteste zehntausender Menschen in Österreich gegen die verschärften Corona-Maßnahmen und spricht von "beeindruckend hohen Zahlen". Weiter heißt es: "Sie sind aber deshalb lange nicht 'das Volk' oder 'die Mehrheit'. Da können sie noch so brüllen. Es gibt nämlich weitaus beeindruckendere Zahlen. Am Samstag, dem Tag der Wien-Demo, ließen sich 86.000 Menschen in Österreich sehr viel stiller impfen. Am Freitag waren es mehr als 136.000 – der zweithöchste Wert seit dem Impfstart. Hier ließe sich natürlich einwerfen, dass der Großteil Booster-Impfungen waren. Alleine in den letzten sieben Tagen erklärten sich aber auch mehr als 107.000 Menschen zu einem Erststich bereit. Natürlich werden hier nicht alle plötzlich einen Meinungsschwenk hingelegt haben. Die 2G-Regel und der Lockdown für Ungeimpfte haben sicherlich Druck erzeugt, Impflotterien eventuell einen Anreiz. Aber es zeigt sich, dass bei noch Ungeimpften Bereitschaft da ist, Solidarität zu zeigen", stellt DER STANDARD aus Österreich heraus.
Die Zeitung DE TELEGRAAF schreibt zu den gewalttätigen Corona-Protesten in den Niederlanden: "Die Krawallmacher suchen immer öfter die Konfrontation mit der Polizei, dem Aushängeschild der Macht. Es scheint, dass extremistisches Verhalten zunimmt. Polizei und Justiz müssen alles daran setzen, die Anstifter der Gewalt aufzuspüren und strafrechtlich zu verfolgen. Bei früheren Unruhen im Zusammenhang mit der Ausgangssperre führte dies zur Verhängung einer Reihe von Gefängnisstrafen wegen Aufruhrs. Nun müssen auch die Organisatoren belangt werden, die ganz offensichtlich Chaos stiften und die Gesellschaft zersetzen wollen", betont DE TELEGRAAF aus den Niederlanden.
LIDOVE NOVINY aus Prag meint mit Blick auf die Demonstranten: "An der Spitze stehen weder die extreme Rechte noch die extreme Linke, sondern normale Bürger. Ist das der disziplinierte Teil Europas, der nicht herumlaviert, immer mit allem einverstanden ist und alle Regeln einhält? Das fragt man sich verwundert bei uns in Tschechien. Anscheinend reißt bei vielen in den kultivierten westlichen Gesellschaften der Geduldsfaden, nachdem sie anderthalb Jahre lang die Regeln eingehalten haben, von der Rückkehr zu Normalität und Freiheit aber noch weit entfernt sind. Hierzulande missachten die Gegner der Maßnahmen zwar von Anfang an die Quarantäneregeln, aber wenigstens zünden sie keine Autos an", führt die tschechische Zeitung LIDOVE NOVINY aus.
In Chile kommt es zwischen dem rechtsgerichteten Politiker Kast und dem Sozialisten Boric zu einer Stichwahl um das Präsidentenamt. Die spanische Zeitung EL MUNDO sieht eine starke Polarisierung in dem südamerikanischem Land: "Aufgrund der von großer Unsicherheit geprägten Aussichten haben die verzweifelten Wähler der rechten Mitte sich demjenigen zugewandt, der ihnen am lautesten die Rückkehr zur Ordnung verspricht und der auch versichert, er werde die Einwanderung stoppen: José Antonio Kast. Nun ist das einst stabile und vorbildliche Chile dazu verurteilt, sich bei der Stichwahl zwischen Kast und dem Chef des linken Wahlbündnisses, Gabriel Boric, zu entscheiden. Damit ist der Sieg eines Radikalen garantiert. Und das wird eine Hälfte der Gesellschaft entrüsten", erwartet EL MUNDIO aus Madrid.
