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StartseiteInterview der Woche"Die Menschen warten auf diese Entscheidung"12.08.2007

"Die Menschen warten auf diese Entscheidung"

KFOR-Kommandeur fordert rasche Lösung der Kosovo-Frage

Der scheidende Kommandeur der NATO-Friedenstruppe KFOR, Roland Kather hat sich für eine schnelle Lösung im Streit um die Zukunft der serbischen Provinz Kosovo ausgesprochen. Die Menschen bräuchten diese Entscheidung, um Klarheit für die Zukunft zu haben, sagte Kather im Deutschlandfunk. Diese Einstellung hätten nicht nur die Kosovo-Albaner, die 90 Prozent der Bevölkerung ausmachen, sondern auch die serbische Minderheit.

Moderation: Rolf Clement

Roland Kather, scheidender Kommandeur der NATO-Friedenstruppe KFOR (AP Archiv)
Roland Kather, scheidender Kommandeur der NATO-Friedenstruppe KFOR (AP Archiv)

Rolf Clement: Herr General Kather, Sie waren jetzt ein Jahr KFOR-Kommandeur, was ist Ihre Bilanz?

Roland Kather: Das ist eine ganz einfach klingende Frage, und sie ist so fürchterlich schwierig zu beantworten, weil man so viel reinpacken müsste. Zunächst einmal kenne ich das Kosovo aus dem Jahre 1999/2000. Da in der Tat war die Welt völlig unterschiedlich. Die Häuser brannten jede Nacht, die Menschen waren traumatisiert, verängstigt, die Kinder konnten nicht mehr lachen. Und unsere Aufgabe bestand darin, dafür zu sorgen, dass in diesem strengen Winter 1999 keiner erfriert und keiner verhungert. Und das ist gelungen. Ich habe damals, als ich am 15. Juni 2000 Kosovo verlassen habe, gesagt: Ich komme wieder - in Jeans und T-Shirt mit meiner Frau, setze mich ins Bistro und trinke eine Tasse Kaffee. Oder - das ist belegt - ich habe gesagt: Ich komme wieder als COMKFOR (KFOR-Kommandeur) - vielleicht etwas, ja ich sage mal, etwas arrogant. Aber ich war zutiefst davon überzeugt, dass dieses Land eine Zukunft verdient hat - damals schon. Ich bin dann vor - Sie sagten es - knapp einem Jahr wiedergekommen - na, gut einem Jahr jetzt schon - und habe ein völlig verändertes Kosovo vorgefunden: Aus der Luft, wenn man reinfliegt - äußerlich: wie ein südeuropäisches Land. Erst wenn man am Boden ist und erste Erfahrungen sammelt, stellt man fest: Ja, es hat sich unbeschreiblich viel getan, die Menschen können wieder aufatmen, die Kinder lachen wieder, die Kinder haben einen ganz normalen Alltag, sie gehen zur Schule. Es ist vermeintlich eine gewaltige Betriebsamkeit in allen Dörfern, Gemeinden und Städten. Und erst später lernt man dann kennen, dass doch noch eine Menge zu tun bleibt. Und die Bilanz, wenn man dann überhaupt eine Bilanz ziehen kann, ist die, dass es uns erfreulicherweise gelungen ist, ein stabiles Umfeld zu schaffen und zu halten, obwohl wir in der konkreten Lagebeurteilung immer noch sagen: Die Lage ist ruhig, aber nicht stabil, weil sie eben unvorhersehbar ist. Aber es ist uns halt eben gelungen, auch in der Kontinuität der Vorgänger, dieses Umfeld zu halten und Vertrauen zu vertiefen. Die Bevölkerung vertraut KFOR wirklich. KFOR hat hier eine Riesenakzeptanz, und die haben wir gepflegt. Die Menschen mögen uns, die Menschen akzeptieren uns und auch unseren Auftrag. Und vielleicht ist das schon genug Bilanz zu sagen: Es bleibt noch viel zu tun, aber wir haben auch viel erreicht.

