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StartseiteKalenderblattDie Pille18.08.2005

Die Pille

45 Jahre hormonelle Schwangerschaftsverhütung

Sie ist eines der erfolgreichsten Produkte der pharmazeutischen Industrie. Doch sie ist kein Medikament, keine Droge, kein Nährstoff, keine Kosmetik. Sie ist ein hochwirksames Präparat für Gesunde, dessen Wirkung über die körperlichen Effekte hinausgeht. Sie stieß Debatten über Sexualmoral und über das Verhältnis der Geschlechter an und veränderte unsere Gesellschaft. Die Pille – heute vor 45 Jahren kam die erste Antibaby-Pille Enovid auf den Markt.

Von Monika Köpcke

Die erste Antibabypille auf dem deutschen Markt hörte auf den Namen "Anovlar" (AP)
Die erste Antibabypille auf dem deutschen Markt hörte auf den Namen "Anovlar" (AP)

" Ich glaube, dass die Pille, um das auf einen einfachen Nenner zu bringen, die erworbene neue soziale Stellung der Frau festigt. Sie gibt ihr die Möglichkeit, diese erworbene soziale Stellung auszubauen und auf ihr zu beharren. "

"Jetzt stehen Mann und Frau im Berufsleben als Konkurrentinnen gleichberechtigt nebeneinander. Nun fällt der Zwang, durch die Schwangerschaft zu pausieren, einfach weg. Und dadurch kann man sich erklären, dass viele Männer der Pille sehr misstrauisch gegenüberstehen und sie versuchen abzuwerten. "

"Eine andere Frage ist, inwieweit etwa Erfahrungen im vorehelichen Verkehr, die durch die Pille gefahrloser ermöglicht werden als es bisher der Fall war, eine Schädigung der Sexualmoral in der Ehe hervorgebracht werden. "

Über kaum ein anderes pharmazeutisches Produkt wurde so viel und so kontrovers diskutiert wie über die Pille in den sechziger Jahren. Endlich schien die Lösung des jahrtausendealten Problems gefunden: Einfach eine Tablette täglich und fortan mussten die Frauen keine Angst mehr vor ungewollten Schwangerschaften haben.

"Also, als die Pille rauskam, das war irgendwie ne Sensation. Deshalb sagt man ja auch nur 'die Pille', und jeder wollte das irgendwie auch ausprobieren. "

Ausprobiert wurde die Pille in den fünfziger Jahren an Frauen aus einem Armenviertel in Puerto Rico. Der amerikanische Biologe Gregory Pincus leitete die Studie. Das Prinzip seiner Erfindung: Den sichersten Schutz vor einer Schwangerschaft bietet eine Schwangerschaft. Pincus nahm sich den Hormonhaushalt werdender Mütter zum Vorbild und gab den Frauen hohe Dosen an Östrogen und Gestagen. Und tatsächlich: Keine von ihnen wurde schwanger - und auch nicht unmittelbar krank. Am 18. August 1960 wurde die erste Pille unter dem Namen ‚Enovid 10’ für den amerikanischen Markt freigegeben und fand sofort reißenden Absatz. Ganz anders in der Bundesrepublik. Als der Pharmakonzern Schering seine erste Pille im Juni 1961 herausbrachte, war sie zunächst einmal Sache älterer Männer.

"Die Angst vor der ‚Schande’ ist noch immer ein kräftiges Regulativ in unserer so toleranten Gesellschaft. Sie zu beseitigen hieße, die letzten Schranken einreißen, die den Weg in einen zweifelhaften Lebenswandel mit seinen Folgen versperren. "

... schrieb die ZEIT 1962 und reihte sich ein in das Wehklagen von Theologen, Ärzten, Soziologen, die mit der Pille den Untergang der abendländischen Kultur heranbrechen sahen. Offiziell wurde sie nur verheirateten Frauen, die schon mehrere Kinder hatten, verschrieben. Ganz im Gegensatz zur DDR, wo die Pille von Anfang an eine hohe Akzeptanz genoss. Als ‚Wunschkind-Pille’ beworben, wurde sie auch an unverheiratete Frauen ausgegeben; ab 1972 sogar gratis.

"Werbespot: Die Frau wird Frau und frei. Girlpower, Frauenlip und Männerfreiheit. Sexy-, mini-, super-, flower-, pop-up-Cola. Alles ist in Afri-Cola. "

In den späten sechziger Jahren wurde die Pille zur Erlösungshoffnung einer ganzen Generation. Ob sie sich nun Antiautoritäre, Hippies oder Blumenkinder nannten – die 68er samt sexueller Revolution sind undenkbar ohne die Pille.

"Er: Die Pille, ich mein, das ist ein technisches Problem, das wird zu überwinden sein. Sie: Ne, ich weiß nicht, wie war’s denn mit unseren Eltern, die haben doch auch nicht mit 16 Jahren... Er: Wir haben schließlich ein Recht auf sexuelle Betätigung. "

Auch wenn man sich in der Praxis nicht immer einig war, in der Theorie wurden der befreiten Sexualität weltverbessernde Kräfte zugeschrieben. Lautstark forderte man die Freigabe der Pille auch für unverheiratete Frauen. Nichts hören wollte man vom Warnruf vieler Ärzte: über Nebenwirkungen; - vor allem Thrombose. Erst kam die befreite Liebe, und später der Blick auf mögliche Gefahren.

"Sicherlich hat es Frauen gegeben, die Angst gehabt haben wegen der Nebenwirkungen. Aber Gott, man hat sie eben genommen, weil es die hundertprozentige Sicherheit war. Der Schutz eben gegen Schwangerschaft. "

Sexualität ohne Angst vor den Folgen brachte noch weitere Veränderungen: Bald schon stellte sich ein drastischer Geburtenrückgang ein, der Pillenknick. Den konnte auch die Pillenmüdigkeit, die sich Ende der 70er Jahre einstellte, nicht wieder wettmachen. Die ständige Hormonschluckerei wurde vielen Frauen unheimlich. Und der neuen Frauenbewegung galt die Pille nicht mehr als Mittel der ersehnten Befreiung, sondern als patriarchalisches Instrument der sexuellen Verfügbarkeit. Doch trotz aller Bedenken ist ihr Absatz in den 90er Jahren weiter gestiegen. In Deutschland schluckt heute jede dritte Frau im gebärfähigen Alter die Pille. Sie ist noch immer das sicherste Mittel gegen eine unerwünschte Schwangerschaft. Zumindest solange die Pille für den Mann noch weiter auf sich warten lässt.

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