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StartseiteHintergrundDie Pakistan-Connection03.08.2006

Die Pakistan-Connection

Hintergründe und Hintermänner des Terrorismus in Indien

Mit den Bombenexplosionen in den Vorortzügen von Bombay am 11. Juli hat der Terror in Indien eine neue Dimension erreicht. Wer genau hinter den Anschlägen steckt, ist noch nicht zweifelsfrei geklärt. Für die Regierung scheint klar: Die Verantwortlichen für den Terror sind im Nachbarland Pakistan zu finden.

Von Michael Weidemann

Am 11. Juli zerfetzten Bomben Nahverkehrszüge in Bombay. (AP)
Am 11. Juli zerfetzten Bomben Nahverkehrszüge in Bombay. (AP)
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Mit Maschinenpistolen und Handgranaten bewaffnet stürmten zwei Attentäter im September 2002 den Hindu-Tempel im westindischen Bundesstaat Gujarat. Wahllos um sich schießend, liefen sie durch den Tempelbezirk, mit dem einzigen Ziel, so viele der dort betenden Gläubigen zu töten wie möglich. Mehr als 50 Menschen fielen ihrem Amoklauf zum Opfer, bis Scharfschützen einer indischen Eliteeinheit sie nach 14-stündiger Belagerung endlich stoppen konnten.

Nur einer von unzähligen Terrorakten, die auf dem Subkontinent immer wieder verübt werden, ohne sich im Gedächtnis der internationalen Öffentlichkeit zu verankern wie etwa die Anschläge von London, Djerba oder Madrid. "Wir sind die vergessenen Opfer des Terrors", klagen viele Inder und "Wer in der Welt erinnert sich heute noch an die Erstürmung unseres Parlamentes vor fünf Jahren?", fragt der ehemalige indische Außenminister Yashwant Sinha. Im Dezember 2001 waren fünf Terroristen mit einem als Ministerfahrzeug getarnten Auto auf das Gelände des Unterhauses von Neu Delhi gefahren und hatten sofort das Feuer eröffnet, als sie den Haupteingang des Gebäudes erreichten. Ihr Plan war offenbar, Abgeordnete und Regierungsmitglieder zu ermorden. Erst in letzter Minute konnten Polizeitruppen verhindern, dass der Schlag ins Herz der weltgrößten Demokratie tatsächlich ausgeführt werden konnte.

Mit den Bombenexplosionen in den Vorortzügen von Bombay am 11. Juli dieses Jahres hat der Terror in Indien indes eine neue Dimension erreicht - nicht nur wegen der deutlich größeren Opferzahlen. Die militanten Gruppen auf dem Subkontinent haben sich andere Ziele gesucht, sagt Ex-Außenminister Sinha:

"Das ist eine neue Qualität: Sie versuchen, Symbole der Wirtschaftsmacht Indien zu treffen. Deshalb haben sie zunächst das Wissenschaftszentrum in Bangalore angegriffen und im Computerzentrum Hyderabad für Unruhe gesorgt. Auch die Attacke auf eine belebte Einkaufsmeile in Neu Delhi im vergangenen Jahr zeigt - wie all diese Terrorakte - ein bestimmtes Muster: Es geht um Indiens wirtschaftliche Stärke."

Wer genau hinter den jüngsten Anschlägen steckt, ist noch nicht zweifelsfrei zu klären - auch wenn die indische Polizei gelegentlich Tatverdächtige präsentiert, denen sie Kontakt zu Terrorgruppen in Indiens Nachbarländern unterstellt. Trotz fehlender Beweise spricht jedoch einiges für eine Beteiligung zumindest zweier radikaler Bewegungen: der in Indien selbst verwurzelten verbotenen "Islamischen Studentenbewegung Indiens", SIMI, und der von Pakistan aus geführten "Armee der Reinen", Lashkar-e-Toiba. Sie ist die zahlenmäßig größte jener Gruppierungen, die für die Befreiung und Loslösung der Himalaya-Region Kaschmir aus dem indischen Bundesstaat kämpfen. Wer auch immer die Taten ausgeführt hat - Spuren des Anschlages von Bombay führen eindeutig ins Nachbarland Pakistan, meint Ex-Außenamtschef Sinha, der der hindu-nationalistischen Oppositionspartei BJP angehört:

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine indische Extremisten- oder Terrorgruppe allein einen Anschlag dieser Tragweite ausführen kann. Und alle Erfahrungen aus der Vergangenheit zeigen erwiesenermaßen, dass Pakistan in solche Vorfälle verwickelt ist."

