Rock et cetera 10.11.2019

Die New Yorker Band DIIVAufstieg, Krise, Wiedergeburt Von Anke Behlert

Vier Männer stehen vor einer Wand und blicken in die Kamera. (Nich McElroy)Die Band DIVV besteht aus Zachary Cole Smith, Andrew Bailey, Colin Caulfield und Ben Newman. (Nich McElroy)

Die wilden und immer etwas zu destruktiven Rock'n'Roll-Jahre sind vorbei: Der Gitarrist Zachary Cole Smith hat mit seiner Band DIIV das dritte Album eingespielt, Titel: "Deceiver". Ein cleaner Neustart zwischen robusten Gitarrenriffs und metallischen Soundwänden - und leicht melancholischer Grundhaltung.

Musik: "Skin game"

Kaffee und Wasser statt hartem Alkohol, regelmäßiger Sport statt durchgemachter Nächte. Klingt vielleicht ein bisschen langweilig, ist aber gesünder. Es sei jetzt einfach entspannter, Mitglied von DIIV zu sein; Sänger Zachary Cole Smith und Bassist Colin Caulfield schauen sich an und nicken. Bis vor kurzem hatte die Band den Ruf, Chaos magnetisch anzuziehen. Sie lebten das "Sex, Drugs & Rock'n'Roll"-Klischee in vollen Zügen aus, vor allem Sänger Smith. 2016 mussten sie ihre Europa-Tour abbrechen: "So ging es einfach nicht weiter", sagt Bassist Caulfield rückblickend.

Nicht selbst zerstören

Colin Caulfield: "Es hat sicher sehr viel damit zu tun, dass wir noch jung waren. Die ganze Band war total destruktiv drauf, nicht nur Cole. Wenn du jung bist, haben diese Verrücktheit und das Drama einen gewissen Reiz. Wir haben alle möglichen dummen Sachen gemacht und waren am Ende total fertig. Als wir wieder zusammengekommen sind, hatten wir ein andere Einstellung. Wir haben erkannt, wie wichtig uns die Band ist. Wir wollen das noch eine Weile machen, aber das geht natürlich nur, wenn wir uns nicht selbst zerstören."

Musik: "Doused"

Begonnen hat DIIV als Projekt von Cole Smith. Geboren 1984 in New York, wächst Smith im ländlichen Connecticut auf. Nach der Schule zieht er zurück nach New York, schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch und spielt nebenbei Gitarre. Um eine Freundin zu beeindrucken, beginnt er in einem veganen Restaurant zu arbeiten. Dort treffen sich die Musiker des East Village und geben kleine Konzerte. Der Laden wird zu seiner künstlerischen Heimat: dort lernt er andere Musiker kennen und beginnt, regelmäßig in Bands zu spielen. Bald schreibt Smith auch eigene Songs und rekrutiert ein paar Freunde als Bandmitglieder. Er schickt Demos an das Label Captured Tracks und dessen Chef Mike Sniper ist sofort Feuer und Flamme. 2011 erscheint dort die erste DIIV-Single "Sometime".

Musik: "Sometime"

Perlige Gitarrenläufe, verwaschener Gesang und vor allem viel bis sehr viel Hall – die Songs von DIIV vereinen träumerische Eleganz mit Shoegaze, Krautrock und Postpunk. Ihre anmutig tänzelnden Melodien verbreiten aber nicht nur gute Laune. Unter der sonnengebleichten Strandatmosphäre lauert oft genug ein unheilvoller Schatten. Vielleicht wegen ihrer musikalischen Vorbilder? Der Bandname ist inspiriert von einem Nirvana-Song und eine zeitlang wird Cole Smith mit seinen halblangen blondierten Haaren und abgetragenen Klamotten ständig mit Kurt Cobain verglichen. Mit dem Debütalbum "Oshin" bekommt die Band erste internationale Aufmerksamkeit und tritt auch im Fernsehen auf.

Musik: "Wait"

Neben der Musik arbeitet Cole Smith auch als Model und verdient damit sehr gut. Oberflächlich betrachtet ist sein Leben also ziemlich perfekt: er hat Geld, mit seiner Band geht es bergauf und in der Liebe läuft auch alles rund. Darunter aber sieht es alles andere als rosig aus. Der sensible junge Mann hat schon lange mit seiner Drogensucht zu kämpfen, der Erfolg seiner Band setzt ihn noch zusätzlich unter Druck. Eines Abends werden er und seine Freundin in einer Polizeikontrolle mit Heroin und Ecstasy erwischt. Außerdem fährt Smith ohne Führerschein. Es beginnt eine Reihe halbherziger Versuche, von der Droge loszukommen, sagt der Sänger.

Vier Männer stehen in einer Düne und blicken in die Kamera. (Coley Brown)DIIV geben im März 2020 drei Konzerte in Deutschland (Coley Brown)

Zachary Cole Smith: "Ich habe nach einer einfachen Lösung gesucht, aber die gab es nicht. Deshalb habe ich mich so lange davor gedrückt. Wenn man ein Problem hat und jemand sagt: Um es zu lösen musst du jeden Aspekt deines Lebens von Grund auf ändern, denkt man sich doch. Kann ich nicht lieber eine Pille nehmen?"

