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StartseiteEuropa heuteAustritt wider Willen01.07.2016

Die Schotten und der BrexitAustritt wider Willen

Nach dem Brexit ist klar: Wenn die Schotten auch in Zukunft dem Vereinigten Königreich angehören, können sie nicht in der EU bleiben. Das wollen aber über 60 Prozent der schottischen Wähler. Dafür müsste das Land unabhängig werden von Großbritannien. Doch das letzte Unabhängigkeitsreferendum ist erst zwei Jahre her - und ein neues noch nicht in Sichtweite.

Von Stephanie Pieper

Die Fahnen Schottlands, Englands, des Vereinigten Königreichs und der EU an einem Gebäude in Edinburgh. (afp / Lesley Martin)
Noch hängen in Edinburgh die Flaggen Schottlands, Englands, des Vereinigten Königreichs und der EU vereint zusammen. (afp / Lesley Martin)
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Der Reinigungswagen kurvt auf dem Campus der University of Glasgow herum, am Tag der Absolventen-Feier soll schließlich alles sauber sein. Anna jedoch ist nicht nach Feiern zumute. Sie arbeitet im Fachbereich Politologie, organisiert den Studentenaustausch mit anderen Unis in der EU – und ist nach der Brexit-Entscheidung einfach nur traurig und wütend:

Die 29-Jährige hat das Gefühl, als hätte ihr jemand die Zukunft gestohlen. Die Alten hätten für den Brexit gestimmt, und die Jungen müssten es ausbaden, klagt sie. Schon beim Volksentscheid vor zwei Jahren hatte Anna "Yes" zur schottischen Unabhängigkeit gesagt – und ist jetzt erst recht dafür. Lieber sähe die 29-Jährige Schottland in der EU als weiter im Vereinigten Königreich.

John, der in der Unibibliothek arbeitet, hatte 2014 Schottlands Unabhängigkeit noch abgelehnt – aber der Brexit hat ihn umgestimmt. Ein unabhängiges Schottland, aber in der EU, das kann sich der 63-Jährige jetzt vorstellen. Noch nie, sagt John noch, habe ihn ein Wahlergebnis so betroffen gemacht wie dieses Brexit-Votum der Engländer und der Waliser.

Schotten frustriert über Brexit-Votum

"Das regnerische Wetter passt zur politischen Stimmung in Schottland", sagt Toby Paterson, nur halb im Scherz, als er von seinem Rennrad absteigt und die Tür zu seinem Atelier aufschließt. Der Künstler hat in der Wahlnacht seinen Frust über die Ergebnisse mit polnischem Wodka herunter gespült. Seine englischen Freunde – die in London, Bristol und Newcastle leben – überlegten ernsthaft, jetzt nach Schottland zu ziehen, erzählt der 42-Jährige. Was ihn tröstet ist, dass die Menschen hier wenigstens hoffen können, dem Brexit zu entkommen – in dem sie die Unabhängigkeit wählen.

Die Glasgower hatten bereits vor zwei Jahren mehrheitlich für die Loslösung vom Rest Großbritanniens gestimmt, anders als die Schotten insgesamt. Aber keineswegs alle hier wollen heute ein zweites Referendum, wollen die Unabhängigkeit – so wie Christine, auch wenn sie in der EU bleiben wollte. Die Rentnerin glaubt weiter an Großbritannien, an die Union aus Schottland und England, auch nach dem Brexit. Ebenso wie Arron, der den Norden und den Süden vereint für stärker hält; außerdem könne es Jahre dauern, so der 23-Jährige, ehe Schottland wieder EU-Mitglied werde.

Natürlich weiß Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon von der Schottischen Nationalpartei, dass ihr Ziel - die Unabhängigkeit – auch nach dem Brexit noch nicht in Sichtweite ist. Das Volk wird Sturgeon nur dann befragen, wenn sie sehr sicher ist, diesmal zu gewinnen. 

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