"Die Diktatur ist zurückgekehrt", kommentiert die chilenische Zeitung EL MOSTRADOR: "Niemand hatte geglaubt, dass der ultrarechte Kandidat José Antonio Kast es schaffen würde, das konservative Lager zu einen. Aber er zeichnete eben nicht nur die falsche antikommunistische Karikatur von einem 'Chilezuela', sondern setzte auch tatsächlich existierende Probleme wie die Einwanderung und die Kriminalität auf seine Agenda. Natürlich hat der linke Gegenkandidat Boric nichts mit Venezuelas Herrscher Maduro gemeinsam, aber tatsächlich tut er sich schwer, linke Diktaturen zu verurteilen. Und wenn dann die Linke auch noch zu den Themen Einwanderung und Verbrechen schweigt, lässt sich ein Erfolg wie der von Kast erklären", analysiert EL MOSTRADOR aus Santiago de Chile.
Die in Schanghai erscheinende Zeitung WENHUI BAO schreibt: "Für das wohlhabendste Land in Südamerika geht es nun um eine Richtungsentscheidung, um links gegen rechts. Die gemäßigten Konservativen und die Mitte-Links-Anhänger gewinnen nun mehr Spielraum und können eine Schlüsselrolle spielen. Ohne ihre Unterstützung wird weder Boric noch Kast der nächste Präsident. Die Gemäßigten entscheiden nun also, welchen Weg Chile geht, dessen politische Landschaft gerade neu geordnet wird." Das war die chinesische Zeitung WENHUI BAO.
Auf den Fall der chinesischen Tennisspielerin Peng Shuai geht AFTENPOSTEN aus Oslo ein: "Seit dem 2. November ist Peng aus der Öffentlichkeit verschwunden. An diesem Tag hatte sie im Internet Vergewaltigungsvorwürfe gegen den früheren chinesischen Vizepremier Zhang gerichtet. Am vergangenen Wochenende veröffentlichten staatliche Medien Bilder und Videos, um zu beweisen, dass es Peng gut geht. IOC-Chef Thomas Bach erklärte, er sei beruhigt. Es ist besorgniserregend, dass er sich so leicht beschwichtigen lässt. In nur zwei Monaten beginnen die Olympischen Winterspiele in Peking, und das IOC hätte die Veranstaltung als Druckmittel nutzen sollen, dass Peng nicht wegen ihrer Vorwürfe bestraft wird", befindet die norwegische Zeitung AFTENPOSTEN.
Der Chef der amerikanischen Notenbank, Powell, bleibt an der Spitze der Fed. Die WASHINGTON POST zeigt sich zufrieden mit der Entscheidung: "US-Präsident Biden hat den Fed-Vorsitzenden Jerome Powell für eine zweite vierjährige Amtszeit nominiert. Es ist der richtige Schritt. Powell, ein Republikaner, hat sich in schwierigen Zeiten als beständige, umsichtige Führungspersönlichkeit erwiesen. Seine erneute Ernennung signalisiert, dass Biden die Unabhängigkeit der Federal Reserve respektiert. Das ist von entscheidender Bedeutung, da die steigende Inflation verständliche Ängste hervorruft", konstatiert die WASHINGTON POST.
Zum sogenannten "Black Friday" soll es koordinierte Streiks bei Amazon in mehr als 20 Ländern geben. Dazu ein Blick in die schwedische Zeitung AFTONBLADET: "Amazon erzielte während der Pandemie seinen bislang größten Gewinn, und Unternehmensgründer Jeff Bezos ist einer der reichsten Männer der Welt geworden - durch miserable Arbeitsbedingungen. Zu den Slogans von Amazon gehört 'Arbeite hart. Hab Spaß. Schreib Geschichte'. Als Reaktion darauf laufen die Proteste unter dem Slogan 'Streike hart. Hab Spaß. Schreib Geschichte'. Dies sollte in der großen Rabattwoche ein Weckruf für alle Unternehmen sein: Arbeitskräfte lassen sich nicht unendlich ausbeuten." Das war zum Ende der internationalen Presseschau ein Auszug aus der Stockholmer Zeitung AFTONBLADET.