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StartseiteGesichter EuropasDie langen Schatten der Vergangenheit06.09.2008

Die langen Schatten der Vergangenheit

Italien und das Erbe des Faschismus

Am 8. September 1943 zerbrach die Allianz zwischen Nazideutschland und dem faschistischen Italien. Der einstige Bündnispartner wurde zum Feind. Bis zum Kriegsende 1945 tobte ein blutiger Kampf zwischen den Partisanen und den deutschen Soldaten samt den noch verbliebenen italienischen Faschisten. 65 Jahre danach ist die Erinnerung an das Geschehen damals noch immer lebendig.

Mit Reportagen von Karl Hoffmann, Redakteur am Mikrophon: Thilo Kößler

Das moderne Italien tut sich immer noch schwer mit seiner Vergangenheit: Benito Mussolini  im Jahr 1936. (AP)
Das moderne Italien tut sich immer noch schwer mit seiner Vergangenheit: Benito Mussolini im Jahr 1936. (AP)
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Ein Besucher am Grabmahl von Bennito Mussolini, Italiens ehemaligem faschistischen Diktator:

"Ich glaube, dass 30 Prozent der Italiener immer noch Gutes über ihn denken. Kann auch sein, dass ich mich täusche. Aber 30 bis 40 Prozent werden es schon sein, glaube ich."

Und ein ehemaliger Partisan, der den italienischen Faschismus und die deutsche Besatzung überlebte.

"Der italienische Faschismus ist heute genau da, wo er damals angefangen hat: Nehmen wir die Intoleranz gegen Menschen, die anders sind. All das Gerede von den Unterschieden zwischen den Rassen. Da kann ich doch nur lachen!"

Gesichter Europas an diesem Samstag: Die langen Schatten der Vergangenheit. Italien und das Erbe des Faschismus. Eine Sendung mit Reportagen von Karl Hoffmann. Am Mikrophon begrüßt Sie Thilo Kößler.

Auch 65 Jahre danach werden in Italien keine Fahnen wehen und die Zahl der Gedenkveranstaltungen wird sich in Grenzen halten: Am Datum des 8. September 1943 scheiden sich die Geister. Dieser Tag steht für die Landung der alliierten Truppen auf Sizilien und damit für ein absehbares Ende des italienischen Faschismus. Einerseits. Andererseits steht er für den Beginn eines erbitterten Bürgerkriegs zwischen dem letzten Aufgebot Mussolinis an der Seite Hitler-Deutschlands und den italienischen Partisanen, die einen immer höheren Blutzoll entrichten mussten.

Die Erinnerung ist geteilt - Italien pflegt zwar den Mythos vom kollektiven Widerstand und vom gemeinschaftlichen Sieg über den Faschismus. Die Verbrechen des Mussolini-Regimes und die Kollaboration mit Nazi-Deutschland, die eigene Schuld und das eigene Versagen werden jedoch weitgehend ausgeblendet: Eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit hat bis heute nicht stattgefunden.

Mehr noch: Die wieder erstarkte Rechte unter Führung Silvio Berlusconis arbeitet nach Ansicht ihrer politischen Gegner an einer Generalüberholung des Geschichtsbilds - die vom Widerstand geprägte politische Kultur des Landes solle korrigiert, der Faschismus relativiert werden. In diesem Sinne wurde auch Berlusconis Bemerkung diskutiert, Bennito Mussolini sei in Wahrheit ein "gütiger Diktator" gewesen. Sicher ist: Äußerungen wie diese bleiben nicht ohne Wirkung - in Predappio darf der Duce ebenso unbedarft wie unbefangen bewundert werden.


Zwischen Verharmlosung und Verherrlichung: Am Grab Mussolinis in Predappio

Am Ortseingang des Städtchens Predappio fällt der Blick zunächst auf den Hinweis neben dem Ortsschild: Strada del Vino e di Sapori, Straße des Weins und des guten Geschmacks. Und daneben noch ein Schild, das von der Partnergemeinde Breuna in Hessen kündet. Aber schon ein paar Meter weiter bietet sich Vergangenheit in schauerlicher Vielfalt dar. Im Schaufenster zweier riesiger Andenkenläden stehen Büsten von Benito Mussolini in allen Größen und Preislagen, T-Shirts mit Durchhalteparolen, Bierkrügen mit Hakenkreuz und Hitlerkonterfei, das Stück zu 8 Euro, im halben Dutzend einer gratis. Zwischen den Schaufenstern mit Naziramsch ein Tankstellenpächter, der auch am Mussolini-Mythos verdient.

"Ja hier kommen eine Menge Leute vorbei, von überall her. Auch Fremde, die fragen alles Mögliche über den Ort. Das sind wir gewöhnt, Für mich hat das mit Politik nichts zu tun, das ist Geschichte. Das ist, wie wenn man den Vatikan besucht oder Padre Pio oder Lourdes. Predappio verdient an den Besuchern, die wegen Mussolini hierher kommen. Je mehr Leute kommen, umso mehr haben wir davon."

Der Friedhof von Predappio, der dem heiligen Cassiano gewidmet ist, liegt genau am anderen Ende des kleinen Ortes. Im Hochsommer ist hier besonders viel los. Nicht nur weil die Italiener da Urlaub machen, sondern auch, weil der Duce Geburtstag hat. Am vergangenen 29. Juli wäre er 125 Jahre alt geworden. Das wird nicht offiziell gefeiert, aber vergessen oder verdrängt ist dieser Jahrestag bei vielen Italienern auch heute noch nicht. In kleinen Gruppen gehen sie durch das Eingangsportal direkt auf die am Rand des Friedhofs gelegene Gruft der Familie Mussolini zu. Rechter Hand ist der Eingang. Ein Dutzend Stufen führen hinunter in die von zahlreichen gemauerten Bögen gestützte Krypta, zwischen denen mehrere Grabstätten angeordnet sind. Im Zentrum steht der Kalksteinsarkophag des Duce, über dem in einer Mauernische eine überlebensgroße helle Marmorbüste thront.

