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StartseiteTag für Tag"Die Nacht ist schon im Schwinden"24.12.2012

"Die Nacht ist schon im Schwinden"

Vor 70 Jahren ging der Dichter und Theologe Jochen Klepper in den Tod (Teil 1)

Seine Lieder sind längst zu geistlichen Volksliedern geworden. Kaum eine evangelische Gemeinde, in der sie nicht gesungen werden. Doch über das Leben und Sterben des Dichters und Theologen Jochen Klepp weiß heute kaum noch jemand etwas.

Von Kirsten Serup-Bilfeldt

Der Schriftsteller Jochen Klepper in einer zeitgenössischen Aufnahme. (picture alliance / dpa)
Der Schriftsteller Jochen Klepper in einer zeitgenössischen Aufnahme. (picture alliance / dpa)
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"Die Nacht ist schon im Schwinden"

"Ich stehe hier, hohes Gericht, um diesen Prozess zu eröffnen…"

Es ist ein skurriles Bild, das da 1961 um die Welt geht: in einem Glaskasten, flankiert von zwei Militärpolizisten, ein dürrer Mann mit schütterem Haarkranz und riesiger Hornbrille. Er sieht aus wie ein Buchhalter, der sich scheut, um eine Gehaltserhöhung zu bitten.

Ob er sich, so fragt der israelische Generalstaatsanwalt Gideon Hausner den Angeklagten Adolf Eichmann, an den "Fall Klepper" erinnere. Nein, lautet die Antwort, er erinnere sich nicht.

Anlass für diese Frage ist ein Tagebucheintrag vom 10. Dezember 1942 – der letzte des Theologen und Schriftstellers Jochen Klepper:

"Nachmittags die Verhandlung auf dem Sicherheitsdienst. Wir sterben nun – auch das steht bei Gott. Wir gehen heute Nacht gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des segnenden Christus, der um uns ringt."

"Die Adventszeit spielte für ihn eine große Rolle, und wenn es irgend möglich sei, so wollte er aus dem Leben mit seiner Frau und seiner Tochter Renate im Advent aus dem Leben scheiden. Dieses Aus-dem-Leben-Scheiden erklärt er der Nachwelt in diesem Adventslied: Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern, so sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern. Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein, der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein."

Der Kölner evangelische Theologe und Klepper-Experte Thomas Hübner.

Am 11. Dezember 1942 nehmen sich Jochen Klepper, seine jüdische Frau Hanni und deren Tochter Renate mit Schlaftabletten und Gas das Leben. Den Ausschlag hatte die Weigerung Eichmanns gegeben, Kleppers jüdische Frau und Stieftochter Renate von der Deportationsliste für die Vernichtungslager im Osten zu streichen und der Tochter die Ausreise über Schweden nach England zu ermöglichen.

"Also die heimlichen Ängste der verfolgten Menschen; der Morgenstern, das alte Bild des Christus, fast wie ein Trostlied… wie ein Trost an die Nachwelt: Die Nacht ist schon im Schwinden, macht euch zum Stalle auf."

"Ihr sollt das Heil dort finden,
Das aller Zeiten Lauf
Von Anfang an verkündet,
Seit eure Schuld geschah.
Nun hat sich euch verbündet,
Den Gott selbst ausersah."


Geblieben sind von Jochen Klepper, der heute fast vergessen ist, seine geistlichen Gedichte und Lieder. Evangelische und katholische Christen singen sie gleichermaßen. In diesen Liedern habe Klepper, so hat der 2006 verstorbene Altbundespräsident Johannes Rau einmal formuliert, "Gott nie aus den Augen gelassen".

In seinem Leben auch nicht. Dieses Leben beginnt in einem evangelischen Pfarrhaus in Beuthen an der Oder. Dort wird Jochen Klepper am 22. März 1903 geboren. Er studiert Theologie in Breslau und Erlangen, bricht aber bald, gegen den erklärten Willen seines Vaters, das Studium zugunsten seiner journalistischen und schriftstellerischen Arbeit ab. Nach seinem ersten Roman "Der Kahn der fröhlichen Leute" gelingt ihm 1937 der Durchbruch, der große Wurf mit dem Werk "Der Vater". Es ist ein Porträt Friedrich Wilhelms I., des "Soldatenkönigs" und Vaters Friedrichs des Großen.

In dem Porträt skizziert er – und biografische Parallelen sind durchaus beabsichtigt – ein höchst konfliktreiches Vater-Sohn-Verhältnis. Es geht um einen Vater, der Gott und seinem Staat dienen will: treu, gläubig, demütig, pflichtbewusst, der aber den intellektuellen und musischen Neigungen des Sohnes feindselig-verständnislos gegenübersteht:

"Sozusagen als Andockstelle existentialer Interpretation versuchte Klepper mit dieser neuen Gattung des Vaterromans etwas ausfindig zu machen. Er hat intensiv versucht, diesen musikalischen Sohn des Soldatenkönigs, später Friedrich der Große, zu verstehen. Friedrich nahm heimlich bei Quantz Flötenunterricht. Also, ein hochmusikalischer, kunstbegabter, philosophisch interessierter junger Mann sollte im Sinne des Soldatenkönigs erzogen werden. Klepper sah in seinem Vater den Soldatenkönig und er sah in Friedrich dem Großen, den künstlerisch begabten, empfindsamen Menschen, sich, der eigentlich einer Macht wie den Nazis gar nicht gewachsen war und schon gar nicht dem Militarismus. Dieses Sehen der existentialen Interpretation von Schuld und Erziehung – und vor allen Dingen: welchen Einfluss hat eigentlich der Vater auf die Erziehung?"