Die Verbindungen der Attentäter von Bombay - wie auch der Terrorverdächtigen in den vorangegangenen Anschlägen - reichen allerdings weit über die Ausgangsbasis und Zufluchtsstätte Pakistan hinaus, glaubt Yashwant Sinha:

"Es gibt eine ganze Reihe solcher Gruppen wie die dringend verdächtige Lashkar-e-Toiba, die ihren Sitz in Pakistan haben. Allerdings haben sie sich in Pakistan nicht abgeschottet, sondern unterhalten internationale Verbindungen, auch zu Al Kaida. Und so haben sie ihre Terrormethoden weiterentwickeln können."

Wirklich gesichert ist diese Theorie vom Terrornetzwerk freilich nicht. Experten haben festgestellt, dass der Plastiksprengstoff, den die Attentäter von Bombay verwendeten, vom gleichen Typ ist wie das Material, das der Unterweltchef der Mega-Metropole, Dawood Ibrahim, benutzte, als er 1993 die Bombayer Börse, mehrere Hotels, Banken und ein Einkaufszentrum zum Ziel einer Attentatsserie machte. Auch Ibrahim kommt also als Drahtzieher der Bombenanschläge in den Vorortzügen in Frage. Allerdings wäre auch dann das Nachbarland involviert: Der Gangsterboss soll seit Jahren in Pakistan untergetaucht sein - beschützt vom allmächtigen pakistanischen Geheimdienst, Inter-Services Intelligence, besser bekannt unter seinem Kürzel ISI.

Dennoch kann keine Rede davon sein, dass hier nur auswärtige Mächte ihre Hände im Spiel haben, wendet der Wissenschaftler und ehemalige Sicherheitsberater der indischen Regierung, Brahma Chellaney ein:

"Ohne islamistische Elemente innerhalb Indiens hätten ausländische Drahtzieher des Terrors keine Chance, solche Anschläge zu verüben. Es gibt also ganz offensichtlich Personen in Indien, die sie anwerben oder an die sie ihre Terrorakte outsourcen können. Es existiert eine Verbindung zwischen dem Aufschwung des islamistischen Terrors und der Radikalisierung der Moslems weltweit - ein Phänomen, von dem auch Indien nicht verschont bleibt."

Wie organisiert und schlagkräftig diese inner-indischen Extremistengruppen tatsächlich sind, ist unter Fachleuten hoch umstritten. Während Chellaney und zahlreiche Vertreter des
indischen Sicherheitsapparates davon ausgehen, dass die islamistisch geprägte Bewegung in Indien ein eigenständiges Bedrohungspotenzial darstellt - auch ohne die Unterstützung aus dem Nachbarland oder durch das Al-Kaida-Netzwerk - glaubt die Mehrheit der politischen Analysten und Wissenschaftler daran, dass der moslemische Fundamentalismus in Indien nicht wirklich Fuß gefasst hat. Ein am Institut für Friedens- und Konfliktstudien in Neu Delhi angesiedelter Think Tank beispielsweise kommt in einem unmittelbar nach den Anschlägen von Bombay veröffentlichten Diskussionspapier zu dem Schluss:

"Obwohl auch islamistische Gruppen - oder solche, die den Islam in der politischen Arena zu verankern suchen - sich am Terrorismus innerhalb Indiens beteiligen. ist es keiner von ihnen gelungen, sich landesweit zu etablieren oder ein Indien überspannendes Netzwerk zu bilden. Kein einziger indischer Moslem ist je als Schuldiger eines internationalen Terroraktes überführt worden. Islam und Islamismus in Indien sind unzweifelhaft deutlich moderater als in anderen Nationen mit nennenswerter islamischer Bevölkerung. Möglicherweise liegt das an Indiens einzigartiger säkularer Demokratie."

