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StartseiteCampus & KarriereDie Schein-Studenten10.05.2013

Die Schein-Studenten

Junge Menschen schreiben sich wegen Vergünstigungen an einer Hochschule ein

Gerade erst fertig mit dem Studium, schreiben sich viele Absolventen gleich noch einmal an einer Uni ein. Allerdings nicht um ein weiteres Studium zu beginnen, sondern um die zahlreichen Studentenvergünstigungen weiter zu nutzen.

Von Patrizia Schlosser

Schein-Studenten sind zwar eingeschrieben, gehen aber in keine Vorlesungen (picture alliance / dpa /Julian Stratenschulte)
Schein-Studenten sind zwar eingeschrieben, gehen aber in keine Vorlesungen (picture alliance / dpa /Julian Stratenschulte)
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Verkehrswissenschaftler will "Bürgerticket" für alle

Eigentlich ist Martin froh, dass die stressige Studentenzeit vorbei ist und er nun einen guten Job als Biologe hat. Trotzdem hat sich der 29-Jährige erneut an einer Hochschule eingeschrieben – um billiger Zug fahren zu können.

"Also vor einem Jahr habe ich mal eine Zeit lang in Köln gearbeitet. Ein paar Kumpels haben mich dann darauf gebracht: Sie haben sich einfach ein Semesterticket geholt, obwohl sie gar nicht studiert haben. Dann habe ich mich da einfach auch eingeschrieben an der Uni in Köln und das hat super geklappt."

Auch die Diplom-Theologin Anne wollte nach ihrem Studium nicht auf ihre günstige Krankenkasse verzichten und hat sich nach ihrem Abschluss gleich wieder an einer Uni eingeschrieben. Diesmal als Informatik-Studentin.

"Also ich habe fertig studiert und mich dann gefragt, wie es jetzt weitergeht. Ich hatte keinen Job und habe dann einen Studiengang herausgesucht, wo ich mich während des Semesters nicht groß blicken lassen muss. Dann habe ich mich da ganz einfach eingeschrieben per Briefeinschreiben und dann war ich da halt Student."

Wie hoch die Anzahl der Studenten ist, die nur zum Schein studieren, weiß niemand. Offizielle Zahlen dazu gibt es nicht. Wie auch? Der Betrug lässt sich kaum nachweisen, wie der Münchner Rechtsanwalt Florian Schneider erklärt:

"Betrug ist strafbar mit Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis fünf Jahren, aber das Problem ist halt bei solchen Sachen, dass man ganz schlecht nachweisen kann, ob das wirklich eine Straftat ist. Denn um so was nachweisen zu können, müsste ich eigentlich in den Kopf eines Menschen reinschauen können und müsste sagen können: Er hat sich nur immatrikuliert, weil er billig an irgendwas rankommen wollte."

Entsprechend hilflos und ahnungslos stehen Verkehrsverbünde und Krankenkassen den Schein-Studenten gegenüber. Wer eine gültige Immatrikulationsbescheinigung vorlegen kann, hat ein Anrecht auf den Studententarif. Auch wenn der finanzielle Schaden, den die Schein-Studenten verursachen nicht messbar ist, ist er da, wie die Presssprecherin der Krankenkasse Barmer GEK, Stefani Meyer-Maricevic deutlich macht.

"Es schädigt die Gemeinschaft aller Versicherten und da darf man sich nicht wundern, wenn ein System in eine Schieflage gerät, weil jeder versucht für sich immer das Optimum herauszuholen und möglichst wenig dafür leisten möchte. Das kann einfach nicht sein."

Martin lässt sich davon nicht beeindrucken. Bis es ihn beruflich von Köln zurück in seine Heimatstadt München verschlug, nutzte er sein Studententicket. Vier Semester lang. Trotz Kritik von Freunden.

"Erstens habe ich in meinem Job eh nicht so viel verdient und zweitens: Das Leben ist auch immer teurer geworden. Also, so moralisch verwerflich finde ich das jetzt nicht. Es gibt bestimmt schlimmere Sachen, wie man bescheißen kann. Ich nehme keinen Platz weg. Ich fahr nicht in dem Sinne schwarz, nur ein bisschen vergünstigt."

Sind die Studenten verwöhnte Billigheimer, Kriminelle ohne Schamgefühl und Moral? Manche vielleicht schon. Doch es gibt noch eine andere Erklärung: Karrierebewusstsein. Anne hat ihr Schein-Studium nicht nur dazu genutzt, um Geld zu sparen.

"Gleichzeitig hatte ich auch noch die Möglichkeit ein Praktikum zu machen bei einem Unternehmen, bei dem ich sonst nie mehr die Möglichkeit gehabt hätte, ein Praktikum zu machen. Denn die wollten unbedingt meine Studentenbescheinigung haben, weil hätten sie mich als jemanden da gehabt, der nicht versichert ist, hätten sie mich ja versichern müssen."

Die Münchner Therapeutin und Studentencoach Ursula Gante hilft Studenten bei der Berufsfindung. Schein-Studenten wie Anne sind ihrer Meinung nach alles andere als faule Sozialschmarotzer. Im Gegenteil.

"Wenn man den Einzelfall sieht, glaube ich nicht, dass man von einer Studiengruppe sprechen kann wie in den späten 60er, 70er, 80er, die versuchen, irgendwo ihr Studileben locker weiterzuführen. Wir reden heute gerade bei Studenten von hochgezüchteten Leistungsprofis."

Für den Studentencoach ist die Tatsache, dass viele nach dem Abschluss ein Schein-Studium beginnen, symptomatisch für die heutige Berufswelt. Nicht das Schein-Studium, sondern der Übergang ins Berufsleben ist das Problem, glaubt die Therapeutin.

"Die Frage ist einfach in unserer Gesellschaft, wie ermöglicht man den Studenten den Berufseinstieg. Und wenn man das mit einem Plan machen könnte, der auch finanziell eine attraktive Lösung ist, dann würde ich denken, dass das sofort aufhört. Solange wir nicht diese Möglichkeiten bieten, solange wird es den ein oder anderen geben, der das nutzt."

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