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StartseiteKalenderblattInfektionsschutz als "Beleidigung des göttlichen Willens"16.09.2021

Die "Moskauer Pestrevolte" vor 250 JahrenInfektionsschutz als "Beleidigung des göttlichen Willens"

Dem letzten großen Pest-Ausbruch in Europa fielen 1771 bis zu 100.000 Einwohner Moskaus zum Opfer. Doch nicht nur die Epidemie, sondern auch der begleitende Aufruhr forderte Menschenleben - heute vor 250 Jahren brach die "Moskauer Pestrevolte" aus.

Von Winfried Dolderer

Historische Zeichnung aus dem 19. Jahrhundert: Pestarzt Doktor Schnabel von Rom 1656 mit Schnabelmaske mit Kräutern und Stock  (imago images | imagebroker)
Ein Pestarzt mit Schnabelmaske 1656 in Rom - behandelt wurde damals mit Kräutern (imago images | imagebroker)
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Der Palast stand schon leer, als die Wutmeute am späten Abend eintraf. Erzbischof Ambrosius, ein Ketzer, Abtrünniger, Frevler an einer heiligen Ikone in den Augen seiner Verfolger, war aus Moskau geflohen, ins Donskoi-Kloster vor der Stadt. Auch dort war er nicht sicher.

"Früh morgens spürten ihn die Aufrührer auf. Ein Schwarm derselben lief nach der Kirche, in der er noch den Gottesdienst hielt. Man schleppte ihn hinaus aus dem Kloster und riss ihm die Oberbekleidung ab. Einige wollten ihn nach dem Kreml führen (…), andere aber hatten daran nicht genug, zerschlugen ihm sogleich den Kopf und stachen ihn mit Messern vollends tot. Sein Körper blieb noch bis auf den folgenden Tag liegen."

"Das gemeinste Gesindel brach in mein Haus ein und schlug alles kurz und klein"

So schilderte der deutsche Arzt Johann Jakob Lerche die Bluttat am 16. September 1771. Nach der Ermordung des Kirchenmannes begann die Jagd auf Mediziner in verantwortlichen Positionen. Ihnen gaben die Menschen die Schuld daran, dass sie ihre Toten nicht mehr an den üblichen Orten und nach gewohntem Ritus bestatten durften, von ihren Familien getrennt in Quarantänezentren eingewiesen und zudem gezwungen werden konnten, Kleidung und Habseligkeiten ihrer verstorbenen Lieben zu verbrennen. Der gebürtige Brüsseler Charles de Mertens war seit 1768 ärztlicher Leiter des Moskauer Findelhauses. Auch er zählte zu den Leidtragenden der Septemberunruhen, die als "Pestrevolte" in die russische Geschichte eingingen: "Das gemeinste Gesindel brach in mein Haus ein und schlug alles kurz und klein, was es in die Hände bekam. Dem Russen Danilo Samojlowitsch rettete eine Notlüge das Leben:

"Sie ergriffen mich, und nachdem sie mich geschlagen hatten, fragten sie mich, ob ich der Wundarzt wäre, der die Aufsicht über die Kranken dieses Spitals hätte. Aus Furcht, eines so grausamen Todes zu sterben, versicherte ich, ich sei nur ein Unterwundarzt aus einem ganz anderen Spital."

Der letzte große Ausbruch der Beulenpest in Europa

Die Epidemie, der im Sommer und Frühherbst 1771 bis zu 100.000 Moskauer zum Opfer fielen, war der letzte große Ausbruch der Beulenpest in der europäischen Geschichte. Sie kam aus dem Südosten Europas. Im Gebiet des heutigen Rumänien hatten sich zunächst russische Truppen infiziert, die dort seit 1768 im Krieg gegen die Türken standen. Rasant breitete sich die Ansteckung über Polen und die Ukraine aus.

In Moskau erlagen ihr Ende 1770 der Leiter der Pathologie und mehrere Pfleger des Militärhospitals. Zu einem weiteren Ausbruch kam es im März 1771 unter den 3.000 Beschäftigten einer Textilfabrik im Stadtzentrum. Die steigenden Temperaturen ließen dann ab Juni Infektions- und Todeszahlen nach oben schnellen. Den Höhepunkt erreichte die Epidemie mit mehr als 21.000 Toten allein im Monat September. Der deutsche Augenzeuge Johann Jacob Lerche beobachtete:

"Das Elend in Moskau war unbeschreiblich. Täglich sah man in allen Straßen Tote und Kranke hinausführen, einige lagen hin und wieder auf den Straßen, die tot niedergefallen oder aus den Häusern hingeworfen waren. Es waren nicht mehr Leute und Wagen genug bei der Gesundheitspolizei, so dass viele Tote drei bis vier Tage in den Häusern liegen blieben."

Ärzte wurden verdächtigt Urheber der Seuche zu sein

Ein Gremium, in dem der medizinische Sachverstand Moskaus versammelt war, beriet die Behörden über Maßnahmen zum Infektionsschutz: Isolation und Quarantäne, Begräbnisse nur noch außerhalb der Stadt, Verbrennung aller womöglich kontaminierten Gegenstände. Die rigiden Vorkehrungen erzeugten Unmut. Ärzte wurden verdächtigt, selbst Urheber der Seuche zu sein. Eine nach den Grundsätzen der Aufklärung handelnde Verwaltung stieß auf den Widerstand von Menschen, die weniger der Wissenschaft als dem Heilsversprechen der Religion trauten.

"Nach altem Brauch fingen die Leute wieder an, die Toten zu umarmen, ohne irgendwelche Vorkehrungen zum Infektionsschutz zu beachten. Sie hielten solche Maßnahmen ohnehin für nutzlos, da das Unglück von Gott gesandt sei. Daher seien alle Bemühungen, die Ansteckung zu vermeiden, nur eine Beleidigung des göttlichen Willens."

Pestkreuze am Ortseingang von Emmingen Liptingen in Baden-Württemberg (imago / Werner Otto) (imago / Werner Otto)Pandemien - Als die Pest die Welt im Würgegriff hielt
(Pandemien wie SARS-CoV-2 gab es immer wieder im Laufe der Menschheitsgeschichte. Zu den verheerendsten zählt die Pest, die im Spätmittelalter etwa ein Drittel der Bevölkerung Europas dahinraffte. Die Katastrophe hatte weitreichende Folgen für die weitere Entwicklung des Kontinentes.

So Charles de Mertens. Die wachsende Spannung entlud sich am Abend des 15. September, als Erzbischof Ambrosius eine Ikone der Muttergottes an einem Stadttor entfernen lassen wollte. Dorthin waren die Menschen seit Tagen in Scharen gepilgert, um Rettung zu erflehen. Der Pestbazillus verbreitete sich umso rasanter. Dem Erzbischof war Infektionsschutz wichtiger als Ikonenverehrung. Deswegen musste er sterben.

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