Clement: Als wir vor einem Jahr hier zusammen standen und das eine oder andere besprochen haben, da schien das ein sehr spannendes Jahr zu werden, weil die Verhandlungen über den Status des Kosovo sozusagen in der Endphase zu sein schienen. Nun beginnen sie just zu diesem Wochenende wieder. Ist das nicht ein Punkt, wo Sie sagen: Eigentlich hat sich in dem Jahr so viel gar nicht getan - auch jetzt, wenn Sie den Vergleich auf 99 ziehen. Das eine Jahr - ist heute der Stand genau so wie vor einem Jahr?

Kather: Vordergründig würde ich das akzeptieren. Aber wenn ich wirklich das Jahr noch einmal Revue passieren lasse, so ist eine Menge passiert, und auch bei uns war das ein Auf und Ab der Gefühle. Ich muss aber an den Anfang stellen, auch für die Hörer, dass wir unseren Auftrag hier völlig unparteiisch ausführen. Das heißt, was oftmals verkannt wird: Wir sind nicht etwa hier, um irgendwelche Vorschläge und Empfehlungen umzusetzen. Unser Auftrag nach der Resolution 1244 - Sicherheitsmandats-Resolution ist ganz klar: Schaffen und Halten eines stabilen Umfeldes - und dabei die Bewegungsfreiheit sicherzustellen. Und das tun wir zum Wohle aller Menschen. Und wir werden nicht müde, immer wieder zu sagen: Wir sind hier verantwortlich für die Sicherheit aller Menschen, völlig unabhängig ihrer Rasse, ihrer Ethnie, ihrer Religion, ihrer Hautfarbe usw., das ist ganz wichtig. Und trotzdem kann man dem Gedanken nicht entziehen, wenn man hier tagtäglich im Kosovo Dienst tut. Wir haben mitgebangt, mitgefiebert, dass nun endlich eine Entscheidung fällt, denn - ich kann auch aus meiner Verantwortung heraus sagen - die Entscheidung muss jetzt getroffen werden, so rasch wie möglich, oder wie der amerikanische Präsident es gesagt hat: Sooner rather than later. Die Menschen warten auf diese Entscheidung, alles ist auf diese Entscheidung fokussiert. Die Menschen brauchen diese Entscheidung, um Klarheit für die Zukunft zu haben, um so etwas wie Planungssicherheit zu haben, um - und das erwarte ich - die Ärmel aufzukrempeln und loszulegen. Und dieses - was ich hier sage - wir brauchen die Entscheidung schnell. Das ist nicht eine Auffassung etwa nur der Kosovo-Albaner, das sagen mir, wenn ich durch die Gegend gehe, wenn ich durch die Straßen wandere, wenn ich durch Ortschaften pilgere, auch die Serben. Gerade kürzlich war ich in einer serbischen Enklave, wo mir der serbische Sprecher klar gesagt hat: "Herr General, wir brauchen die Entscheidung jetzt, für die Klarheit, für die Planungssicherheit. Wir haben in unserem Umfeld zusammen mit Kosovo-Albanern vor dem Kriege friedlich zusammengelebt, und wir werden das auch jetzt wieder tun." Und ich habe ihm klargemacht, dass Versöhnung natürlich eine Zeit braucht, wir haben da aus unserem Vaterland ja nun reichlich Erfahrung, und deswegen stehen wir natürlich so auch ein Stück weit als Botschafter der Glaubwürdigkeit. Und diese Diskussion war besonders wichtig.

Clement: Der US-Präsident hat die Formulierung, die Sie gerade zitiert haben, gesagt im Zusammenhang mit einer möglichen Unabhängigkeitserklärung, die unter Umständen auch einseitig erfolgen kann. Würde eine einseitige Unabhängigkeitserklärung für KFOR und für das Kosovo nicht ein hohes Risiko bedeuten?

Kather: Auch diese Frage ist vermeintlich vordergründig einfach zu beantworten, weil für uns klar ist - und das hat die Diskussion der vergangenen Wochen eindeutig gezeigt: Unser Auftrag, unser Mandat ist klar. Und das ist so lange klar, wie diese Resolution in Kraft bleibt. Und ich bin ziemlich sicher, egal, welche Entscheidung getroffen wird, dass dieses Mandat zunächst einmal bleibt, bis es durch ein neues abgelöst wird. Und deswegen wird sich unser Auftrag auch zunächst einmal nicht verändern. Das ist auch ein Stück weit der Ansatz für die Menschen hier, an uns zu glauben, weil wir damit auch ein Stück weit Stabilitätsfaktor sind und auch Faktor für Kontinuität. Und das ist ganz besonders wichtig.

