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StartseiteKultur heuteDie Psycho-Pathologie einer Familie23.09.2011

Die Psycho-Pathologie einer Familie

"Der Fall der Götter" am Schauspiel Hamburg

Als "Götterdämmerung" stand im Jahr 1969 der Film "Die Verdammten" von Luchino Visconti auf deutschen Kino-Spielplänen des Jahres 1969. Die zuerst in Holland erarbeitete Theaterversion von Tom Blokdijk hat sich nun Stefan Kimmig am Hamburger Schauspielhaus vorgenommen.

Von Michael Laages

"Der Fall der Götter" mit Lukas Holzhausen (links), Ute Hannig, Samuel Weiss (Sebastian Hoppe)
"Der Fall der Götter" mit Lukas Holzhausen (links), Ute Hannig, Samuel Weiss (Sebastian Hoppe)
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Nazi-Revue zwischen Hysterie und Gemütlichkeit

Nein - anders als Dennis Kellys neues Stück "Die Götter weinen", demnächst als eine der viel versprechendsten Neuigkeiten zu Saisonbeginn in Basel und München zu sehen, ist "Der Fall der Götter" kein "Stück zur Lage der Wirtschaftsnation", die - in den Grundfesten erschüttert - gerade wieder zu fragen lernt nach der Verantwortung der Entscheidungsträger, der "Führer"-Figuren der Wirtschaft, für Auf- oder Abstieg ganzer Nationen, Hemisphären oder gar der Welt an sich.

Wer Europas Beinahe-Pleite-Staaten und die führende Schuldenmachernation USA, wer Lehman Brothers oder sonst irgendeine Deutsche Bank ins vergleichende Spiel bringt mit der politischen Nutzbarmachung der Wirtschaft durch die deutschen Nazis, tut wohl allen Seiten Unrecht.

Trotzdem stimmt natürlich, was Martin von Essenbeck sagt, der ungeratene Sohn des Geld- und Seelenadels aus dem Ruhrgebiet:

"Die Geschichte stellt den großen Unternehmern eben diese eine einzige Frage: Welches Maß an niederen Beweggründen ist einerseits nötig und andererseits erlaubt, um die höhere Humanität zu entfalten. Und diese Frage ist deshalb so wichtig, weil doch beim nächsten Wendepunkt der Geschichte die großen Unternehmer dazu auserkoren sein werden, die Leitung der Welt auf sich zu nehmen."

Aber schon mit dieser Figur, die am Ende als Besitzer des Konzerns dastehen wird, als Besitzer von Nazi-Gnaden, schon und vor allem mit dieser Figur lässt sich die Hamburger Inszenierung ganz weit weg treiben vom Kern der politischen Geschichte. Denn dieser Martin - im Visconti-Film war das Helmut Berger - ist schwächlich und schwul, er bändelt gern mit kleinen Mädchen an und trägt stets Korsett unterm Hemd; zum Geburtstag des Firmen-Patriarchen Joachim von Essenbeck legt er Fummel an und trällert Marlene Dietrichs Lied aus Friedrich Hollaenders Schatzkiste.

Später wird sich die Aufführung sehr lange aufhalten mit der Verführung eines Kindes durch diesen vielfach gebrochenen Sohn einer machtbesessenen Mutter; wie sie sich überhaupt vor allem beschäftigt mit den quälend-ungeklärten Generationen-Beziehungen auf allen Ebenen der mächtigen Familie, deren Name aus denen der Krupp-Städte "Essen” und "Gladbeck” zusammengesetzt ist. Zwischen Eltern und Kindern im Hause Essenbeck herrscht hier fast überall Hass und Gegen-Hass, Überhebung und Erniedrigung - dass keiner hier gerade aufwächst, kann niemanden verwundern. Und auch der einsame SS-Mann, der sich in einer Art choreografiertem Stechschritt durch den Abend intrigiert, leidet vor allem daran, dass er keine zur völligen Hingabe fähige Frau geworden ist - sondern stattdessen Jurist und SS-Sturmbannführer. Der Arme.

Die Psycho-Pathologie dieser Familie trieft schier aus allen Szenen; und Kimmig hat diesen Effekt auch noch verstärkt durch forcierte Mehrfach-Besetzungen, Mehrfach-Spaltungen für fast alle im Ensemble - Markus John zum Beispiel ist in einer Person der Ur-Patriarch Joachim von Essenbeck, der Emporkömmling und bis zum Mord erfolgsbesessene Friedrich Bruckmann und obendrein das schräge Erb-Kind Martin. Das ist zwar artistisch oft erstaunlich, führt aber mit quälender Logik - und bei allen Rollenwechslern hier - zum polternden Chargieren - irgendwo müssen ja die Unterschiede herkommen im Rollenprofil, und sei es durch forciertes Saufen oder chronisch albern verstrubbelte Haare.

All das lenkt ab; und es tut fast gut, den SS-Mann immer nur als sich selbst zu beobachten - alle andere bekommen immer nur die Chance zur Karikatur, niemals zum Bild mit Tiefe und Profil. Und damit hat die Aufführung endgültig verloren, auch das eigentlich recht konsequente Spiel mit der geradezu Brecht'schen Nicht-Einfühlung, dem Vorzeigen der Rollen wie der Drehbuch-Anweisungen durch zwei singend-weibliche Clowns für das immer komplett anwesende und auf Stichwort aktiv werdende Ensemble, kann dem Abend nicht die Spur von Rückgrat geben. Warum bloß erzählt uns das Theater also diese Geschichte?

Da genügt der Blick ins Programm-Faltblatt - kaum sind nämlich die Premieren jener Inszenierungen in Hamburg eingetroffen, die zuvor bereits im Mai und Juni bei den koproduzierenden Ruhrfestspielen in Recklinghausen zu sehen waren, so ist "Der Fall der Götter" schon jetzt die erste Koproduktion für die Ruhrfestspiele des kommenden Jahres. Und von Recklinghausen aus sind Essen und Gladbeck ja quasi nebenan.

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