Im feuchtwarmen Raum lastet ein intensiver Feuerlilienduft. Immer wieder werden frische Blumen nachgelegt. Viele Besucher kommen auch heute noch, um Benito Mussolini, dem Duce des Faschismus, die letzte Ehre zu erweisen

"Wir kommen aus Mailand - eigentlich wollten wir hier Verwandte besuchen, na da haben wir hier halt mal reingeschaut. Teils aus reiner Neugier, teils auch weil man an ihn glaubt. Ich weiß zum Beispiel, dass die älteren Italiener immer noch gut von ihm reden. Sie haben ihn hoch geachtet. Denn er hat viel Gutes getan. Zum Beispiel den Unterricht für alle. Die Feuerwehren hat er gegründet. Die Renten, die er ihnen gegeben hat. Er hat auch Gutes getan."

Der Mann mittleren Alters ist unschlüssig, ob soviel Lob für den Duce nicht missverstanden werden könnte. Sein Nachbar hat keine Skrupel.

"Ich glaube an seine Ideale. An die Ideale von Mussolini. Dass er dann Größenwahn hatte und Krieg führte, um andere Länder zu erobern - da hat er sicherlich Fehler begangen."

Die Gruft des Führers füllt sich. Und ganz offensichtlich nicht mit zufällig vorbeikommenden Touristen.

"Ich glaube, dass 30 Prozent der Italiener immer noch gut von ihm denken. Kann auch sein, dass ich mich täusche. Aber 30 bis 40 Prozent, das glaube ich schon."

An den Wänden sind zahlreiche Plaketten angebracht. In unterschiedlichen Größen und mit vielfältigen Lettern ist die immer gleiche Botschaft eingraviert: Die Bewunderung und Verherrlichung des italienischen Diktators, für die auch heute noch Symbol für italienischen Ruhm und italienische Ehre.
Viele der Besucher der Gruft wollen anschließend das Geburtshaus des Duce besuchen. Der Weg zurück zu dem hellen freundlichen Ort, der über bemerkenswerte Bauten aus der Zeit des Faschismus verfügt, wenn auch eindeutig überdimensioniert, aber schließlich stand hier ja die Wiege des Duce. Allerdings in einem eher einfachen, sehr kleinen, alten und inzwischen renovierten Natursteingebäude im Zentrum von Predappio. Dort findet der faschistische Alptraum jedoch auf erfrischende Weise ein sympathisches Ende.

"Ja gibt's denn keine Möbel mehr, fragen die Leute, und ich muss ihnen sagen: Die wurden bei Kriegsende alle verbrannt. Ah das waren wohl diese Scheiß Kommunisten, sagen dann die Leute, und ich muss ihnen erklären, dass das englische Soldaten waren, die froren und deshalb die Möbel verheizt haben. Die Leute haben ja keine Ahnung von der Geschichte."

Giorgio ist 27, hat ein offenes Gesicht, lange Haare. Andrea studiert Kunstgeschichte, und in Mussolinis Geburtshaus jobbt er nur zufällig, weil er gerade Semesterferien hat. Er verkauft Eintrittskarten für eine kritische Ausstellung mit Propagandamaterial aus der Zeit des Faschismus, die die meisten Besucher aber enttäuscht. Sie wollten eigentlich hier ihr Heldentum verherrlichen. Und das schlägt sich dann im Gästebuch nieder

"Ein Henker wer aufgibt, viel Feind, viel Ehr - dann steht da VIDS, das steht für Viva il duce sempre, ewiges Leben für den Duce, lauter solches Zeug, wie man es auch im Fußballstadion hört."

Solange sie nur ins Gästebuch schreiben interessiert das Andrea wenig. Aber wenn jemand versucht, ihn ins Gespräch zu ziehen oder gar von den faschistischen Idealen zu überzeugen, wird er energisch. Die Neofaschisten haben keine Ahnung, sagt er.

"Die interessieren sich doch für nichts, außer für ihre eigenen Ideen. Die Leute, die hierher kommen, wollen oft nicht nur sich selbst, sondern auch noch mich davon überzeugen, dass Mussolini eigentlich gar nichts falsch gemacht hat. Viele vergleichen ihn mit Berlusconi, der ihm aber nicht das Wasser reichen könne."

Und manchmal nimmt er allzu aufdringliche Weltverbesserer ziemlich auf den Arm

"Ich mache einen Spaß draus und sage: als Bürgermeister von Predappio wäre Mussolini ja nicht schlecht gewesen, aber als Diktator Italiens? Die Demokratie ist doch so schön, warum sollten wir uns nach dem zurücksehnen!"

