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StartseiteHintergrundDie Kandidatin03.09.2009

Die Kandidatin

Angela Merkel im Porträt

Als Kanzlerin kann sie sich in Umfragewerten sonnen wie nur noch der Bundespräsident. Doch auf ihrem Weg an die Spitze von CDU und Regierung hat Angela Merkel häufig genug erlebt, wie schnell sich das Blatt wenden kann.

Von Sabine Adler und Jaqueline Boysen

Bundeskanzlerin Angela Merkel unterzeichnet den EU-Reformvertrag in Lissabon. (AP)
Bundeskanzlerin Angela Merkel unterzeichnet den EU-Reformvertrag in Lissabon. (AP)
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"Ja, guten Morgen meine Damen und Herren. Wir freuen uns, dass der amerikanische Präsident Barack Obama, heute die Stadt Dresden besucht und dann auch später das KZ Buchenwald, das ehemalige."

Routiniert, sachlich, fast emotionslos bewegt sich die Bundeskanzlerin auf großer Bühne. Nichts und niemand vermag sie so schnell zu beeindrucken. Je mehr sich eine Stimmung auflädt, gar in Euphorie umzuschlagen droht, desto kühler scheint sie zu agieren. Der grassierenden Obamanie scheute sie sich nicht, sogar Widerstand entgegenzusetzen, als sie dem damaligen US-Präsidentschaftskandidaten den Auftritt am Brandenburger Tor verwehrte. Herzenswärme fehle der CDU-Vorsitzenden, beklagten die Altvorderen unlängst bei der Feier zum 60-jährigen Gründungsjubiläum der Bundestagsfraktion. Empathie, Mitgefühl ist ihre Sache nicht, findet auch die Journalistin Margaret Heckel:

"Empathie ist nicht ihre Stärke. Wie bei vielen so kopfgesteuerten Menschen, so analytischen Menschen. Sie kann Empathie möglicherweise im kleinen Kreis, das kann ich nicht beurteilen, aber sie kann sie öffentlich nicht."

Anders als der Wahlkampf-Megastar Obama beherrscht Angela Merkel nach fast 20 Jahren in der Politik, nach vier Jahren im Kanzleramt noch immer nicht das Pathos. Nicht mal so viel, dass es für Deutschland reichen würde. Was an mangelndem Willen, denn Können liegen dürfte. Denn können kann sie vieles. Der Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, Peter Hintze und Margaret Heckel, zeigen sich von Angela Merkels Lernfähigkeit beeindruckt, wie die meisten, die sie aus der Nähe kennen. Die promovierte Physikerin sei ein Mensch, so Hintze,

"der eine ungeheure Lerngeschwindigkeit hat. Also ich hab in meinem Leben keinen zweiten Menschen kennengelernt, der es in dieser Präzision, Geschwindigkeit und auch Verlässlichkeit, was auch ein exzellentes Gedächtnis und eine ganz starke intellektuelle Kraft mit sich bringt."

Margaret Heckel: "Also, ich finde die These am überzeugendsten, dass sie die Grenzen nie akzeptiert hat, die ihr gesetzt wurden; und sie war ja als Kind zum Beispiel extrem unsportlich und hatte richtiggehend Angst vor Sport. Legendär ist diese Anekdote, wie sie auf dem Dreimeterbrett stand, die ganze Schulstunde über und dann wirklich nur kurz vor dem Pausengang gesprungen ist. Sie hat da immer an sich gearbeitet, um das zu überwinden. War dann eben Naturwissenschaftlerin in der DDR 35 Jahre. Und dann kam eben in der Mitte ihres Lebens diese ganz neuen Herausforderungen mit der Vereinigung und dem Berufswechsel hin als Politikerin in die westdeutsche Gesellschaft. Also sprich zu einer Zeit, wo wir alle normalerweise in der Mitte unseres Lebens eigentlich das machen, was wir gelernt haben nun weiter machen, kam für Frau Merkel eben noch mal die ganz neuen Herausforderungen, diese neuen Grenzen, die es zu überwinden gab, sodass dieser kontinuierliche Lernprozess nie aufgehört hat."

Rainer Eppelmann: "Ich kann mich noch erinnern, wie eine Fülle von Journalisten aus der Bundesrepublik Deutschland über sie hergefallen sind, sich über sie lustig gemacht hat, als sie Nachfolgerin von Klaus Töpfer geworden ist, weil man ihr einfach nicht zugetraut hat, dass sie das Format hat", "

erinnert sich Pfarrer Rainer Eppelmann, der sie Ende 1989 beim Demokratischen Aufbruch mit offenen Armen empfing.

