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StartseiteBüchermarktDie politische Religion des Nationalsozialismus19.10.1998

Die politische Religion des Nationalsozialismus

Fink, 1998, 406 Seiten, 48 Mark

Den zwölf Jahren des Tausendjährigen Reiches gilt schon seit langem das besondere Interesse der Historiker. Der Publikationsstrom zu diesem Thema schwillt nicht ab. Natürlich haben sich schon viele gefragt, wie dieses einmalige Phänomen zu deuten ist. Die Erklärungsmuster gehen dabei in der Regel über den engen Rahmen der historischen Zunft hinaus. Beispielsweise, wenn man darauf hinweist, daß die Deutschen eine Macht herbeigesehnt haben, die sie gleichzeitig unterdrückt, ja sogar vernichtet hat. Allerdings hilft nicht allein dieser massenpsychologische Ansatz weiter. Der Historiker Claus-Ekkehard Bärsch meint, das Faszinosum der Macht sei begründet gewesen in der diffusen Religiosität des Volkes, in seiner Sehnsucht nach dem charismatischen Führer: "Indem ich mich mit so jemandem identifiziere, nehme ich ja an seiner Macht teil und habe keine Verantwortung mehr. Die Entlastung von Verantwortung, die Identifikation mit einem X-beliebigen entlastet mich ja von allen Verantwortungen, Abwägungen, Entscheidungen und macht mich sehr stark. Und das haben die Nationalsozialisten besser begriffen - ideologisch, volkspsychologisch besser begriffen. Identifikation mit einer Person vereinigt alle, die sich mit ihr identifizieren."

Klaus Englert

Bärsch deutet die Weltanschauung der Nazis folgerichtig als "politische Religion". In seinem Buch "Die politische Religion des Nationalsozialismus" wählt er eine Methode, die von Historikern in den seltensten Fällen angewandt wurde. Nicht die Selbstzeugnisse von Opfern, nicht archivarische Dokumente, nicht die Schilderung von geschichtlichen Ereignissen interessiert ihn. Nein, Bärsch analysiert die Quellen, die uns von den Nazigrößen erhalten sind. Offenbaren doch gerade die Tagebücher des jungen Goebbels die Haltlosigkeit einer Jugendbewegung, die nach neuen Fundamenten sucht und sie schließlich im religiös verbrämten Volk findet. Einem Volk, das, so Goebbels, ebenso wie die Nationalsozialisten nach der Erlösung, dem "Neuen Menschen", dem "Neuen Reich" dürstete. In einem aufschlußreichen Brief, den der spätere Propagandaminister an den Kapp-Putschisten Hitler adressierte, bekannte er sich zum "Katechismus neuen politischen Glaubens". Goebbels huldigte in seiner politischen Initiationszeit einem spirituellen deutschen Kommunismus, er sehnte sich, wie er schrieb, nach einer "neuen Religion", die herausführt aus der "zusammenbrechenden, entgötterten Welt". Doch die Erlösung, die Goebbels anstrebte, komme selbstverständlich nur dem deutschen Volk, den Ariern zugute. Nicht den anderen, den Juden, die die Macht des Geldes und die Kraft des Bösen verkörpern: "Die Nationalsozialisten sind der Meinung, daß das Göttliche ein Prädikat der arischen Rasse ist", so Bärsch. "Die Arier sind die Gotteskinder, und sie beantworten die Frage, warum die göttliche Potenz des Ariers als Basis des deutschen Volkes noch nicht entfaltet wurde, sie sagen, es gibt eine übermächtige Gegenkraft, die uns daran hindert - das ist die Verkörperung des Bösen. Und diese Verkörperung des Bösen, das sind nicht die Neger, die Slawen, die Chinesen - das sind die Juden. Das Böse ist also die Kraft, die hinter dem Judentum steht. Weiterhin ist in der Vorstellung des Dritten Reiches der Status einer zukünftigen Erlösung enthalten, das arische Heil. Und die Bedingung des zukünftigen arischen Heils, der Erlösung als wesentliches Merkmal des zukünftigen Dritten Reichs ist notwendigerweise die Vernichtung der Bösen. Je extremer die anderen als böse definiert werden, desto extremer müssen die Mittel sein."

Die Shoah, so Bärsch, muß als Konsequenz dieses Denkens angesehen werden. Schon der junge Joseph Goebbels vertraute seinem Tagebuch an, daß das Böse seine Macht angetreten und Mephisto gesiegt habe. Zwangsläufig werden daraus apokalyptische Denkmuster gestrickt. Totale Zerstörung und Chaos erscheinen als notwendig, um die Erlösung herbeizuführen. Natürlich lassen sich derartige Vorstellungen nicht aus den herrschenden christlichen Lehrgebäuden herleiten. Und dennoch verehrte Rudolf Heß den späteren Führer als einen "guten Katholiken", und Hitler selbst glaubte allen Ernstes, die Judenvernichtung mit Berufung auf den "allmächtigen Schöpfer" rechtfertigen zu können. Die Mörder Gottes, die immer nur nach Macht strebten, müßten ein für alle Mal vernichtet werden.

