15. Januar 2022Die internationale Presseschau

Mit Stimmen zum Konflikt zwischen der Nato und Russland, zu den Krisen von Politik und Königshaus in Großbritannien und zu den neuesten Entwicklungen im Fall Djokovic.

15.01.2022

Die Flaggen von Russland und den USA wehen nebeneinander
Die Spannungen zwischen Russland und den USA sind Thema in der internationalen Presseschau. (imago)
Die chinesische Zeitung JIEFANG RIBAO kommentiert die Gespräche zwischen Russland, den USA und der Nato in dieser Woche und stellt fest: "Aus russischer Sicht sind die Treffen gescheitert. Und die Stellungnahme der USA ist noch pessimistischer. Das Ergebnis ist also für alle Beobachter ernüchternd. Zum ersten Mal seit dem Ende des kalten Krieges hat Russland so klar seine Sicherheitsbelange formuliert. Der Westen überhörte sie absichtlich und ging nicht darauf ein. 2022 wird vom Kräftemessen beider Seiten bestimmt sein", glaubt JIEFANG RIBAO aus Shanghai.
"Niemand hat geglaubt, dass drei Gesprächsrunden zwischen den USA, Russland und anderen Teilnehmern die Ukraine-Krise auf magische Weise lösen würden", ist sich der britische GUARDIAN sicher. "Doch es bestand zumindest die Hoffnung, dass die Verhandlungen dazu beitragen könnten, dem russischen Staatschef Putin Wege zu einer möglichen Deeskalation aufzuzeigen. Der Westen verweist zur Abschreckung auf Sanktionspakete und das Schicksal der Gaspipeline Nord Stream 2. Militärische Unterstützung für die Ukraine - unter anderem zur Abwehr von Cyberangriffen - ist notwendig. Sie dürfte aber nicht ausreichen, um eine Wende herbeizuführen. Putins Absichten sind nach wie vor ungewiss - wobei sie seinen eigenen Diplomaten vielleicht ebenso wenig klar sind wie seinen westlichen Amtskollegen. Der Kreml hat erklärt, er warte nun auf schriftliche Antworten der USA und der Nato. So entmutigend die Signale in dieser Woche waren: Das Warten geht weiter", meint THE GUARDIAN aus London.
Der russische KOMMERSANT gibt sich optimistisch: "Neben russischen Imperativen und roten Linien auf beiden Seiten gibt es viel Raum für substanzielle Verhandlungen und wichtige Vereinbarungen im Bereich der europäischen Sicherheit und der konventionellen Rüstungskontrolle. Dabei sollte man auch an die mögliche Kategorie der Neutralität denken und daran, wie sehr Finnland, Österreich, die Schweiz und andere davon in der jüngeren Geschichte profitiert haben. Eine durch internationale Vereinbarungen bestätigte Neutralitätsoption für die Ukraine, Georgien oder Moldawien wäre eine kluge Alternative zur angeblichen Unausweichlichkeit einer Nato-Mitgliedschaft dieser Länder", schlägt der KOMMERSANT aus Moskau vor.
Die italienische Zeitung LA REPUBBLICA kritisiert den russischen Staatschef: "Wladimir Putin tut so, als hätte es die Niederlage der UdSSR nicht gegeben: Er will alte Einflussräume wiederherstellen und ohne allzu große Rücksicht auf Europa direkt mit den USA verhandeln. Der Westen kann ihm das nicht erlauben. Kollektive Sicherheit kann nicht in geografische Gebiete aufgeteilt werden und die Selbstbestimmung von Staaten über ihr Schicksal ist nicht verhandelbar", unterstreicht LA REPUBBLICA aus Rom.
"Es geht hier weder um irgendeinen Netflix-Film noch um eine Zeitreise in das vergangene Jahrhundert", betont die spanische Zeitung LA VANGUARDIA aus Barcelona. "Es besteht die reale Gefahr einer militärischen Konfrontation, sollte Russland militärisch gegen die Ukraine vorgehen. Die Meinungsverschiedenheiten nach einer Woche intensiver diplomatischer Bemühungen sind unüberbrückbar."
Der britische Premierminister Boris Johnson hat sich gestern erneut für Parties während des Lockdowns entschuldigt - dieses mal bei Königin Elizabeth der Zweiten, weil zwei davon am Vorabend der Beisetzung von Prinz Philip stattfanden. Der DAILY TELEGRAPH aus London erinnert noch einmal an Johnsons Erklärung im Parlament am Tag zuvor: "Johnson sprach von der Wut, die Millionen von Menschen gegen ihn empfinden, weil sie denken, dass diejenigen, die die Regeln machen, sich nicht an diese Regeln halten. In der Tat: Viele fühlen diese Wut. Sogar die Königin darf sich berechtigterweise dazuzählen. Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass Johnson zurücktreten sollte. Einen Premierminister auszutauschen sollte ein durchdachter und gezielter politischer Akt sein. Geschieht er allein aus Wut, hätte dies verheerende Folgen", warnt die britische Zeitung THE DAILY TELEGRAPH.
