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StartseiteForschung aktuellDie Scheichs vom Münsterland25.07.2006

Die Scheichs vom Münsterland

Ingenieure optimieren Nutzung von Grubengas

<strong>Technik. - Früher war Grubengas aus Steinkohleflözen der Schrecken der Bergleute, heute aber ist es ein Gewinn bringender Rohstoff. Bei der Erschließung der Energiequelle beschreiten Aachener Forscher jetzt neue Wege.</strong>

Von Lutz Bernhardt

Mit neuen Methoden soll Grubenmethan profitabel erschlossen werden. (AP)
Mit neuen Methoden soll Grubenmethan profitabel erschlossen werden. (AP)
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Institut für Markscheidewesen

Axel Preuße will es noch einmal wissen: Vor zehn Jahren bohrte er im Münsterland vergebens. Die freigesetzte Menge an Flözgas, englisch Coal Bed Methane, war zu gering. Preußes damaliger Arbeitgeber, die Ruhrkohle AG, stoppte den Versuch. Mit dem bisschen Gas ließ sich kein Geld verdienen. Heute ist Axel Preuße Professor am Institut für Markscheidewesen an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen. Und heute ist er von der Machbarkeit überzeugter denn je:

"Wir wissen, dass es ein signifikanter Bodenschatz ist, der hier bei uns vor der Haustür liegt, der einfach auch gut infrastrukturell angeschlossen werden kann. Wir wollen ansonsten die Ergebnisse, die existieren, aufarbeiten und uns einen Überblick verschaffen weltweit, welche Technologien zur Verfügung stehen, um unsere Lagerstätten besser zu stimulieren – sprich: Sie besser entgasen zu lassen als das noch vor zehn Jahren mit den damaligen Mitteln der Fall war."

Damals sollte das Flözgas mit Hilfe des amerikanischen Frac-Verfahrens der Kohle entzogen werden: Durch ein Bohrloch wird in die Lagerstätte ein Wasser-Sand-Gemisch gepresst, so dass etwa 150 Meter lange Spalten in den Flöz gebrochen werden. Wird das Wasser wieder abgepumpt, entsteht ein Unterdruck. Dieser Unterdruck saugt das erste Gas aus der Oberfläche der Kohle in Richtung des Bohrloches und von dort aus nach Übertage. Es entsteht ein Sog, in dessen Folge weiteres Gas eigenständig strömt.

"Aber das ist halt die Methode, die damals angewandt wurde und die so nicht erfolgreich war. Das heißt, wir müssen da ansetzen, um diese Methoden zu verfeinern und auf unsere Lagerstätte anzupassen."

Für die Lagerstätten im Münsterland gilt nämlich das gleiche wie für das gesamte deutsche Steinkohlerevier: In den angepeilten Bohrtiefen bis 1800 Meter herrscht Durcheinander. Die tektonischen Bewegungen haben ein Wirrwarr an Auffaltungen und Brüchen hinterlassen, berichtet Geologie-Professor Peter Kukla. An seinem Institut werden Daten über die Situation untertage gesammelt. Hierbei greifen die Geologen auch auf Aufzeichnungen aus dem Steinkohle-Bergbau zurück. Peter Kukla:

"Aber wir werden auch insofern noch neue Daten erheben, als für bestimmte Flöze beziehungsweise Umgebungsgesteine, die Speichergesteine, keine petrophysikalischen Daten vorhanden sind. Das interessiert den Steinkohlebergbau nicht, das ist alles Abraum für die. Das heißt, wir müssen da noch mal die Druck-Zug-Parameter, Porosität, Permeabilität erheben im Labor."

Mit einer Spezial-Software errechnet ein Computer aus allen Ergebnissen ein 3D-Reservoir-Lagerstättenmodell. Das sieht aus, als habe man das Münsterland geröntgt. Unterschiedliche Umgebungsgesteine und die Flöze sind farbig in ihrer horizontalen und vertikalen Ausdehnung dargestellt. Wo also das Flözgas abgezapft werden kann, will Professor Kukla mit 60 bis 70prozentiger Sicherheit voraussagen können – das ist extrem hoch, bei der kommerziellen Suche nach Bodenschätzen liegt die Erfolgsquote im Allgemeinen bei 20 Prozent:

"Auf Grund dieses Modells sieht dann der Lagerstättentechniker oder Ingenieur: hier ist die Porösitäts-Permeabilitätsverteilung so, hier ist das Einfallen – also die Verteilung – des Flözes, ist das geneigt oder ist das waagerecht? Wie viele Brüche sind da. Und dementsprechend nach unserem geologischen Modell setzt er dann verschiedene Technologien ein, um zu produzieren."

Bevor sich der erste Bohrkopf zwischen Dortmund und Münster in den Boden senkt, soll fünf Jahre lang geforscht werden. Bergbau-Professor Axel Preusse rechnet sehr vorsichtig mit einer jährlichen Fördermenge von bis zu zwei Milliarden Kubikmetern. Das sind zwei Prozent des gesamten Erdgasverbrauches in Deutschland. Das Gas wird übrigens erschlossen, ohne nennenswerte Bergschäden zu hinterlassen. Auch der Entzug des Gases hinterlässt keine Spuren:

"Es gibt also keine Verunreinigung, die den Chemismus beeinträchtigt. "

Umweltschützer haben sogar Grund zu Freude: Methangas ist ein klimarelevantes Gas, das ohnehin aus dem Boden entgast und zur globalen Erwärmung beiträgt. Dann ist es besser, man nutzt es als Energieträger.

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