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StartseiteEine WeltDie Muslime versuchen sich zu schützen27.04.2013

Die Muslime versuchen sich zu schützen

Elf Jahre nach den Massakern im indischen Bundesstaat Gujarat

2002 fanden im indischen Bundesstaat Gujarat antimuslimische Pogrome statt. 2000 Menschen starben damals, Ministerpräsident Narendra Modi nahm die Massaker billigend hin. Die antimuslimische Stimmung ist in der Stadt Juhapura immer noch zu spüren. Die Muslime wehren sich dagegen.

Von Sabina Matthay

Im Gujarat werden Muslime angefeindet. (picture alliance / dpa / Roos Koole)
Im Gujarat werden Muslime angefeindet. (picture alliance / dpa / Roos Koole)
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Asif Khan Pathan fährt mit uns über eine frisch geteerte Straße, die Juhapura von Hindu-Vierteln trennt

"Auf dieser Seite leben die Muslime, auf der anderen die Hindus. Deshalb sprechen die Leute von der Grenze."

Eine Grenze, die von Polizeikasernen und Siedlungen für Unberührbare abgepuffert wird.

Mindestens 300.000 Muslime leben in Juhapura, sechs Prozent der Einwohner von Ahmedabad. Manche hausen in Slums ohne Strom und Wasser, viele aber auch in modernen Häusern und Appartements. Denn neben Unterprivilegierten ziehen auch betuchte Muslime nach Juhapura.

Es ist ein Rückzug aus Angst, sagt die Sozialarbeiterin Ghazala Paul:

"Die Muslime versuchen sich zu schützen, mauern sich ein. Auch ein reicher Muslim wird immer ein Haus in Juhapura haben wollen, eine große Mauer drum herum, Stacheldraht darauf, um sich zu schützen. "

Denn die Erinnerungen an die antimuslimischen Pogrome vor elf Jahren sind nicht verblasst. Etwa 2000 Muslime starben damals in Gujarat, Opfer hindu-nationalistischer Banden; Zehntausende wurden vertrieben, ihr Eigentum geplündert und zerstört, während die Polizei tatenlos zusah.

Nicht nur Angst, auch Diskriminierung zementiert die Segregation in Ahmedabad, erzählt die Literaturwissenschaftlerin Zakia Soman – Hindus wollen unter sich bleiben:

"Ich wollte ein Appartement kaufen, das mir gefiel. Ein Formular mit meinen Angaben musste ausgefüllt werden. Als ich meinen Namen nannte, klappte der Makler die Unterlagen zu und sagt: "Sorry, das ist nichts für Sie."

Illegal, aber völlig normal in Gujarat, dessen Ministerpräsident Narendra Modi von der Bharatiya Janata Partei (BJP) seinen Hindu-Chauvinismus offen zu Schau trägt. Modi hat die Krawalle von 2002 zumindest geduldet; öffentlich bedauert hat er sie nie.

Das, mehr noch als sein Ruf als Modernisierer und Wirtschaftsförderer, habe ihm die zweimalige Bestätigung im Amt durch die hinduistische Mehrheit in Gujarat beschert, meint Ghazala Paul:

"Erst hat er die Hindutva-Ideologie mobilisiert, hat eine Welle anti-muslimischen Ressentiments geschaffen und die Hindu-Mehrheit glücklich gemacht. Und dann hat er die wirtschaftliche Entwicklung vorangetrieben."

Ein bisschen von diesem Aufschwung ist auch in Juhapura zu spüren. Seit Kurzem gibt es hier einen Geldautomaten, die meisten Straßen sind von Laternen gesäumt und der Unternehmer Nadeem Jafri hat sogar einen Supermarkt eröffnet:

"Gujarat war schon immer ein geschäftsfreundlicher Staat. Hier gibt es mehr Unternehmer als in jedem anderen Staat. Lange bevor diese Regierung an die Macht kam, war Gujarar wohlhabend. Das liegt an der Mentalität der Menschen hier, nicht an den Politikern.""

Nadeem Jafri ist ein erfolgreicher Geschäftsmann. Doch ob Schule, Arbeit, Einkommen oder Politik - ein großer Teil der Muslime bleibt wirtschaftlich und sozial ausgegrenzt im reichen Gujarat.

Die muslimische Mittelschicht versucht gegenzusteuern, indem sie auf Eigeninitiative setzt, etwa Privatschulen für ihre Kinder gründet, damit die mittels Bildung weiterkommt. Doch auch islamistische Gruppierungen wie Jamaate Islami haben Zulauf, hat Ghazala Paul in Juhapura beobachtet:

"Die Unsicherheit unter den Muslimen stärkt diese Gruppen. Dann fangen sie an zu indoktrinieren, Motto: "Der Islam ist in Gefahr". Das zeigt Wirkung, vor allem unter jungen Leuten und Frauen. Mehr und mehr Frauen tragen jetzt Kopftuch, mehr und mehr Kinder besuchen Madrassas, islamische Schulen."

Eine Entwicklung, die Zakia Soman mit Sorge beobachtet. Vor acht Jahren gründete sie die Bewegung Indischer Musliminnen, die inzwischen 35.000 Mitglieder hat. Sie haben sich den Kampf für Gleichheit vor Gesetz und Recht, für demokratische Teilhabe ins Programm geschrieben, ausdrücklich als säkulare indische Bürgerinnen muslimischer Religion.

Das allein errege schon den Zorn der Kleriker, erzählt Zakia. Aber auch, dass ihre Organisation die Dominanz der Männer aufbrechen und die Unterdrückung der Frauen unter den Muslimen beenden wolle.

Zakia Soman:

"Wenn wir diese Fragen anschneiden, dann sagen selbst die verständigsten Leute: Lasst das doch jetzt, das hilft nur Modi und der BJP. Fangt doch damit jetzt nicht an. Aber der richtige Zeitpunkt scheint nie zu kommen."

Die Rückständigkeit der meisten Muslime in Juhapura beklagt auch A I Saiyed. Seine Glaubensbrüder verharren in einer religiös verbrämten Opfermentalität, findet der pensionierte Polizeivizedirektor von Ahmedabad, dabei hätten Muslime 2002 genauso randaliert wie Hindus:

"Beide Seiten haben gemordet und geplündert."

Eine Sicht, die kaum ein Muslim in Juhapura teilt. Trotzdem haben viele für A I Saiyed gestimmt, als der vor drei Jahren für die Wahl zum Stadtrat von Ahmedabad kandidierte – für die hindu-nationalistische BJP von Narendra Modi. Der sei kein Chauvinist, behauptet Saiyed:

"Modi ist ein Visionär und er glaubt einzig an Entwicklung."

Zwar pocht A I Saiyed darauf, dass er kein Quotenmuslim sei, doch die BJP stellte ihn als ihr muslimisches Gesicht in Juhapura auf; ihr erster Versuch, die Vorherrschaft der Congresspartei dort zu brechen. Saiyed unterlag nur knapp: Mit 13.000 Stimmen erhielt er unverhofft deutlichen Zuspruch in dem Ghetto.

Einen der ihren unter den Mächtigen im Stadtrat von Ahmedabad zu sehen, wog für viele muslimische Wähler offenbar schwerer als die potentielle Bedrohung, den der Hindunationalismus für sie birgt.

Für die Wahlen zum Regionalparlament von Gujarat im letzten Jahr stellte die BJP übrigens keinen einzigen Muslim auf. Hindutva bleibt das ideologische Fundament der Partei.

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