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StartseiteKultur heuteDie Krise der 70er Jahre18.06.2007

Die Krise der 70er Jahre

Tagung des Wissenschaftszentrums Berlin

Die tatsächliche zeithistorische Zäsur für die Entwicklung der Gesellschaft war nicht 1968 sondern die Strukturkrise der 70er-Jahre - als das Öl knapp wurde und die Industrie sich zu wandeln begann. So lautete jedenfalls am Wochenende die These einer Tagung vom Wissenschaftszentrum Berlin und dem Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. Und so wurde also am Wochenende darüber diskutiert, was denn die 70er-Jahre verändert haben - in wirtschaftlicher und sozialer, aber auch in kultureller Hinsicht.

Moderation: Stefan Koldehoff

Autofreier Sonntag - Leere Straßen und Autobahnen, so wie hier im Schatten der Zeche Ewald in Recklinghausen, bestimmten am 25. November 1973 in Folge der Ölkrise das Bild auf den bundesdeutschen Straßen. (AP)
Autofreier Sonntag - Leere Straßen und Autobahnen, so wie hier im Schatten der Zeche Ewald in Recklinghausen, bestimmten am 25. November 1973 in Folge der Ölkrise das Bild auf den bundesdeutschen Straßen. (AP)

Stefan Koldehoff: Der Historiker Konrad H. Jarausch war einer Veranstalter des Kongresses, dessen Titel lautete: "Das Ende der Zuversicht?" Herr Professor Jarausch, waren die 70er denn tatsächlich so pessimistisch?

Konrad Jarausch: Ja, es hat viel mit dem Übergang von Willi Brandt zu Helmut Schmidt zu tun und mit dem Ende von Bretton Woods, das heißt dem Zusammenbruch des internationalen Währungssystems. Und dann ist dieser erste Ölschock mit den autofreien Sonntagen. Und diese Sachen zusammen bringen ein Krisengefühl, eine Verunsicherung, wo der Sinn sozusagen der Planbarkeit der Welt und der Glaube an den Fortschritt, diese Dinge werden erschüttert.

Koldehoff: Wenn man sich heute Sendungen anschaut, die über die 70er Jahre berichten, dann hat man das Gegenteil: Der Konsumismus feiert fröhliche Urständ. Das mag natürlich auch daran liegen, dass die Generation derer, die damals groß geworden ist, heute in einem Alter ist, in dem sie anfängt, sentimental zu werden, um die eigene Vergangenheit vielleicht auch zu verklären. Was hat denn dieses Furchtgefühl, das Sie da gerade beschrieben haben, ausgelöst in den 70ern?

Jarausch: Einmal der Anstieg der Arbeitslosigkeit, die über eine Million springt. Das ist aus heutiger Perspektive natürlich eine kleine Zahl. Aber damals nach der Vollbeschäftigung ist das ein enormer Schock. Es ist eine Verkettung von Dingen, die zunächst einmal so aussehen, als ob sie innerhalb von ein oder zwei Jahren wieder überwunden werden können. Aber dann kommt die zweite Ölkrise, die noch fundamentaler ist, und da brechen sozusagen die Gewissheiten des keynesianistischen Steuerungsgefühls, die brechen dann zusammen.

Koldehoff: Ist das Ganze damals öffentlich diskutiert worden? Gab es damals beispielsweise auf dem "Spiegel" Titelbilder, die wie heute sagten, so kann's nicht weitergehen?

Jarausch: Es war schon ein Unbehagen an der so genannten Überflussgesellschaft vorhanden. Und als das dann tatsächlich noch in wirtschaftliche Schwierigkeiten sich verwandelte, dann haben sozusagen die Kassandras mit dem Finger gezeigt und gesagt, wir haben's euch ja gesagt, dass es schief gehen würde.

Koldehoff: Wie hat man darauf reagiert? Hat man begonnen, sich einzuschränken, wenn Sie sagen, damals war schon sichtbar, dass der Sozialstaat sich an den Rändern überdehnen würde? Hat das Konsequenzen gehabt?

Jarausch: Ja, also 1975 gibt es das erste große Konsolidierungsprogramm des Haushalts, wo Einschnitte schon stattfinden. Und was dann hinterher kommt, ist Krisenmanagement.

Koldehoff: Sie haben in Ihrer Einladung zum Kongress die 70er Jahre oder die Strukturkrise der 70er Jahre als zeithistorische Zäsur bezeichnet. Was ist das für ein Einschnitt, was verändert sich da? Wie war die Republik früher, wie war sie danach?

Jarausch: Es ist ein schleichender Übergang und ein struktureller Übergang in ein postfordistisches Zeitalter, in dem die Massenproduktion des Käfers beim Volkswagen nicht mehr im Mittelpunkt steht, sondern ein Übergang zu einer Struktur, die von der Industrieproduktion weggeht in eine Dienstleistungsgesellschaft.

Koldehoff: Das heißt auch so was wie das Ende der Wirtschaftswunderzeit, oder muss man das vorher ansetzen?

Jarausch: Nein, nein, also das ist das Ende des Nachkriegsbooms, das ist das Ende des großen Wunders. Und dann kommt eine Ernüchterung. Denn das Wunder ist natürlich in der Retrospektive der letzten 150 Jahre die Ausnahme. Aber für die Generation, die aufgewachsen ist in dem Wunder, war das ein großer Schock.

Koldehoff: Nun könnte man ja Vergleiche ziehen zur Jetzt-Zeit. Wir haben eine Krise hinter uns. Wenn man den Wirtschaftsauguren glauben darf, dann geht's langsam wieder aufwärts. Was können wir denn heute aus dieser Betrachtung der 70er Jahre, die Sie am Wochenende angestellt haben, was können wir da heute lernen?

Jarausch: Wir können lernen, dass es nicht eine Frage der Konjunktur ist - hauptsächlich, denn Konjunkturen haben Schwankungen. Aber dass sich hinter der Konjunktur strukturelle Veränderungen in der Gesellschaft und in der Wirtschaft verbergen und dass man diese Veränderungen angehen muss, und derjenige, der nicht sozusagen dann offen ist für das Neue, der bleibt im internationalen Wettbewerb der Globalisierung auf der Strecke.

Koldehoff: Bewegt sich denn Geschichte eigentlich zyklisch, wiederholt sie sich?

Jarausch: Sie wiederholt sich manchmal, aber manchmal dann eben auch als Farce, oder wenn es vorher komisch war, dann wird sie zur Tragödie. Also die Sache mit dem Wiederholen ist so, dass man nicht direkt davon lernen kann in einem 1:1-Verhältnis. Aber wenn man sie ignoriert, dann beißt sie einen irgendwann ins Bein.

Koldehoff: Der Historiker Konrad Jarausch, vielen Dank, über die Tagung "Das Ende der Zuversicht?" in Berlin.

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