Als die ersten angloamerikanischen Truppen Anfang Juli 1943 auf Sizilien gelandet waren, versuchte Mussolini noch, seinen übermächtigen Bündnispartner Adolf Hitler von der aussichtslosen militärischen Lage seines maroden Imperiums zu überzeugen - doch der Führer hatte kein Ohr für den Duce. Kurz darauf musste Italien die Waffen strecken. Mussolini wurde entmachtet, verhaftet, eingesperrt. Schließlich von deutschen Spezialeinheiten befreit und in Saló am Gardasee an die Spitze eines Marionettenregimes gestellt. Das NS-Regime reagierte unerbittlich auf die italienische Kapitulation - aus dem ehemaligen Verbündeten wurde ein Feind, aus den italienischen Soldaten Verräter. Binnen kürzester Zeit wurden dreieinhalb Millionen Soldaten entwaffnet, in Lagern interniert, deportiert oder auf der Stelle erschossen.



"Glauben, gehorchen, kämpfen!

Ein Pistolenschuss,
das Sausen des Messers
die Faust in die Hoden
den Stock über den Rücken
Sprache - kusch!
Riegel
Gefängnis
Münze
Kanone"

Nach der Kapitulation und der Auflösung der regulären Truppen ging es im Norden Italiens drunter und drüber. Aber auch im Süden, der von den Alliierten besetzt worden war, konnte von Freiheit keine Rede sein - dafür umso mehr von Hunger, Not und Verzweiflung.

Fiammetta und Nuccio sind in die Jahre gekommen - doch an diese Zeit der alliierten Besatzung und Befreiung erinnern sie sich, als sei es erst gestern gewesen.

Hunger statt Freiheit: Der vorweggenommene Frieden in Süditalien

Signora Fiammetta, eine kleine alte Dame, etwas rundlich mit üppigen weißen Haaren, rührt den Kochlöffel in der breiten Pfanne, die gefüllt ist mit Auberginenstücken, sie fügt Zucker und Essig hinzu, auch Salz und Öl. Nuccio, ihr Mann, bricht ein herzhaftes Stück Weißbrot von dem länglichen Laib und schiebt es sich in den Mund. Täglich frisches knuspriges Weißbrot ist für das Ehepaar unverzichtbar. Besser zuviel als gar kein Brot im Haus. Denn das hat Fiammetta schmerzvoll erlebt, als sie ein Mädchen war.

"Ich und meine Mutter mussten jeden Morgen um vier aufstehen, wenn wir Chancen auf etwas Brot haben wollten. Wir standen in endlosen Schlangen vor den Bäckereien. Und oft kam es vor, dass das Brot alles war, bevor wir drankamen. Es waren fürchterliche Zeiten"

Die ersten Fliegerangriffe hatten die Palermitaner schon 1940 in Angst und Schrecken versetzt. Aber erst 1943, als der Krieg in Sizilien eigentlich bereits zu Ende war, hatten die Amerikaner ohne erkennbaren Sinn die alte Stadt noch einmal massiv bombardiert, Residenzen von Baronen und Fürsten zerstört, viele hundert Zivilisten getötet und tausende von Wohnungen in Schutt und Asche gelegt.

"Alle fünf Minuten gab es Bombenalarm. Eigentlich hätten wir in den Bunker gemusst. Aber meine Mutter war inzwischen fatalistisch geworden. Sie meinte, dass man sowieso nichts machen könne, wenn die Bomben fielen. Wir hörten schreckliche Dinge. So von einem Bunker, an dessen Eingang eine Bombe explodierte. Keiner kam da lebend raus."

Nur einmal hatte Fiammetta Glück, als ein Vorratslager der deutschen Truppen bombardiert wurde:

"Ich hatte so was nie vorher in meinem Leben gesehen. Da kamen die Sturzbomber, klinkten die Bomben aus und stiegen wieder steil nach oben. Als alles vorbei war, sind wir hingegangen meine Mutter und wir vier Töchter. Und haben aus den Trümmer raus gezogen, was wir nur fanden. Aber dann mussten wir einen Großteil liegenlassen, weil wir das den langen Weg nach Hause gar nicht tragen konnten. Feine Sachen waren dabei, Dauerwurst, Schokolade, Kaffee, und dann noch Dosen mit Sauerkraut, aber das schmeckte scheußlich."

Nuccio, ihr späterer Ehemann, war zu diesem Zeitpunkt ebenfalls grade mal 13. Er und seine Familie lebten auf der anderen Seite der Insel, in Catania.

"Eines Morgens öffneten wir unsere Haustür und sahen am anderen Ende der Straße 50 deutsche Panzer, die auf uns zu fuhren. Da sagte mein Vater, gleich werden die amerikanischen und englischen Bombenflugzeuge auftauchen, und da sind wir den Ätna hinauf geflohen. Auf einmal sind unter uns auf dem Meer Kriegsschiffe aufgetaucht, und die haben begonnen, uns zu bombardieren. Neben uns war ein Haus, dem haben sie mit einer Granate eine zusätzliche Eingangstür verpasst."

Heute kann der Signor Nuccio darüber lachen, damals hätte er beinahe sein Leben gelassen.

"Bevor sie sich vor den Alliierten zurückzogen, haben die deutschen Truppen alle Straßen vermint. Dadurch sind viele Kinder und Erwachsene ums Leben gekommen. Ich erinnere mich an einen Jungen in meinem Alter, der wurde von einem Splitter am Bein getroffen. In der Wade hatte er ein riesiges Loch und sie steckten ihm ein Stück Mullbinde hinein, das auf der anderen Seite wieder herauskam."

Für Fiammetta war die Landung der Amerikaner ein Schock. Und sie konnte nicht verstehen, warum die Erwachsenen schon wieder jubelten, diesmal für die Besatzer.

