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StartseiteDie neue PlatteSynchron und farbenreich17.02.2019

„Die schöne Magelone“ von BrahmsSynchron und farbenreich

Mit seinem ersten Solo-Album zeigt der lyrische Bariton John Chest seine Qualitäten als Liedsänger. Mit dem Pianisten Marcelo Amaral leuchtet er die Emotionen der Romanzen über "die schöne Magelone" aus und zeigt auch die teils ironische Doppelbödigkeit.

Am Mikrofon: Klaus Oehl

Das Gesicht von John Chest ist nah zu sehen, er blickt zur Seite. (Andrey Stoycher)
Bis 2016 Ensemblemitglied der Deutschen Oper in Berlin: der Bariton John Chest. (Andrey Stoycher)

Auf den großen europäischen Opernbühnen ist der lyrische Bariton John Chest kein Unbekannter mehr. Ob als Ensemblemitglied der Deutschen Oper Berlin, auf den Festivals in Aix-en-Provence oder im vergangenen Sommer in Glyndebourne. Für die Opern von Mozart, Verdi, Debussy oder auch Benjamin Britten ist der US-Amerikaner eine gefragte Besetzung in seinem Fach. Auf seinem ersten Solo-Album zeigt der lyrische Bariton jetzt, dass er auch im romantischen Liedrepertoire zuhause ist. Mit dem brasilianischen Pianisten Marcelo Amaral hat er den Liederzyklus "Die schöne Magelone" von Johannes Brahms aufgenommen.

Musik: Brahms op. 33, Nr. 4: "Liebe kam aus fernen Landen"

Das Lied "Liebe kam aus fernen Landen" ahmt den höfischen Minnesang nach – oder vielmehr, was die Romantik sich darunter vorstellte. Brahms wählte einen betont archaischen Tonfall, eine schlichte Melodie mit einförmigem Rhythmus. John Chest als Troubadour singt mit zartem wohldosiertem Ton, melancholisch und in sich versonnen – noch ohne Burg-Fräulein ein Ritter von trauriger Gestalt. Denn das Leben am Hof ist ja so langweilig. Auch die Minne, das Werben um die Geliebte, klingt bei Brahms betont zeremoniell: Immer zwei Töne sollen unter einem Legatobogen gesungen werden. Ein Abphrasieren, wie man es aus der Alten Musik kennt, und was hier in der permanenten Abfolge so übertrieben gesungen werden muss. Chest legt den tieferen Sinn dahinter offen: Der augenzwinkernde ironische Unterton ist trotz seiner einschmeichelnden warmen Mittellage nicht zu überhören.

Musik: Brahms op. 33, Nr. 4: "Liebe kam aus fernen Landen"

Die Gedichte des Liederzyklus über die schöne Magelone fand Brahms in einem der Märchen von Ludwig Tieck. Schon als Kind mochte er diese in Prosa erzählte Rittergeschichte, in der – typisch romantisch – die Märchengestalten ihre Gefühle eben auch in Gedichtform ausdrücken. Tiecks "Wundersame Liebesgeschichte der schönen Magelone und des Grafen Peter von Provence" geht in Kurzform so: Die neapolitanische Königstochter Magelone erhört das Liebeswerben von Peter, doch sie werden getrennt. Er übersteht allerlei Abenteuer, kommt auf See beinahe um und, oh je!, droht sein Herz an die nicht weniger schöne Sulima zu verlieren. Mit natürlich glücklichem Ausgang findet das treue Liebespaar am Ende wieder zusammen. Für Brahms war die Prosa-Handlung von Tiecks Märchen dann nebensächlich, als er ab 1861 begann, nur die darin enthaltenen Gedichte zu vertonen. Erst acht Jahre später war der Zyklus mit am Ende 15 Liedern fertig, die er als "Romanzen aus Magelone" bezeichnete – darin lyrische, aber auch dramatische Reflexionen der Märchenhelden.

In der ersten schildert ein Sänger die Vorzüge des abenteuerlichen Ritterlebens, wovon sich der Held Peter anstecken lässt und sein Pferd besteigt, um in die Welt hinaus zu reiten. Der Bariton Chest packt mit einem kraftvollen Brust-Register zu und skandiert heldisch die Fanfarenmotive unter der effektvollen Klavierbegleitung von Amaral, der mit durchlaufendem Pferdegetrappel rhythmisiert.

Musik: Brahms op. 33, Nr. 1: "Keinen hat es noch gereut"

Das ungestüme Vorwärtsdrängen von Ross und Reiter ist in Singstimme und Klavier wunderbar synchron gestaltet. John Chest erhebt sich dabei nicht über seinen Begleiter Marcelo Amaral, sondern geht auf Tuchfühlung. Die beiden haben den gleichen Puls, atmen gemeinsam und harmonieren klanglich prima – man merkt, dass sie schon häufiger live miteinander konzertiert haben.

