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StartseiteKultur heuteDie künstliche Aufarbeitung der Alice22.06.2012

Die künstliche Aufarbeitung der Alice

Eine Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle

Der Autor von Alice im Wunderland war nicht nur Schriftsteller, sondern auch Mathematiker, Fotograf und Kunstsammler. Die Vermessung, Berechnung, Aufzeichnung und Speicherung der Wirklichkeit war ihm geläufig. Viele fühlten sich von dem Stoff angezogen, wie nun die Ausstellung "Alice im Wunderland der Kunst" in der Hamburger Kunsthalle beschreibt.

Von Carsten Probst

Szene aus "Alice Im Wunderland" (Disney)
Szene aus "Alice Im Wunderland" (Disney)

Francesca Woodman erscheint wie eine begnadete Verkörperung der Alice im Wunderland der Gegenwartskunst. Die 1958 in Denver geborene Künstlerin, die sich 1981 mit 22 Jahren in New York das Leben nahm, fotografierte oft sich selbst, nutzte dabei Langzeit- und Doppelbelichtungen und verschiedene Kostümierungen, um ihren Körper im Raum aufzulösen, so als wandele er zwischen den Dimensionen, wie eine Gestalt zwischen Traum und Realität. Woodmans Affinität zur Antike und die obskure Kindlichkeit ihrer Selbstinszenierungen rücken sie zugleich in die Tradition der englischen Präraffaeliten, denen zu seiner Zeit auch Charles Lutwidge Dodgson mit seinen Mädchenfotografien nacheiferte. Woodman und Dodgson gehen eine magische Verbindung in dieser Ausstellung ein, die jedoch leider nicht weiter vertieft wird.

Dodgson, Lehrer für Mathematik und Logik, Hobbyfotograf und Kunstsammler, ist besser bekannt unter dem Pseudonym Lewis Carroll, unter dem er 1865 "Alice's Adventures in Wonderland" und 1871 als zweiten Band "Through the Looking-Glass" veröffentlichte und damit einen auch kommerziellen Erfolg erzielt, der aus heutiger Sicht am ehesten mit "Harry Potter" vergleichbar ist. Die künstlerische Rezeption von Joanne K. Rowlings Potter-Geschichten steht noch weitgehend aus. Die von Lewis Carroll ist inzwischen kaum noch überschaubar. Und die Hamburger Kunsthalle versucht, daraus eine eigene Geschichte zu machen.

Das gelingt am Anfang dank der faszinierenden, teilweise als Vintage erhaltenen Aufnahmen, die Charles Dodgson vor seiner Zeit als der Autor Lewis Carroll von kleinen Mädchen, inszenierten Märchen oder häuslichen Szenen gemacht hat, die der präraffaelitischen Malerei nacheiferten. Einige dieser Aufnahmen zeigen auch jene Alice Liddell, die er dann zum Vorbild für seine Alice im Wunderland machte und für die er das ursprüngliche, sogleich illustrierte Manuskript "Alice's Adventures Under Ground" schrieb. Schon hier kann man sich vor lauter ironischen und ernsten Querverweisen kaum retten – passend für die britische Tradition der Schelmenliteratur, zu der auch Alice als Kinderbuch irgendwie gehört. Das gilt auch für die Aneignung des Stoffes in der Kunst seither.

Doch wer gehofft hatte, dass es der Ausstellung gelingt, daraus ebenfalls eine spannende Erzählung zu machen, findet sich enttäuscht. Statt Carrollscher Fantasie hat sich die deutsche Museumspädagogik der Sache angenommen und das Prinzip des Summarischen und Illustrativen über den Stoff gestülpt, das den riesigen Parcours für Laien fast unüberschaubar und für Kenner ziemlich vordergründig wirken lässt. Und die Mitte aus Unüberschaubar und Vordergründig ist allzu oft Erschöpfung.

Schon in den historischen Teil sind mitunter Positionen der Gegenwartskunst eingeflochten, aber sie wirken in diesem Rahmen selbst nur wie Illustrationen, obwohl man in den allermeisten Fällen davon ausgehen kann, dass die Künstler keineswegs eine Szene oder Figur aus Carrolls Büchern nur veranschaulichen wollten. Chronologisch mäandert der Ausstellungsweg zwischen kommerzieller Ausbeutung des populären Stoffes und künstlerischen Bezugnahmen.

Den Surrealisten gefällt das Spiel mit den Kräften des Unbewussten, das sie in den Fantasiefiguren der Wunderwelt vermuten. Max Ernst zieht eher pointierte Querverweise zum kollektiven Unbewussten der Barbarei des Dritten Reiches. Der gemeinsame Alice-Trickfilm von Salvatore Dali und Walt Disney sagt indes mehr über den kommerziellen Wert des Dalíschen Surrealismus als über den Stoff selbst aus.

Künstlern der sechziger und siebziger Jahre gefiel angeblich der performative Gehalt und der Wandlungscharakter der Alice-Stoffe. Aber das wirkt schon fast, als müsse das Buch für die Klischees der jeweiligen Kunstepochen herhalten. Interessant und gut wird diese Ausstellung immer dann, wenn einzelne Arbeiten stark genug sind, um aus der chronologischen Einschachtelung herauszutreten.

Paul Laffoley, der amerikanische Outsider-Künstler, der kürzlich auch in Deutschland durch seine Ausstellung im Hamburger Bahnhof bekannt wurde, widmet Alice 1968 eine seiner gut ausgearbeiteten Universal-Weltgeistenergie-Schautafeln.

Jan Šwankmajers Kurz-Trickfilm über Carrolls Rätselfigur "Jabberwocky" von 1971 ist natürlich ein Klassiker seines Genres und steht für sich. Thorsten Brinkmanns szenische Installation "Bertha von Schwarzflug mit Zahmesdunkel" bezieht sich auf die Dunkel-Unheimliche und Fetischhafte der Wunderland-Welt, ohne den Sinn für Ironie dabei zu verlieren. Womit auch wieder Francesca Woodmans Fotografien in den Blick kommen. Sie sind nicht ironisch.

Doch in ihnen, wie in dem hinterlegten Gesamtwerk der Künstlerin, verkörpert sich eine Sehnsucht nach der Auflösung in den Dingen, nach dem Einswerden mit der Welt, nach einem Widerstand gegen das Erwachsenwerden, das zum Kern auch des Carrollschen Werkes gehört. Und in ihr verkörpert sich auch die Sehnsucht dieser Ausstellung nach einer gut ausgearbeiteten These.

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