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StartseiteKalenderblattDie offene Wunde im Schutzschild der Erde22.03.2010

Die offene Wunde im Schutzschild der Erde

In Wien wird das erste internationale Abkommen zum Schutz der Ozonschicht unterzeichnet

Klimaschützer sind nicht gerade erfolgsverwöhnt. Internationale Vereinbarungen enden meistens mit lauen Kompromissen. 1985 war das anders. Damals rüttelte das Ozonloch über der Antarktis die Welt wach. Den Beginn machte heute vor 25 Jahren das "Wiener Abkommen zum Schutz der Ozonschicht".

Von Monika Köpcke

Das Ozonloch auf der Südhalbkugel ist wesentlich größer als das der Nordhemisphäre. (NOAA)
Das Ozonloch auf der Südhalbkugel ist wesentlich größer als das der Nordhemisphäre. (NOAA)
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Neues vom Ozonloch
Welttag zum Schutz der Ozonschicht

"Dr. Molina und ich, wir veröffentlichten die erste Arbeit im Sommer 1974. Darin stellten wir fest: Fluorkohlenwasserstoffe gefährden das Ozon. Und deshalb rieten wir zu einem Produktionsstop der FCKW.”"

Erinnerte sich gut 30 Jahre später der amerikanische Chemiker Sherwood Rowland. Seit Beginn der siebziger Jahre ging er der Frage nach: Was wird eigentlich aus Fluorkohlenwasserstoffen, kurz FCKW, wenn sie in die Luft entweichen?

FCKW: Ein chemisches Wundermittel. In der Industrie vielfältig einsetzbar: Als Kältemittel in Kühlschränken, bei der Herstellung von Schaumstoffen, als Treibgas in Sprühdosen. Ungiftig, nicht brennbar, geruchlos. Und: Die FCKW-Moleküle reagieren nicht mit anderen Stoffen. Zumindest nicht auf der Erde. Anders in der Stratosphäre, die zehn Kilometer über der Erdoberfläche beginnt. Dort befindet sich die Ozonschicht, die die gefährliche UV-Strahlung aus dem Sonnenlicht filtert. Hier erweisen sich die FCKW-Moleküle als hochaggressiv.

"”Sie überleben sehr lange und kommen bis in die obere Atmosphäre. Aber da werden sie von der hochintensiven UV-Strahlung der Sonne getroffen, die FCKW-Moleküle zerbrechen in ein hochreaktives Chloratom und ein Restfragment. Das Chloratom attackiert nun Ozonmoleküle und zerstört sie. Und das wird ein globales Problem, weil ein einziges Chloratom 100.000 Ozonmoleküle zerstören kann."

In Sherwood Rowlands Heimatland USA wurden aufgrund des großen öffentlichen Drucks bereits 1977 Spraydosen mit FCKW verboten. Kanada und Skandinavien folgten wenig später. Der Rest der Welt tat nichts.

Bis Anfang 1985 plötzlich das Ozonloch über der Antarktis entdeckt wurde. Eine offene Wunde klaffte im Schutzschild der Erde. Der Atmosphärenchemiker Paul Crutzen warnte vor den Folgen einer ausgedünnten Ozonschicht.

"Ganz deutlich wird es zu einer Vermehrung von Hautkrebs besonders bei den weißen Menschen führen. Auch das Meeresplankton, es sieht so aus, dass es sehr empfindlich ist für vermehrte UV-Strahlung. Man kann im Allgemeinen sagen, dass durch die sehr starke Verminderung der Ozonschicht man schon erhebliche Folgen für das Leben auf der Erde befürchten muss."

Das Ozonloch schockierte die Welt. Bereits im selben Jahr trafen sich unter Führung der Vereinten Nationen Vertreter aus 43 Staaten in Wien. Am 22. März 1985 wurde hier das "Übereinkommen zum Schutz der Ozonschicht" beschlossen. Vorerst einigte man sich lediglich auf wissenschaftlichen Informationsaustausch. Konkrete Maßnahmen sollten in den Folgejahren verhandelt werden.

"Hier haben einfach die Umweltinteressen tatsächlich nun einmal absolute Priorität gegenüber wirtschaftlichen Interessen, das muss auch jeder begreifen."

So der damalige Bundesumweltminister Walter Wallmann. Und die Welt hatte begriffen: Im September 1987 wurde das "Montrealer Protokoll" verabschiedet, dem bis heute 195 Länder beigetreten sind. Es machte Nägel mit Köpfen: Den Industrieländern verbot es schrittweise die Produktion und Verwendung von FCKW bis Ende 1995.

Für die Entwicklungsländer gilt dieses Verbot seit Januar 2010. Die Bestimmungen des Montrealer Protokolls wurden immer wieder verschärft. So sind heute außer FCKW noch sieben weitere ozonzerstörende Stoffe von dem Verbot betroffen.

"Das Ozonloch wächst offenbar schneller als je zuvor. Nach Messungen der NASA ist es inzwischen dreimal so groß wie die USA."

hieß es im September 2000 in einer Meldung. Das FCKW-Verbot hat zwar bewirkt, dass sich Chlor in der Stratosphäre allmählich abbaut. Doch inzwischen hat man herausgefunden, dass auch Lachgas, ein Nebenprodukt des in der Landwirtschaft eingesetzten Stickstoffdüngers, die Ozonschicht schädigt. Außerdem, so Paul Crutzen:

"Die Lebensdauer der FCKW-Gase in der Atmosphäre ist einfach sehr, sehr lange. Das heißt, unsere Enkelkinder werden noch immer diese Substanzen in der Atmosphäre messen. Allerdings zu der Zeit nach dem Jahre 2050 etwa wird das Ozonloch nicht mehr so erscheinen wie das jetzt der Fall ist."

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