Auf dem Subkontinent, so die Expertengruppe, konnte sich deshalb keine dem wahhabitischen Extremismus in den arabischen Ländern vergleichbare Bewegung etablieren, weil Indien eine vergleichsweise offene Gesellschaft ist und über ein funktionierendes demokratisches System verfügt, das die Moslems in allen Bereichen des öffentlichen Lebens voll integriert. Man dürfe sich dabei nicht von dem noch immer bestehenden sozialen Ungleichgewicht zwischen Moslems und Hindus blenden lassen, erklären Politiker und Wissenschaftler unterschiedlichster Provenienz: Politisch genießen beide Bevölkerungsgruppen - wie auch Christen, Buddhisten und die Anhänger kleinerer Religionen - uneingeschränkte Teilhabe. Und im bürgerlichen Recht gelten für jede Glaubensrichtung eigenständige Gesetze, die sich eng an deren Tradition orientieren. Der Nährboden für einen Fundamentalismus, der auf die Zustimmung breiter Bevölkerungsgruppen rechnen kann, fehle daher in Indien. Terrorgruppen blieben weitgehend isoliert.

Eine Theorie, die durch die Lebenswirklichkeit in den meisten indischen Bundesstaaten durchaus bestätigt wird. Gerade in Regionen mit überdurchschnittlich hohem moslemischen Bevölkerungsanteil - wie im südindischen Andhra Pradesh oder dem nordindischen Uttar Pradesh funktioniert das Nebeneinander der Konfessionen weitgehend reibungslos. Selbst die Versuche hinduistischer Extremisten in den 90er Jahren, beide Religionen gegeneinander aufzuhetzen, haben dort nicht verfangen.

Eine entscheidende Ausnahme aber stellt die Himalaya-Region Jammu und Kaschmir dar, die von Indien kurz nach dem Ende der britischen Kolonialherrschaft annektiert wurde. Die zu drei Viertel moslemische Bevölkerung von Kaschmir verfügt nicht annähernd über die persönlichen Freiheiten, demokratischen Mitwirkungsmöglichkeiten und Entwicklungsperspektiven wie die Menschen im übrigen Indien. Jammu und Kaschmir stehen auch heute noch unter einer Art Besatzungsherrschaft, die ihre Legitimation in der politisch wie militärisch äußerst brisanten Gemengelage der Region zu begründen versucht: Auch Pakistan, das einen kleineren Teil des Territoriums kontrolliert, erhebt bekanntlich Anspruch auf das ehemalige Königreich. Und ein Großteil - vermutlich sogar die Mehrheit - der Bevölkerung strebt nach einem unabhängigen Staat. Ein idealer Nährboden für über 20 separatistische Guerillabewegungen, die sich über die Jahrzehnte immer stärker radikalisiert haben.

Was als lokaler Konflikt mit Anschlägen und Gegenschlägen in der Region begann, hat längst Auswirkungen auf die ganze Nation. Beinahe jeder der großen Terrorakte der vergangenen anderthalb Jahrzehnte in Indien weist Verbindungen zum Kaschmirkonflikt auf. Die Guerillabewegung will den Konflikt ins Land tragen - auch wenn sie Neu Delhi regelmäßig Angebote zur Aussöhnung macht, wie im Jahre 2000 Syed Salahudin, der Führer der größten Separatistengruppe, Hizbul Mujahedin:

"Wir bieten der indischen Regierung einen Waffenstillstand an. Sie soll mit uns, der Hizbul Mujahedin, und mit dem Dachverband der Freiheitsbewegungen für Kaschmir, der Huriyat Conference, eine Lösung für den Konflikt suchen. Dieses Angebot ist ehrlich - und nicht als Ultimatum gemeint. Unseren heiligen Krieg aber geben wir trotzdem nicht auf!"

Nicht zuletzt diese Doppelstrategie aus Verhandlungsangeboten und Terrordrohungen hat eine Lösung des Kaschmirkonflikts bislang verhindert. Nur die pakistanische Regierung könnte den gordischen Knoten durchschlagen, heißt es in Neu Delhi. In Indien geht man davon aus, dass Salahudins Hizbul Mujahedin - wie auch die anderen Guerillagruppen - das Nachbarland nicht nur als Aufmarsch- und Rückzugsgebiet nutzen, sondern direkt von dort gesteuert werden. Islamabad nutzt sie als Druckmittel im noch äußerst fragilen Aussöhnungsprozess beider Staaten, sagt Ex-Außenminister Sinha:

"Wenn Gruppen wie Lashkar-e-Toiba, Jaish-e-Mohamad und Hizbul Mujahedin ihr Hauptquartier in Pakistan aufschlagen, ihre Propaganda dort verbreiten und Anhänger trainieren dürfen, fällt es schwer zu glauben, dass nicht auch die pakistanische Obrigkeit davon weiß."

