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StartseiteLange Nacht"WIR haben noch die Erinnerung"11.08.2018

Die Lange Nacht über Estland"WIR haben noch die Erinnerung"

Die Geschichte des kleinen, baltischen Staates Estland ist bewegt, dramatisch und kaum bekannt. Es ist eine Geschichte des fortwährenden Versuchs der Auslöschung - durch ausländische Mächte. Und ihrer Gegenbewegung durch die Lieder und Literatur estnischer Künstler und Musiker.

Von Elke Pressler

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Luftaufnahme von der estnischen Hauptstadt Tallinn. (picture alliance / dpa / Mika Schmidt)
Von den gut 1,3 Millionen Einwohnern Estlands wohnen fast 600.000 in Tallinn, der Hauptstadt des Landes (picture alliance / dpa / Mika Schmidt)
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Das Gebiet wurde seit Jahrhunderten von Dänen, Deutschen, Schweden und Russen beherrscht. Nur während einer kurzen Frist, 1920-1940, war das Land in der Vergangenheit unabhängig und hatte eine bürgerliche Regierung. Seit der "Singenden Revolution" 1991 versucht Estland nun, seine Identität, seinen Kern, seine Substanz wiederzufinden.

Die Lange Nacht spiegelt die dramatischste Phase, das Trauma der sowjetischen Okkupationszeit zwischen 1939 und 1991, wider. Und sie spiegelt die Bedeutung des Gesangs, der Lieder, die zum Überleben der estnischen Seele und Identität beigetragen haben. Doch auch das "Kalevipoeg" ist ein Identitätsanker: Ohne das Nationalepos aus dem 19. Jahrhundert hätte sich die estnische Sprache nicht weiterentwickelt. Auch in elektronischen (Re-)Konstruktionen des Dichters und Lyrikers Jüri Reinvere oder in den Kompositionen Arvo Pärts entwickeln estnische Komponisten eigene Klangmuster.

(Wdh. v. 20./21.9.2014)

Estland ist ein Staat in Nordeuropa und das nördlichste Land des Baltikums. Mehr

Die Balten haben ihre Unabhängigkeit von der Sowjetunion singend erreicht. Verbotene Volkslieder zu singen, war eine politische Demonstration und Zeichen der Zusammengehörigkeit. Der langjährige Widerstand hatte Erfolg. Mehr

Als Singende Revolution wird die Periode der nationalen Bewegungen im Baltikum 1987 bis 1991 und des Kampfes um Wiedererlangung der staatlichen Unabhängigkeit bezeichnet.

Aktuelle Einschätzung der Lage in Estland von Elke Pressler

Seit Ausstrahlung der Erstsendung 2014 hat sich die Lage verschärft:

Die NATO hat in den letzten Jahren ihre Präsenz im Baltikum, in Polen und im Schwarzmeerraum erhöht und ihre Streitkräfte auf 40.000 Mann aufgestockt. Das Bündnis zitiert Russlands "Gewaltanwendung gegen seine Nachbarn" nach dem Referendum auf der Krim 2014, das zur Abspaltung der Region von der Ukraine und zur Wiedervereinigung mit Russland führte. Außerdem wirft sie Moskau vor, die rebellischen Regionen Lugansk und Donezk im Osten der Ukraine zu unterstützen.

Im Mai 2018 fanden deshalb in Estland die sogenannten "Siil" (Igel) -Übungen statt, an denen neben Truppen der estnischen Berufs- und Freiwilligenarmee, Wehrpflichtigen und Reservisten auch Einheiten aus 19 Nato- und anderen Partnerstaaten teilnehmen, insgesamt mehr als 15.000, einschließlich verstärkter "Forward Presence" -Truppen. Es war eines der bisher größten Manöver in der Geschichte des baltischen EU-und Nato-Landes. Die "Forward Presence" Aufrüstungsinitiative der Nato wurde mit der "Abschreckung Russlands" begründet.

Im Baltikum nehmen die Ängste vor Russland stetig und massiv zu, denn wie auf der Krim gibt es auch in Estland, Lettland und Litauen starke russische Minderheiten. "Sind wir als Nächstes dran?", fragen sich die Esten beklommen - nach der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim.  Deutschland garantiert Unterstützung gegen Russland.

Vor diesem aktuell-bedrohlichen Hintergrund, in dieser Gefährdungslage stand das Jubiläum: 100 Jahre Erste Unabhängigkeit Estlands von Russland  am 24. Februar 2018 in ganz besonderem Licht.