"Die Leute klatschten den einrückenden Truppen zu, alle feierten. Wir Kinder dagegen haben das nicht verstanden. Denn in der Schule hatten sie uns doch den Faschismus eingetrichtert. Für uns Kinder war der Einmarsch furchtbar, ich und meine Schwestern weinten, wir empfanden das als echten Verrat. Das war schlimm."

Als in Sizilien der Krieg zu Ende war, begann erst die schlimmste Not. Bis 1946, sagt Fiammetta, habe sie gehungert. Eine ihrer Schwestern starb an Entkräftung. Dann kam der Vater aus dem Krieg in Abessinien heim und es ging langsam aufwärts. Doch Sizilien und die Hauptstadt Palermo haben noch lange gelitten. Palermo ist die letzte Stadt in Europa, in der auch heute noch ausgebombte Häuser in vielen Altstadtstraßen zu sehen sind. Dort wo der Krieg zuerst ein Ende fand, sind bis heute noch deutlich seine Spuren zu sehen.



Italien nach der Kapitulation: das war ein geteiltes Land - ein Land zwischen Krieg und Frieden. Im Süden waren die Alliierten Herr der Lage und immer weiter auf dem Vormarsch in Richtung Norden. Dort allerdings wurde erbittert weiter gekämpft - wobei jetzt mindestens zwei Kriege ausgetragen wurden: Da war zum einen der nationale Befreiungskampf, geführt von der Resistenza, dem Widerstand, und von dem kleinen Heer jener italienischen Truppen, die an der Seite der Alliierten gegen die Deutschen und die italienische Marionettenregierung von Saló kämpften. Da war zum anderen ein regelrechter Bürgerkrieg zwischen den Anhängern und Profiteuren der Faschisten und dem kleinen Kreis der aktiven Partisanen.

"Valdossola

16. Oktober 1944

Dein Gewehr ruht im Gras der Weiden.

Hier sind wir versammelt
Wir sind die letzten
Was für ein Schweigen.

Jetzt kommen sie
Sie kommen.

Dein Gewehr ruht im Wasser des Brunnens.

Oktober bitterer Wind
Die Wolke ist über dem Berg
Wer zeugt für uns.

Jetzt kommen sie
Sie kommen.

Winter des letzten Jahres
Die blinden Hände die Stirn
Und keiner schreit mehr.

Dein Gewehr ruht im Schneegestein.

Jetzt kommen sie
Sie kommen."

Franco Fortini, Lyriker und Übersetzer, einer der bekannten politischen Köpfe Italiens, überlebte den Kampf der Partisanen. Viele seiner Mitstreiter fielen oder wurden ermordet. 1:10 lautete der Schlüssel, den Wehrmacht und SS bei grausamen Vergeltungsaktionen anlegten - 10 tote Italiener für einen toten deutschen Soldaten. 100.000 Menschen kamen bei den Massakern ums Leben - ob in den ardeatinischen Gräben im März 1944, in Sant Anna di Stazzema im August 1944 oder in Marzabotto im September 1944. Überall Massenerschießungen, Hinrichtungen, Plünderungen, Vergewaltigungen, Deportationen. Bis heute blieben viele Kriegsverbrechen von SS und Wehrmacht ungesühnt. Bis heute warten die Opfer und ihre Angehörigen auf Entschädigung. Dazu gehören auch die 100.000 noch lebenden ehemaligen Zwangsarbeiter.

Italien hat den Partisanen und ihrem Kampf viel zu verdanken - die italienische Verfassung erklärt Italien ausdrücklich zu einer Republik, die aus der Resistenza geboren wurde. Der Mythos vom heroischen Widerstand war die Rechtfertigung für den Neuanfang eines besseren Italien und gleichzeitig das Alibi, um den Rest zu verschweigen. Dieser Mythos war die Hintertür für die Rückkehr in die Gemeinschaft der demokratischen Staaten. Und er sorgte dafür, dass Italien am Ende nur wie ein unterlegener Kriegsgegner behandelt wurde, der nicht für seine Kollaboration mit Nazideutschland zur Rechenschaft gezogen wurde.


Das alles weiß William Michelini, der eigentlich ganz anders heißt. Er macht sich heute seine ganz eigenen Gedanken.

Die Partisanen als gutes Gewissen Italiens: William Michelini und sein Kampf gegen den Faschismus

Der kleine alte Mann sitzt in seinem riesigen Büro. An seinem gewaltigen Schreibtisch blättert er in seinem Leben: Es ist ein kleiner Bildband mit vielen Schwarzweißfotos, Fotos vom Krieg. William Michelini war damals dabei. William ist stolz, wenn er die Bilder betrachtet. Sie beweisen ihm, dass er ein Held war. Er und seine Mitstreiter waren ein jämmerlicher Haufen, als sie gegen ein Heer antraten, das beinahe die Welt erobert hätte. Und sie schlugen den Gegner zurück, weil sie jung waren, Ideale hatten und wussten, dass sie auf der richtigen Seite der Geschichte stehen würden. Williams Eltern waren Sozialisten und hatten dafür unter Mussolini gelitten. Und so war er im Herbst 1943 in den Untergrund gegangen und zum Partisan geworden.

"Nachdem die letzte lächerliche Regierung mit dem König an der Spitze den Waffenstillstand verkündet hatte, ging sie samt den großen Kriegsherren einfach stiften. Bei ihrer Flucht ins Ausland ließen sie alle Soldaten im Stich. Es gab keine Befehle mehr, niemand wusste mehr, was zu tun war. So kam es, dass in diesem Chaos drei deutsche Soldaten eine ganze italienische Kaserne entwaffnen konnten. Das ist auch hier in Bologna passiert. Da kamen ein paar deutsche Soldaten und nahmen sämtliche Italiener gefangen. 700.000 Italiener landeten in deutschen Konzentrationslagern, Und das war die Wende, da begann der bewaffnete Widerstand."