" "Sie ist mit der Aufgabe jeweils gewachsen. Das hängt ganz sicher mit ihrem Ehrgeiz zusammen, mit ihrem hohen Grad an Intelligenz zusammen. Und dann mit der Fähigkeit, die sie hat, dies verbal so umzusetzen, dass das auch Leute verstehen können, die nicht jeden Tag mit dieser Problematik was zu tun haben."

Mit Spitzenleistung aufzuwarten, ohne sogleich Applaus zu ernten, sei eine stete Anforderung an sie in ihrem Elternhaus gewesen. Sie sollte Bestnoten nach Hause bringen, selbst wenn ihr als Pfarrerstochter nicht einmal der Studienplatz sicher war.

Während ihrer Kanzlerschaft wie zuvor als Schröder-Herausforderin konnte sich die Frau an der Spitze der CDU in Umfragewerten sonnen, wie höchstens noch der Bundespräsident. Doch gestählt von der jahrelangen Häme, mit der sie von Parteifreunden, politischen Gegnern und Journalisten zuvor jahrelang überschüttet wurde, schaut sie misstrauisch auf diese Zahlen, da sie häufig genug erlebt hat, wie schnell sich das Blatt wenden kann. Laut beklagen würde sie sich darüber nicht, zumal ihr das Glück der Tüchtigen, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein, häufig durchaus hold war. Dabei hat sie nicht vergessen, wer ihr den Weg mit ebnete. Angela Merkel:

"Ich sage nur: Wir waren ja alle Menschen um ihn herum, wir haben davon profitiert. Ich bin 1990 in die Politik gekommen. Ich bin sofort Ministerin geworden - all dies wäre ohne Helmut Kohl überhaupt nicht möglich gewesen."

Ohne ihre enorme Fähigkeit, nicht nur Niederlagen wegzustecken, sondern aus ihnen das Richtige zu lernen, hätte sie den Aufstieg bis ganz nach oben an die Spitze von Partei und Regierung aber wohl auch nicht geschafft. Und noch etwas anderes treibt sie an:

"Dieses An-die-Grenzen-Gehen, das ist für mich eines der wunderschönsten Dinge, die für mich aus dem christlichen Bild vom Menschen kommen, sich bewähren, sich einbringen, sich mühen, sich anstrengen für etwas, was mich auch an meine Grenzen bringt."

2005, als ihre CDU sie, die es nach dem Spendenskandal 1999 inzwischen zur Partei- und Fraktionschefin gebracht hatte, endlich auch zur Kanzlerkandidatin kürte, erlebte Deutschland die erstaunliche Wandlung der Oppositionsführerin. Die vollzog sich dieses Mal nicht mehr nur im Stillen, beim Analysieren, im Warten auf den richtigen Moment, wenn sich die anderen um sie herum aneinander abgearbeitet haben. Im Sommer 2005 war ihre Stunde gekommen. Mit neuer Frisur, gekonntem Make-up und farbigen Blazern ritt sie fröhlich Attacken gegen den angeschlagenen Macho-Kanzler Schröder.

Der eine, in etlichen Landtagswahlen abgestraft für die Agenda 2010, die die damaligen Oppositionsparteien CDU und FDP im Vermittlungsausschuss und Bundesrat durchaus mitbeschlossen hatten, wollte das Kanzleramt verteidigen gegen diejenige, die nach SPD-Meinung nichts als einen Katalog neoliberaler Grausamkeiten im schwarz-gelben Gepäck hatte, ausgedacht auf dem Leipziger CDU-Parteitag von 2003. Einen harten, einen ehrlichen Wahlkampf wollte Angela Merkel führen, gestärkt von traumhaften Umfrageergebnissen, die einen Sieg zum Greifen nahe vorgaukelten. Die Landung auf dem Boden der Tatsachen war umso härter. Der Widersacher triumphierte, wenngleich ein letztes Mal.

Gerhard Schröder: "Glauben Sie im Ernst, dass meine Partei auf ein Gesprächsangebot von Frau Merkel bei dieser Sachlage einginge, in dem sie sagt, sie möchte Bundeskanzlerin werden. Ich meine, wir müssen die Kirche doch auch mal im Dorf lassen. Sie wird keine Koalition unter ihrer Führung mit meiner sozialdemokratischen Partei hinkriegen. Das ist eindeutig. Machen sie sich da gar nichts vor."


"Sie wird ihm noch mal dankbar dafür sein", "

meint Jürgen Trittin, Spitzenkandidat der Grünen, mit allen Wassern gewaschener Machtpolitiker und abermaliger Spitzenkandidat der Grünen im diesjährigen Wahlkampf.

