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StartseiteKalenderblattEin Film wie ein Wunder09.03.2015

"Die Kinder des Olymp"-UraufführungEin Film wie ein Wunder

Das melancholische Filmepos "Die Kinder des Olymp" entstand unter schwierigen Bedingungen: Im von den Deutschen besetzten Frankreich brachte Regisseur Marcel Carné es fertig, in knapp zwei Jahren mit einfachsten Mitteln einen Schwarzweiß-Streifen zu realisieren, der zu den größten Erfolgen des französischen Nachkriegskinos wurde. Vor 70 Jahren wurde er uraufgeführt.

Von Björn Stüben

Der französische Schauspieler, Regisseur und Theaterleiter Jean-Louis Barrault in der Rolle des Scapin in Molieres "Les Fourberies des Scapin" (undatiert). Berühmt wurde er in der Rolle des Pantomimen Baptiste in dem Filmklassiker "Die Kinder des Olymp" aus dem Jahr 1944. Mit seiner Ehefrau M. Renaud gründete er 1946 die Theatergruppe "Compagnie Madeleine Renaud-Jean-Louis Barrault". Er wurde am 8. September 1910 in Le Vesinet geboren und verstarb am 22. Januar 1994 in Paris. (picture alliance / dpa / DB)
Der französische Schauspieler, Regisseur und Theaterleiter Jean-Louis Barrault (picture alliance / dpa / DB)

"Die Vorstellung beginnt! Sie ist einmalig und gratis für alle, die jeden Sou umdrehen, für Geizhälse und Gaffer! Die Direktion hat keine Mühe und keine Kosten gescheut!"

Paris im frühen 19. Jahrhundert: Die unzähligen Theater werben lautstark um die Gunst der Zuschauer. Inmitten des bunten Treibens: die schöne Garance, die die Blicke der Männer auf sich zieht. Vier galante Verehrer, die unterschiedlicher kaum sein könnten, machen ihr nacheinander den Hof. Es ist ein romantisches Spiel um Liebe und Liebesschmerz, das Drehbuchautor Jacques Prévert und Regisseur Marcel Carné in dem Filmepos "Les Enfants du Paradis, Die Kinder des Olymp" poetisch inszenierten. Der in seinem Titel auf die obersten, Paradis genannten Ränge im Theatersaal anspielende Schwarzweiß-Film wurde nach knapp eineinhalbjähriger Drehzeit am 9. März 1945 in Paris uraufgeführt. Über das Filmemachen unter deutscher Besatzung der Szenenbildner und ungarische Jude Alexandre Trauner:

"Die Entstehungsgeschichte des Films ist sehr interessant, denn als der Krieg ausbrach, war uns klar, dass wir keine aktuellen Themen mehr aufgreifen konnten. Die Gegenwart wurde zu gefährlich, denn die Denunzianten lauerten überall. Jeder verfiel in Psychosen, die einen nicht mehr losließen."

Das im Film gezeigte Paris bestand vor allem aus dem nachgebauten Boulevard du Temple, der einst berühmtesten Pariser Theatermeile. Sie sollte in den 1860er Jahren unter Stadtpräfekt Baron Haussmann der Spitzhacke zum Opfer fallen. Der Volksmund nannte den breiten Straßenzug Boulevard du Crime, den Boulevard des Verbrechens, weil auf seinen Theaterbühnen allabendlich gemordet wurde. Der Direktor der Cinématèque Française, Laurent Mannoni:

"Das Fantastische an diesem Film ist, dass wir völlig eintauchen in dieses romantische Paris, das hier präzise geschildert und historisch korrekt wieder aufersteht. Es gab das Theater Les Funambules oder das La Gaîté. Eines hieß seltsamerweise nur Le grand Théâtre, für das es kein Vorbild gab. Der Rest jedoch wurde sehr authentisch rekonstruiert."

Miserable Produktionsbedingungen

Neben den Kulissen sind auch die männlichen Charaktere des Films historisch belegt. Der berühmte Pantomime Jean-Gaspard Debureau, im Film von Jean-Louis Barrault gespielt und Garance' große Liebe, ist bis heute eine französische Theaterlegende. Der charmante Frédéric Lemaître war ein von Victor Hugo hochgeschätzter Schauspieler, und Pierre-François Lacenaire ein berühmter Dichter und Verbrecher, der als Mörder unter der Guillotine endete. Nur die Figur der schönen Garance ist frei erfunden. Sie wurde von Arletty gespielt, die sich später stolz erinnerte, dass selbst die große Diva Greta Garbo nie das Glück einer solchen Rolle gehabt hätte.

"La plus grande disons femme du cinema disons comme Greta Garbo n'a pas eu un rôle pareil, ça c'est vraiment ... j'ai eu cette chance là ..."

"Frédéric, comment êtes- vous là?"

"Paris est tout petit pour ceux qui s'aiment comme nous."

Auf einfühlsame Liebeserklärungen verstand sich der große Charmeur Frédéric blendend und Garance erlag natürlich seinem Werben. Doch auch die allerschönste Romanze konnte nicht über die miserablen Produktionsbedingungen des Films hinwegtäuschen. Jüdische Mitarbeiter konnten nur unter Decknamen auftreten, und einige führte die Gestapo ab. Stromrationierungen ließen oft nur eine Drehstunde pro Tag zu, und manches Kostüm wurde aus Papier gefertigt, da es an Stoff mangelte. Dennoch konnte zwischen August 1943 und März 1945 einer der bedeutendsten Filme der Nachkriegszeit entstehen. Der Historiker Noël Herpé:

"'Les Enfants du Paradis' ist ein klassischer Film, er wollte nicht modern sein, er stand am Ende der großen Epoche des poetischen Realismus der 30er Jahre. Carné hat mit ihm aber auch eine Hommage an den Stummfilm und an das Theater schaffen wollen, denn er war ein ausgesprochener Nostalgiker."

Dass Marcel Carnés Epos zu den großen Filmklassikern gehört, ließ auch Starregisseur Luc Bessondurchblicken:

"Der Film ist einfach da, er ist präsent. Direkte Bezüge gibt es heute für die Regisseure nicht mehr, denn die Technik hat sich geändert. Aber die Seele des Films lebt weiter, er war echt und mit Liebe gedreht. So ein Film altert nie."

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