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StartseiteEuropa heuteDie 'Ndrangheta ins Herz getroffen14.07.2010

Die 'Ndrangheta ins Herz getroffen

Rund 300 Festnahmen bei Razzien gegen die Mafia in Italien

In Italien sind bei einem Polizeieinsatz gegen die kalabrische Mafia 'Ndrangheta etwa 300 Menschen festgenommen worden. Unter ihnen auch der 80-jährige Domenico Oppedisano, der mächtigste Mann innerhalb der Organisation. Der Schlag war von langer Hand vorbereitet.

Von Karl Hoffmann

Festgenommen: Domenico Oppedisano (AP)
Festgenommen: Domenico Oppedisano (AP)

Auf dem Hof der Polizeizentrale von Reggio di Calabria sah man gestern einen alten Mann auf ein bereitstehende Fahrzeug der Carabinieri zugehen. Er wirkte wie ein Rentner, ein betuchter Landwirt vielleicht. Oder ein gütiger Großvater. Der Eindruck täuscht gewaltig. Die Ermittler sind sich sicher, dass der alte Mann mit Namen Domenico Oppedisano der mächtigste Mann innerhalb der mächtigsten Mafiaorganisation Italiens ist: der Chef der Ndrangheta, 80 Jahre alt, erst im vergangenen Jahr von den Drine, den kalabrischen Mafiafamilien zum Oberhaupt gewählt. Eine kurze Regentschaft.

Der alte Mann wirkte unbeteiligt. So als hätte er diesen Augenblick schon seit längerem erwartet. Die 'Ndrangheta hatte ihre Spitzel auch im Polizeiapparat.- Unter den Festgenommenen waren drei Carabinieri. Die Bosse fürchteten, dass sie auffliegen würden. "Überall versteckte Mikrofone und Kameras , das reinste Bordell, die wissen jeden Mist von uns" heißt es in einem Telefongespräch, das die Anti-Mafia-Spezialeinheiten mitgehört haben. Kameras waren auch im Speisesaal des Gesellschaftsverein in der kleinen Gemeinde Paderno Dugnano in der Nähe von Mailand, dessen Präsident Signor Francesco ist: Letztes Jahr hatte er mehrere Male eine Gruppe von netten Herrn verschiedenen Alters zu Gast.

"Hier saßen sie an einer Tafel in Hufeisenform. Den ersten Gang haben wir auf Plastiktellern serviert, sie haben Nudel gegessen, à la Calabrese, danach haben wir ihnen noch ein Paar Kleinigkeiten gebracht, auch etwas Obst."

Nett seien die unbekannten Gäste gewesen sagt Francesco. Dass es die Bosse der 'Ndrangheta waren, die gerade ihren Gebietsleiter für die Lombardei feierlich ernannt hatten, wusste er freilich nicht.

Von Reggio di Calabria aus steuert die 'Ndrangheta ein weitverzweigtes Netz verschiedenster Aktivitäten in den Städten Norditaliens, in weiten Teilen Europas, in Nord- und Südamerika und in Australien. Sie kontrolliert den Handel mit Rauschgift, aber auch viele Bereiche der öffentlichen Verwaltung, vom Gesundheitswesen bis hin zur Ausrichtung der EXPO im Jahr 2015 in Mailand.

Die 'Ndrangheta investiert große Summen aus dem Rauschgifthandel in legale Unternehmungen, jene der Konkurrenz erpresst sie mit massiven Gewaltdrohungen. Ihre Art, Angst und Schrecken zu verbreiten, sei ausgesprochen effizient, erklärt die Mailänder Ermittlungsrichterin Ilda Bocassini erbittert:

"In keinem einzigen der Erpressungsfälle, die wir aufdecken konnten, haben die Opfer den Mund aufgemacht und zugegeben, dass sie bedroht wurden."

Wahrscheinlich an die 500 Unternehmen kontrolliert die 'Ndrangheta alleine in der Region um Mailand. Aber ihre Geschäfte gehen weit über die Grenzen Italiens hinaus, da ist sich Francesco Forgione, einer der wichtigsten italienischen Mafiaexperten ganz sicher. Mit der blutigen Abrechnung von Duisburg vor drei Jahren ist der Traum von einer mafiafreien Welt außerhalb Kalabriens endgültig geplatzt.

"In Europa, in Deutschland, aber auch in Mailand hat man sich jahrelang eingebildet, dass das von der Mafia investierte Kapital kein Problem darstellt. Aber mit dem Geld der Mafia kommen auch die Mafiosi . In Deutschland hat die Mafia jahrelang investiert und es haben sich auch Mafiosi niedergelassen, vor allem die Männer der Ndrangheta. Die Lage in Deutschland, Spanien und Holland ist heutzutage sehr kritisch."

Vor allem fehle es noch immer an einer wirksamen grenzüberschreitenden Zusammenarbeit von Ermittlungsbehörden und Justiz. Stattdessen will die Regierung Berlusconi die polizeiliche Überwachung von verdächtigen Mafiosi drastisch begrenzen. Zum Schutz der privacy, der Privatsphäre, wie es offiziell heißt.

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