Die mittelitalienische Stadt Bologna wurde zu einem Zentrum des Partisanenkampfes.William Michelini und seine Kampfgenossen organisierten sich in kleinen Gruppen. Jeweils vier Männer und eine Frau, stahlen Waffen und Munition und versteckten sich in den Wohnungen der Bologneser, die vor den Bombenangriffen aufs Land geflohen waren. Und dann schlugen sie zurück. Das lief ab wie im Film.

"Wir fuhren mit zwei Autos vor das Stadtgefängnis, um einige inhaftierte Partisanen zu befreien. Drei von uns trugen deutsche Uniformen, einer war als Offizier verkleidet und er konnte fließend deutsch; das hatte er in Deutschland gelernt. Ich blieb mit drei anderen am Eingang, die Verkleideten gingen hinein und überwältigten sofort die Wachmannschaften. Ich musste zwei weitere Wachen aufhalten, einer ergab sich sofort, der andere zog die Pistole und schoss auch mich. Ich wurde an den Beinen verwundet. Beim Fallen habe ich zurückgeschossen und ihn getötet. So ist es uns gelungen, 400 politische Gefangene zu befreien. Und wir waren nur zwölf Leute."

Die Partisanen erwiesen sich als effizient und gefährlich. Dies war kein offener Kampf auf dem Schlachtfeld, sondern ein Kampf im Untergrund, ein Guerillakrieg auf den die deutschen Besatzer nicht vorbereitet waren; sie versuchten Spitzel einzuschleusen.

"Das wurde dann unsere Hauptaufgabe: die Spitzel zu beseitigen. Immer wenn wir Nachricht bekamen, dass man einen von ihnen ausfindig gemacht hatte, übernahm unsere Stafette den Betreffenden. Wir folgten ihm heimlich tagelang, um sicherzugehen, dann traten wir in Aktion. Wir erledigten das immer zu zweit. Einer deckte den anderen, und dann wurde der Spitzel eliminiert."

Nach jedem Halbsatz sagt Michelini "et cetera, et cetera", "und so weiter", wie jemand, der diese Geschichten schon tausendmal erzählt hat und trotzdem nie alles loswird. Der Mann mit der brüchigen Stimme und dem breiten Bologneser Zungenschlag bemüht sich eifrig, alles zu sagen, was ihr noch zu erzählen bleibt. Michelini wird 87, er ist der Präsident der Partisanenvereinigung von Bologna, einer der letzten, die noch am Leben sind. Und einer der letzten die die verblassenden Gräuel des letzten großen Krieges auf den unscharfen Schwarzweiß-Fotos mit eigenen Augen erlebt haben.

"Das hier sind Gefangene, die lebend in die Hände der Deutschen gerieten. Das war am 8. Oktober, zwei Tage später wurden sie aufgehängt. Man hat sie mit Stacheldrahtschlingen um den Hals an Eisengitter gefesselt und ihnen dann in die Beine geschossen. Sie brachen zusammen und erdrosselten sich selbst. Das waren die Grausamkeiten der deutschen Truppen."

Diesmal bleibt Michelini das et cetera im Halse stecken. William Michelini heißt mit Vornamen eigentlich Lino. William war sein Deckname als Partisan, er hat ihn nach dem Krieg nie wieder abgelegt. Er schaut aus blassblauen Augen auf die hohen Wände im Partisanenbüro mitten im Herzen der alten Stadt Bologna. Er fühlt sich als das gute Gewissen Italiens. Sein Kampf hat im Grunde genommen nie aufgehört, so wie die Ewiggestrigen auch in Italien nie wirklich verschwunden sind. Es ist ein Kampf gegen die zunehmende Unwissenheit, gegen das Vergessen, gegen die immer wieder gleichen Methoden der Diskriminierung, von denen der Faschismus lebt.

"Der italienische Faschismus ist genau da, wo er damals angefangen hat: Nehmen wir die Intoleranz gegen Menschen, die anders sind - das erinnert an die Rassengesetze von 1938 - all das Gerede von den Unterschieden zwischen den Rassen - da kann ich doch nur lachen. Wo gibt's die denn? Wir Italiener sind ein Völkergemisch - alle sind hier durchgezogen: die deutschen Landsknechte, die Barbaren, die Gallier, et cetera."



Die Schatten der Vergangenheit: Auf keiner italienischen Stadt lasten sie so schwer wie auf Triest. Die Frage nach dem Umgang mit dem Erbe des Faschismus entzündet sich immer wieder hier. Bis 1918 gehörte die Stadt im Nordosten Italiens zum Habsburger Reich, 1920 fiel sie endgültig an Italien. Was folgte, war der gemeinsame Versuch der Schwarzhemden Mussolinis und der Braunhemden Hitlers, aus dieser Vielvölkerstadt eine "ethnisch reine" Stadt zu machen - um den Preis vieler Opfer vor allem unter den Slowenen, der größten unter den Minderheiten, die in Triest zuhause waren. Für diese faschistischen Verbrechen nahmen nach Ende des Krieges die Milizen des jugoslawischen Marschalls Tito grausame Rache. Schließlich wurde die Stadt unter alliierte Verwaltung gestellt - erst seit 1977, seit dem Vertrag von Osimo, gehört Triest völkerrechtlich zu Italien. Doch die Wunden sind noch nicht verheilt.

