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StartseiteTag für TagDie Leipziger Disputation30.10.2013

Die Leipziger Disputation

Serie: Philipp Melanchthon - Reformator und Bildungspolitiker, Teil 3

Im Juni 1519 besuchten Phillip Melanchthon, Martin Luther und der Wittenberger Theologieprofessor Andreas Karlstadt Leipzig. Sie waren der Einladung Herzog Georgs von Sachsen gefolgt. Der wollte ihnen beweisen, dass sich die Reformatoren auf einem Irrweg befanden.

Von Rüdiger Achenbach

Mit der Disputation in Leipzig wurde der Bruch der Wittenberger mit Rom vollzogen.   (Pfarrbriefservice/Damen)
Mit der Disputation in Leipzig wurde der Bruch der Wittenberger mit Rom vollzogen. (Pfarrbriefservice/Damen)
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"Der 24. Juni 1519 war ein heißer Sommertag. Durch das Grimmaische Tor in Leipzig fuhren zwei große Wagen. Im ersten saß Professor Karlstadt aus Wittenberg umgeben von einem hohen Berg dicker Bücher. Im zweiten Wagen saßen Martin Luther und Phillip Melanchthon. Begleitet wurden sie von ungefähr 200 Studenten, die sich mit Spießen und Handäxten bewaffnet hatten."

Der fast martialisch anmutende Einzug der Wittenberger signalisierte, dass man notfalls auch bereit war, sich mit Waffen zu verteidigen. Obwohl Herzog Georg von Sachsen ihnen freies Geleit zugesichert hatte. Doch der Herzog machte keinen Hehl daraus, dass er die reformatorischen Ideen ablehnte. Mit der Einladung der Wittenberger zu einer Disputation wollte er den Reformatoren beweisen, dass sie sich auf einem Irrweg befanden.

Als Kontrahent der Wittenberger war der bekannte Ingolstädter Theologe Johannes Mair nach Leipzig gekommen, der nach seinem bayerischen Herkunftsort "Eck" genannt wurde. Ursprünglich hatte Johannes Eck zu diesem Streitgespräch nur den Wittenberger Theologieprofessor Andreas Karlstadt eingeladen. Doch der hatte darauf bestanden, dass auch Martin Luther daran teilnehmen müsse. Denn Luther war seit seinem Thesenanschlag 1517 der eigentliche Motor der Wittenberger Reformationsbewegung.

Als Austragungsort der Disputation hatte Herzog Georg der Bärtige die Hofstube der Pleißenburg zur Verfügung gestellt. Am 27. Juni wurde das Rededuell dann von Karlstadt und Eck eröffnet. Der Bayer Eck, eine wohlgenährte und imposante Prälatengestalt, glänzte von Anfang an als scharfsinniger Disputator. Der Wittenberger Karlstadt, der bei der Anreise vom Wagen gefallen war und sich dabei beide Daumen gebrochen hatte, wirkte unkonzentriert und wühlte während der Diskussion unablässig in seinen Notizzetteln herum. Beide redeten unablässig aufeinander ein, ohne dass es zu irgendwelchen Höhepunkten gekommen wäre.

Für Philipp Melanchthon waren die unendlichen Begriffsdefinitionen der mittelalterlichen Theologie, die die beiden vornahmen, nichts als leere Phrasen. Er trat dafür ein, dass man sich am Vorbild der antiken Rhetorik orientieren und um eine konsequente Vereinfachung der Begriffe bemühen sollte. Wenn Karlstadt und Eck zum Beispiel nach scholastischer Manier darüber stritten, ob die guten Werke eines Menschen zwar als ganze, aber doch nicht total von Gott hervorgebracht würden, war das für Melanchthon eine überflüssige Haarspalterei.

Deshalb atmete er auf, als Luther endlich an die Reihe kam. Die Hofstube war jetzt bis auf den letzten Platz besetzt. Auch Herzog Georg mit seinem Gefolge und die gesamte Leipziger Professorenschaft waren anwesend. Den Auftritt Luthers wollte sich keiner entgehen lassen. Äußerlich wirkte der zu dieser Zeit noch hagere Wittenberger Mönch nicht gerade würdevoll neben der stattlichen Erscheinung Ecks. Doch Luther trat gelassen in die Arena. Wegen der Sommerhitze hielt er einen Strauß Nelken in der Hand, an dem er hin und wieder roch, um sich zu erfrischen, was Eck sichtlich irritierte. Außerdem ärgerte es Eck, dass Melanchthon, der nur Zuschauer war, Luther immer wieder irgendwelche Hinweise zuflüsterte.

Der Kirchenhistoriker Robert Stupperich:

"So wenig Melanchthon das theologische Disputationswesen Freude machte, in diesem Fall nahm er an der Auseinandersetzung größten Anteil. Er war mitgekommen, weil er überzeugt war, dass hier die Entscheidung zwischen der alten und der neuen Theologie fallen musste."

Da Eck schnell erkannte, dass man den impulsiven Luther leicht provozieren konnte, warf er ihm vor ein Ketzer wie Jan Hus zu sein, den man 1415 während des Konzils in Konstanz auf dem Scheiterhaufen verbrannt hatte. Als Luther darauf den Verurteilten verteidigte und behauptete, dass Hus durchaus auch sehr christliche Positionen vertreten hätte, spitzte sich die Situation zu. Martin Luther selbst berichtet später über das Gespräch:

"Er drang tapfer vor, indem er mich als einen Häretiker und Beschützer des böhmischen Ketzer Hus beschuldigte. Und schließlich wurde auch über die Autorität des Konzils disputiert."

Genau in diesem Moment ging Ecks Rechnung auf. Denn Luther behauptete nun, dass auch Konzilien irren könnten und er leugnete sogar den Primat des Papstes. Im Saal kam es zu einem Tumult. Herzog Georg sprang empört von seinem Stuhl auf und beschimpfte Luther. Johannes Eck triumphierte.

Mit der Disputation in Leipzig, die eigentlich als ein Meinungsaustausch über strittige Themen geplant gewesen war, wurde der Bruch der Wittenberger mit Rom vollzogen. Aus einem ursprünglichen Kampf um das Ablasswesen war nun ein grundsätzlicher Widerspruch gegen die Papstkirche geworden. Luther meldete sofort nach Wittenberg:

"Vorläufig bekommt Eck den Beifall, er spielt nun den Meister, aber nur solange, bis wir das Unsere veröffentlicht haben werden."

Die publizistische Auswertung des Ereignisses in Leipzig übernahm dann Philipp Melanchthon. Er schrieb schon einige Tage später, als er zurück in Wittenberg war, einen Brief an seinen humanistischen Jugendfreund aus Tübingen, Johannes Oekolampad, der jetzt Reformator in Basel war. Diesen Brief ließ Melanchthon dann auch drucken und veröffentlichen.

"Man muss anerkennen, dass Eck eine vielseitige und ausgezeichnete Begabung hat. Aber er vertritt eine zweifelhafte Lehre, da er die griechischen Quellen der Bibel und die Kirchenväter missachtet und eine völlig ungeschichtliche Vorstellung von den Anfängen der Kirche hat. Bei alledem ist er sehr theatralisch und hetzt das Volk gegen Luther auf."

Doch es zeigte sich schon bald, dass man den Einfluss Ecks bei der Kurie in Rom nicht unterschätzen durfte. Wenn bisher Papst Leo der X. die Luthersache hatte ruhen lassen, dann nur deshalb, weil er Luthers Landesherrn, Kurfürst Friedrich den Weisen, als Bündnispartner gewinnen wollte, um bei der anstehenden Kaiserwahl einen weiteren Habsburger zu verhindern. Da der sächsische Kurfürst es aber vorgezogen hatte, sich von den Habsburgern die Kasse auffüllen zu lassen, und mit Karl V. doch wieder ein Habsburger zum Kaiser gewählt wurde, war unter diesen Bedingungen in Rom die Schonfrist für Luther abgelaufen.

Aus Deutschland war es vor allem Eck, der jetzt auf die römische Kurie einwirkte, nun endlich gegen Luther vorzugehen. Auch Leo der X. sah ein, dass er die theologischen Auseinandersetzungen nördlich der Alpen nicht mehr länger als "Mönchsgezänk" abweisen konnte. Immerhin hatte Luther die Autorität des päpstlichen Lehramtes geleugnet.

Leo der X. bildete nun eine Kommission, die den Auftrag hatte, die Luthersache zu untersuchen. Als Sachverständigen aus Deutschland holte man Johannes Eck nach Rom. In Wittenberg befürchtete man, dass das nichts Gutes bedeuten konnte. Der Kirchenhistoriker Robert Stupperich:

"Melanchthon stand vorbehaltlos hinter Luther, der ihm die Welt des Glaubens erschlossen hatte. Er arbeitete rastlos, um alles, was ihm geboten wurde, in sich aufzunehmen. Immer stärker zog ihn Luther auch als seinen Mitarbeiter heran. Er gab ihm sogar Anteil an seinen eigenen literarischen Arbeiten. Er konnte bei Magister Philipp sicher sein, dass der Unterricht an der Universität ungestört weiter lief und dass kein Korrekturbogen aus der Druckerei liegen blieb."

