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StartseiteEine WeltDie kleinen Wachhunde der großen Kartelle01.12.2012

Die kleinen Wachhunde der großen Kartelle

Jugendbanden in Zentralamerika

Honduras gilt als das gefährlichste Land der Welt - gefolgt von seinen Nachbarländern El Salvador und Guatemala. Für diese Situation werden in Zentralamerika vor allem die Jugendbanden, die Maras, verantwortlich gemacht. Doch die Gangs sind oftmals selbst nur Kanonenfutter im milliardenschweren Drogenhandel.

Von Martin Polansky

Mitglieder der Gang Mara Salvatrucha in El Salvador. (picture alliance / dpa / Edgar Romero)
Mitglieder der Gang Mara Salvatrucha in El Salvador. (picture alliance / dpa / Edgar Romero)
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Berüchtigte Jugendgang
Virus der Gewalt

Der finstere Sound des Verbrechens. Gewalt als Jugendkultur. Es geht um Waffen und Morde, Macht und die Maras. Die brutalen Gangs von Zentralamerika. Tödlicher Ernst mit musikalischer Untermalung. Owen ist 17. Seine Haare sind kurz geschoren, er steht hinter Gittern. Owen ist im Jugendgefängnis von San Pedro Sula. Die Stadt gilt als die gefährlichste der Welt. Die höchste Mordrate in dem Land mit der höchsten Mordrate auf dem gesamten Globus. Honduras. Owen hat seinen Teil beigetragen zum Verbrechen, wie er prahlt:

"Raub, Mord, Erpressung. Jahrelang. Schon als Kind habe ich mich den Mara 18 angeschlossen."

Die Mara 18 und die Mara Salvatrucha. Das sind eingeschworene Gangs, meist streng organisiert, die dem perspektivlosen Nachwuchs aus den Armenvierteln das Gefühl von Macht und Zugehörigkeit verleihen. In US-Städten wie Los Angeles wurden die Maras einst gegründet. Von jungen Migranten meist aus Zentralamerika. Aber als die US-Behörden Anfang der neunziger Jahre viele Maras abschoben, übernahmen sie die Kontrolle auf den Straßen von Großstädten wie San Pedro Sula. Raub, Mord, Erpressung. Und es geht um Einflusssphären. Die beiden dominierenden Banden, die Mara 18 und die Mara Salvatrucha sind tief verfeindet, kämpfen brutal um ihre Stadtviertel. Daniel Hernandez ist Taxifahrer in San Pedro Sula. Die schwül-heiße Stadt gilt als das Wirtschaftszentrum von Honduras. Die Wahrscheinlichkeit hier umgebracht zu werden, liegt etwa 20 Mal höher als in einer US-Stadt:

"Die Busfahrer hier müssen zum Beispiel Schutzgelder zahlen. Und auch die Leute, die ein kleines Geschäft in den Barrios haben. Irgendjemand kreuzt auf und sagt, wie viel wann fällig ist. Und wer sich weigert, spielt mit dem Leben. Das Risiko ist ziemlich real."

Kultur der Gewalt. Die Regierungen Zentralamerikas hatten darauf jahrelang vor allem eine Antwort. Staatliche Gegengewalt. Mal lief das unter der Bezeichnung "Plan Harte Hand", mal unter dem Titel "Plan Besen". Massenverhaftungen, Polizeiaktionen mit vielen toten Maras. Aber Zentralamerikas Straßen wurden nicht sicherer, die Zahl der Morde stieg immer weiter an. Auch in El Salvador. In dem Land von der Größe Hessens gibt es mutmaßlich 60.000 Maras. Nach jahrelangen erfolglosen Versuchen der Eindämmung im vergangenen März ein viel beachtetes Abkommen.

