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StartseiteKalenderblattDie Revolution des Holzschnitts15.02.2009

Die Revolution des Holzschnitts

Vor 100 Jahren wurde der Maler und Holzschneider HAP Grieshaber geboren

Aus Krähen Adler machen, lautete die Devise von HAP Grieshaber. Der Künstler erfand den Holzschnitt neu und transformierte das Drama der Welt in poetische Bilder. Der Druckspezialist war nicht nur eine singuläre Gestalt der Nachkriegszeit, sondern auch ein Grenzgänger zwischen Literatur und Kunst. Vor 100 Jahren wurde Grieshaber geboren.

Von Carmela Thiele

Don Quichotte des Holzschnitts: HAP Grieshaber. (AP Archiv)
Don Quichotte des Holzschnitts: HAP Grieshaber. (AP Archiv)

Don Quichotte war einer der Decknamen von HAP Grieshaber. Unbeirrt - wie der "Ritter von der traurigen Gestalt" - ging er seinen Weg und erfand die alte Technik des Holzschnittes für die Moderne neu. Kaum ein figurativ arbeitender Nachkriegskünstler war so populär und ist dann so gründlich wieder in Vergessenheit geraten.

Warum? Weil der Holzschneider von der Schwäbischen Alb den Kunstmarkt umschiffte, indem er Dichtern wie Margarete Hansmann, Stephan Hermelin oder Pablo Neruda die Bücher illustrierte? Oder weil er Solidaritätsplakate für Protestbewegungen in Chile, Kuba und Griechenland schuf? Weil er sich gegen Zuordnungen wehrte?

"Da waren die Expressionisten gewesen, sicher bin ich in ihrer Tradition, und sicher habe ich das aufgenommen, aber dieses Pathos, dieses 'Oh, Mensch', das konnte man sich nach 1933 nicht mehr leisten."

Der am 15. Februar 1909 in Rot an der Rot geborene Helmut Andreas Paul Grieshaber kam über die Typografie zur Kunst, über die Verehrung Paul Klees, über das Reisen in ferne Länder - nach Ägypten, Arabien, Griechenland. Politische Verwicklungen zwangen den jungen Mann 1933 zurück nach Deutschland. Es begann eine 13-jährige Leidenszeit: Berufsverbot, Kriegsdienst, Kriegsgefangenschaft. Illegal hat er dennoch produziert, als Volkskunst getarnt, etwa die "Reutlinger Drucke", bei denen - wie im Mittelalter - Text und Bild auf einem Blatt erschienen.

"Ich habe mich festgehalten an der Gotik, ich habe mich festgehalten an den Einblattdrucken. Und so kam das, dass ich dann drucken konnte, mehr als man beschlagnahmt hat."

1947 bezog er sein Refugium, die Achalm bei Reutlingen. Bald spazierten Pfauen über den Hof. Ein Affe kreischte. "Baumblüte", "Osterritt", "Hellas": Die Titel seiner zahlreichen Grafikmappen verraten seine Leidenschaft für die Natur, die Tierwelt, die Geschichten der Bibel und der griechischen Mythologie.

Ost- und Westdeutschland stellte HAP Grieshaber einmal als zwei verschiedene Daphne-Figuren dar. Jedes Thema vermenschlichte er und transformierte die Aussage ins allgemein Symbolhafte.

"Was sollte den Menschen anderes bewegen als er selbst, er sich selbst, und womit er damit auch alle anderen meint."

Wenn unter Künstlern das Gespräch auf HAP Grieshaber kommt, heißt es, er sei ein genialer Lehrer gewesen. Zu seinen Schülern gehörten Horst Antes, Walter Stöhrer und Dieter Krieg. Als Professor kämmte Grieshaber die Traditionen gegen den Strich:

"Kunst setzt voraus, dass wir nicht wissen, was eine Aktzeichnung ist. Sie bringt uns erst dieses Wissen."

Seine Lehrtätigkeit an der Kunstakademie in Karlsruhe währte indes nicht lange. Nach fünf Jahren kam es 1960 zum Eklat mit konservativen Kollegen. Sie hatten zwei seiner Studentinnen durchfallen lassen. Begründung: Ihre Tierdarstellungen zeigten nichts "Erkennbares". Tatsächlich gab es einen Naturalismuspassus in der Prüfungsordnung, die jedoch von 1940, also aus der NS-Zeit, stammte.

Mitte der 1960er-Jahre griff Grieshaber das Motiv des "Totentanzes" auf, das zu Beginn des 15. Jahrhunderts die Wände der Kirchen und Klöster erobert hatte. Mit seinen Farbholzschnitten zum "Totentanz von Basel" gelang ihm eine Art Comeback. Das Buch erschien 1967 zeitgleich in der BRD und in der DDR. Mit seiner zeitgenössischen Interpretation von Tod und Eros überwand Grieshaber die Spaltung Deutschlands auf seine Weise.

1978 erhielt der mehrfache Documenta-Teilnehmer den Gutenberg-Preis der Stadt Leipzig und wurde korrespondierendes Mitglied der Akademie der DDR. Drei Jahre später starb der rastlose Künstler, der sich der Freiheit der Kunst genauso verpflichtet fühlte wie der politischen Freiheit:

"Ein Mensch, der so etwas erlebt hat wie die Deutsche Geschichte, der handelt aus dieser Geschichte. Wenn er so ist wie ich bin. Ob ich nun das mache, um weiterarbeiten zu können, um den Mut nicht zu verlieren, zu leben, eine Trauer ist sicher darin. Und diese Melancholie unterscheidet mich von allen sogenannten Engagierten."

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