"Die Sprache, die der Großvater
Meines Großvaters
Nicht sprechen wollte,
als er aus Dane herunterkam,
überdeckt
und vergisst
allmählich
die Sprache, die er
sprechen wollte,
denn etwas anderes gab es
damals in Valle nicht
Ich finde es gut,
dass zwei Traditionen
in mir Wurzeln schlagen:
dass ich, wo ich gehe,
zwei Völker in mir trage,
weil ich denjenigen achte,
dem ich "Dobar dan" sage,
ich möchte nur, dass er
mir ab und zu "Bon di"
zur Antwort gibt."

Der Ostblock ist zusammengebrochen und der Vielvölkerstaat Jugoslawien implodiert. Doch trotz des EU-Beitritts Sloweniens und der offenen Schlagbäume im Zeichen der europäischen Integration sind die historischen Gegensätze und Verwerfungen noch spürbar. Die Grenzen sind in vielen Köpfen geblieben - Triest ist bis heute eine Hochburg der Rechtsextremen, wovon nicht nur faschistische Parolen an den Hauswänden zeugen.

Triest als Magnet für Rechtsextreme: Die Wunden der Geschichte und wie aus ihnen Kapital geschlagen wird

Boris Pahor sitzt an einem der alten gediegenen Tische des Jugendstilcafes San Marco in der Via Battisti in Triest. Unter den alten Leuchtern trinkt er einen Caffe Nero, wie der Espresso in Triest genannt wird. Pahor trifft sich mit Freunden und Bekannten, erzählt aus seinem Leben, wird hoch geachtet wegen seines späten Ruhms als herausragender Schriftsteller der slowenischen Minderheit in Triest. Als er auf die Welt kam, gehörte die Hafenstadt an der oberen Adria noch zum Österreichisch-Ungarischen Kaiserreich. In seiner Kinderzeit wurde sie italienisch. Die Faschisten machten ihn zwangsweise zum Italiener, und prompt musste er aufpassen, was er sagte - und vor allem in welcher Sprache.

"Ich habe damals sehr gelitten, das muss ich schon sagen. Man war verpflichtet von einem Tag auf den anderen italienisch zu sprechen. Ich bekam jedes Mal einen Klaps von meiner Mutter, wenn wir jemandem auf der Straße begegneten, den wir nicht kannten. Ich musste sofort von meiner Muttersprache slowenisch ins Italienische wechseln. Alle hatten wir plötzlich Italiener zu sein. Auch die Familiennamen wurden alle italienisiert. Mit der so genannten Assimilierung wurde die ganze Gegend dann italienisch."

Alle Assimilierung hat Boris Pahor am Ende nichts genützt. Er war und blieb Slowene, ein Feind der Faschisten und der Nazis, Pahor landete im einzigen italienischen Konzentrationslager Italiens, einer alten Reismühle am Rande von Triest, bevor er nach Deutschland deportiert wurde. Mit viel Glück überlebte er erst die Hölle von Dachau und dann das KZ von Bergen-Belsen. Doch auch nach dem Kriege musste er noch lange kämpfen bis er als Angehöriger einer Minderheit in Triest anerkannt wurde.

"Im Personalausweis von uns Slowenien steht: Italienischer Staatsbürger - aber nicht italienischer Nationalität. Und wir können heute auch einen zweisprachigen Ausweis bekommen, wenn wir ihn beantragen. Aber genau das ist das Problem. Auch heute noch sind diejenigen, die den Faschismus erlebt haben, voller Misstrauen und vermeiden es, sich öffentlich als Slowenen zu bekennen. Man hat Angst, nicht aus aktuellem Anlass, sondern vor dem, was morgen sein könnte. Was, wenn wieder einmal eine Regierung an die Macht kommt, die aus Triest wieder eine rein italienische Stadt machen möchte. Offiziell gibt es 25.000 italienische Slowenen in Triest, aber wenn man auch die nicht erfassten dazurechnet, sind es sehr viel mehr."

Pahor, ein kleiner eleganter Herr, sitzt in seinem dunklen Anzug mit fein säuberlich gebundener Krawatte vor der Spiegelwand, ihm gegenüber Paolo Rumiz, einem langjährigen Lokaljournalisten der italienischen Mehrheit, mit dem er endlos über die Geschichte der gemeinsamen Vaterstadt diskutieren kann. Triest war für das Nachkriegsitalien ein regelrechter Makel. Das jahrelange Tauziehen um ihre Zugehörigkeit zu Italien statt nach Jugoslawien erinnerte immer wieder daran, dass auch Italien, obwohl es sich noch rechtzeitig auf die Seite der Sieger gestellt hatte, den Krieg eigentlich doch verloren hatte. Eine Tatsache, die mit Schweigen verdrängt wurde, sagt Rumiz

"In diesem allgemeinen Schweigen konnten die Neofaschisten sich eine neue Existenzberechtigung verschaffen. Triest war nicht nur in Italien sondern wahrscheinlich in ganz Europa der einzige Ort, wo die Faschisten sich als Patrioten wieder beliebt machen konnten. Weil sie sich dafür stark machten, dass diese Gegend italienisch blieb anstatt von Jugoslawien einverleibt zu werden. Auch heute noch ist Triest eine Hochburg der Postfaschisten von der Nationalen Allianz. Wir spüren das jedes Mal hier, wenn die Regierung wechselt. Sobald die Rechten an die Macht kommen, wird die Grenze dicht gemacht. Heute natürlich nicht mehr wirklich, die Grenzen sind vor einem knappen Jahr gefallen, aber es bleibt weiter die Mauer im Kopf. "

Am 10.Februar dieses Jahres wurde zum ersten Mal offiziell der Gedenktag für die Opfer der Foibe begangen. Die Foibe, tiefe Spalten in der karstigen Landschaft rund um Triest, waren bei Kriegsende 1945 zum Massengrab für mehrere Tausend Menschen geworden, die aus Vergeltung von kommunistischen Partisanen beider Seiten beseitigt wurden. Alte Wunden sind mit diesem alljährlichen Gedenken wieder aufgerissen worden. Auch bei Boris Pahor, der trotz seines hohen Alters den Kampf um die Gerechtigkeit und vor allem um die geschichtliche Wahrheit niemals aufgeben wird.

