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StartseiteMusikjournalChorwerk aus dem Tablet25.11.2019

"Die Kinder über dem Informationsmeer"Chorwerk aus dem Tablet

Der Komponist Thomas Meadowcroft hat nach einem Weg gesucht, das Internet in Töne zu fassen. Herausgekommen ist ein Werk für den Mädchenchor der Berliner Sing-Akademie. Text und Musik werden dabei von Tablets abgelesen - für die Kinder und die Chorleiterinnen eine Herausforderung.

Von Matthias Nöther

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Zwei über Tabletcomputer gebeugte Mädchen (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
"60 Mädchen, die in so ein Tablet starren. Das ist ja so dieses Trauma der Elterngeneration", sagt Chorleiterin Gudrun Gierszal (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
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Auch in Zeiten, in denen Youtube, Instagram und ähnliche Portale für Fotos und Videos immer mehr Mitglieder und Klickzahlen verbuchen können, ist das Internet weiterhin textbasiert – wer durchs Netz browst, liest und schreibt darin vor allem. Genau diesen Umstand bildet der Komponist Thomas Meadowcroft in seinem Stück für 60-köpfigen Mädchenchor und Streichorchester ab: "Die Kinder über dem Informationsmeer". Online Geschriebenes wird hier weitgehend chorisch gesprochen, nicht gesungen.

"Wir mussten anhalten und weinen", heißt es beispielsweise in diesem Kommentar auf Youtube – sehr private Erinnerungen an ein Musikstück, das offenbar von jemandem vor Jahren erstmals bei der Fahrt auf der Autobahn gehört wurde. Thomas Meadowcroft hat Kommentarspalten von Musikvideos durchsucht und die Texte in seine Komposition eingefügt. Mithilfe eines Computerprogramms wurden es am Ende 190.000 Videos auf Youtube, aus denen er das Textmaterial zusammenstellte.

"Es ist ein ganz einfaches ästhetisches Konzept"

"Interessanterweise nach 190.000 Videos ist nicht viel Inhalt rausgetropft. Das heißt, ich habe auch manche Texte ein bisschen schicker gemacht. Das war schon interessant. Zum Beispiel gab es immer dieses Thema, dass Popmusik für Kinder ist und klassische Musik für Erwachsene. Das ist ein altes Klischee über klassische Musik, das fand ich spannend. Dieses Muster hat sich langsam geformt durch die Forschung, zum Beispiel ging es darum, ob Bach oder Beethoven besser ist, und Chopin macht krank, und so weiter."

Die Art, wie über klassische Musik im Internet gedacht und geurteilt wird, setzt die entsprechenden Geschmacksurteile der nichtdigitalten Welt einfach fort. Die einzelnen Aussagen der tausenden Youtube-Nutzerinnen und -nutzer sind für Meadowcroft inhaltlich nicht interessant, auch nicht die Musik, über die jeweils geredet wird. Dem Komponisten geht es um etwas anderes.

"Es ist ein ganz einfaches ästhetisches Konzept. Man nimmt etwas aus einem Kontext, und man stellt das in einen neuen Kontext von verschiedenen kulturellen Kontexten. So ist das Spiel. Das habe ich schon in anderen Stücken gemacht. Was ist Kunst, und was ist populär? Und mit diesen Grenzen zu spielen, finde ich sehr spannend."

Jugendliche für Online-Foren sensibilisieren

Wie sehr viele Projekte des Mädchenchors hat auch dieses Projekt für die Sing-Akademie zu Berlin ein Bildungsziel. Zum Beispiel geht es darum, die Mädchen des Chores dafür zu sensibilisieren, dass Jeder und Jede in bestimmten Online-Foren einfach alles schreiben kann – ob es stimmt, ob es begründet ist oder eben nicht. Der zwölfjährigen Mica Menzinger war das schon vorher klar.

"Teilweise ist es sehr grotesk, was die Leute dort schreiben und auch sehr komisch halt. Wenn man sich das mal durchliest, ist es komisch, wie solche Gespräche über Kommentare starten."

"Wir haben das gespielt, als Anton, die Schildkröte starb." Ein weiterer Youtube-Kommentar, begleitet von Meadowcrofts stets absichtlich angekitschter Streichermusik. Auch anhand des Chorsatzes sollen die Kinder etwas lernen. Er birgt andere Herausforderungen als das sonstige Repertoire des Mädchenchors. Xenia Frank, elf Jahre alt: "Es ist halt sehr schwer, genau gleichzeitig zu sprechen, dann auch noch mit Betonungen und solchen Sachen, da macht es jeder ja ein bisschen anders, und dann ist es ziemlich schwer, das genau so zu kriegen, und dann auch noch über die Musik."

Die Macht der Tablets

Doch das Bildungsziel für die acht- bis zwölfjährigen Mädchen des Chores erreicht die Sing-Akademie nicht nur durch die ungewöhnliche Arbeit an diesem Stück neuer Musik. Die Mädchen und die Leiterinnen des Chores machen auch selbst die Erfahrung, Teil eines künstlerischen Versuches zu sein. Der vollzieht sich schon dadurch, dass die Mädchen nicht aus gedruckten Noten singen, sondern Musik und Text von Tablets ablesen – mit denen sie in den Proben und in der Aufführung natürlich auch ganz woanders sein können als bei der Sache. Wie Geräte zur digitalen Kommunikation Aufmerksamkeit und kreatives Potenzial absorbieren, hat mit den Mädchen gemeinsam auch Gudrun Gierszal erfahren, eine der beiden Leiterinnen des Mädchenchores.

"Genau das will man ja nicht sehen: 60 Mädchen, die in so ein Tablet starren. Das ist ja so dieses Trauma der Elterngeneration. Und das auf die Bühne zu erheben und zu sagen: Das ist jetzt Teil dieses Musikwerks und das in einen künstlerischen Kontext zu stellen und gleichzeitig zu sehen, welche Macht diese Bildschirme auf die Mädchen ausüben. Also wir haben es erwartet, aber es war noch schlimmer als erwartet, wie unfokussiert die sind, sobald diese Tablets im Raum sind. Wie es unmöglich ist, die Konzentration einzufangen. Dazu muss man sagen, wir trainieren das immer wieder. Das ist etwas, das Teil unserer Probenarbeit ist, dieses Fokussieren, zu sagen: Was möchte ich erzählen? Den Ausdruck rüberzubringen, nicht nur über die Stimme, sondern über die ganze Haltung, die ganze Mimik. Und mit diesen Tablets ist das alles erstmal so: Man ist nicht im Hier und Jetzt."

"Also meine Gegenübertragung war immer aggressiv, das muss ich schon sagen. Und auch in der Ansprache an die Kinder. Wir haben einfach strenger reden müssen, um sie wieder in Kontakt zu bringen", sagt ihrerseits Eva Spaeth, die andere musikalische Leiterin des Projekts beim Mädchenchor der Singakademie. "Die Kinder über dem Informationsmeer": Dieses Stück hat alle Beteiligten mehr in die Gegenwart gebracht, als ihnen vielleicht manchmal lieb ist – in die Gegenwart von klassischer Musik im digitalen Zeitalter.

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