Estlands langer Weg zum eigenen Staat, NZZ am 24.2.2018

Die Geschichte des kleinen, baltischen Staates Estland

Sie ist bewegt und dramatisch - und kaum bekannt. Es ist eine Geschichte des fortwährenden Versuchs der Auslöschung.

Das Gebiet wurde seit Jahrhunderten von Dänen, Deutschen, Schweden und Russen beherrscht. Nur während einer kurzen Frist, 1918/20 - 1940, war das Land unabhängig und hatte eine bürgerliche Regierung. Seit der Unabhängigkeit 1991 durch die "Singende Revolution" versucht Estland nun, seine Identität, seinen Kern, seine Substanz (wieder) zu finden.

Das Trauma der sowjetischen Okkupationszeit

Die Lange Nacht spiegelt in der ersten Stunde die dramatischste Phase, das Trauma der sowjetischen Okkupationszeit zwischen 1939 und 1991, wider  anhand der Autofiktion "Fegefeuer" von Sofi Oksanen und der gleichnamigen Oper von Jüri Reinvere.

Die finnisch-estnische Autorin als Ehrengast während eines Interviews im Gresham Palast auf dem 21. Budapest International Book Festival in Budapest, Ungarn, am 24. April 2014.  (picture alliance / dpa / Balazs Mohai)Die finnisch-estnische Schriftstellerin und Dramaturgin Sofi Oksanen (picture alliance / dpa / Balazs Mohai)

Sofi Oksanen - ihre Website und mehr bei Wikipedia

Was ist estnisch?

Soll der russischen Minderheit ein Sprachzeugnis oder gar ein Bekenntnis zur Mehrheitskultur abverlangt werden? Und  wie definiert die sich überhaupt - in einem Land, das wie kaum ein anderes auf Internet und digitale Vernetzung setzt?

Mit ihrem Roman "Fegefeuer" hat die estnisch-finnische Autorin Sofi Oksanen vor ein paar Jahren eine Debatte ausgelöst, die noch nicht beendet scheint. Wie weit haben die Esten die Jahrzehnte sowjetischer Okkupation und erzwungenen Schweigens aufgearbeitet, und welche Lehren sind zu ziehen?  Fragen, die vor dem Hintergrund der Geschehnisse in der Ukraine neue Brisanz bekommen.

Sofi Oksanen. Fegefeuer. Aus dem Finnischen von Angela Plöger, btb / Verlagsgruppe Random House, München, 2012

Als Aliide Tru, eine alte Frau, die allein in einem Bauernhaus auf dem estnischen Land lebt, ein Bündel in ihrem Garten findet, das sich als junge Frau entpuppt, schluckt sie ihre Skepsis und Menschenverachtung herunter und nimmt Zara in ihr Haus auf. Zara ist auf der Flucht vor ihren Zuhältern, die sie mit brutalster Gewalt zur Willfährigkeit gezwungen haben und ihr schon dicht auf den Fersen sind. Doch Zara sucht keineswegs so zufällig Unterschlupf bei Aliide, wie diese glaubt: Aliide könnte die Schwester ihrer Großmutter sein. Während Zara noch Beweise für die Verwandtschaft sucht und nach einer Möglichkeit, Estland zu verlassen, fühlt sich Aliide von der jungen Frau bedroht: Zu oft musste sie Leib und Seele, Hab und Gut vor Eindringlingen schützen.
In Rückblenden entsteht das immer schärfer werdende Bild einer Familientragödie, die fast fünfzig Jahre zuvor, als Estland von den Russen besetzt wurde, ihren Höhepunkt fand. Rivalität und Eifersucht, Scham, Schutzbedürftigkeit und vor allem Angst vor der Brutalität der Männer gegenüber den Frauen - das sind die Motive, die Aliide zu unvorstellbaren Entscheidungen zwangen.

Sofi Oksanen. Stalins Kühe. Aus dem Finnischen von Angela Plöger, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2012

Annas Eltern trennen sich, als ihre Mutter Katariina herausfindet, dass ihr Mann sie betrügt. Sie, die Estin, verleugnet ihre Herkunft, weil sie weiß, welch schlechtes Ansehen Estinnen in Finnland haben. Sie gelten als russische Huren, die es geschafft haben, durch Heirat nach Finnland zu entkommen. Aus Angst, dass ihrer Tochter die gleiche Verachtung zuteil wird wie ihr, darf diese die Sprache nicht lernen und keinem sagen, woher die Mutter stammt.
Dabei fahren die beiden regelmäßig nach Estland, um die Familie zu unterstützen, die das Grauen der sowjetischen Arbeitslager kennenlernte und unter den Bespitzelungen und Erpressungen durch enge Vertraute litt. Während Anna um ihr Gewicht kämpft und lernen muss, dass sie wirklich krank ist und die anorektische Bulimie sie umbringen kann, erfährt der Leser die Hintergründe der Familiengeschichte, Ursache für Annas Leiden, die bis in die Zeit der Besetzung Estlands nach dem Zweiten Weltkrieg zurückreicht.
In brillanter Sprache, mit genauer Kenntnis der historischen Hintergründe und einer meisterhaften Komposition beweist Sofi Oksanen erneut, warum ihre Romane weltweit gefeiert werden.

