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StartseiteSport am WochenendeDie Schwächen der Dopingbekämpfung23.09.2012

Die Schwächen der Dopingbekämpfung

David Howman: Gegen intelligente Betrüger hat man derzeit kaum eine Chance

Mit ungewohnter Offenheit legte David Howman, Generaldirektor der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA, in seiner Eröffnungsrede auf einer internationalen Anti-Doping-Konferenz an diesem Wochenende in Stockholm die Schwächen in der weltweiten Dopingbekämpfung dar.

Von Robert Kempe

David Howman, Generaldirektor der Anti-Doping-Agentur WADA (picture alliance / dpa)
David Howman, Generaldirektor der Anti-Doping-Agentur WADA (picture alliance / dpa)

Nur jeder neunte Doper, so Howman, werde erwischt, gegen die – wie er sie nannte – intelligenten Betrüger hätte man derzeit kaum eine Chance. Als Beispiel zitierte er eine Passage aus dem Buch des amerikanischen Ex-Radsportlers Tyler Hamilton: die Antidopingbehörden – so heißt es darin sinngemäß - hätten Jahre gebraucht um einen Dopingtest für das Blutdopingmittel EPO zu entwickeln, der italienische Mediziner und Trainer Michele Ferrari – auch Dottore Epo - genannt, habe fünf Minuten gebraucht, um ihn auszutricksen.

Doch längst ist der Kampf gegen Doping nicht mehr nur Aufgabe der Kontrolleure. Seit gut drei Jahren hat die Internationale Polizeiorganisation "Interpol" eine Abteilung, die sich ausschließlich mit Doping und Dopinghandel beschäftigt. Dafür zuständig ist Matthieu Holz, in seinem Ermittlungsbereich – so der Franzose - beobachte er in der letzten Zeit immer mehr kriminelle Energie.

"Das Problem mit Dopingsubstanzen ist mit der Zeit mehr und mehr gewachsen. Und jetzt können wir sagen, dass es zu einem ernsten Gesundheitsproblem für die gesamte Gesellschaft geworden ist. Der Spitzensport ist auch ein Teil des Problems. Es betrifft aber auch junge Amateursportler oder gar Soldaten, alle Leute, die gern ihr Image oder ihre Leistung steigern wollen, und das sind eine Menge."

Dennoch werden nur gut ein Prozent der heutzutage weltweit in den Labors analysierten Athletenproben positiv auf Doping getestet. Soziologische Studien hingegen gehen von 15 bis 35 Prozent an dopenden Spitzensportlern aus - ein gewaltiger Unterschied.
Christine Ayotte, Leiterin des renommierten Dopingkontrolllabors im kanadischen Montreal, stimmen solche Statistiken bedenklich.

"Es ist natürlich frustrierend. Doch glaube ich nicht, dass dies an den Laboren liegt. Wir sollten auch niemandem die Schuld zuschieben. Was wir brauchen ist ein unabhängiges und effizientes Kontrollsystem und Verbesserungen bei der Dopingprobenentnahme. Wir müssen einfach unsere Hausaufgaben besser machen, dann können wir sagen: wir sind total verzweifelt. Wir haben unseren Job einfach noch nicht korrekt gemacht."

Bekannt ist, dass seit gewisser Zeit die Dopingfahnder verstärkt auf andere Maßnahmen setzen um Sportbetrügern auf die Schliche zu kommen. Das Zusammentragen von unterschiedlichen Informationen etwa durch Kooperationen mit staatlichen Behörden oder geheimen Informanten steht bei den weltweit führenden Nationalen Anti-Doping-Agenturen immer mehr im Vordergrund bei der täglichen Arbeit. Im Sport wird es ähnlich wie in der Spionage "Intelligence" genannt.
Nicole Sapstead ist bei der britischen Anti-Doping-Agentur UK-Antidoping unter anderem für solche Operationen verantwortlich.

