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StartseiteKalenderblattDie Rückkehr an die Krim nach über 40 Jahren09.06.2013

Die Rückkehr an die Krim nach über 40 Jahren

Vor 25 Jahren erlaubte die sowjetische Führung den Krimtataren die Rückkehr in ihre Heimat

Die Krimtataren waren dem sowjetischen Diktator Stalin ein Dorn im Auge, er unterstellte ihnen Kollaboration mit den Nazis. Deshalb ließ er sie im Mai 1944 alle deportieren. Erst am 9. Juli 1988 durften sie in ihre Heimat zurückkehren.

Von Matthias Bertsch

Demonstration von Krimtataren anlässlich des 65. Jahrestages der Deportation am 18. Mai 2009 (picture alliance / dpa)
Demonstration von Krimtataren anlässlich des 65. Jahrestages der Deportation am 18. Mai 2009 (picture alliance / dpa)

"Alle Tataren sind von dem Gebiet der Krim auszuweisen und als Sondersiedler in der usbekischen SSR anzusiedeln. Der Volkskommissar für innere Angelegenheiten, Genosse Berija, hat die Umsiedlung bis zum 1. Juli abzuschließen."

Im Mai 1944 verfügte Stalin die Deportation der Krimtataren. Der Vorwurf lautete: Kollaboration mit den Nationalsozialisten, die die Halbinsel im Schwarzen Meer von Ende 1941 bis Anfang 1944 besetzt gehalten hatten.

"Fakt ist, dass in der Tat einige Krimtataren mit der deutschen Besatzungsmacht kollaboriert haben, keineswegs das ganze Volk. Die Leidtragenden, die Bestraften, waren dann alle. Alle wurden deportiert, vor allem Frauen, Kinder, alte Männer wurden hauptsächlich nach Usbekistan deportiert in einer Nacht-und-Nebel-Aktion."

Noch heute, so der Osteuropaexperte Gerhard Simon, spiele die Erinnerung daran eine wichtige Rolle im Gedächtnis der Vertriebenen. Der krimtatarische Abgeordnete im ukrainischen Parlament, Refat Tschubarow:

"Am Abend sind die Truppen in die Gemeinde gekommen. Die Mutter sagte, dass sie in der Schule und im Dorfklub stationiert wurden. Und am nächsten Morgen, es war noch dunkel, haben sie die Tür eingebrochen, alle aus den Betten geholt und mit Waffengewalt gezwungen, binnen 15 Minuten die Häuser zu verlassen. Ihre Habe mussten die Leute zurücklassen. Die Moslems wurden an einem Friedhof versammelt und von dort aus mit LKWs zum Bahnhof gebracht. In vollgestopften Viehwaggons mussten sie ihre Heimat verlassen, ohne zu wissen, wohin sie fuhren. Die Mutter sagte, alle dächten, man wollte sie erschießen."

Von den fast 200.000 Deportierten überstand rund ein Drittel die Strapazen des Transportes nicht. Es war der Tiefpunkt einer spannungsreichen Geschichte zwischen Russen und Krimtataren. Während die Tataren als Turkvolk seit dem Mittelalter die Bevölkerungsmehrheit auf der Krim gestellt hatten, änderte sich das im 18. Jahrhundert mit der Eroberung der Halbinsel durch das russische Reich. Der Krimtataren wurden diskriminiert und verdrängt. Eine Entwicklung, die nach der Oktoberrevolution zunächst gestoppt wurde.

"In den 20er-Jahren gab es eine Krim-Autonomie innerhalb der russischen sozialistischen Sowjetföderation. Die Krimtataren bekamen kulturelle politische Rechte, selbstverständlich im Rahmen des sowjetischen Gesamtstaates. Und es schien, dass die Integration der Krimtataren auf gutem Weg war in den sowjetischen Gesamtstaat."

Nach Lenins Tod änderte sich die Nationalitätenpolitik wieder. Unter Stalin begann eine erneute "Russifizierung" der Krim, die in der Deportation der Krimtataren gipfelte. Über zehn Jahre lang blieben sie in Spezialsiedlungen in Usbekistan interniert und waren, wie andere deportierte Nationalitäten, einem sogenannten Kommandanturregime unterworfen, das ihre Arbeits- und Aufenthaltspflichten regelte. Das Kommandanturregime wurde Mitte der 50er-Jahre aufgehoben, doch an den Lebensbedingungen der Krimtataren änderte sich wenig. Erst ein Jahrzehnt später wurden sie politisch rehabilitiert.

"Die sowjetische Staatsmacht stellte offiziell fest, sie seien zu Unrecht damals beschuldigt worden, das ganze Volk, mit den Deutschen kollaboriert zu haben. Diese Schuld sozusagen, dieser Vorwurf wurde mit der politischen Rehabilitierung 1967 von ihnen genommen, aber zugleich wurde festgelegt, dass die Krimtataren nicht das Recht hatten, zurückzukehren in ihre angestammte Heimat auf der Krim."

Dieses Recht wurde ihnen erst unter Gorbatschow gewährt. Am 9. Juni 1988 beschloss die sowjetische Regierung, den Krimtataren die Rückkehr zu erlauben. Innerhalb kurzer Zeit machten sich die meisten Vertriebenen auf den Weg in die alte Heimat, doch ihre Häuser und Dörfer waren längst von anderen bewohnt. Es entstanden neue krimtatarische Siedlungen, die zum Teil heute noch nicht an das Verkehrssystem angeschlossen sind. Auch über 20 Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion stehen die Krimtataren am Rande der Gesellschaft.

"Die Krimtataren kämpfen bis heute um die soziale Eingliederung, die politische Eingliederung auf der Krim. Und dieses Problem, das nun also die neue Ukraine sozusagen am Halse hat, - die Ukraine ist seit 1991 ein eigenständiger Staat und muss jetzt mit diesen krimtatarischen Problemen fertig werden. Diese Probleme sind bis heute nicht wirklich gelöst."

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