Clement: Aber gibt es nicht Spannungen innerhalb der Bevölkerung, die dann aufbrechen?

Kather: Ich kann das im Augenblick schwerlich bewerten. Wir haben natürlich mit vielen Menschen geredet, und wir haben besonders mit den Menschen in den serbischen Enklaven geredet, und insbesondere habe ich persönlich auch mit den Menschen im Norden geredet. Dabei ist mir - und das war mir in der Klarheit nicht deutlich - aufgefallen, dass die weit überwiegende Mehrheit der Menschen hier mit ganz anderen Dingen beschäftigt ist. Die ist an der großen Politik nicht interessiert. Die Armutsrate ist hier sehr hoch, sie liegt fast bei 60 Prozent, die Überlebensrate liegt hier fast bei 20 Prozent. Die Menschen sind - und das wird durch Berichte übereinstimmend belegt - die Menschen sind damit beschäftigt, ihren Alltag zu regeln, einen Arbeitsplatz zu finden, Geld zu verdienen, ihre Familie zu ernähren, ihren Garten zu bestellen und ein Stück weit mehr Prosperität, Wohlstand zu haben. Damit sind die beschäftigt. Ich habe oft genug gehört: "Uns ist dabei völlig Wurscht, von wem wir regiert werden." Aber natürlich haben sich die Menschen nach acht Jahren auch an den Status dieses Kosovo gewöhnt, insoweit wir hier eine sehr effektive Übergangsregierung haben mit allen Stärken und Schwächen, indem wir hier eine sehr starke internationale Gemeinschaft haben, die den Menschen natürlich im täglichen Überlebenskampf hilft. Und das hat sich eingebürgert. Insofern sehe ich zur Zeit - ja, ich sehe Spannungen, ich sehe auch Frustrationen, ich sehe auch zunehmende Unklarheiten, aber ich glaube, wir müssen nicht zwangsläufig über Gewalt reden. Ich glaube, sowohl die Menschen im Kosovo, wie auch KFOR, wie auch alle Beteiligten haben die Lehren aus 2004 gezogen. Und das ist, glaube ich, eine ganz gute Nachricht.

Clement: Herr General Kather, die wirtschaftliche Entwicklung ist noch nicht so gut, wie man sich das wünscht, Sie haben es gerade angesprochen. Es gibt Arbeitslosenquoten zwischen 40 und 80 Prozent in den Städten, je nachdem, wo es besser und wo es schlechter ist. Hat die internationale Staatengemeinschaft eigentlich ausreichend getan, um den Rahmen der Stabilität, den KFOR bildet, auch wirklich auszufüllen?

Kather: Ich glaube, die internationale Gemeinschaft hat das Bestmögliche getan. Ob das genug ist, vermag ich schwerlich zu bewerten, dazu bin ich dann doch vielleicht zu kurz hier. Aber ich kann nur sagen: Im Zusammenwirken aller Beteiligten - der internationalen Gemeinschaft, der einzelnen Länder, der Nichtregierungsorganisationen, der Regierungsorganisationen, einzelner Spender, auch einzelner Spenderstaaten - ist alles Mögliche getan worden, um hier das Bestmögliche an wirtschaftlicher Entwicklung sicherzustellen. Ich glaube auf der anderen Seite aber auch sagen zu können, dass mit der fehlenden Statusentscheidung natürlich auch viele Dinge nicht zu bewegen waren - einfach, weil Investoren ausblieben, einfach, weil natürlich Investoren auch nicht ins Land gekommen sind, um hier großartige Investitionen zu machen. Und ich glaube, diese Gemengelage führt auch dazu, dass man sagen muss: Ja, die Entscheidung muss jetzt her. Im Übrigen sage ich das genau in diesem Zusammenhang auch aus meiner Verantwortung heraus, weil ich immer wieder den Zusammenhang sehe zwischen wirtschaftlicher Entwicklung einerseits und Sicherheit andererseits. Das kann man - wenn ich das darf - an einem ganz einfachen Beispiel festmachen, das auch griffig ist, wir haben Beweise dafür, ich erzähle keine Geschichte: Wenn man einen Arbeitsplatz hat, wenn man Geld verdient, wenn man seine Familie ernähren kann, ich sage mal ein Stück weit Wohlstand hat, auch in Urlaub fahren kann, dann ist man an Gewalt überhaupt nicht interessiert. Wenn man andererseits wirklich nicht weiß, wie man seine Familie ernähren soll, wenn man keinen Arbeitsplatz hat und überhaupt keine Perspektive hat, dann ist man für Gewalt empfänglich, und dann drücke ich Ihnen eine Handgranate mit 100 Euro in die Hand, und Sie werfen die Handgranate, wo immer ich sie hin haben will. Ich sage nochmal, das ist keine theoretische Geschichte. Wir haben gerade in den letzten Wochen und Monaten in vielerlei kriminellen Aktivitäten genau darin den Beweis gefunden.