"Ich glaube zwar nicht, dass man jemals auf Dopingtests verzichten kann, aber ich glaube, dass man akzeptieren muss, dass es andere Wege gibt Beweise gegen eine Athleten zu haben, die über einen positiven Test hinaus gehen. Und diese Beweise bekommst du von Strafverfolgungsbehörden, anonymen Hinweisen und anderen Quellen um dann ziemlich klar nachzuweisen, dass jemand dopt."

UK-Antidoping begann in den Jahren vor den Olympischen Spielen in London eine "Intelligence-Abteilung" aufzubauen. Im Fokus stand vor allem die Zusammenarbeit mit den nationalen Grenzschutzbehörden. Die Australische Antidoping Agentur ASADA sanktionierte auf der Basis solcher Ermittlungen schon einen hohen Prozentsatz von Athleten.

Nicole Sapstead:

"Anti-Doping-Agenturen sind in Gefahr wenn sie ein ineffektive Testprogramm haben, denn man muss seine Arbeit ja mit etwas begründen. Es reicht nicht mehr aus wenn man hohe Finanzmittel zur Verfügung hat, einfach nur zu sagen, okay wir können zig-tausend Tests machen, wir kontrollieren jeden unserer Athleten, denn nur das müssen wir tun, nachweisen, dass wir testen. Nein, du musst auf anderweitige Ermittlungen zurückgreifen. In Australien funktioniert das sehr gut, sie waren die ersten. Die USADA hat dafür eine eigene Abteilung aber auch die Norweger. Immer mehr Nationale Anti-Doping-Agenturen bauen intern den Bereich "Intelligence" aus."

Was durch solche Ermittlungen möglich ist, hat zuletzt die amerikanische Anti-Doping-Agentur USADA im Fall des Radsportidols Lance Armstrong gezeigt. Durch Erkenntnisse, die durch eigene Ermittlungen, Zeugenbefragungen und intensiven Informationsaustausch mit nationalen und internationalen Organisationen zu Stande kamen, sperrte die Agentur den Texaner wegen Verstößen gegen Anti-Doping-Bestimmungen. Bei herkömmlichen Dopingkontrollen in den Jahren zuvor konnte Armstrong nie überführt werden.
Um Informationen auszutauschen, war USADA-Chef Travis Tygart gar zweimal in der Zentrale von Interpol im französischen Lyon. Interpol pflegt im Sport einen engen Austausch mit der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA und sammelt Informationen von den nationalen Strafverfolgern der Mitgliedstaaten - in Deutschland etwa mit dem Bundeskriminalamt.
Doch – so der Interpolbeamte Matthieu Holz – erschwert die unterschiedliche Gesetzgebung in den Ländern die Strafverfolgung.

""Aus meiner Sicht brauchen wir in ganz Europa ein Anti-Doping-Gesetz was den Gebrauch von Dopingsubstanzen unter Strafe stellt. Das sollte sich sowohl auf den Sport fokussieren als auch alle anderen Gesellschaftsteile mit einbeziehen. Denn Dopingmissbrauch gibt es nicht nur bei Spitzensportler, sondern bei vielen Menschen in Europa."

In Deutschland ist der Gebrauch von Dopingmitteln nicht strafbar. Verboten ist der Handel und Besitz von nicht geringen Mengen. Gesetzesinitiativen waren bisher nicht mehrheitsfähig.
Bei der Nationalen-Antidoping-Agentur NADA gibt es seit 2011 eine so gennannte Task Force, die sich mit dem Zusammentragen von verschiedenen Informationen beschäftigt. Erfolge wurden bisher noch nicht vermeldet. Im Gegenteil, die NADA geriet in der letzten Zeit für ihr zögerliches Vorsprechen zum Beispiel bei den Strafverfolgern, etwa in der Causa Erfurt oder den Ermittlungen in Freiburg rundum die Ärzte Schmid und Heinrich, immer wieder in die Kritik. Das sich daran etwas ändert, ist mit Blick auf die finanzielle Ausstattung bisher nicht zu erwarten. Der Bund hat seine Förderung zurückgefahren, bisher fehlen der Bonner Agentur im nächsten Jahr gut 1,3 Millionen Euro.

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