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StartseiteForschung aktuellDie kauende und sägende Echse09.07.2012

Die kauende und sägende Echse

Der Kiefer der Tuatara sorgt für Verblüffung

Zoologie.- Der Kauapparat vieler Säugetiere ist relativ komplex aufgebaut. Das Beispiel einer Brückenechse zeigt nun: Auch manche Reptilien können mehr, als ihre Beute im Ganzen zu verschlingen.

Von Martina Preiner

Tuataras kauen ihre Beute nicht nur, sie zerschneiden sie buchstäblich. (AP)
Tuataras kauen ihre Beute nicht nur, sie zerschneiden sie buchstäblich. (AP)
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Es war ein Video, das vergangenen Dezember weltweit die Schlagzeilen der Klatschpresse füllte: Ein Brite verfüttert ein kleines Kätzchen an eine Python. Die Schlange würgt das Tier im Ganzen herunter – Bilder, die Tierschützer empörten. Zynische Menschen könnten sagen: in freier Natur sieht man doch ganz ähnliche Bilder. Der flexible Kiefer ermöglicht es manchen Schlangen, Beute in der Größenordnung von Raubkatzen zu verschlingen. Und generell wird in der Reptilienwelt nicht so viel Wert auf Kauen gelegt – das kann seine Vorteile haben.

"Wenn eine Echse oder eine Schlange ihre Beute erst lange kauen würde, wäre sie in der Zeit theoretisch auch angreifbarer. Zudem hätten Konkurrenten mehr Zeit, die Beute zu stehlen. Durch ihren simplen Kaumechanismus können sie einfach die Beute anpacken, gegebenenfalls ein paar mal darauf kauen, schlucken und sich wieder verstecken."

Doch eigentlich ist Marc Jones vom University College London fasziniert von Reptilien, die sich beim Essen mehr Zeit lassen. Es sind Cousins von Schlangen und Echsen – ihre evolutionären Wege trennten sich vor 240 Millionen Jahren. Tuataras, zu deutsch Brückenechsen, heißen die schnabelköpfigen Reptilien, heutzutage nur noch in Neuseeland heimisch. Sie kauen ihre Beute nicht nur, sie zerschneiden sie buchstäblich.

"Das Besondere bei den Tuataras ist, dass sie im Oberkiefer zwei Zahnreihen besitzen. Eine am Gaumen und eine am Kiefer. Wenn sie zubeißen, fügt sich der Unterkiefer zwischen diese beiden Zahnreihen. Dann machen Tuataras etwas, das unter heute lebenden Tieren einzigartig ist: sie schieben den Unterkiefer leicht nach vorne und zerschneiden so regelrecht das Essen zwischen den Zähnen."

Zusammen mit Kollegen entwickelte Jones ein Computermodell für den brotmesserartigen Kaumechanismus der Brückenechsen. Videos von Brückenechsen im Chester Zoo und Skelette aus Naturkundemuseen halfen den Wissenschaftlern dabei. Die eigenwillige Art, ihre Nahrung zu zerkleinern, ermöglicht es den 50 bis 75 Zentimeter langen Reptilien, den Mund ganz schön voll zu nehmen.

"Sie können Tiere essen, die größer als ihr eigener Mund sind, ohne einen flexiblen Kiefer wie Schlangen zu haben. Sie können sauber – ohne zu reißen – von ihrer Beute abbeißen. So findet man in Neuseeland am Strand große Seevögel, denen der Kopf abgesägt wurde. Das Werk von Tuataras."

Zudem lassen sich mit den Sägezähnen Chitinpanzer von Käfern, Spinnen, Heuschrecken knacken und kleinere Echsen zerschneiden. Das ist insofern erstaunlich, als dass es immer wieder Forscher gab, die höher entwickeltes Kauen als Monopol der Säugetiere verstanden. Denn die durch das Kauen im Mund vorverdaute Nahrung kann schneller in Energie umgesetzt werden. Der starke Stoffwechsel von Säugetieren benötigt diesen schnellen Weg der Energiezufuhr. Während Kaltblüter wie Reptilien mit ihrem langsamen Stoffwechsel nicht darauf angewiesen sind, ergo keinen komplizierten Kauapparat brauchen. Das Tuatara ist vielleicht die erstaunlichste Ausnahme der Regel. Wenn man genauer hinsieht, aber nicht die einzige.

"Es gibt ja auch nicht-kauende Säugetiere, wie Wale oder Ameisenbären. Und auf der anderen Seite existieren Tuataras, die einen komplexen Kaumechanismus besitzen, obwohl ihre Stoffwechselleistung sehr niedrig ist. Das alles weist darauf hin, dass der Stoffwechsel doch weniger mit der Kauart zu tun hat, als man annehmen könnte."

Ob Kauen oder nicht Kauen, hat die Evolution also ganz individuell entschieden. Die Brückenechsen auf Neuseeland, davon ist Marc Jones überzeugt, haben sich durch ihre messerscharfen Zähne und die dadurch sehr breite Nahrungspalette ihr Überleben gesichert.

"Wenn man bedenkt, wie sehr sich Neuseeland vor allem in den letzten 65 Millionen Jahren verändert hat, seit es sich von dem Großkontinent Gondwana abtrennte: Eiszeiten, Zeiten extremer Meereshöhen und so weiter. All das haben die Tuataras beziehungsweise ihre fossilen Vorfahren überlebt."

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