"Ich gebe es zu: Die linken Vertreter meines Volkes haben bei Kriegsende Verbrechen begangen. Aber ihr Italiener müsst mir zugestehen, dass ihr damit angefangen habt. Sagen wir wenigstens die ganze Wahrheit."

Paolo Rumiz stimmt ihm bei: Italien ist beileibe kein faschistisches Land mehr. Aber wirklich Frieden geschlossen hat es bis heute nicht mit seinen östlichen Nachbarn:

"Deutschland hat mit seiner Vergangenheit abgerechnet. Und war deshalb in der Lage, sich mit dem Osten auszusöhnen. Wir haben nicht mit der Vergangenheit abgerechnet. Italien ist eines der wenigen Länder, das einen Gedenktag nicht für die eigenen Verbrechen, sondern die der anderen begeht. Wir haben einen Gedenktag, aber an dem geht es nicht um Sühne. Und es ist klar, dass das bei uns eine grenzüberschreitende Politik bisher verhindert hat. Immer noch verhindern bestimmte Kreise eine wahre Entspannung der Lage."

Sein Gegenüber Boris Pahor würde sie gerne noch erleben. Vor einer Woche wurde er 95.



Nach dem erneuten Wahlerfolg Silvio Berlusconis und seines Mitte-Rechts-Bündnisses sind die Erben Mussolinis wieder im Kommen. Silvio Berlusconi, der sich bei der Neugründung der neofaschistischen Partei La Destra - die Rechte - feiern ließ und sich die "Duce, Duce"- Rufe zur Begrüßung nicht verbat, hat die rechtspatriotische Alleanza nazionale mit ins Boot geholt, die Nachfolgepartei des früheren faschistischen MSI. Und die Lega Nord sitzt mit am Kabinettstisch - regionalistisch, sezessionistisch, rassistisch: als angebliche sog. "Padanier" gallisch-keltischen Ursprungs grenzen sich die Mitglieder der Lega Nord vom Rest Italiens ab. Seit Mitte der achtziger Jahre hat sich Italiens Parteienlandschaft dramatisch verändert - seit Anfang der neunziger Jahre knüpfen rechtsextreme Politiker immer unverhohlener an die politische Formensprache des Faschismus an. Sie ist von Feindbildern geprägt.

" Umberto Eco: Meine Schulaufsätze über den Duce

Die, die mit der neuen Rechten liebäugeln,
suchen nach "gemäßigt" konservativen Garantien
und träumen nicht von einer Rückkehr zu den
Zeiten des Duce.
Aber mir riecht das alles nach einer Regression
in die Kindheit -
Diese Suche nach einem rettenden Wesen, das uns
vor dem triumphierenden Umstürzlertum verteidigt
und neuerlich die Kleinen und Großen lehrt, welches
die "gesunden" Gefühle sind, zu denen wir zurückkehren sollen"

Mal will die Lega Nord Kanonenboote auffahren lassen, um Immigrantenboote abzuschrecken. Mal werden uniformierte Grünhemden nächtens auf Patrouille geschickt. Mal werden Lastwagen mit Schweinegülle losgeschickt, um Bauplätze für Moscheen zu verunreinigen. Ein anderes Mal Wohnwagen von Roma angezündet. Die Parolen werden immer aggressiver, diskriminierender und verletzender. Der Europarat warnte bereits in aller Form vor Rassismus in Italien. Doch die Öffentlichkeit kann sich den Hetzparolen immer weniger entziehen: Das Medienimperium Berlusconis macht es unabhängigen Stimmen schwer, sich noch Gehör zu verschaffen. Doch wer nachfragt, wird abgebürstet - vom jungen Bürgermeister von Verona zum Beispiel.

Biedermann und Brandstifter: Das politische Weltbild des Bürgermeisters von Verona

Tosi ist erst 38. Am 29. Mai 2007 erhielt er wie den Kommunalwahlen eine überraschende Mehrheit von mehr als 60 Prozent und wurde zum Bürgermeister von Verona. Doch seither wird die traditionsreiche Stadt am Südrand der Alpen, in die die alten Römer ein heute wegen seiner Opernaufführungen weltberühmtes Amphitheater bauten und wo Shakespeare sein noch berühmteres Liebespaar Romeo und Julia ansiedelte, nicht etwa von einem progressiven Politiker in neue Zukunft geführt. Nein, Flavio Tosi, der unkonventionelle jugendliche Macher ist als reaktionär einzustufen. Sein Konzept scheint einleuchtend: ein Bürgermeister muss mit starker Hand regieren.