"Warum ist das so wichtig? Vielen ist ganz unbekannt, dass Jochen Kleppers Vater, Pfarrer, und seine Mutter, künstlerisch begabt, ihn sozusagen aus der Familie ausgeschlossen haben. Und zwar infolge eines ganz klassischen Falles: Klepper heiratete 1931 eine 13 Jahre ältere Frau, Johanna Stein-Gerstel, Jüdin, welche in die Ehe zwei Töchter mitbrachte. Der Vater hat sich wie auch seine Mutter mit den Geschwistern von Jochen Klepper distanziert. Eine ganz grauenhafte Erfahrung für Klepper."

Zwar ist der Roman ein großer Erfolg und wird auch in Nazikreisen gern gelesen, doch kurz nach seinem Erscheinen wird der Autor als "jüdisch Versippter" aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen. Man legt ihm die Scheidung von seiner zum Protestantismus konvertierten Frau nahe. Klepper lehnt ab.

Seine Tagebuchaufzeichnungen mit dem Titel "Unter dem Schatten deiner Flügel" zeigen, wie sich die Schlinge um die Familie immer enger zieht:

"24. Dezember 1941, Heiliger Abend. Wir gingen zur zweiten Christmette um sechs. Als die Glocken läuteten, saßen wir schon in der Kirche, jedoch nicht auf dem gewohnten Platz, sondern dahinter, weil Renate mit ihrem gelben Stern hinter einer Säule verborgen sein wollte. Dann gelang es doch, so schön wie jedes Jahr den Heiligen Abend zu feiern… Die Kerzen in den Wandleuchtern, die roten Leuchter auf dem alten Eichentisch mit seinen roten und goldenen Bändern, den alten Meißner-Tellern, Zinn, Äpfel, Pfefferkuchen, Nüsse – es war ein solcher Glanz, so vollendete Schönheit, Fülle und Wärme. Danach gab'’s ein Singen: 'Stille Nacht', 'O, du fröhliche' und 'Vom Himmel hoch, da komm ich her…'"

"Ein Kinderlied auf die Weihnacht Christi Anno 1535" hat Martin Luther dieses Lied überschrieben. Seit es an jenem Weihnachtsabend im Pfarrhaus in Wittenberg geschrieben und komponiert wurde, gehört es zum Mittelpunkt evangelischer Weihnachtsliturgie. Jochen Klepper hatte für dieses alte reformatorische Weihnachtslied immer eine ganz besondere Vorliebe.

Schon am Heiligen Abend 1935 notiert er in sein Tagebuch:

"Der Schmerz der Welt, in die das 'Freuet euch' gesprochen ist, durchdringt die Stunden der Feier. Der Schmerz kann nicht getilgt werden, dass die Gabe des Lebendigen, des Herrn allen Lebens, sein Tod ist. Das Luther-Lied "Vom Himmel hoch" ist heute 400 Jahre alt…"

"Luther hat hier etwas aufgenommen in seiner Zeit. Es war üblich, dass Heiligabend die Kinder die Weihnachtsgeschichte, Lukas 2, durch ein Singspiel darstellten. Nur ganz kurz zur Erinnerung: also ein ganz hoher Ton und jetzt geht’s ganz runter. Die Botschaft aus dem Himmel ist auf Erden angekommen. Dazwischen liegt genau eine Oktave und das hat Luther ganz bewusst gemacht. Er lässt also die Melodie das Geschehen erklären. So hat Luther das Volkslied in das Kirchenlied überführt und in dem Kinderlied 'Vom Himmel hoch, da komm ich her'" verrät er in der ersten Strophe etwas: nämlich davon ich singen und sagen will. Nicht umgekehrt."

Es gebe hier, so der Theologe Thomas Hübner, eine "Grammatik" der Lutherschen Theologie. Diese Reihenfolge mache deutlich: zuerst kommt das seelische Erfahren, das Singen, danach das intellektuelle, das Sagen.

Für Jochen Klepper sollte es nicht mehr Tag werden. Er habe, so schrieb kürzlich der evangelische Bischof Markus Dröge, das menschliche Leiden sogar in den Mittelpunkt der Weihnachtsbotschaft gestellt:

"Die Welt ist heut voll Freudenhall.
Du aber liegst im armen Stall.
Dein Urteilsspruch ist längst gefällt,
Das Kreuz ist dir schon aufgestellt."



Hinweis

Den zweiten Teil des Beitrags haben wir am 27.12.2012 ausgestrahlt:

"Die Nacht ist schon im Schwinden"<br />Vor 70 Jahren ging der Dichter und Theologe Jochen Klepper in den Tod (Teil 2)

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