" "Damit waren alle Granden in der CDU, die noch in der Wahlnacht dabei waren sie abzusägen, gezwungen sich mit ihr zu solidarisieren."

Weil ihren Führungsstil in der Großen Koalition nicht das angekündigte Durchregieren, sondern viel eher ein Moderieren prägte, haftet ihr das Etikett "Kanzlerin des Ungefähren" an.

Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Günter Nooke, ist ein langjähriger Weggenosse und wie die Kanzlerin Naturwissenschaftler. Er kann in ihrer Zögerlichkeit keinen Fehler, sondern lediglich ihre prinzipielle Herangehensweise an die Analyse von Sachverhalten erkennen.

"Ich glaube, dass sie eher als Physikerin in dynamischem System denkt und wenn die Randbedingungen sich so verändert haben, dass klar ist, dass nur noch eine Lösung überhaupt ein Ausweg sein könnte, dann verfolgt sie den natürlich auch konsequent. Das heißt aber nicht, dass sie ihn auch für möglich hält, dass sich die Dinge wieder so ändern, dass andere Optionen offen sind."

Für Stefan Braun, Parlamentskorrespondent der Süddeutschen Zeitung, ist diese Verhaltensweise, solange zu warten, bis die Mehrheitsmeinung erkennbar wird und sich dann auf die Seite der Sieger zu stellen, eher Ausdruck von Selbstsucht.

"Frau Merkel hat bislang noch nie ein Mannschaftsgefühl entwickelt. Man muss vielleicht Handballspieler oder Mannschaftstennisspieler sein, um zu wissen, was das heißt, für andere einzustehen. Da hat Frau Merkel in der eigenen Partei durchaus schon mal Schmerzen hinterlassen. Sie hat zum Nutzen eigener Profilierung anderen ordentlich eine mitgegeben. Das ist bis heute eine Schwäche."

Ein Makel, den die breite Öffentlichkeit nicht immer mitbekommt. Etwas anderes stellt sich in dem bislang themenarmen Wahlkampf aber zunehmend als Ärgernis heraus: Die aus Überzeugung unideologische Parteichefin hütet sich so sehr vor einer polarisierenden Debatte, dass die Bürger nicht mehr wissen, wofür die CDU noch steht. Petra Bornhöft, Journalistenkollegin vom Spiegel hielt der Kanzlerin im jüngsten ARD-Presseclub vor:

"Frau Merkel unterläuft straflos das Vermummungsverbot, das bei uns gilt. Es gibt Umfragen, dass noch nicht mal 50 Prozent der CDU-Anhänger wissen, was diese Partei nach der Wahl vorhat. Insofern kann man sagen: Frau Merkel läuft vermummt durch diese Republik."

Politik ohne jede mit dem Politiker identifizierbare Idee zu betreiben, ist ein Merkmal, das allerdings auch auf andere zutrifft, sogar die, die in der ersten Reihe stehen. Stefan Braun von der "Süddeutschen Zeitung":

"Bislang hat mir das bei ihr sehr gefehlt. Ich würde, das ist etwas, was mich am meisten verwundert, auch beim SPD-Spitzenkandidaten sagen, wenn er überhaupt eine Chance haben wollen würde, müsste er eine Idee mit sich verbinden. Er ist im Augenblick einfach die ein bisschen kleiner bewertete Kopie von Frau Merkel, pragmatisch, ruhig, freundlich, aber irgendwie nicht so, dass er sagt, das ist der Grund, weshalb ich im Kanzleramt sitzen will."

Weder die CDU noch ihre Vorsitzende selbst hat je öffentlich Lehren aus dem Wahlergebnis von 2005 gezogen. Mehr, als dass sie einen solchen Wahlkampf der sozialen Kälte nie wieder führen dürfen, war nicht zu hören. Wurde sie sozialdemokratischer, weil die Bürger eine neoliberale Politik ablehnten oder weil sie diese Ideen heute für falsch hält? Sie sagt es nicht.

Im Wahlkampf 2009 reißt sich ihr Herausforderer genauso wenig wie sie um Auftritte auf Marktplätzen. Wo Steinmeier häufig zu kompliziert formuliert, erweist sich ihre Fähigkeit, politische Zusammenhänge auf griffige Formeln reduzieren, als Vorteil. Das war durchaus nicht immer so. Wie sich Mariam Lau, Parlamentskorrespondentin der "Welt" erinnert.

