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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Die Kanzler und die Medien16.04.2007

Die Kanzler und die Medien

Das Verhältnis der deutschen Bundeskanzler von Konrad Adenauer bis Angela Merkel zu Presse, Rundfunk und Fernsehen und ihre damit verbundenen Strategien der PR-Arbeit und Selbstinszenierung ist Thema der folgelnden Rezension. Lars Rosumek hat dazu im Münchner Campus Verlag eine ebenso umfassende wie lesenswerte Studie vorgelegt, meint Rezensentin Brigitte Baetz.

Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht im Bundesrat in Berlin zur Europapolitik. (AP)
Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht im Bundesrat in Berlin zur Europapolitik. (AP)

"Vor wenigen Tagen habe ich mich mit den großen Familienverbänden in Deutschland getroffen. Wir waren uns einig, die Lobby für Kinder und für Familien muss in Deutschland verbessert werden."

Angela Merkel ist nicht nur die erste Frau im Amt des Bundeskanzlers, sie ist auch die erste deutsche Politikerin, die sich über so genannte Videopodcasts im Internet an die Bürger wendet. Ein hochmodernes Mittel der Kommunikation - doch es dient nicht nur der Ansprache, sondern ist auch Mittel zum Zweck. Die Kanzlerin positioniert sich damit als Politikerin, die Medienkompetenz besitzt. Wie Lars Rosumek in seinem äußerst lesenswerten Buch schildert, waren alle Kanzler der Republik, mit Ausnahme von Ludwig Erhard, Politiker, die sich der Macht der Medien äußerst bewusst waren. Schon Konrad Adenauer band Journalisten ein, indem er sie zu seinen Teegesprächen lud - und er praktizierte einen Großteil seiner frühen Außenpolitik mit Hilfe von Interviews

"Es gibt diese schöne Geschichte, dass Adenauer ein Exklusivinterview in Bonn geführt hat mit dem Korrespondenten des Cleveland Plain Dealers, das ist die Hauszeitung von Präsident Truman gewesen. Ein absolut unbedeutendes Provinzblatt. Er hat das Exklusivinterview nur gegeben, um eben seinem einen Leser, nämlich Präsident Truman, zu erreichen und durch die Blume mitzuteilen, dass Deutschland an einer Mitgliedschaft in der NATO interessiert ist."

"Deutschland steht unmittelbar der sowjet-russischen Macht gegenüber. Im Falle einer russischen Aggression wären wir das Opfer, das erste Opfer. "

Adenauer war ein Patriarch, der genau deshalb das Vertrauen der verunsicherten Deutschen genoss. Der Kanzler der Westintegration verstand es allerdings auch, Staatsbesuche und Staatsakte in seinem Sinne zu nutzen und verließ sich in der Umsetzung ganz auf das Geschick seines Pressesprechers Felix von Eckhardt und seiner engen PR-Mitarbeiter, wie zum Beispiel Klaus Otto Skibowski.

Vor dem Hintergrund des Alters Adenauers haben wir die Sache mit dem Porsche in der Wagenkolonne inszeniert. Vorneweg den "jungen Porsche", der Speed machte - das Auto war im Grunde völlig unpraktisch, denn es war völlig zugebaut mit Funkgeräten, das waren ja damals Riesenkästen. Adenauers Kolonne bestand aus dem Porsche vorneweg, dem Adenauerwagen und dem Wagen mit dem Arzt, der immer mitfuhr. Die Altersproblematik ging bis in die Plakate hinein, zum Beispiel das Adenauer-Plakat 1957. Das hatte eine bekannte Düsseldorfer Fotografin fotografiert, aber es war mehr eine Fotografik, die wurde so geschönt, dass man Adenauer das Greisenhafte nicht mehr ansah.

Auch Willy Brandt, nach Adenauer bald der zweite Charismatiker im Amt des Bundeskanzlers, benutzte in den 60er Jahren als Kandidat das Auto, um sich, ganz im Stile Kennedys, als junger und moderner Politiker zu inszenieren. Er hatte ironischerweise schon als Regierender Bürgermeister von Berlin von Adenauers PR-Strategien profitiert. Um auf die kritische Lage der geteilten Stadt hinzuweisen, hatte der Alte von Rhöndorf Brandt auf Kosten des Bundes auf Weltreise geschickt und international bekannt gemacht. Auch der Kanzler Willy Brandt ließ sich von seiner Planungsabteilung ausführlich beraten und Kampagnen inszenieren. Allerdings war er selbst ein Meister der Symbolik.

"Der Kanzler schritt langsam mit dem Kranz der Bundesregierung zum Ghetto-Denkmal, diesem Denkmal, das in jenem Stadtteil gebaut ist, der 1943 beim Aufstand jener Juden, die sich nicht wehrlos nach Auschwitz transportieren lassen wollten, niedergewalzt worden ist. Als der Kanzler dann vor dem Denkmal stand, fiel er, ja man muss es wirklich so sagen, fiel er plötzlich auf die Knie. Niemand konnte sich diesem Augenblick entziehen, auch der Nüchternste war gebannt von diesem Augenblick."