Auf Vermittlung unter anderem der Kirche verpflichteten sich die Mara Salvatrucha und die Mara 18, ihre Gebietsstreitigkeiten nicht mehr blutig auszutragen. Auch sollten Angriffe auf Sicherheitskräfte unterbleiben. Schon gleich nach dem Abkommen ging die Zahl der Morde in El Salvador um beinah die Hälfte zurück. Raul Mijango ist einer der Vermittler des Abkommens. Er beschwört die ersten Erfolge:

"Der Dialog hat wichtige Resultate gebracht. Und das zeigt, dass es für dieses bisher unlösbar erscheinende Problem einen Weg geben kann. Wir dürfen uns nicht durch Zweifel lähmen lassen. Und wir müssen die historische Gelegenheit ergreifen, um das Thema von Grund auf anzugehen."

Kritiker sprechen von einem Pakt mit dem Teufel. Die Maras morden zwar nun weniger, aber sie gehen praktisch wie eh und je ihren Geschäften nach, rauben und erpressen weiter. Manche befürchten: Die Gangs könnten den Waffenstillstand nutzen, um in Ruhe ihre Macht in den Barrios zu verfestigen.

Romulo Emiliani ist der Weihbischof von San Pedro Sula. Er hat sich angeboten, einen Waffenstillstand auch in Honduras zu vermitteln. Aber: Der Monsenor sieht auch die Probleme. Die Gangs müssten tatsächlich der Gewalt abschwören. Und: In Honduras seien die Maras viel stärker als in El Salvador verwickelt in den internationalen Drogenschmuggel, das organisierte Verbrechen:

"Es gibt die alten Kartelle aus Kolumbien und die neueren aus Mexiko, die hier operieren. Achtzig Prozent der Drogen werden über Honduras transportiert. Aber die Maras sind nur die kleinen Wachhunde der großen Kartelle. Die machen das richtige Geschäft. Und sie benutzen die Maras für Auftragsmorde und um ihre Routen abzusichern."

Die Jung-Brutalos als Teil eines viel größeren Geschäftes. Tatsächlich gilt Honduras inzwischen als eine der Drehscheiben des internationalen Drogenhandels. Viel mehr als etwa El Salvador. Früher ging es um ein paar Schutzgelder von kleinen Händlern oder Busfahrern. Jetzt geht es um Milliardenbeträge. Graco Perez ist Politologe an einer Privat-Uni in Tegucigalpa, der Hauptstadt von Honduras. Die Verbindung zwischen dem kleinen und dem großen Verbrechen habe die Lage deutlich verschlimmert, sagt Perez. Und: Das organisierte Drogenverbrechen sei nur möglich, weil einflussreiche Kreise ihre schützende Hand über allem hielten:

"Es gibt Personen und Gruppen mit sehr viel Macht, die direkt in die Geschäfte verwickelt sind. Große Teile sind infiltriert. Parlamentsabgeordnete, die Justiz, Bürgermeister. Wir bräuchten zum Beispiel viel mehr Transparenz, wenn es um die Frage geht, wo Politiker ihr Geld herbekommen. Man lässt die Kartelle ihre Arbeit machen, ohne die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen."

Zentralamerika und das Verbrechen. Zumindest Owen sitzt ein. Der 17-jährige Mara, der mit seinen Gewaltgeschichten prahlt und dem verrückten Leben. Verurteilt wurde Owen allerdings nicht, wie so viele andere auch in den Gefängnissen. Die Polizei hat ihn einfach hochgenommen. Wann es jemals zu einem Prozess kommt, weiß er nicht. Owen hat Angst und Schrecken verbreitet. Und er will weitermachen auf diesem Weg. Ein Leben jenseits der Maras kann sich Owen jedenfalls nicht mehr vorstellen:

"Einen Ausstieg gibt es für mich nicht, das würde ich sowieso nicht überleben. Wenn ich mal rauskomme, werde ich einfach mehr aufpassen, dass sie mich nicht wieder einsperren. Aber ich werde immer ein Mara 18 bleiben."

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