Mittwoch, 21.11.2018
 
Seit 18:40 Uhr Hintergrund
StartseiteForschung aktuellDie Leiden des Ludwig van Beethoven07.12.2005

Die Leiden des Ludwig van Beethoven

Wissenschaftler entschlüsseln das Rätsel um den frühen Tod des Komponisten

Pathologie. - 36 Jahre nach Beethoven Tod durften Mediziner die Knochen untersuchen, um herauszufinden, welches Leiden dem Komponisten das Leben zur Hölle gemacht hatte. Damals konnte noch keine Diagnose gestellt werden. Ein Arzt behielt jedoch zwei Schädelfragmente für sich, um späteren Forschern Material für die Lösung des Rätsels zu geben. Lange waren sie vergessen, doch vor kurzem konnten sie von Wissenschaftlern untersucht werden. Das Ergebnis wurde jetzt vorgestellt.

von Volkart Wildermuth

"Symptome einer Bleivergiftung": Lange verschollene Schädelfragmente halfen US-Wissenschaftlern bei ihrem Befund.  (AP)
"Symptome einer Bleivergiftung": Lange verschollene Schädelfragmente halfen US-Wissenschaftlern bei ihrem Befund. (AP)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast

Professor William Meredith vom Beethoven-Zentrum der Universität von San Jose erinnert sich noch genau an dem Moment, als er die Überreste seines Idols erstmals in Händen hielt:

"Das war der unglaublichste Moment meines Lebens als Beethoven Experte. Ich habe meine Doktorarbeit über eine seiner Pianosonaten geschrieben, ich verehre und liebe seine Musik und da öffnete ich diese kleine, birnenförmige Schachtel und darin sind zwei Stücke des Schädels, der das Gehirn dieses Genies umschlossen hat. Es war ein sehr tief greifender Moment."

Das hinderte William Meredith nicht daran, die Knochen respektvoll in die Hände von Medizinern zu geben. Schließlich hatte Beethoven selbst in seinem Testament verfügt, dass die Ursache seiner Krankheit untersucht werden sollte. In einem ersten Schritt verglichen Forscher der Universität Münster Spuren von Erbsubstanz aus den Knochen mit denen aus einer Locke des Komponisten. Das Ergebnis zeigt, es handelt sich wirklich um Teile von Beethovens Schädel. Die gingen dann an William Walsh, einen Experten für Spurenelemente und Vitamine vom Pfeifer Behandlungszentrum in Illinois.

Normalerweise hätte er ein Stück Knochen zermahlen und chemisch analysiert. Doch das verbot sich in diesem Fall. Deshalb brachte William Walsh die Knochen zu einem der stärksten Röntgenlaser der Welt am Argonne National Laboratory. Die Röntgenstrahlen sind so intensiv und lassen sich so fein fokussieren, dass sie eine zerstörungsfreie Analyse der Elemente ermöglichen. Walsh:

"Wir haben uns besonders für Quecksilber interessiert. Seit fünfzig Jahren gibt es die Theorie, dass Beethovens Symptome von einer Syphilis stammen würden. Zu seiner Zeit wurde die Syphilis mit Quecksilber behandelt, aber wir konnten nicht einmal Spuren von Quecksilber nachweisen. Wir sind also glücklich belegen zu können, dass er nicht an Syphilis litt."

Aber woran dann? Schon als jungen Erwachsenen quälten Beethoven ständig wiederkehrende Magenkrämpfe, die so schlimm waren, dass er über Selbstmord nachdachte. Er war reizbar und hatte starken Mundgeruch, alles Symptome, die auch zu einer Bleivergiftung passen. Und tatsächlich, der Knochen und auch das Haar von Beethoven enthalten Blei und zwar in einer Konzentration, die auch Spurenelementexperte William Walsh nur selten gesehen hat:

"Wir haben mehr als 20.000 Patienten untersucht und bei allen den Bleigehalt im Blut und in den Haaren gemessen. Darunter waren nur acht Menschen die vergleichbaren Bleiwerte hatten. Alle acht sind schwer krank und ihre Symptome ähneln denen von Beethoven."

Das Blei muss nicht die einzige Ursache für Beethovens Krankheit und frühen Tod sein, aber mit Sicherheit hat das giftige Metall seine Beschwerden verstärkt. Über die Quelle des Bleis kann man nur spekulieren. Eine absichtliche Vergiftung ist aber unwahrscheinlich. Das Metall hat sich eher über viele Jahre langsam im Körper und besonders in den Knochen angesammelt.

Zu Beethovens Zeit gab es Wasserrohre aus Blei, Trinkbecher aus Zinn, die mit Blei verunreinigt waren, der Weinliebhaber Beethoven könnte sich sogar an bleiernen Flaschenverschlüssen vergiftet haben. Sicher waren damals viele Menschen mit Blei belastet, aber Beethoven scheint besonders empfindlich reagiert zu haben. Inzwischen sind die Schädelknochen wieder sicher im Beethoven Zentrum in San Jose, William Meredith will sie aber nicht ausstellen, aus Respekt vor dem Komponisten. In seinen Augen hat sich die wissenschaftliche Analyse gelohnt. Die Bleivergiftung sagt ihm auch etwas über Beethovens Musik:

"”Wir wissen, dass Beethoven Zeit seines Lebens sehr krank war und dass das Blei eine der Ursachen seiner schrecklichen Beschwerden war. Man kann sagen, dass Beethoven in seiner Musik das Leiden diskutiert, das so sehr zum menschlichen Leben gehört. Und Beethoven kannte Gram nicht nur aus der Theorie sondern aus der eigenen Erfahrung von Leid und von Schmerz.""

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk