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StartseiteHintergrundDie Macht der Täter brechen28.09.2010

Die Macht der Täter brechen

Der Runde Tisch gegen Missbrauch

Übermorgen tagt in Berlin erneut der Runde Tisch Missbrauch. Im März hatte die Bundesregierung beschlossen ihn einzuberufen, nachdem zahlreiche Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch die Öffentlichkeit erschüttert hatten. Sein Ziel: Kinder und Jugendliche sollen besser vor sexualisierter Gewalt geschützt werden. Seitdem ist ein halbes Jahr vergangen.

Von Ulrike Greim

Ein trauriges Kind vor einem zerbrochenen Spiegel (Stock.XCHNG / kat callard)
Ein trauriges Kind vor einem zerbrochenen Spiegel (Stock.XCHNG / kat callard)
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"Ich sehe das ein bisschen mit Sorge, dass die mediale Aufmerksamkeit jetzt zurück geht."

Christine Bergmann, die Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für sexuellen Kindesmissbrauch:

"Weil ich denke: Wir sind ja noch lange nicht auf dem Punkt, zu dem wir hinkommen müssen, nämlich zu sagen: Was ist notwendig für Prävention, wie viel Aufklärung braucht die Gesellschaft, wie viel Fortbildung wird insgesamt gebraucht, damit es schneller erkannt wird, damit Kindern besser geholfen wird."

Die Beauftragte ist unruhig. Die Arbeitsgruppen des Runden Tisches haben getagt, Fachleute beschäftigten sich mit juristischen, pädagogischen, psychologischen Aspekten, sie diskutierten neue Strukturen in der Beratungslandschaft, Gesetzesänderungen und beispielsweise neue Lehrinhalte für angehende Pädagogen und Ärzte. Doch noch hat sich nichts geändert. Was der Runde Tisch nun als Zwischenergebnis verkünden kann, wird noch lange kein Durchbruch sein, allenfalls sind es Tropfen auf heiße Steine, vermutet die Beauftragte. Doch Christine Bergmann setzt darauf, dass in den nächsten Wochen noch handfeste Resultate auf den Weg gebracht werden können:

"Ja, das muss passieren, sage ich mal ganz klar. Man kann nicht einen Runden Tisch einberufen, an dem alle sitzen, auch Bund, Länder, Kommunen, alle Verbände, und am Ende dann sagen: jetzt machen wir mal ne Richtlinie. Das darf nicht das Ergebnis sein. Also da muss wirklich auch Umsetzung passieren."

Einen ganzen Stapel an Forderungen nimmt Christine Bergmann nun mit an den Runden Tisch. Es sind die Resultate aus 700 Briefen und mehr als 3000 Anrufen von Opfern sexualisierter Gewalt, die sie bekommen hat. Einzelschicksale, die zum Teil lange gebraucht haben, um ans Licht zu kommen.

"Das Durchschnittsalter liegt bei 50 plus. Der älteste Anrufer war etwa 80, der sich bei uns gemeldet hat, und hat das erste Mal in seinem Leben darüber gesprochen. Das muss man sich mal vergegenwärtigen, was das eigentlich bedeutet. Häufig liegt eben das Missbrauchsgeschehen schon sehr lange zurück, aber ist noch unwahrscheinlich virulent bei den Betroffenen."

Und das sind ja nur die, die sich melden. Verlässliche Zahlen gibt es nicht. Doch in seriösen Studien heißt es, dass jedes vierte Mädchen sexualisierte Gewalt in seiner Kindheit und Jugendzeit erlitten hat. Bei den Männern schwanken die Zahlen zwischen sechs und 22 Prozent. Es geht also nicht um ein Randthema, sondern um eines, dessen Ausmaße auch die gestandene Politikerin erschüttern. Christine Bergmann, 71, die frühere Bundesfamilienministerin der SPD, hat schon viel gehört und gesehen in ihrem Leben. Doch das, was sie nun lesen muss, übersteigt oftmals ihr Vorstellungsvermögen, sagt sie. Sie versteht die geschilderten Schicksale als politischen Auftrag:

"Es muss das Schweigen gebrochen werden in der Gesellschaft. Und das heißt nicht nur, dass Menschen mit einem Missbrauchserlebnis sich an die telefonische Anlaufstelle wenden können und an die Unabhängige Beauftragte, sondern dass eine Gesellschaft insgesamt auch über dieses Thema reden muss."

Christine Bergmanns Aufgabe heißt nun also, diese gesellschaftliche Debatte am Laufen zu halten.

Die Geschäftsstelle der Unabhängigen Beauftragten für sexuellen Kindesmissbrauch. UBSKM steht an den Türen auf diesem Flur im vierten Stock des Bundesfamilienministeriums, einem schlichten, eleganten, hellen Neubau in Berlin Mitte.

"Das schönste Zimmer hat Frau Dr. Bergmann natürlich. Und hier scheint auch normalerweise die Sonne herein."

Improvisiert eingerichtet wurden diese paar Räume im April dieses Jahres, als die Schlagzeilen um Missbrauch in Schulen und Internaten die Nachrichten dominierten. Kurzfristig installiert wurde die Stelle einer Beauftragten, die sich im Auftrag der Bundesregierung um Opfer kümmern und den Gesetzgeber in dieser Angelegenheit beraten soll, auch am Runden Tisch Missbrauch. Ihr zur Seite steht ein kleiner Mitarbeiterstab, inhaltlich arbeitende Referenten, ein Jurist, Verwaltung und für die Öffentlichkeitsarbeit Friederike Beck:

"Hier sitzt Frau Schülke. Und hier sind auch die Ordner, hier links finden Sie alle Ordner alphabetisch sortiert. Dort werden quasi die Briefe abgeheftet, die wir schriftlich bekommen, also die schriftlichen Eingänge."

700 Briefe sind hier abgeheftet; zum Teil handgeschriebene, 20 Seiten lange Einzelschicksale. Christine Bergmann beantwortet sie alle. Zweite wichtige Aufgabe der Geschäftsstelle war es, die Hotline technisch und personell aufzubauen. Seit Mai ist sie in Betrieb. Unter der Telefonnummer 0800-2255530 können hier kostenfrei Wut, aber auch Ängste abgeladen werden.

Beck: "Und dann gibt es sozusagen dezentral 60 Fachkräfte, die die Telefonanrufe entgegennehmen über ein zentrales Verteilersystem."

Beraterin W.: "Ich bin eine von den Fachkräften, die für die telefonische Anlaufstelle auf Honorarbasis arbeiten. Wir sitzen an den Telefonen."

Frau W. - Anonymität wird hier nicht nur für die Opfer, auch für die Beratenden groß geschrieben - Frau W. ist erreichbar unter der Hotline der Unabhängigen Beauftragten.

"Ganz zentral eigentlich bei allen ist, ihre Geschichte zu erzählen, und damit Anerkennung zu bekommen."

Sie sagt, die Opfer wollten oftmals gar nicht anonym bleiben. Sie wollen offen reden und die Dinge endlich beim Namen nennen.

"Bei mir auch viele Anrufer, die sich im Zuge dieser Medienwelle getraut haben, sich jetzt damit auseinanderzusetzen, denen noch mal bewusst geworden ist, wie sehr diese Geschichte ihr ganzes Leben beeinflusst und eben oftmals sehr gestört hat. Die empfinden das als Tabubruch, diese Medienkampagne. Und damit als große Erleichterung, die es ihnen endlich ermöglicht, sich darüber zu äußern."

Übergriffe, Beschämungen, Ausbeutung, Erniedrigung, physische und psychische Gewalt, Perversionen. Die Liste dessen, was Kinder, Jugendliche, auch Erwachsene erdulden mussten und noch immer müssen, ist lang. Die Macht der Täter reicht weit, wenn viele tatsächlich ihr Leben lang nicht darüber reden, sondern dieses Unrecht schließlich mit ins Grab nehmen. Die, die reden, so berichtet es die Beraterin, wollen, dass den Fällen nachgegangen wird; sie wollen, dass die Täter dingfest gemacht werden.

"Dass zum Beispiel geguckt wird: Gibt es noch andere Opfer dieses Täters. Und das ist was, was wir leider mit dem Prinzip der Anonymität und - ja - auch aus der Institution heraus nicht leisten können. Das ist vielleicht auch noch ein Unterschied zu der katholischen Hotline, die ja dann schon den Fällen nachgehen."

Die Beraterinnen an der Hotline der Unabhängigen Beauftragten können nur Empfehlungen geben, sie können raten, Anzeige zu erstatten, oder erst einmal selbst die Geschichte aufzuarbeiten, eine Therapie zu machen, sich Hilfe zu organisieren. In den meisten Fällen seien die Straftaten eh verjährt. Die moralische Schuld, so betont es immer wieder Christine Bergmann, verjähre indes nicht. Sie geht deshalb dem zweithäufigsten Wunsch der Opfer nach. Nämlich dem nach Entschädigung:

"Sie möchten auch gerne für das entschädigt werden, was sie wirklich für Defizite erlitten haben, zum Beispiel für langjährige Arbeitsunfähigkeit, die aufgrund der Missbrauchsfolgen entstanden ist, was ganz häufig vorkommt. Und auch: Sie möchten ihre Psychotherapien finanziert bekommen."

Doch Täter bezahlen zu lassen für die rein fiskalischen Folgen ihrer Taten geht bisher überwiegend nur, wenn diese rechtskräftig verurteilt sind. Doch die allerwenigsten Taten kommen zur Anzeige. Und dann muss ein Richter die Schuld auch noch anerkennen. Doch welches Kind hat schon Beweise in der Tasche, dass der Internatsleiter, der Pfarrer, der Fußballtrainer, der Nachbar, der Opa, die Mutter, die Pflegerin sich an ihm vergangen hat? Häufig steht vor Gericht Aussage gegen Aussage. Und dann urteilt das Gericht im Zweifel für den Angeklagten. Auch Krankenkassen, die ein lebhaftes Interesse daran haben sollten, sich ihre erheblichen Kosten für die Therapien der Missbrauchsopfer von den Tätern zurückzuholen, winken ab. Auch sie bräuchten ein Urteil. Außerdem: Patienten kämen mit Rückenschmerzen, Antriebslosigkeit, Migräne, mit Albträumen und zahlreichen anderen Beschwerden zum Arzt. Wer kann diagnostizieren, dass dies posttraumatische Belastungsstörungen sind, die zweifelsfrei ihre Ursache in sexualisierter Gewalt haben? Häufig steht ein Missbrauch nicht einmal in der Anamnese einer Psychotherapie, sondern stellt sich erst im Laufe vieler Gespräche heraus. Viele Betroffene tragen das Trauma fest verpackt tief hinten in ihrem Gedächtnis, sodass sie sich lange nicht daran erinnern können. Die Krankenkassen würden sich gerne die Behandlungskosten wiederholen, nur ist dies praktisch kaum möglich:

"Und oft ist auch der Wunsch, dass es von der Institution - wenn jetzt der Missbrauch in Institutionen stattgefunden hat - dass die Therapie von der Institution finanziert wird. Und dadurch auch ein Stück Wiedergutmachung passiert."

Opfer und Jesuitenorden diskutieren gerade, wie viel Geld eine angemessene Geste wäre. 82.373 Euro pro Person, sagen die Opfervertreter. Dies sei der durchschnittliche Betrag von Schmerzensgeldzahlungen, die deutsche Gerichte in den vergangenen Jahren für immaterielle Schäden, für "Schmerzen der Seele", verhängt hätten. Der Jesuitenorden denkt über 5000 Euro nach. Er wartet aber die Entscheidung der katholischen Bischofskonferenz ab. Die deutschen Bischöfe wollen, nachdem sie sich lange nicht einigen konnten, nun zu diesem zweiten Treffen des Runden Tischs die Höhe der Zahlungen bekannt geben. Christine Bergmann hatte forsch eine zügige Klärung angemahnt. Auch die juristische Arbeitsgruppe des Runden Tisches Missbrauch überlegt, wie man eine Entschädigung regeln kann. In der Diskussion ist ein Fond.

"Wie der ausgestaltet ist, wer in ihn einzahlt, welche Leistungen er bereitstellen könnte, das ist alles noch im Wesentlichen offen. Da müssen wir mal sehen, in welche Richtung wir da kommen."

Sagt der Jurist Guido Zöllner, er berät die Unabhängige Beauftragte in rechtlichen Fragen. Er ist zuversichtlich, dass der Fond zustande kommt. Fortschritte in der Diskussion macht auch das Thema Verjährung, dass von Opfern häufig als ebenfalls wichtig benannt wird. Bisher verjähren zivilrechtliche Ansprüche wie das Schmerzensgeld bereits nach drei Jahren. Strafrechtlich wird schwerer Kindesmissbrauch nach 20 Jahren zu den Akten gelegt. Zöllner hält eine Anhebung der Verjährungsfrist für wahrscheinlich:

"Das gilt allerdings nur für zivilrechtliche Ansprüche. Im strafrechtlichen Bereich ist es wesentlich schwieriger, zu verwirklichen. Und nach meinen Erfahrungen habe ich da auch keine große Bereitschaft erkennen können. Für Taten, die bereits verjährt sind, wird es ohnehin nicht diskutiert. Das gilt für beide Bereiche, also weder fürs Straf- noch fürs Zivilrecht sozusagen historisch abgeschlossene Fälle wieder aufzugreifen."

Christine Bergmann setzt sich intensiv für eine Anhebung der Fristen ein. Denn sie hat ja selber erlebt, wie lange Betroffene brauchen, bis sie über ihre Traumata reden können. Aber nicht nur juristische Themen stehen auf ihrer Wunschliste, wenn sie am Donnerstag dieser Woche wieder am Runden Tisch sitzen wird:

"Ich habe eine große Wunschliste, aber nicht nur Wunschliste - das ist eigentlich eine Forderungsliste, muss man sagen. Also ganz klar: es gibt mit Sicherheit nicht genügend Beratungsangebote für Männer, die als Kinder, als Jugendliche missbraucht wurden, und jetzt erst in der Lage sind, darüber zu reden."

Wohin können sich also Männer wenden? Wer sind die Fachleute für traumatisierte Kinder? Wie gewährleistet man Ansprechpartner gerade auch in ländlichen Regionen? Wie können mehr Traumatherapeuten ausgebildet werden? Wie sensibilisiert man Polizisten, Ärzte, Pflegepersonal für das Thema? Der Runde Tisch kann beraten. Beschließen kann er nicht. Seine Empfehlungen müssen auf kommunaler Ebene oder von Ländern und/oder dem Bund umgesetzt werden. Und - natürlich - es geht auch um Geld. Aber nicht nur. Denn im Grunde geht es um die großen Themen, um die Würde jedes Einzelnen, um Respekt, um Liebe.

Berlin-Schöneberg. In einer kleineren Straße mit Wohn- und Geschäftshäusern sitzt "Lara". So nennt sich eine Beratungsstelle für Frauen, die vergewaltigt und sexuell belästigt worden sind. Die "Lara"–Mitarbeiterinnen sind positiv überrascht über die Welle, die ihr Thema nun schlägt. Hier melden sich seit 15 Jahren - und in diesem Jahr verstärkt - Frauen, die Hilfe suchen. Das ist eh nur ein kleiner Teil, sagt Chantal Hugo, eine der Beraterinnen. Jede Frau, die den Schritt schafft, um Hilfe zu rufen, habe schon etwas Wichtiges für sich erreicht:

"Es ist ja nicht nur 'oh Gott, ich brauche Hilfe', sondern 'ich nehme mich ernst, und ich suche mir jetzt Hilfe'. Und das wir das erst mal sozusagen auch stärken und gut finden. Das heißt: sie hat ja noch eine Selbstfürsorge für sich. Und an dem Punkt nehme ich sozusagen den Zipfel an und stärke sie."

In den hellen, freundlichen Räumen der Beratungsstelle "Lara" werden Frauen gehört und beraten, sie können für eine Übergangszeit therapeutisch behandelt werden und die Beraterinnen helfen auch ganz praktisch. Was sonst keine Therapeutin kann, keine Hotline-Mitarbeiterin - die "Lara"-Frauen begleiten Klientinnen auch zur Aussage vor Gericht und auf Behörden. Denn: Jede Gewalterfahrung, erst recht, wenn sie sehr früh stattgefunden hat, kann vielfältige Schädigungen und Einschränkungen auslösen.

"Das kann sein, dass sie einfach aus dem ganzen Sozialgefüge hinausgebrochen sind, dass - schon wenn es in der Kindheit passiert ist - die ganzen Ressourcen nicht so aufgebaut sind und es nicht nur therapeutischer Hilfe bedarf, sondern dass sie sich mit den Jobcentern auseinandersetzen müssen, dass sie auch von Arbeitsplatzverlust bedroht sind, und dort ja auch gestärkt werden müssen, um da durchzugehen. Da braucht es mannigfaltige Hilfe, und da müssen wir halt individuell gucken: Was braucht die Frau gerade?"

Beratungszentren wie "Lara" sind nicht allzu reich gesät. Häufig kämpfen diese Einrichtungen mit Projektfinanzierungen, mit kleinem Budget, mit viel Bürokratie für wenige - und oftmals halbe - Stellen. "Lara" hat Glück, so sagt es Chantal Hugo. Die Chancen, dass der Berliner Senat auch für das nächste Jahr die Finanzierung absichert, stehen gut. Ob aufgrund der ausführlichen Berichterstattung zum Thema Missbrauch hier bereits etwas mehr Rückenwind oder gar Spenden oder Finanzierungszusagen eingegangen sind? - Die Betreuerin lacht, nein, das hat es nicht mit sich gebracht. Gut wäre allerdings, wenn mehr Personal für die Präventionsarbeit möglich wäre. Gerade Schulen und soziale Einrichtungen fragten nun häufiger nach Schulungen. Sie wollen frühzeitig traumatisierte Menschen, gerade traumatisierte Kinder, erkennen und wissen, was sie tun können.

"Es könnte natürlich wahnsinnig viel mehr werden, wenn man sich überlegt, wer alles fortgebildet werden müsste. Pflegebereich. Wir hoffen, dass natürlich auch in die Ausbildung übernommen wird, dass über die Folgen, die das haben kann, natürlich auch in der ganzen Pflege- und Arztausbildung Bescheid weiß, auch in der psychotherapeutischen Ausbildung, Sozialarbeiterinnen. Das kann nicht nur eine Kraft leisten. Das sind Schritte, die auch politisch angeschoben werden müssten."

Am Runden Tisch wird derzeit kräftig geschoben. Der politische Wille zu handeln scheint da. Etliche der bekannteren Beratungsstellen, wie Wildwasser in Berlin oder Zartbitter in Köln sind allerdings skeptisch, sie halten den Runden Tisch für einen Papiertiger, der viel heiße Luft produziert und vielleicht ein paar Flyer, die am Ende verloren auf den Fluren von Sozialämtern herumliegen werden. Um mehr zu erreichen, müsste die mediale Welle noch anhalten, müsste gesellschaftlicher Rückenwind sicher sein. Christine Bergmann möchte das Thema am Laufen halten. Die Gesellschaft braucht eine ehrliche Debatte, sagt sie, keine hitzigen Strohfeuer. Das kurze Erschrecken, der schnelle Grusel schaffe keine Veränderung:

"Es muss nachhaltig sein. Es muss klar sein: das ist nicht ein Thema, das einmal vor 20, 30 oder 40 Jahren passiert ist. Sondern: Sexueller Missbrauch an Kindern und Jugendlichen passiert täglich, passiert stündlich in Einrichtungen, in Familien."

Deswegen startete die Unabhängige Beauftragte eine Kampagne zum Missbrauch im familiären Umfeld.

O-Ton Trailer: "Das bleibt ein Geheimnis zwischen uns, hat er gesagt, nachdem er mich missbraucht hatte. Das Schweigen hat mich ein Leben lang zum Opfer gemacht."

"Wer das Schweigen bricht, bricht die Macht der Täter. Es ist nie zu spät, über sexuellen Missbrauch zu sprechen. Rufen Sie uns an."

Mit der Kampagne "Sprechen hilft" möchte Christine Bergmann nicht nur Werbung für ihre Hotline machen. Sie will das Thema auf der Agenda halten. Denn es dauert lange, politische Reformen durchzusetzen, erst recht, gesellschaftliche Rahmenbedingungen zu ändern. Doch weniger, so sagt es die Beauftragte mit Blick auf den Runden Tisch, sollte nicht das Ziel sein:

"Wir sind es den Kindern schuldig. Die können sich nicht allein schützen. Die brauchen uns dazu. Deswegen muss man da auch mit Nachdruck daran bleiben."

Infos:

Runder Tisch Missbrauch

Unabhängige Beauftragte zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs

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