Ein Buch, das wie der Bestseller "Fegefeuer" das Augenmerk auf die Frauen richtet und auf die historische Entwicklung Estlands. Und eine in der Literatur bisher kaum beachtete Zivilisationskrankheit beschreibt: die Essstörung.

Sofi Oksanen. Stalins Kühe. Titel der Originalausgabe: Stalinin Lehmät.Aus dem Finnischen von Angela Plöger. Kiepenheuer&Witsch 2012

Die Krankheit ist ihr Herr, das Essen ihre Religion: Anna ist Bulimikerin und die Erzählerin von Sofi Oksanens Debütroman "Stalins Kühe", der nun in deutscher Übersetzung erscheint - eine Erinnerungs- und Bekenntnisorgie auf 500 Seiten. Lesen

Jüri Reinvere: "Die Sowjetunion war ja hinter einem eisernen Vorhang."

Jüri Reinvere
"a second ... a century"
CD, Repinmedia

Jüri Reinvere - seine Website und mehr bei Wikipedia

Kalevipoeg, Hanse und die Macht der Sprache

Diese zweite Stunde der Langen Nacht lässt sich einteilen in drei, drei-einhalb Kapitel –  die sich allerdings durchdringen: Kalevipoeg, Hanse und die Macht der Sprache. Nennen wir das erste: trocken "Kalevipoeg" – das estnische Nationalepos und die Bedeutung der Sprache.

Kalevipoeg, das estnische Nationalepos, stellt ungeachtet der literarischen Bewertung  einen Stützpfeiler der estnischen Literatur dar. Es erschien  1857 – 1861 in estnischer und deutscher Sprache, gesammelt und metrisch verbunden von Friedrich Reinhold Kreutzwald, einem Kreisarzt aus der südestnischen Stadt Võru – kurz nach der Edition des finnischen Epos "Kalevala" durch den finnischen Arzt Elias Lönnrot.

Peter Petersen. KALEVIPOEG. Das estnische Nationalepos. Aus dem Estnischen von Ferdinand Löwe. Herausgegeben von Peter Petersen. Geleitwort Jaan Kross. Mit Beiträgen von Cornelius Hasselblatt, Peeter Järvelaid, Peter Petersen, Ülo Valk, Rein Veidemann

Das finnische Nationalepos "Kalevala" ist weithin bekannt. Es basiert – ähnlich wie die deutschen Märchensammlungen – auf Aufzeichnungen aus dem 19. Jahrhundert. Während die Märchensammlungen der Brüder Grimm oder Lönnrots Werk rasch die Begeisterung deutscher Leser zu entfachen vermochten, blieb jenseits des Baltikums nahezu unbemerkt, dass Friedrich Reinhold Kreutzwald in Estland ebenfalls ein bedeutendes Nationalepos geschaffen hatte, fast namensgleich, aber auf einer geistigen und historischen Grundlage, die sich von dem "Kalevala" wesentlich unterscheidet. Wohl liegen auch Kreutzwalds Epos Lieder und Prosaüberlieferungen der Vorzeit zugrunde, doch hält der "Kalevipoeg" überraschenderweise eine Botschaft bereit, die auf die Zukunft gerichtet ist.

Siehe Wikipedia

Jüri Reinvere: "Ich würde nicht sagen: die Esten kopieren, was die Finnen schon gemacht haben"

Meint der estnische Komponist Jüri Reinvere: "Wenn ich so sagen würde, hätte ich die ganze Rache der estnischen Literatur- und auch Identitätsforschung hinter mich, und so einfach ist es auch nicht – aber es hat damit viel zu tun, weil die Esten hatten das finnische Identitäts- und Literaturleben als ein Vorbild schon."

Merili: "Jedes Kind  hat die Aufgabe, so eine kürzere Variante von Kalevipoeg schon in der Schule durchzulesen. Ich bin mir nicht so sicher, dass sehr viele Leute das dickere Buch durchgelesen haben - aber die Geschichte kennt man schon und was da los ist."