Im Kampf der Nazis gegen die vermeintlichen jüdischen Zerstörer sieht Bärsch nicht nur christliche Einflüsse. Auch die mittelalterlichen Ketzerbewegungen und Joachim von Fiore übten eine starke Wirkung aus. Doch der wichtigste Einfluß lag woanders: "Es gibt noch eine zweite Ähnlichkeit: die Verehrung der deutschen Mystik. Sowohl Dietrich Eckart, der den Begriff ‘Drittes Reich’ eingeführt hat, als auch Alfred Rosenberg verehren die deutsche Mystik, insbesondere Meister Eckhart, nämlich in Hinblick auf die Überzeugung der Gleichheit von Gott und Mensch, der göttlichen und menschlichen Seele. Das ist eine Ähnlichkeit, eine Strukturähnlichkeit. Die Nazis sagen, die arische Rasse ist gottgleich, die Kommunisten sagen, in der gesamten menschlichen Gattung steckt eine göttliche Potenz."

Bärsch charakterisiert in diesem Zusammenhang Dietrich Eckart, den mystischen Vorturner der Nazi-Riege, als eine bislang unterschätzte Gestalt unter den Nationalsozialisten. War er doch immerhin bis zu seinem Tod Ende 1923 einer der wenigen Duzfreunde Hitlers. Eckart war der erste "Hauptschriftleiter" des "Völkischen Beobachter", er beeinflußte wesentlich die Programmgestaltung der NSDAP und vor allem war er für die mystischen Höhenflüge der NS-Ideologie verantwortlich. In dem Parteiprogramm von 1920 findet sich die Formulierung, die Partei vertrete "den Standpunkt eines positiven Christentums." Auch dieser Begriff ist offenbar von Eckart geprägt. "Unter positivem Christentum meinen sie das arische Christentum - also Jesus ist Arier, das ist ihre Überzeugung, das beweisen sie nicht -, und das vom Judentum gereinigte, das vom Alten Testament und vom Judentum gereinigte Christentum."

Eckarts "positives Christentum" ist die Speerspitze gegen den nihilistischen Zeitgeist, es steht für die Schaffung neuer religiöser Werte. Ähnlich verhält es sich mit Goebbels’ Traum vom "Urchristentum" und Rosenbergs Sehnsucht nach der "Volkskirche": Beide wandten sich gegen das angeblich entfremdete Verhältnis Kirche-Volk, beide suchen die unmittelbare Gemeinschaft mit dem Volk. Gerade aus den Reden Hitlers wird deutlich, daß nicht nur seine Weltanschauung, sondern auch seine religiöse Vorstellung das Attribut "völkisch" verdient. Auf den Nürnberger Parteitagen ist Hitler nicht nur oberster Feldherr, er ist gottgleicher Demiurg. Beispielsweise, wenn er sagt: "Ich bin einst im Glauben an das deutsche Volk ausgezogen, und habe diesen unermeßlichen Kampf begonnen, im Glauben an mich sind erst Tausende und dann Hunderttausende und endlich Millionen mir nachgefolgt."

Hitler war besessen von Eckarts Worten, nun sei endlich die "Entscheidungsstunde" im Kampf zwischen Deutschtum und Judentum gekommen, nun sei es Aufgabe des deutschen Volks, die Welt zu erlösen. Für Bärsch steht dieser Aspekt im Zentrum der Nazi-Ideologie: "Ich habe die These vertreten, daß das Ziel die Erlösung ist und die Vernichtung die Bedingung der Erlösung. Und daß die Juden die Erlösung verhindern. Sie verhindern sie, weil sie Kinder des Bösen, Kinder des Teufels sind. Und das ist das wirklich Spezifische am nationalsozialistischen Antisemitismus."

Die Weltanschauung der Nazis war nicht sozialdarwinistisch, sie war, wie Saul Friedländer einmal schrieb, geprägt von einem "Erlösungsantisemitismus". In einer Zeit, die bestimmt war von der Herrschaft der Apparate, von der Atomisierung der Gesellschaft, kurz, von der Entzauberung der Welt, entdeckten die Nazis die göttliche Substanz des Volkes. Dies war der Kern ihrer völkischen Ideologie. Bärsch deutet diese politisch-religiöse Strategie als das letzte Rückzugsgefecht der Moderne: Nämlich als Wiederverzauberung der Welt mit Hilfe der Resakralisierung des Volkes. Gerade dieses Ziel erscheint uns heute absolut fremd: "Für uns ist Volk etwas Vielheitliches, mit verschiedenen Menschen, verschiedenen Individuen, verschiedenen Gruppen", so Bärsch. "Aber sowohl die Marxisten als auch die Nationalsozialisten definieren Volk oder Gesellschaft mit der Kategorie der Identität, sie sind für die Einheit der Gesellschaft, für die Einheit des Volkes. Darüber hinaus sind die Nationalsozialisten schlauer, weil sie die Identität der Gesellschaft mit religiösen Kategorien beschreiben: Die Deutschen nehmen an einer Substanz teil, und diese Substanz ist eine religiös wahrgenommene Substanz, insofern das Kollektiv des deutschen Volkes teilnimmt an einer göttlichen Substanz."

Bärschs Studie über die politische Religion des Nationalsozialismus ist zweifellos ein wichtiges Buch. Doch es bleiben unübersehbare Schwachpunkte. So hat der Autor durch redundante Ausführungen die Untersuchung unnötig aufgebläht. Ärgerlich ist beispielsweise auch, daß der Untertitel von Alfred Rosenbergs "Der Mythus des 20. Jahrhunderts - Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit" dem Leser durch verschiedenartige Schreibweise unklar bleibt. Nicht nur bei einem derart wichtigen Werk sollte eine einheitliche Titelangabe selbstverständlich sein.

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