Auch in Melanchthons Privatleben sollte sich schon bald etwas ändern. Da seine Wittenberger Freunde fürchteten, dass Melanchthon verwahrlosen würde, wenn er keinen anständigen bürgerlichen Haushalt hätte, drängten sie ihn, die Wittenberger Bürgermeisterstochter Katharina Krapp zu heiraten, worauf sich Philipp Melanchthon nach langem Zögern denn auch einließ. Es handelte sich bei dieser Ehe – wie dies für die damalige Zeit üblich war – um eine reine Vernunftehe, aus der dann vier Kinder hervorgingen. Der Kirchenhistoriker und Melanchthonforscher Wilhelm Maurer:

"Äußerlich verläuft die Ehe ohne Anstoß, der Haushalt geht glatt; viel hat die Frau Melanchthon nicht bedeutet. So innig er seine Kinder geliebt hat, so sehr bleibt sie im Schatten."

Inzwischen war auch die Kommission in Rom zu einem Ergebnis gekommen. Sie verdammte 41 Sätze aus den bis dahin veröffentlichen Schriften Martin Luthers.

"Diese Sätze sind ketzerisch, irrig, für fromme Ohren anstößig, für einfache Gemüter verführerisch und widersprechen der katholischen Lehre."

Leo der X. unterzeichnete eine Bannandrohungsbulle und gab Luther die Möglichkeit, innerhalb von 60 Tagen zu widerrufen. Doch Luther blieb beharrlich bei seiner Position. Auch die Bannandrohungsbulle kümmerte ihn nicht. Ihn ärgerte allerdings, dass man in Rom auch angeordnet hatte, alle seine Schriften zu verbrennen. Deshalb fasste er den Entschluss, etwas Ähnliches in Wittenberg zu inszenieren.

Am 10. Dezember 1520 zog eine große Schar von Professoren und Studenten vor das Elstertor, wo sie die päpstlichen Rechtsbücher und ein Druckexemplar der Bannandrohungsbulle in die Flammen warfen. Den Aufruf zu diesem Spektakel hatte Philipp Melanchthon verfasst:

"Auf, du fromme Studentenjugend, sei Zeuge dieses heiligen und gottgefälligen Schauspiels. Denn vielleicht ist jetzt die Zeit, da der Antichrist soll offenbar werden."

Da Luther nicht bereit war zu widerrufen, wurde er am 3. Januar 1521 in Rom mit dem Kirchenbann belegt. Nach dem deutschen Reichsrecht hätte auf den kirchlichen Bann direkt auch die Reichsacht über ihn verhängt werden müssen. Doch der sächsische Kurfürst verlangte ein Verhör Luthers auf dem Reichstag. So erschien Martin Luther im April 1521 auf dem Reichstag zu Worms, was eindeutig ein Verstoß gegen das Ketzerrecht war.

Der Kirchenhistoriker Karl Kupisch:

"Luthers Auftreten in Worms ist von der Nachwelt oft dramatisiert worden. Er war kein Bühnenheld, der eine ‘historische Rolle’ spielte und diese in großartiger Pose mit einem trotzigen Crecendo ‘Hier stehe ich nicht und kann nicht anders’ aufführte. Er wusste, was auf dem Spiel stand. Man hatte ihn vorher genau instruiert, wie er vor dem Kaiser zu stehen habe: demütig, mit leicht gebeugtem Knie. So war sein Verhalten klug und wohlüberlegt."

Beim Verhör vor dem Kaiser, das im Bischofssitz in Worms stattfand, wiederholte Luther dann seine Kritik am Papsttum und betonte, er könne nur dann widerrufen, wenn man ihm aus der Heiligen Schrift einen Irrtum nachweise.

Da der Kaiser, der sich als Schutzherr der Kirche verstand, keine Abweichung von der traditionellen Lehre duldete, ließ er ein Edikt verfassen, mit dem er über Luther die Reichsacht verhängte. Der sächsische Kurfürst sorgte dann sofort dafür, dass Luther erst einmal aus der Öffentlichkeit verschwand, und ließ ihn auf die Wartburg bringen, um ihn dort zu verstecken.

Als Philipp Melanchthon vom Ausgang des Verhörs in Worms erfuhr, ahnte er, dass nun auch auf ihn in Wittenberg keine leichte Zeit zukommen würde.

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