Ähnlich scheint auch die amtierende Kongress-Regierung in Neu Delhi zu denken. Sie hat die im Januar 2004 begonnenen Friedensgespräche mit Islamabad nach der Bombenserie von Bombay auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. "Das Umfeld ist der Sache nicht zuträglich", lautet die diplomatische Umschreibung der Tatsache, dass auch Premier Manmohan Singh den pakistanischen Präsidenten Pervez Musharraf für die Attentate mit verantwortlich macht. Der eher mit den Hindu-Nationalisten sympathisierende Sicherheitsexperte Brahma Chellaney fordert weitergehende Konsequenzen:

"Indien muss über die reine Verurteilung (der Terrorakte) hinausgehen und zu Reaktionen auf mehreren Ebenen kommen. Zunächst brauchen wir eine kohärente Strategie. Dann müssen wir unsere Gesetzesmacht nutzen, um die Netzwerke der Dschihadis zu durchdringen und ihre schlafenden Zellen auffliegen zu lassen, bevor die aktiv werden können. Außerdem muss Einvernehmen darüber hergestellt werden, dass wir in Indien Anti-Terror-Gesetze brauchen. Und strategisch gilt es die, die den Terror von außen unterstützen, davon zu überzeugen, dass auch sie einen Preis dafür zu zahlen haben. Wir brauchen eine Gesamtstrategie, die über bloße Rhetorik hinausgeht."

Unter denen, die "Terror von außen unterstützen", verstehen Chellaney und die politische wie wissenschaftliche Elite Indiens die Staatsmacht in Pakistan, speziell den Armee-Geheimdienst ISI, der als mächtigste Institution des Landes gilt. Wie auch bei den afghanischen Taliban hat der ISI schon bei der Gründung der meisten militanten Gruppen in Kaschmir logistisch, finanziell und ideologisch Hilfestellung geleistet. Noch heute soll er - unbeirrt von indischen wie internationalen Protesten - seine schützende Hand über die in Pakistan offiziell als 'Freiheitskämpfer' geltenden Separatisten halten. Ungeklärt ist indes, ob der ISI deren Terrorakte lediglich wohlwollend duldet oder sie gar selbst initiiert. Weitgehend undurchsichtig bleibt auch die Rolle des pakistanischen Präsidenten Pervez Musharraf, der als ehemaliger Chef der Streitkräfte traditionell enge Kontakte zum Geheimdienst unterhält, sich in jüngerer Zeit aber von dessen Aktivitäten indirekt distanziert. Die Vorwürfe Indiens, sein Land sei in die Anschläge innerhalb und außerhalb Kaschmirs unmittelbar verwickelt, bestreitet Musharraf überdies mit großer rhetorischer Verve. Schon auf dem Höhepunkt der Nuklearkrise vom Mai 2002 hatte er in einer Fernsehansprache erklärt:

"Ich versichere der Weltgemeinschaft, dass wir den Export von Terror von Pakistan aus nie zulassen würden. Wir wollen Frieden in der Region. Ich appelliere an die Welt, Indien zur Normalisierung der Beziehungen zu Pakistan zu drängen, zu der neben der Wiederaufnahme des gemeinsamen Dialogs insbesondere der Abbau von Spannungen an unserer gemeinsamen Grenze gehört. Dies würde beiden Ländern nützen."