Clement: Es gibt ja den Vorhalt bei all den Einsätzen. Das bezieht sich nicht nur aufs Kosovo, sondern auch auf Afghanistan, auf Bosnien, dass es einen Sicherheitsrahmen gibt, den die NATO stellt - Sie sind ja hier als NATO-Kommandeur -, dass aber dieses politisch nicht ausgefüllt und unterfüttert wird. Sie sagen, das trifft aufs Kosovo nicht zu?

Kather: Ich kann nur vom vergangenen Jahr reden. Und sicherlich war es irgendwo ein Riesenvorteil, dass hier - lassen Sie es mich so nennen - eine deutsche Doppelspitze war. Ich habe mich mit Joachim Rücker, dem Vertreter der Vereinten Nationen, hier sehr schnell, im Grunde genommen von Anfang an sehr gut verstanden.

Clement: Sie haben am gleichen Tag auch angefangen.

Kather: Wir haben exakt am gleichen Tage unseren Dienst aufgenommen. Und wir haben zu Anfang gefrotzelt, wer wohl eher gehen würde. Und ich habe immer gesagt: Joachim, du kannst mich hier nicht allein lassen. Das sieht heute ganz anders aus. Aber uns war von Anfang an klar, wir wollten hier etwas bewegen. Wir wollten hier wirklich etwas vorantreiben. Und deswegen haben wir sehr eng vertrauensvoll, und ich glaube auch sehr erfolgreich zusammen gearbeitet. Und ich kann nur sagen, die Vereinten Nationen mit ihm an der Spitze, aber auch die OSZE, wo ja ein weiterer Deutscher Dienst tut, der Botschafter Wendt, aber auch viele andere der Internationalen Gemeinschaft haben alles menschlich Mögliche getan, um politisch etwas bewegen zu können, um diesen Sicherheitsrahmen auszufüllen. Und wir haben hier unseren Teil geleistet. Im übrigen haben wir immer anerkannt, dass wir hier in zweiter Linie sind, vielleicht sogar in dritter. Ich kann heute nach dem einen Jahr zum Beispiel feststellen, dass der Kosovo Police Service in seiner qualitativen Arbeit deutlich sichtbar zugenommen hat. Ich kann feststellen, dass das Zusammenwirken aller für Sicherheit Verantwortlichen, also die örtliche Polizei, UNMIK, aber auch KFOR hervorragend zusammen arbeitet. Wir machen alles gemeinsam. Wir haben einen hervorragenden Draht und Verbindung zum Police Commissioner. Das heißt, alles, was hier an Aktionen läuft, ist abgestimmt und natürlich zusammen mit den Vereinten Nationen, also mit Joachim Rücker, auch politisch abgestimmt. Und damit hat das diesen Synergieeffekt, den wir dringend brauchen, um glaubwürdig zu sein und auch erfolgreich. Ich glaube, das ist im letzten Jahr ganz gut gelungen.

Clement: Wenn man sich diese Zusammenarbeit ansieht, hier sind eine Vielzahl von Nationen zusammen, NATO-Nationen und Nicht-NATO-Nationen. Das hat sich inzwischen bewährt. Haben sie da in dem Bereich noch Reibungsverluste feststellen können?