Bei der Uraufführung vor 150 Jahren war mit Julius Stockhausen und Brahms am Flügel auch ein eingespieltes Gespann am Werk. Viele der Liederzyklen von Schubert und Schumann hatten sie in Hamburg zusammen aufgeführt.

Doch zurück ans Mittelmeer zu dem Paar unserer Geschichte: In Neapel sind die ersten Liebes-Schwüre ausgetauscht, und Peter erwartet die Ankunft Magelones im Garten. In der sechsten Romanze fahren seine Gefühle Achterbahn zwischen Hoffen und Bangen: Wie lang wird das Liebesglück anhalten?

Musik: Brahms op. 33, Nr. 6: "Wie soll ich die Freude"

Das Auf und Ab der Gefühle fordert den lyrischen Bariton Chest heraus. In einer opernhaften Einlage wandelt sich der gerade noch an der Welt verzweifelnde Minnelied-Sänger unvermittelt zum typisch romantischen Helden. Zum Ende dieses Arioso ist die Figur völlig außer sich, die Verstörung komplett: Der Ritter will lieber den Tod, als noch länger jene Ungewissheit ertragen zu müssen. John Chest triumphiert mit metallischem Klang, in hoher Lage sprengt er mit breiter Brust gleichsam das Kettenhemd seiner Figur.

Musik: Brahms op. 33, Nr. 6: "Wie soll ich die Freude"

Bei ständig wechselndem Tempo und Ausdruck wirkt der Zyklus "Die schöne Magelone" wie eine Rhapsodie oder eine Oper in Kleinformat. Von seinem Biographen Kalbeck darauf angesprochen, dass er ja nie eine Oper komponiert habe, fragte Brahms rhetorisch zurück: "Sind die [Romanzen] nicht auch eine Art von Theater?" Hier kommt John Chest seine Erfahrung als Opernsänger zugute, mühelos bewältigt er die technischen Ansprüche des Hoch-Dramatischen. Am Schönsten gelingen ihm aber die leisen Romanzen mit ihren weit geschwungen Melodien. Und erneut ist musikalisch nicht unbedingt immer genau das drin, was im Text steht. Etwa, wenn das Liebespaar im Gras liegt und er ihr ein Schlummerlied vorsingt. Aber schlafen werden die beiden Liebenden wohl nicht. Denn Brahms schreibt eine pulsierende Musik, die eher zu einer Liebesnacht passt als zum Einschlafen. Aufstrebende Linien im Klavier in der rechten Hand und die Unruhe in der linken verraten die latente Leidenschaft. Marcelo Amaral am Klavier und John Chest wetteifern bei der Produktion von wohlig-warmen, abgedunkelten Klangfarben. Schwer zu entscheiden, wer von beiden hier schöner verzaubert.

Musik: Brahms op. 33, Nr. 9: "Ruhe, Süßliebchen"

Mit ergreifendem Gefühl gestaltet der US-Amerikaner Chest diesen intimen Moment im Lied "Ruhe, Süßliebchen" und taucht auch sonst völlig in die jeweilige emotionale Verfassung seiner Figur ein. Die Aussprache ist bis auf wenige Ausnahmen von einem deutschen Muttersprachler nicht zu unterscheiden, der Vokalklang sonor und frei, auch in der Höhe nie gepresst. Vor allem aber verfügt seine Stimme über ein ausgesprochen angenehmes Timbre und einen beinah karamellartigen Schmelz. Und sie läuft nie Gefahr, einfach nur schön und womöglich glatt zu sein. Dafür sorgt auch ein fein dosierter Atemstrom bei der Gestaltung von groß angelegten Melodie-Bögen. Man staunt, wie lange die Phrasen sind, die der Bariton in der achten Romanze auf einem Atem singen kann. Im Klavier wird dazu eigentlich das Zupfen der Laute imitiert. Die nur hingetupften Noten spielt Marcelo Amaral aber beinahe legato. Mit weniger Pedal hätte er dagegen die Laute deutlicher hörbar machen können.

Musik: Brahms op. 33, Nr. 8: "Wir müssen uns trennen"

Die Texte der Lieder sind (wie üblich) im CD-Booklet zum Nachlesen abgedruckt. Beim Hören kann man sie wegen der durchgängig verständlichen Artikulation des Baritons getrost zur Seite legen. Allerdings könnte der Einführungstext nicht nur ausführlicher sein, um etwas über die heute weitgehend unbekannte Märchenhandlung zwischen den Romanzen zu erfahren. Der Kommentar beschreibt leider auch die falsche Version – nämlich die für hohe Stimme. Den Unterschied bemerkt aber nur, wer die in der tiefen Lage gesungenen Tonarten mit dem Kommentar vergleicht. An der Qualität der Aufnahme ändert das freilich nichts.

Brahms: Die schöne Magelone
John Chest, Bariton
Marcelo Amaral, Klavier
Alpha Classics

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