"Man muss entschlossen handeln. Entscheidungen sind wichtig. Erst diskutiert man, dann wird entschieden. Ich bin einer, der keine Zeit mit sinnlosem Geschwätz verlieren will. Ich dulde es nicht, wenn man in einer Sitzung etwas aufs nächste Mal verschiebt. Wenn die Sitzung zu Ende ist, dann muss jeder wissen in welchem Zeitraum er was zu tun hat. Das ist meine Arbeitsmethode. Ich bin für den Dialog, aber der muss zu Entscheidungen führen, und die werden eben umgesetzt."

Doch statt den Dialog zwischen den Bürgern zu fördern, ordnet er die Räumung eines Romalagers am Stadtrand an. Die öffentliche Ordnung will er durch Picknickverbote in Parks und Rauchverbote auf offener Straße aufrecht erhalten. Polizeistaatsmethoden, wie viele meinen. Dabei konnte man Tosis wahres Gesicht im Wahlkampf gut erkennen. Selbst sein Mentor Sylvio Berlusconi war beeindruckt:

"Er ist zwar etwas ungehobelt, aber auch ausgesprochen brauchbar."

Ein Mann ohne Schnörkel und Finessen. Tosi konzentrierte sich im Wahlkampf auf einfache Fragen und noch einfachere Antworten.

"Wollt ihr weiterregiert werden von denjenigen, die die Tore Italien weit öffnen wollen, um illegale Immigranten und damit jede Menge Kriminalität ins Land zu lassen?

NEIN

Wollt ihr die Zukunft eurer Kinder von denen bestimmen lassen, die die Stellung der Familie schwächen?

NEIN"

Katholisch, ordentlich und vor allem ohne Ausländer. So stellt sich Tosi seine Stadt vor. Seit gut einem Jahr in dem halbrunden Rathaus, das direkt hinter der Arena liegt und im Faschismus errichtet wurde. Sein Zimmer ist repräsentativ, wie sich das gehört, der schlanke, mittelgroße jugendliche Bürgermeister mit den kurz geschorenen Haaren, einem sportlichen Jackett, aber stets offenem Hemd ohne Krawatte, versinkt beinahe in den gewaltigen Sesseln der Sitzgarnitur neben seinem penibel aufgeräumten Schreibtisch. Wahlkampf ist eine Sache, die Rathauspolitik eine andere. Letztere besteht aus Sitzungen und Kompromissen, da gibt sich Tosi diplomatisch. Doch draußen in der Stadt hallen die markigen Sprüche des neuen Bürgermeisters nach. Die einen komponieren Lobeshymnen mit dem Titel: Unser Tosi kämpft wie eine Löwe

Die anderen, vor allem linke Jugendliche, beschimpfen ihn lautstark mit Sprechchören.

Seit der dynamische Jungbürgermeister neuerdings auch Kunden von Prostituierten auf die Polizeiwache schleppen lässt, haben die neue Rechte und bekennende Neofaschisten Auftrieb.

Das sind für Flavio Tosi aber nur ein paar harmlose Spinner. Der Faschismus sei heute kein Thema mehr, sagt er.

"Nur noch ganz wenige, winzige Minderheiten die überzeugt sind von den Werten bestimmter Ideologien und Situationen. Die allermeisten Italiener haben das beiseite gelegt und die Irrtümer begriffen, na vielleicht nicht alle, aber die große Mehrheit hat die schwarze und auch die rote Vergangenheit und die gewalttätigen Ideologien verurteilt und abgelegt."

Dass er italienische Kommunisten und Faschisten in einen Topf wirft, grenzt an Geschichtsklitterung. Ohne die Kommunisten hätte es schließlich keinen erfolgreichen Widerstand gegeben. Und dass er die Neonazis, die sich in und um Verona eingenistet haben, verharmlost, ist bedenklich. In der Nacht zum 1. Mai 2008 wurde in der Veroneser Altstadt der 19jährige Nicola Tommassoli von drei Jugendlichen zu Tode geprügelt, denen man Verbindungen zu neofaschistischen Gruppen nachsagte. Ein Dutzend neofaschistischer Übergriffe hat es in und um Verona in den letzten zwei Jahren gegeben.

"Das sind Leute, die haben Stroh in den Köpfen. Diese Leute haben weder das Kapital oder Marx noch Mein Kampf gelesen, die haben doch keinen blassen Dunst von der Geschichte und der Vergangenheit. Das sind Ignoranten, die behaupten, sie hätten eine politische Vorstellung, dabei sind sie nur gewalttätig."

Kinder einer reichen Gesellschaft, wie sie von der Lega Nord gefordert und gefördert wird. Aber dass er und seine Partei selbst mit Gewalt drohen, Hass auf andere predigen, statt Inhalte zu vermitteln und ungeschützte Minderheiten, wie Zigeuner und illegale Immigranten, zur Zielscheibe für die unzufriedene Mehrheit machen, will Tosi nicht akzeptieren. Die Schuld für die Gewalt von Jugendlichen haben die Eltern, sagt er, am Ende dann doch nicht ohne ein leichtes Schauern vor den dunklen Schatten der Vergangenheit.

"Die Familien müssen sich ändern. Wenn ein Jugendlicher Fehler macht und man ihm nicht ein wenig Kinderstube beibringt und Respekt für seine Mitmenschen, dann geht die Gesellschaft den Bach runter. Hoffen wir, dass es nicht so weit kommt."


Und das waren: Gesichter Europas an diesem Samstag. Die langen Schatten der Vergangenheit - Italien und das Erbe des Faschismus. Mit Reportagen von Karl Hoffmann. Die Literaturauszüge hat Michael Braun ausgesucht, Babette Michel hatte die Musikredaktion. Und am Mikrophon verabschiedet sich Thilo Kößler.

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