"Sie kennt sich in allen Details aus, zum Beispiel mit diesem Gesundheitsfonds und weiß genau die fünf Forderungen, die Pakistan an die USA haben. Sie weiß genau, wann bei zwei Grad Erderwärmung womit zu rechnen ist usw. Also dieser Kollegstil gegenüber dem sozusagen pompösen Regierungsstil, den man früher gepflegt hat. Also, man hört aus dem Kanzleramt öfter, so wie Helmut Kohl könnte man heute gar nicht mehr regieren, weil einfach dieses wahnsinnige Fachwissen gefragt ist und wer das nicht hat, wäre einfach aufgeschmissen."

Ob als Lehre aus dem Wahlkampf 2005 oder wegen ihres Selbstverständnisses als der über allen stehenden Kanzlerin, die sich nicht beteiligt am Parteiengezänk: Dass ausgerechnet sie mit ihrer sprichwörtlichen Detailkenntnis eine so inhaltsleere Kampagne fährt, lässt den Rückschluss zu, dass sich die 55jährige mit aller Vorsicht, ohne zusätzliche Risiken einzugehen, ihre zweite Amtszeit sichern möchte.

Wurde der Ostdeutschen früher mitunter ihre sauertöpfische Miene vorgehalten, liefert sie jetzt zunehmend häufiger Kostproben ihrer Schlagfertigkeit und ihres Humors, wie hier auf dem CSU-Parteitag im Juli in Nürnberg.

"Und wenn Horst Seehofer sagt, die CSU hat wieder Biss. Dann sage ich: Das ist schön. Beißt die Richtigen und dann wird's gut"

Statt Attacke lautet die Strategie aber vor allem: den Gegner umarmen. Bis er keine Luft mehr hat. Ob Wege aus der Krise, Vollbeschäftigung, der Abzug der deutschen Truppen aus Afghanistan, der Kampf um neue internationale Finanzregeln - überall, wo sich eine Kluft zwischen Union und SPD auftun könnte, schüttet die Amtsinhaberin die Gräben zu, indem sie sich bis in die Wortwahl hinein der Argumente von Steinmeier oder Finanzminister Peer Steinbrück bedient. Beim einzigen wirklichen Unterschied, dass nämlich CDU/CSU die Steuern senken wollen, ohne zu definieren, wann genau, bleibt die Kanzlerin im Vagen.

"Glaubt sie eigentlich, dass die Leute doof sind? Also mit dieser Steuergeschichte, jetzt so irgendwie auf Steuerentlastungen zu setzen, wenn jeder weiß, dass das Geld dafür nicht da ist. Da denke ich dann, das kommt nicht gut an, sondern ihre Stärke ist ja gerade: Ich rede mit euch auf Augenhöhe, von Bürger zu Bürger, und wenn das nicht funktioniert, finde ich, ist das große Versprechen der Frau Merkel eben nicht eingelöst."

Mariam Lau ist überzeugt, dass die Physikerin Angela Merkel über einen gut funktionierenden Kontrollmechanismus verfügt, der Selbstzufriedenheit, gar -gefälligkeit auszuschließen hilft.

"Die Gefahr besteht bei ihr, glaube ich, auch deshalb nicht, weil sie eben als Protestantin sich letztlich doch immer fragt, kann ich mit dem leben, was ich jetzt mache."

Sie, die mitunter mit Konventionen bricht, die so fremd in ihrer eigenen Partei wirken kann, lässt sich nicht ans Gängelband nehmen, nicht einmal von ihren engsten Vertrauten, deren Kreis ohnehin sehr klein ist. Selbstdarsteller, so viel lässt sich von außen beobachten, haben keinen Zugang zum "inner circle", dessen Credo hundertprozentige Loyalität ist. Wohl der wichtigste Grund, warum anders als zu Schröders Zeiten so gut wie nichts aus dem Kanzleramt dringt.
Auch, weil sie mit Thomas de Maiziere, dem ehemaligen Leiter der sächsischen Staatskanzlei, der zudem Finanz-, Justiz- und Innenminister in Sachsen war, einen Administrator und politisch denkenden Kopf zugleich ins Amt holte. Auf dessen Loyalität verlässt sie sich schon seit fast 20 Jahren. Ebenfalls ein Mann, der, wie sein Vorgänger Frank Walter Steinmeier, absolut geräuschlos wirken kann, sich nicht in den Vordergrund spielen muss. Die Scheinwerfer sollen sich auf die Chefin richten. Die wiederum ...