Musik: "Under the sun"

Porträt der New Yorker Band DIIV: Deren zweites Album "Is the is are" wird von Fans gefeiert und Kritikern gelobt. Inspiriert vor allem von "Bad Moon Rising" - der zweiten Sonic Youth-Platte - ist das Klangbild dunkler, die Gitarren zerren und sägen sich durch die Songs. Der etablierte DIIV-Sound aus ätherischem Gesang, verhallten Arpeggios und hypnotischen Wiederholungen bleibt aber erhalten.

Musik: "Out of mind"

Anfang 2017 begibt sich Cole Smith erneut in Behandlung: er schafft den Entzug und geht auch seine tiefer liegenden Probleme dahinter an. All diese Erfahrungen sind in die Songs auf dem dritten Album "Deceiver" geflossen und entsprechend dunkel klingen sie. Das Tempo ist langsamer, die Gitarren noch verzerrter, die frühere Leichtigkeit ist weg. Inspiriert von der Musik von My Bloody Valentine oder der texanischen Slowcore-Band Bed Head haben zum ersten Mal alle DIIV-Bandmitglieder Songs geschrieben.

Hohe Standards gesetzt

Colin Caulfield: Cole und ich haben ein paar Demos aufgenommen und wir haben dann alle zusammen überlegt, wie die Songs klingen sollten. Über mehrere Monate haben wir in einem Proberaum in Los Angeles die Instrumentalparts ausgearbeitet. Dann haben Cole und ich die Gesangsmelodien erarbeitet und er hat schließlich noch die Texte geschrieben. Das alles hat zwar lange gedauert, hat auch sehr viel Spaß gemacht. Wir hatten uns ziemlich hohe Standards gesetzt und entsprechend auch viele Fehler gemacht. Da darf man seinen Humor nicht verlieren, sonst wird man vom Projekt verschluckt.

Musik: "For the guilty"

DIIV-Frontmann Cole Smith lässt in seinen Texten die schmerzhaften, aber auch befreienden Erfahrungen der vergangenen Monate noch einmal Revue passieren. Es geht um Ehrlichkeit, Täuschung und zerbrochene Freundschaften.

Zachary Cole Smith: "Verantwortung zu übernehmen für die eigenen Fehler ist der einzige Weg, sie nicht zu wiederholen. Man muss sich auch die Gründe anschauen und versuchen, daran zu arbeiten; man muss Leute, die man verletzt hat, um Verzeihung bitten und dann nach vorne schauen."   

Musik: "Taker"

Aber die Themen auf "Deceiver" sind nicht nur persönlicher Natur, im Song "Blankenship" geht es um den Klimawandel.

Zachary Cole Smith: "Der Song ist meiner Meinung nach auch persönlich, denn das Thema betrifft uns alle. Individuelle Entscheidungen, wie z.B. tierische Produkte zu konsumieren oder nicht, haben Auswirkungen. Insofern passt der Song thematisch zum Rest des Albums."

Colin Caulfield: "Wir fanden, dass die Themen Habgier und Klimawandel gut zusammenpassen. Don Blankenship war Vorsitzender eines sehr großen Kohleunternehmens. Er war mit verantwortlich für ein Minenunglück, bei dem mehrere Bergarbeiter umgekommen sind. Und im Song ist er eine Person, die lügt. Er steht für die Energiekonzerne, die uns, also die Allgemeinheit, angelogen haben, um sich selbst zu bereichern."

Musik: "Blankenship"

Erstmals haben DIIV ihre Songs live gespielt, bevor sie sie aufgenommen haben. Auf einer Tour mit der Black Metal-Band Deafheaven testeten sie das neue Material. An das gemächlichere Tempo mussten sie sich erstmal gewöhnen.

Eine up-tempo Live-Band

Zachary Cole Smith: "Wir waren immer eine up-tempo Live-Band, haben unsere Songs sehr schnell gespielt, das ist unsere Komfort-Zone. Aber wir wollten ja langsame Songs schreiben, die grüblerisch sind und sich nach und nach entfalten. Und diese Songs live zu spielen, war anfangs eine Herausforderung. Wir haben auch die meisten Effekte weggelassen und alles einfacher gestaltet."

Musik: "Acheron"

"Deceiver" ist kein Konzeptalbum, aber alle Elemente passen zusammen bzw. ergänzen einander. Die Musik und die Texte, der Titel und natürlich auch das Artwork. Auf dem Cover zu sehen ist ein Ölgemälde des australischen Malers Rhys Lee, das eine dunkle Maske zeigt.

Zachary Cole Smith: "Wir wollten gerne eine Art Gesicht auf dem Cover haben und die Black Metal-Farben sollten vertreten sein, also schwarz, lila und rot. Und Lees Bild hat all das. Es heißt "Collodis Puppe", Carlo Collodi hat die Pinoccio-Geschichte geschrieben. Die Maske auf dem Cover sieht ein bisschen unheimlich aus und hat eine grotesk lange Nase. Das passt alles super zu den Themen und dem Albumtitel "Deceiver".

Die neuen, cleanen DIIV haben musikalisch zwar ihre Leichtigkeit eingebüßt, aber die schweren kathartischen Gitarrenexzesse und düsteren Melodien haben auch etwas Tröstliches. Man kann nur hoffen, dass die neue Stabilität in Cole Smith's Leben von Dauer ist.

Musik: "Horsehead"

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