Auch nach den Anschlägen von Bombay hat Musharraf jede Verbindung zu den Attentaten von sich gewiesen und die Terrorakte ohne jede Einschränkung verurteilt. Ob der pakistanische Machthaber damit sein wahres Handeln kaschiert oder vom ISI schlicht umgangen werde, sei letztlich zweitrangig, sagen Hardliner auf indischer Seite. Ex-Regierungsberater Brahma Chellaney plädiert dafür, gegen Pakistan einen Katalog unterschiedlich abgestufter Sanktionen einzusetzen:

"Unsere Optionen sollten wirtschaftliche und andere Maßnahmen umfassen und nur militärische Gewalt ausschließen. Weder das pakistanische Volk noch die indisch-pakistanischen Beziehungen dürfen darunter leiden. Diese Maßnahmen müssen so ausgestaltet werden, dass sie nur die wirklichen Kräfte hinter dem Terrorismus treffen - nämlich den pakistanischen Militärgeheimdienst."

Interessant an Chellaneys Aussage ist, dass auch er - als ideologischer Vertreter der indischen Falken - die Drohung mit einem Krieg oder einem begrenzten Militärschlag ausschließt. Eine Lehre aus den Ereignissen des Sommers 2002, als die damalige hindu-nationalistische Führung in Neu Delhi infolge einer Serie von Anschlägen, für die das Nachbarland verantwortlich gemacht wurde, einen Feldzug gegen Pakistan vorbereitete. Für kurze Zeit stand Südasien daraufhin am Rande eines Atomkriegs, den erst die US-Regierung in letzter Minute abwenden konnte. Die nur noch schwer kontrollierbare Zuspitzung des Konfliktes hat auch in Indien die Erkenntnis wachsen lassen, dass eine Eskalation der Gewalt zwischen beiden Nationen eher den Kräften nutzt, die den Terror provokativ einsetzen, um die vorsichtige Annäherung der einstigen Erzfeinde zu hintertreiben. Auch auf der anderen Seite der Grenze fürchten die Befürworter einer Aussöhnung die Rückkehr in alte, kriegerische Verhaltensmuster - unter ihnen der einstige pakistanische Staatssekretär und Ex-General Talat Masood:

"Wenn es keinen Dialog mehr gibt, machen die Extremisten in beiden Ländern Boden gut. Al Kaida zum Beispiel, aber auch andere Terrorgruppen, würden jubeln, wenn Indien Pakistan angriffe. Nichts käme ihnen mehr entgegen. Dann hätten sie endlich die Möglichkeit, ganz Südasien zu destabilisieren."

Das wird auch in Neu Delhi mittlerweile ähnlich gesehen, und so scheidet die Drohung mit einem Krieg als Reaktion auf Terrorakte wie in Bombay selbst als ultima ratio aus. Die stattdessen verkündete vorübergehende Aussetzung der Friedensgespräche durch Neu Delhi - so moderat sie auch erscheinen mag - offenbart indes ein Dilemma, in dem sich Indien und Pakistan schon seit Jahrzehnten verfangen haben, erklärt der pakistanische Atomphysiker und Friedensaktivist Pervez Hoodbuoy:

"Beide Länder beharren auf einer sehr harten Linie. Pakistan besteht darauf, das Räderwerk des Dschihad erst dann zu stoppen, wenn die Inder bereit sind, ernsthaft über Kaschmir zu verhandeln. Und Indien sagt, zu Verhandlungen kommt es erst dann, wenn Pakistan die Unterstützung für den bewaffneten Kampf einstellt. Über diesen Punkt sind wir bislang nicht hinausgekommen."

Dass beide Seiten tatsächlich fast reflexartig auf ihre jeweilige Doktrin zurückgreifen, wenn es zu neuen Anschlägen und Attentaten kommt, beweist die Begründung, die Indiens Premier Manmohan Singh für die Absage der jüngsten Friedensgespräche gab: "Wenn diese Akte des Terrorismus nicht unter Kontrolle gebracht werden, ist es extrem schwierig für jede (indische) Regierung das fortzusetzen, was man als Normalisierung oder Friedensprozess bezeichnet." Auch die Antwort des pakistanischen Präsidenten lässt kaum hoffen, dass das gegenseitige Misstrauen in absehbarer Zeit überwunden wird: "Diese Reaktion der indischen Regierung ist merkwürdig. Es darf hier kein 'Schwarzer-Peter-Spiel' geben. Auch Pakistan kämpft gegen Terror. Wir sind alle gegen den Terrorismus", so Pervez Musharraf. Den Teufelskreis der Gewalt werden beide Seiten mit dieser Grundhaltung wohl kaum durchbrechen können.

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