"... verzichtet auf den ganz großen Auftritt. Im Gegenteil: Sie lebt eigentlich davon, dass sie diesen nicht nötig hat, sondern dass sie mit den Leuten auf eine sehr unverstellte Art kommuniziert und an mancher Stelle auch den Moderatoren die Arbeit abnimmt, weil sie ja mit den Menschen direkt redet. Aber anders als ein Schröder, der daherkam nach dem Motto: Wer bringt mir jetzt mal eine Flasche Bier", "

sagt Sybille Quennet, stellvertretende Chefredakteurin des Kölner Stadtanzeigers und ihre frühere Sprecherin im Umweltministerium.

Politische Beobachter jedoch wissen, dass Angela Merkel vermutlich sogar noch mehr Wert auf perfekte Fernsehauftritte legt, als der angebliche Medienkanzler Schröder. Dennoch soll tunlichst der Eindruck erweckt werden, dass eitel jeweils die anderen sind. Eines jedoch lässt die Kanzlerin in jedem Fall bleiben: den Einsatz weiblicher Reize. Helga Lukoschat von der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft:

" "Frauen gehen da ja eher einen Weg, ihr Geschlecht unsichtbar zu machen, das Fachliche herauszustellen. Und Angela Merkel ist da sicher auch eher ein Beispiel dafür, dass sie sich eher neutralisiert. Der Hosenanzug von A-Z. Als sie sich einmal sehr weiblich angezogen hat, auch mit Dekolleté, ist es auch ein Riesenthema gewesen."

An das sich die Berliner Parteifreundin Vera Lengsfeld unlängst erinnerte und zu ihren Gunsten auszunutzen versuchte: Das Wahlplakat, das sie drucken ließ, zeigt die Kanzlerin und sie selbst mit gleich tiefem Ausschnitt und Perlenkette. Die Bildunterschrift lautet: Wir haben mehr zu bieten. Angela Merkel war nicht amüsiert:

"Das war die Entscheidung von Vera Lengsfeld, die sie selber getroffen hat, ich glaube, dazu ist alles gesagt."

Wie sie die Kanzlerschaft verändert hat, zeigt derzeit eine Ausstellung im Berliner Gropiusbau, nicht weit vom Kanzleramt entfernt. Die Fotografin Herlinde Koelbl hat Angela Merkel fast 20 Jahre immer wieder porträtiert. Auf den jüngsten Aufnahmen schaut sie dem Betrachter selbstsicher, aber mit weit weniger differenziertem Ausdruck entgegen als früher. Da verzichtete sie noch auf Kajal und Tusche, wirkte weit verletzlicher, fast nackt, dafür aber sehr offen, ungeschminkt eben. Auch Petra Bornhöft vom Spiegel machte über die Jahre die Beobachtung, dass sich die Kanzlerin inzwischen mehr schützt:

"Wenn ich sie heute sehe, vor allen Dingen, wenn sie ihre Betonfrisur hat, erinnert sie eher an Maggie Thatcher, was sie politisch nicht ist, aber rein äußerlich hat sie sich so eine Art Panzer zugelegt, die Macht hat sie offenbar sehr verändert."

Aber auch am Ende ihrer ersten Kanzlerschaft macht Angela Merkel einen geerdeten Eindruck, formuliert nicht nur in Politfloskeln, sondern weitgehend wie im normalen Leben. Was, wie sie selbst sagt, auch an ihrem Ehemann Joachim Sauer liegt. Der hält sich, wie er es vor vier Jahren angekündigt hatte, als Kanzlergatte fast vollständig im Hintergrund.

"Wenn man die Spitze erreicht hat", "

so die Journalistin Sybille Quennet,

" "wird man in aller Regel nicht mehr hinterfragt."

Was für die meisten Menschen in ihrem Umfeld gilt, für den Ehemann aber ganz sicher nicht. Der Quantenchemiker hält Distanz, war bei ihrer Vereidigung ins höchste Regierungsamt beispielsweise nicht zugegen.

Für sie aber, so gab sie in einer Fernsehsendung preis, sei ihr Mann - so wörtlich: fast lebenswichtig, weil sie sonst eindimensional werde.

Dass sich beide, die sich seit 1981 kennen, mit ihrer Heirat mehrere Jahre Zeit ließen, störte Kardinal Joachim Meisner so sehr, dass sie sich zu einer Rechtfertigung genötigt sahen. Für beide sei dies die zweite Ehe in die sie mit Vorsicht gehen würden. 1998 schließlich heirateten sie. Wie lange sie vorher als Paar zusammenlebten, ist nur eines gut gehüteten Geheimnisse aus dem Privatleben der Bundeskanzlerin.

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