Die Szene von Warschau wurde eine der Ikonen des 20. Jahrhunderts. Ob man sie einem anderen Kanzler als dem Exilanten und Anti-Nazi Brandt abgenommen hätte, ist eine andere Frage. Überzeugend legt Lars Rosumek in seinem Buch dar, dass Medienarbeit immer schon wichtig war und ist, dass sie allerdings nur begrenzt für den Fortbestand einer Politik oder Regierung verantwortlich gemacht werden kann. Beispiel Helmut Schmidt. Der Kanzler, der das Fernsehen und Journalisten verachtete, war gleichwohl ein Meister darin, sich in den Medien und für die Medien in Szene zu setzen. Nicht als Charismatiker mit Visionen, sondern als Macher.

"Nur wenn der Bürger sich für den Staat, nur wenn der Bürger sich selbst mit einsetzt, nur dann hat der Staat die Kraft, die Freiheiten und die Rechte des Bürgers zum Wohle aller, gegen einseitige Gruppeninteressen abzuschirmen und durchzusetzen."

Doch trotz seiner Beliebtheit wurde der telegene Schmidt abgelöst von Helmut Kohl, dem Kanzler der Republik, der am meisten Medienhäme auf sich zog. Ungelenk sei er, der Pfälzer, der deutschen Sprache kaum mächtig, und seine öffentlichen Auftritte überzeugten die wenigsten.

"Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, für uns alle, die wir heute am Silvesterabend im Freundes- und Familienkreis das Neue Jahr feiern, ist das ein Ausdruck der Hoffnung, der Zuversicht und der Freude am Leben. Es geht uns trotz aller Sorgen gut."

"Helmut Kohl ist eigentlich das beste Beispiel dafür, dass es neben Medienkompetenz eben noch andere entscheidende Faktoren gibt, die eine politische Karriere prägen. Helmut Kohl war in den 70er Jahren maßgeblich daran beteiligt, die CDU als Volkspartei zu etablieren, auch parteiinterne Reformen auf den Weg zu bringen. Helmut Kohl gilt heute als der Pate der Partei. Er war eigentlich ein ganz klassischer Parteikanzler und hat durch diese starke Verankerung in seiner Partei mangelndes Mediencharisma, mangelnde Medienkompetenz bis zum Ende seiner Kanzlerschaft ausgleichen können."

Kohl regierte mit der Partei, die den meisten Rückhalt in der Bevölkerung hatte. Erst mit der deutschen Einheit fand Kohl zur Rolle des Staatsmannes und wurde im Sinne der PR zu einem Symbol. Allerdings trug dieser Nimbus nicht mehr, als die Bevölkerung seiner schlicht überdrüssig geworden war.

"Wir begrüßen in unserer Mitte den zukünftigen Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, den Ministerpräsidenten von Niedersachsen, Gerhard Schröder."

Der so genannte Krönungsparteitag 1998 in Leipzig war eine Inszenierung, die als Inszenierung wieder Politik machen sollte. Seht her, so schienen die Sozialdemokraten zu sagen, wir sind die modernste Partei Deutschlands. Unser Geschick im Umgang mit den Medien zeigt, dass wir regierungsfähig sind. All das, was schon seit Beginn der Bundesrepublik gang und gäbe war, so Lars Rosumek, wurde nun als neu verkauft und von den Medien begierig als solches aufgegriffen. Amerikanisierung, strategische Planung, Umfrageorientierung - alles schon mal dagewesen, was sich wirklich geändert hat, ist die Zahl der elektronischen Medien und der Journalismus, der personenorientierter und oberflächlicher geworden ist.

"Heute spricht natürlich alle Welt davon, Medienkompetenz ist das A und O. Eine politische Karriere ohne Medienkompetenz ist eigentlich nicht vorstellbar. Andersrum wird allerdings auch ein Schuh draus. Medienkompetenz ist immer nur ein Teil der Machtbasis von Politikern. Es gibt nach wie vor sehr funktionierende Strukturen der Parteiendemokratie, dieser Begriff kommt leider immer mehr aus der Mode. Aber man sieht an Gerhard Schröder zum Beispiel, dass er trotz seiner unbestrittenen Medienkompetenz letztlich nicht gegen die Spielregeln der Parteiendemokratie anregieren konnte, als seine Mehrheiten im Bundesrat immer mehr schwanden, war er eben letztlich doch gezwungen, Neuwahlen auszurufen und ist letztlich auch gescheitert."

"Also, ich sag noch mal Herr Bundeskanzler, das sind Sie ja noch bis zur Neuwahl.
Das bleibe ich auch, Herr Brender, auch wenn Sie dagegen arbeiten.
Ob wir dagegen arbeiten? Sie haben von Medienmacht und Medienkampagne geredet.
Ja, zu Recht, wie ich finde.
Ich weise Sie darauf hin, dass der ARD und dem ZDF dies nicht vorzuwerfen ist."

Wie Lars Rosumek überzeugend nachweist, war Gerhard Schröder nie der Medienkanzler der Republik, er hatte sich nur am besten als solcher verkauft. Der erst 28 Jahre alte Rosumek, selbst als Medienberater tätig, hat ein äußerst lesbares und aufschlussreiches Buch geschrieben, das das Thema Medien und Politik um die historische Dimension erweitert und deshalb mit so mancher Legende aufräumt. Hilfreich und spannend erweisen sich dabei die Interviews, die er mit Kanzlerberatern wie Eduard Ackermann, Klaus Bölling und Andreas Fritzenkötter geführt hat und die im Buch abgedruckt sind.

Brigitte Baetz über Lars Rosumek: Die Kanzler und die Medien. Acht Portraits von Adenauer bis Merkel. Im Campus Verlag München, 325 Seiten zum Preis von 29 Euro und 90 Cent.

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