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StartseiteKalenderblattDie Katastrophe von Los Alfaques11.07.2008

Die Katastrophe von Los Alfaques

Bei einem Gefahrgutunglück in Spanien kamen vor 30 Jahren 217 Urlauber ums Leben

Vor 30 Jahren, am 11. Juli 1978, explodierte ein mit Propylen gefüllter Tanklastzug in der Nähe eines spanischen Campingplatzes und riss 200 Urlauber, darunter viele Deutsche, in den Tod. Der Laster war überladen worden. Das Unglück ging als Katastrophe von Los Alfaques in die Geschichte ein.

Von Julia Macher

Der Campingplatz Los Alfaques ist heute noch im Besitz der gleichen Familie wie 1978.  (Stock.XCHNG / Doru Lupeanu)
Der Campingplatz Los Alfaques ist heute noch im Besitz der gleichen Familie wie 1978. (Stock.XCHNG / Doru Lupeanu)

" Vor einer Stunde explodierte in San Carlos de la Rapita in Tarragona ein mit Propylen gefüllter Tanklaster und verursachte den Tod von 73 Menschen. "

Als das Radio die Meldung verlas, war das Ausmaß der Katastrophe noch gar nicht abzuschätzen: Ein Unfall hatte eine Ferienidylle auf einem katalanischen Campingplatz in ein Inferno verwandelt.

Der 11. Juli 1978 ist ein Bilderbuchtag mit wolkenlosem Himmel und hochsommerlichen Temperaturen. Der Campingplatz Los Alfaques ist mit 700 Besuchern komplett belegt. Unterm Sonnenschirm halten Urlauber aus Deutschland, Belgien, Frankreich und Spanien Siesta. Auf manchen Kohlegrills liegt noch ein Stück Steak vom Mittagessen; auf den Campingkochern brodelt der Kaffee. Es ist kurz nach halb drei, da fährt ein mit Flüssiggas gefüllter Tanklaster vorbei.

Just in dem Moment, in dem der Transporter den Platz passiert, birst der Tank. Das Propylen entweicht und breitet sich - da es etwas schwerer als Luft ist - wie ein Teppich über dem Boden aus. Ein Funke genügt, um das Gemisch zur Explosion zu bringen. Der Knall ist kilometerweit zu hören. Eine gigantische Feuerwalze rollt über den Platz. Autos, Zelte und Wohnwagen gehen in Flammen auf. Die offenen Feuerstellen entzünden neue Feuerherde. Gas- und Benzinkanister explodieren.

" Es war ein fürchterlicher, dantesker Anblick: Überall waren Tote, zum Teil stark verbrannt und genau in der Pose, in der sie gestorben waren: am Campingtisch, oder beim Sonnen am Strand. Die Druckwelle hatte sich bis aufs Meer ausgebreitet: Selbst Menschen, die zu dem Zeitpunkt im Wasser waren, starben auf Grund der immensen Hitze, und auf einem Felsen im Meer hatten sich die Hände eines Opfers eingebrannt. "

José Angel Odena arbeitete damals als Journalist für die Zeitung Diario Español, sein Urlaub hatte bereits begonnen. An die Unfallstelle fuhr er an jenem Dienstag nur, weil ausländische Freunde den Knall gehört hatten und sich um gemeinsame Bekannte sorgten. Sie hofften, durch den Journalisten schneller an Informationen zu kommen. Doch an Recherchen zu einzelnen Opfern war nicht zu denken.

" Die Überlebenden wandelten wie Zombies über den Campingplatz. Es war unmöglich, mit ihnen zu sprechen: Ich fragte, und sie starrten sprachlos zurück. Sie konnten das Ausmaß der Tragödie einfach nicht fassen, niemand konnte das. "

Auch die ersten Rettungseinheiten waren überfordert: Für eine Tragödie diesen Ausmaßes gab es in der unmittelbaren Umgebung nicht genügend Personal. Urlauber und Anwohner brachten die Verletzten zum Teil selbst in die umliegenden Krankenhäuser. Die Schwerverletzen wurden von Verbrennungsspezialisten in Kliniken in Barcelona, Madrid und Valencia behandelt. Doch für viele kam jede Hilfe zu spät: Bei der Katastrophe von "Los Alfaques" starben 215 Menschen, über 400 wurden verletzt.

" Dass der Laster ausgerechnet beim Campingplatz explodierte, war Zufall. Wäre er noch ein Stück weiter gekommen, hätte es noch schlimmer kommen können: Denn dann wäre er zwischen Wohnblocks explodiert und es hätte noch mehr Tote gegeben. "

Die Recherchen zur Unfallursache ergaben, dass der Laster an der Raffinerie überladen worden war. Normalerweise muss immer etwas Platz im Tank sein, damit sich das Gas ausdehnen kann. Doch im Tank des Unglückswagens war kein Kubikzentimeter Luft. Statt 19 waren 23 Tonnen Propylen an Bord. Das aus sprödbruchempfindlichen Material hergestellte Behältnis hielt dem Druck nicht stand und barst.

Ein Gericht verurteilte die Direktoren der Raffinerie Enpetrol und des Tankherstellers Cisternas Reunidas im Januar 1982 zu einem Jahr Haft und 1,1 Milliarden Peseten Schadensersatz, etwas über 6,6 Millionen Euro. International sensibilisierte die Katastrophe für die Risiken von Gefahrguttransporten. Die Bundesrepublik führte Fahrerschulungen ein, Spanien verbannte die "rollenden Bomben" zu bestimmten Zeiten von den Straßen.

Der Campingplatz Los Alfaques ist immer noch im Besitz der gleichen Familie wie 1978. Die Inhaberin beschloss bereits ein Jahr nach der Tragödie wieder zum Alltagsgeschäft überzugehen: Nur durch Weitermachen könne sie die Bilder von damals vergessen. An die Toten der Katastrophe erinnert eine Gedenkmauer.

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