Kather: Ich habe vom ersten Tag an gesagt, wir unterscheiden hier nicht zwischen großen Nationen und kleinen Nationen und denen, die viele Soldaten stellen und denen, die wenige Soldaten stellen, und auch nicht zwischen NATO-Nationen und Nicht-NATO-Nationen. Wir haben von Anfang an den Slogan 'Der Kosovo der KFOR-Familie' ausgegeben, was dann im übrigen unsere Informationsvermittler, die wir ja auch hier haben, nennt sich auch Info-Leute, die ein ganz wesentlicher Baustein der KFOR-Truppe sind, umgesetzt haben, die festgestellt haben, dass wir hier durch Zufall vielleicht sogar zwei Begriffe in den Mittelpunkt unserer Operationen gestellt haben, die gerade auch im Kosovo von fundamentaler Bedeutung sind, nämlich KFOR einerseits, das kann ich immer wieder nur nachhaltig bestätigen - unsere Zustimmungsrate bei der Bevölkerung liegt erneut weit über 80 Prozent, danach kommen alle andern bei irgend etwas, bei 40, 50, 60 - und Familie. Der Familiengedanke, der Clangedanke hat ja gerade hier auf dem Balkan eine ganz besondere Bedeutung. Hier haben wir also zwei Begriffe miteinander verknüpft, und das war sehr erfolgreich. Nein, ich würde es auch nicht tun. Ich würde in einer solchen multinationalen Gemeinschaft würde ich mich auch nicht anstellen wollen, da Kritik zu üben, wenngleich natürlich im täglichen Alltag auch wir unsere Probleme haben. Ich nenne mal eins, das ist die Sprachbarriere. Ich würde mir natürlich wünschen, dass wir hier jeder miteinander hervorragend Englisch sprechen könnten. Das ist nun mal die Amtssprache. Und das ist natürlich bei weitem nicht so. Deswegen gibt es einen weiteren ganz guten Slogan, den ich damals von einem holländischen Kommandeur übernommen habe, der mir auf meine Frage: "Wie reden Sie miteinander hier eigentlich?" mir sagte: "Wenn zwei sich treffen, reden sie die Sprache, die gemeinsam verstanden wird." Und das ist, glaube ich, eine ganz gute Lösung.

Clement: Haben sie denn in Ihren militärischen Anforderungen ausreichend Unterstützung von den Truppenstellerstaaten bekommen, personell und von der Ausrüstung her?

Kather: Wir haben nach den Unruhen 2004, auch KFOR, unsere Lehren gezogen. Wir haben das Konzept komplett umgestellt. Wir nennen das heute Task Force Konzept. Das ist ganz einfach zu beschreiben. Erstens, der Einsatzraum für jeden einzelnen meiner KFOR-Soldaten ist der Kosovo insgesamt, nicht mehr die Bereiche Nord, Süd, Ost und West. Das ist eine ganz wesentliche Hilfe. Wir operieren damit tagtäglich. Also die Amerikaner aus dem Osten sind heute im Norden und morgen im Westen, ebenso wie die Deutschen lange Zeit im Norden waren, im Westen sind und wo auch immer im Kosovo. Denn das ist nicht nur eine Organisationsfrage, das ist vor allen Dingen auch eine mentale Frage. Und das ist ganz wichtig, dass das verstanden wird. Dazu kommt, und ich glaube, das ist ganz wesentlich, dass die Nationen ihre Vorbehalte im Kosovo aufgegeben haben, die sogenannten Caviats. Und damit kann ich hier völlig frei operieren. Und das konnten wir in ganz wesentlichen Ereignissen testen, ob das auch so ist. Und ich kann nur sagen, ich konnte frei operieren, und das war bei einigen Ereignissen hier besonders wichtig. Ich nenne den St. Veits Tag, als wir 1500 serbische Pilger hatten, ich nenne die vier großen Demonstrationen in Prishtina von der Bewegung für Selbstbestimmung unter Albin Kurti. Das waren so Dinge, wo ich ein Maximum an Bewegungsfreiheit brauchte. Und ich hoffe, dass das auch erhalten bleibt.