Die GULF NEWS aus den Vereinigten Arabischen Emiraten notieren: "In den nächsten Tagen werden die Ergebnisse einer Untersuchung all der Zusammenkünfte in 'Downing Street Number 10' veröffentlicht. Manche meinen, Johnsons Schicksal hänge von diesen Ergebnissen ab. Die Mehrheit geht allerdings davon aus, dass die Untersuchung nicht viel ergeben wird und dass Johnson den Bericht überlebt. Aber es deutet viel darauf hin, dass seine Tage im Amt gezählt sind", analysieren die GULF NEWS aus Dubai.
Probleme hat auch das britische Königshaus - wegen der Affäre um Prinz Andrew. Die schwedische Zeitung DAGENS NYHETER fasst zusammen: "Auf Anordnung seiner Mutter hat der Prinz diese Woche den Titel 'Königliche Hoheit' und mehrere militärische Grade verloren. Der Grund ist bekannt: der Prozess in den USA, wo Andrew wegen Missbrauchs einer Minderjährigen vor Gericht steht. Das Ganze steht in Verbindung mit einer Affäre um Ghislaine Maxwell und den inzwischen verstorbenen Jeffrey Epstein. Aber es geht auch um das Grundverständnis einer Monarchie: Die Bürger eines Landes verleihen gewissen Menschen Macht, Herrlichkeit und unermessliche Privilegien, wenn diese zufällig in die richtige Familie hineingeboren werden. Dafür stellen sie eine einzige Forderung: Benehmt euch nicht wie Prinz Andrew!", bemerkt DAGENS NYHETER aus Stockholm.
"Mit der schnellen Entscheidung, Prinz Andrew seine militärischen Titel zu entziehen, wollen die Windsors einen Autoritätsverlust vermeiden", vermutet die japanische Zeitung NIHON KEIZAI SHIMBUN, die in Tokio erscheint. "Ihnen ist mit Sicherheit bewusst, dass die Monarchie es nicht überleben würde, wenn das Königshaus dem Skandal untätig zusähe."
Die norwegische Zeitung STAVANGER AFTENBLAD hält es für wenig wahrscheinlich, dass das Königshaus den Skandal durch die Aberkennung von Andrews militärischen Titeln loswird: "Die Mitglieder der königlichen Familie müssen ein tadelloses Leben führen oder wenigstens ihre Skandale gut genug verbergen. Sie leben in unvorstellbarem Luxus und sollen trotzdem volksnah und sympathisch wirken, und das schaffen eben nicht alle. Die Frage ist nur, wie lange es gelingt, die schlimmsten Ausfälle zu beseitigen, ohne dass die gesamte Institution in sich zusammenfällt", ist in STAVANGER AFTENBLAD zu lesen.
In Australien ist der Streit um den Tennisspieler Novak Djokovic gestern in eine neue Runde gegangen - die Regierung hat das Visum des Serben erneut annulliert. Damit ist weiter offen, ob der ungeimpfte Spieler bei den Australian Open antreten darf. Die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG findet: "Aus epidemiologischer Sicht ergibt es wenig Sinn, den Tennisstar jetzt aus dem Verkehr zu ziehen. Er konnte sich tagelang in Melbourne bewegen, im Stadion trainieren. Darum wäre es wohl korrekter, von politischem Interesse zu sprechen. Spätestens im Mai finden in Australien Parlamentswahlen statt. Den regierenden Liberals von Immigrationsminister Alex Hawke und Premierminister Scott Morrison droht eine Niederlage. Geschlossene Grenzen, ewige Lockdowns, spätes Impfen, Testchaos – die Regierung hat den Australierinnen und Australiern bei der Bekämpfung von Covid-19 viel zugemutet", erklärt die NZZ aus der Schweiz.
Die kroatische Zeitung JUTARNJI LIST hält eine Abschiebung Djokovics für wahrscheinlich und meint, der Preis, den der Serbe für seine Sturheit zahle, sei hoch: "Djokovic ist ein unbesiegbarer Titan auf dem Tennisplatz. Er ist jedoch für zahlreiche Kontroversen bekannt und es ist ihm nie gelungen, wie Rafael Nadal oder Roger Federer große Sympathien des Publikums zu gewinnen. Der aktuelle Skandal wird unabhängig von seinem endgültigen Ausgang der Karriere von Novak Djokovic schaden", erwartet JUTARNJI LIST aus Zagreb.