Wie bei den meisten Nationalepen geht es auch im "Kalevipoeg"-Epos um den Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen. Die eine, die positive Seite wird von dem jungen Helden Kalevipoeg angeführt (poeg heißt Sohn, hier des Vaters Kalev). An der Spitze der anderen, der bösen Seite der Welt steht der Herrscher der Hölle, der Gehörnte, der Teufel. Zusätzlich ordnen sich die als positiv und negativ betrachteten mythologischen Wesen, Tiere und Naturkräfte in die gegensätzlichen Seiten ein. Und schließlich gibt es auch die auf die ethnisch-historische Erfahrung der Esten zurückzuführenden Kräfte: die Eisenmänner und die bösen Zauberer  auf der anderen Seite des Peipussees. Denn der Peipussee bildet die äußerste östliche Grenze zu Rußland.

Jüri Reinvere: "Die Finnen waren ja freier im russischen Imperium, also die Finnen waren ja autonomischer Teil der russischen Weltmacht und autonomische Republik. Die Esten waren abhängig. Deswegen das Gefühl der kulturellen Identität, der Kultur, das war nicht nur stärker bei den Finnen, das war viel mal mehr ausgewickelt, also die hatten diese Freiheit, die hatten diese Sprache auch schon viel mehr vorne als die Esten, die waren schon viel mal mehr weit vorne als die Esten."

Estland –  Estland auf der Suche nach sich selbst

Und diese dritte Stunde der Langen Nacht soll ganz der estnischen Musik gewidmet sein. Namen werden fallen wie Jüri Reinvere und Rudolf Tobias, Arvo Pärt, Lepo Sumera, Heino Eller und Erkki-Sven Tüür: der eine oder andere weniger bekannt in der westlichen Musikwelt, doch für das estnische Kulturverständnis prägende Künstler.

Jüri Reinvere: "Es gibt in Estland momentan wieder neue Identitätsversuche;  das geht immer darüber, was das bedeutet: ein Este heutzutage zu sein. Und die suchen das – das kann ich deutlich sehen, aber ob die eine Antwort finden, habe ich nicht bemerkt. Aber ich finde das ganz toll, dass die das fragen, weil eigentlich dieses Fragen wieder macht einen Sinn im Leben, oder ? Auch musikalisch."

Jüri Reinvere ist nicht nur Komponist, sondern ebenso Dichter und Lyriker – ein Seelen-Befrager und Sprach-Akrobat. Der sich sehr viele Gedanken macht, der sehr viel gereist ist, sowohl nach Ost, als auch nach West. Der viele Sprachen spricht und gern fabuliert auf Englisch. Der gelebt hat in Polen und in Finnland, in Schweden und in der Schweiz und in Deutschland (wie bereits Komponisten-Kollegen vor ihm im 19. Jahrhundert).

Seine Förderin, die estnisch-schwedische Pianistin Käbi Laretei, ehemals Ehefrau des Regisseurs Ingmar Bergmann, rühmt seine künstlerische Vielseitigkeit. Und – die Leidenschaft, mit der Reinvere auch die philosophischen Aspekte von Musik angeht und die verlorenen Völker in der Seele und im Ohr hat.

Jüri Reinvere: "Also, die Völker, die zum Beispiel ihre eigene Identität suchen und nicht genau wissen, was sie sind und auf der Suche immer sind, die schreiben meistens auch eine gute Musik, und die, die wieder so satt sind, die nicht. Deswegen finde ich es nicht eine schlechte Situation. Überhaupt nicht, auch wenn alle diese Fragen ohne Antwort bleiben."

Weitere Musiktipps:

Veljo Tormis
Forgotten Peoples
Estonian Philharmonic Chamber Choir
Bestellnr.: ECM 1459 / 60  4 342 75 - 2

Veljo Tormis
Casting a spell / Estonian Calendar Songs
Estonian Philharmonic Chamber Choir
Bestellnr.: Virgin Classics 7 2435 451852-2

Arvo Pärt
Sanctuary
Bestellnr. Virgin Classics 7243 5 - 4533822

Arvo Pärt
Collage
Bestellnr.: Chandos Chan 9134

Arvo Pärt, Orient Occident
Bestellnr.: ECM New Series 1795 / 472080 - 2

Erkki-Sven Tüür
Strata
Bestellnr. : ECM New Series 2040 4763799

Erkki-Sven Tüür
Flux
Bestellnr. : ECM New Series 1673465134 - 2

Jüri Reinvere: "Die Leuchtturm-Lichter pulsieren über die blaue Weite, in Richtung Freiheit, diesem Versprechen der endlosen See. Es ist nicht nötig, ganz nach oben auf den Turm zu steigen, um zu verstehen, dass die Möglichkeiten von Freiheit grenzenlos sind."

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