Clement: Die Bundeswehr macht auch sehr viele Projekte, zivile Projekte, wo sie versucht, gerade das, was sie beschrieben haben, Vertrauen weiter zu erhalten und aufzubauen. Wo liegt da der Schwerpunkt?

Kather: Wir haben in der Auftragsdurchführung den Schwerpunkt auf drei Bausteine gelegt. Der erste ist der militärische Auftrag, und der dritte ist - und das ist für mich auch ganz neu, nein - so neu nicht, aber schon in der Dimension neu - ist das ganze Thema Information. Und dazwischen liegt, wie Sie es ansprachen, die sogenannte zivile militärische Zusammenarbeit mit wesentlichen Projekten. Das ist ein weitreichendes Spektrum, und wir bemessen es danach, wie der Erfolg ist, wie die Wirkung ist. Das kann sein und ist in vielen Fällen so gewesen, weil ich den Schwerpunkt wie in 1999 auf die Entwicklung der Kinder lege. Darin sehe ich die Zukunft. Kann sein, indem wir für eine Menge Geld Schulen aufgebaut, wiederhergestellt, eingerichtet oder neu geschaffen haben. Unsere italienischen Kameraden haben da dankenswerterweise sehr viel Geld investiert und sehr viel persönlichen Einsatz. Aber es gibt auf der anderen Seite beispielsweise so eine, wir nennen das 'Sofortmaßnahme'. Es sind zum Beispiel tragischerweise gerade in diesem Sommer auch wieder eine Reihe von Kindern ertrunken. Und wie wir festgestellt haben, liegt das daran, dass die nicht schwimmen konnten. Insofern haben hier eine ganze Reihe von Soldaten gerade hier im Zentralbereich schlichtweg gesagt, wir fassen mal die Kinder zusammen und geben mal eine Woche Schwimmunterricht. Das ist durch alle Medien aufgegriffen worden und war ein Riesenerfolg, weil es unmittelbar, schnell und wirksam geholfen hat. Also das Spektrum, das will ich damit andeuten, ist breit. Es ist nicht nur immer eine Frage des Geldes, es ist eine Frage der Wirksamkeit, was können wir erreichen, was wollen wir erreichen, und das ganze immer unter der Überschrift 'Hilfe zur Selbsthilfe'. Damals, als ich Brigadekommandeur im Bereich Prizren war, habe ich natürlich darauf geachtet, dass das in meinem Verantwortungsbereich besonders gut läuft. Dankenswerterweise war das ja auch mit deutscher Hilfe sehr gut möglich. Heute muss ich darauf achten, dass die Dinge kosovoweit ausbalanciert sind. Es kann aus meiner jetzigen Position nicht sein, dass im Süden viel passiert und im Westen oder in anderen Bereichen weniger oder gar nichts. Deswegen habe ich zum ersten Mal nach Antrag ein eigenes Budget bekommen, ein kleines, überschaubares, aber ich habe ein Budget und kann damit nachsteuern und sogenannte eigene Quick Impact Projects, also die mit der raschen Wirksamkeit, sehr schnell nachsteuern. Und insofern muss man diese Dinge, den militärischen Auftrag, den zivil-militärischen Auftrag und auch den Informationsauftrag, das muss man im Zusammenhang sehen und dann kann man sagen, jawohl, das war ziemlich erfolgreich.

Clement: Besteht bei dem, wie Sie das beschreiben, wenn Sie sagen, wir sind hier integriert, wir machen hier Projekte, besteht nicht die Gefahr, dass die kosovarische Bevölkerung sich so an KFOR gewöhnt, dass die gar nicht wollen, dass Sie abziehen?

Kather: Die Gefahr besteht. Deswegen sagte ich eben, und ich lege ganz großen Wert darauf, die Überschrift ist immer 'Hilfe zur Selbsthilfe'. Wenn ich sage, wir bauen Schulen, heißt das nicht, dass meine Soldaten, egal welcher Nation, Schulen bauen. Das heißt, sie übernehmen das Projekt, schreiben das Projekt aus. Das Projekt wird ausgeführt durch ortsansässige Arbeitskräfte. Damit schaffen wir Arbeitsplätze und setzen Geld um. Und das Ganze wird durch KFOR-Ingenieure überwacht. Das ist das, was ich unter Hilfe zur Selbsthilfe verstehe. Aber natürlich, klar, gerade auf dem Balkan besteht manchmal eine solche Gefahr, das ist nicht zu unterschätzen. Deswegen haben wir jetzt gerade vor wenigen Tagen, als die Brandgefahr hier doch relativ groß war, als wir an allen Ecken und Kanten unkontrollierte Feuer hatten, haben wir besonders darauf geachtet, dass nicht sofort nach Hubschraubern der KFOR geschrien wird, sondern dass zunächst einmal alles unternommen wird, um mit Hilfe der Bevölkerung die Feuer zu löschen. Und das ist dann auch, nach anfänglichen Schwierigkeiten, sehr schnell verstanden worden. Die Botschaft ist rübergekommen. Und dann haben wir unter der Leitung des Innenministeriums und dem Lagezentrum der Regierung, das damit auch seine Feuertaufe bestehen konnte, ganz gut zusammen gearbeitet und gemeinsam an einem Strang gezogen, um diese Feuer auszupusten - mit aller Hilfe. Und dazu kommt natürlich, dass man auch den Menschen sagen muss, dass entgegen ihrer Tradition vielleicht dies nicht die Zeit ist um Äcker abzubrennen oder auch Müll zu verbrennen, sondern dass man in dieser Zeit, wo wir diese extrem widrigen Witterungsbedingungen haben, vor allem mit dem Sturm, von diesen Dingen ablassen muss. Und auch das ist, glaube ich, zunehmend verstanden worden.

Clement: General Kather, an diesem Wochenende hat zum ersten Mal die Troika wieder getagt, die nach dem Vorschlag von Ahtisaari, der im Weltsicherheitsrat der Vereinten Nationen nicht angenommen ist wegen eines russischen Vetos, sich erneut getroffen und erneut zu verhandeln begonnen. Sehen sie noch einen Verhandlungsspielraum? Worüber reden die jetzt noch? Eigentlich ist der Vorschlag doch ausgearbeitet gewesen.

Kather: Die Frage ist schwer zu beantworten. Aber ich glaube, sagen zu können, dass für die Menschen im Kosovo und auch für KFOR zunächst einmal wichtig war, dass nach der Entscheidung im UN-Sicherheitsrat, die Resolution, den letzten Entwurf, nicht zur Abstimmung zu stellen und wir schon ein paar Tage tiefer Frustration hier hatten, dass wir sagen können, mit der Entscheidung, die Troika zu bilden und damit die Verhandlung fortzusetzen und mit der Tatsache, dass sie ihre Reisetätigkeit sehr schnell aufgenommen haben, dass damit das Momentum erhalten bleibt und, wie wir es nennen, die Dynamik sichergestellt ist. Ich glaube, diese Botschaft ist für die Menschen hier im Kosovo, aber sicherlich auch in Belgrad, ganz wichtig, dass es weiter geht und dass es eben nicht zu einem Stopp kommt oder zu einer Unterbrechung ohne Ende, sondern dass man sieht: Jawohl, der Prozess geht weiter. Wir kennen noch nicht den Ausgang, wir wissen auch nicht die Inhalte, aber wir wissen eins, dass der Generalsekretär der Vereinten Nationen für den 10. Dezember einen Bericht erbeten hat. Das wiederum ist eine gute Nachricht und eine schlechte. Die gute Nachricht ist, wie ich eben sagte, der Prozess ist beschleunigt, die schlechte ist: Ich befürchte, der 10. Dezember wird wieder so ein Datum sein, wo die Erwartungshaltung besonders hoch ist. Und es stellt sich bereits heute die Frage, ob man diese Erwartungshaltung befriedigen kann. Ich hoffe das mal, denn eins kann ich wirklich sagen: Die Menschen haben eine Entscheidung verdient. Sie brauchen Klarheit, sie brauchen Planungssicherheit für die Zukunft.

Clement: Herr Kather, wenn Sie jetzt nach Hause kommen, wann glauben sie, dass Sie mit Ihrer Frau wieder hier sind, um in einem Straßencafe dann wirklich den Cappuccino trinken zu können, von dem Sie eingangs sprachen?

Kather: Da ich von Grund auf Optimist bin, sage ich: Sooner rather than later.

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