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StartseiteBüchermarktDie sieben Kuppeln der Liebe09.03.2009

Die sieben Kuppeln der Liebe

Zum 800. Todestag des persischen Dichters Ilyas ibn Yusuf Nizami

Sucht man im Orient nach einer Entsprechung für die antike und mittelalterliche europäische Versepik, muss man in den persischen Sprachraum blicken. Dort finden wir, so Goethe, jenen "zarten, hochbegabten Geist, der die lieblichsten Wechselwirkungen innigster Liebe zum Stoffe seiner Gedichte wählt". Oder, ebenfalls Goethe, nur schmissiger: "Dem Aas eines faulenden Hundes versteht Nisami eine sittliche Betrachtung abzulocken, die uns in Erstaunen setzt und erbaut." Nisami?

Von Stefan Weidner

Die zeitlose Modernität, die Nizamis Werk weit über das Gros mittelalterlicher Versepik erhebt, tritt erst im Blick auf die Gesamtkomposition hervor. (Science/W. B. Denny)
Die zeitlose Modernität, die Nizamis Werk weit über das Gros mittelalterlicher Versepik erhebt, tritt erst im Blick auf die Gesamtkomposition hervor. (Science/W. B. Denny)

Ilyas ibn Yusuf Nizami, geboren 1141 in Gandscha, Aserbaidschan, gestorben dort selbst heute vor 800 Jahren, am 12. März 1209, gilt als der Vollender der mittelalterlichen persischen Versepik. Ohne dass es groß aufgefallen wäre, liegen von diesem Dichter gegenwärtig über 2000 Seiten auf deutsch vor, und pünktlich zum diesjährigen Jubiläum hat der Manesse Verlag, in dem die meisten von Nizamis Werken erschienen sind, "Chosrou und Shirin" wiederaufgelegt, in der bewährten Übersetzung von Christoph Bürgel aus dem Jahr 1980. Berühmter und wohl auch zugänglicher ist jedoch Nizamis "Haft Paikar", zu deutsch "Sieben Bilder". Dieses Epos liegt sogar in zwei konkurrierenden Übersetzungen vor.

Die eine davon ist eigentlich ist eine paraphrasierende, den Ton von 1001 Nacht anschlagende Nacherzählung der sieben Liebesgeschichten im Zentrum des Versepos. Sie stammt von Rudolf Gelpke und ist unter dem Titel "Die sieben Geschichten der sieben Prinzessinnen" erschienen. Bei diesen Erzählungen handelt es sich allerdings um mehr als ein paar Kunstmärchen à la "Tausendundeine Nacht". Zwar sind Nizamis Geschichten so entschieden sinnlich wie die jener berühmtesten orientalischen Märchensammlung, aber nur, um schließlich desto nachhaltiger moralisch zu sein. Doch wird das so geistreich und kokett erzählerisch umgesetzt, dass man der Moral mehr solcher Anwälte gewünscht hätte.

In der ersten dieser Geschichten berichtet der auf geheimnisvolle Weise in paradiesische Gefilde gelangte Erzähler, wie er jeden Abend erneut auf einem Festgelage in der Nähe der Königin verbringen darf. Doch statt seine Begierden, die sie voller Absicht weckt, zu erfüllen, verweist sie ihn auf die anderen Schönen, die sich ihm umstandslos zur Verfügung stellen. Nach dreißig Nächten hält er es trotzdem nicht mehr aus und macht Anstalten, die Königin zu vergewaltigen - da findet er sich plötzlich im grauen Alltag wieder, unter lauter Schwarzgekleideten, die, wie er, mangels Beherrschung kurz vor dem Ziel ihrer Wünsche versagten.

Die Meisterschaft dieser längsten Erzählung erweist sich auch daran, dass sie das Frustrationserlebnis als kaum noch vermittelbares präsentiert. Es ist gleich mehrfach in erzählerische Rahmen eingebunden und erscheint als ein Ereignis, das selbst durch den einfühlsamsten Bericht nicht adäquat nachempfunden werden kann, das man nur begreift, wenn man es selbst erlebt. Wir können es aber gleichwohl nachempfinden, da es jeder in der ein oder anderen Form schon einmal erfahren hat; und eben darauf stößt Nizami den Leser.

Hätt ich es dir auch hundertmal gesagt
Du hättest mir die Wahrheit nicht geglaubt
So gingst und schautest du nun selber das Verborgene,
Wem kann man solche Mär erzählen?
Ich, König nun der Schwarzgewandeten
Muss darum wie die schwarze Wolke grollen
Dass ich vom fast erfüllungsreifen Ziel
Mich selber hab entfernt durch rohe Gier.


Was man von diesem gehaltvollen, sich in sieben eigenständigen Erzählungen entwickelnden Epos erst seit der integralen Übersetzung von Johann Christoph Bürgel aus dem Jahr 1996 auf deutsch lesen kann, ist die mehr als die Hälfte des Textes ausmachende Rahmenerzählung. Der sassanidische Prinz Bahram, der fern von seiner Heimat in einem repräsentativen Schloss aufgezogen wird, entdeckt eine geheime, nur für ihn bestimmte Kammer, an deren Wänden er in sieben Bildern sieht, wie er unter sieben Kuppeln die Nächte mit den Prinzessinnen der sieben Weltgegenden verbringt. Sein ganzes Trachten gilt fortan der Verwirklichung dieser Vision. Als es ihm nach etlichen Kämpfen gelingt, die Macht in seiner Heimat und schließlich über die Welt an sich zu reißen, lässt er die Kuppeln bauen und empfängt in ihnen die sieben Prinzessinnen, die ihm die sieben Geschichten erzählen. Während sie erzählen, zerrütten Bahrams Statthalter das Reich. So zieht er hernach noch einmal aus und ordnet seine Herrschaft, um schließlich das tun zu können, was er unter den Kuppeln aus den Geschichten gelernt zu haben glaubt: Er entsagt der Welt und verschwindet während seiner letzten Jagd in einer Höhle.

Und eines Tages ließ er Thron und Krone
Und ging mit seinen Leuten auf die Jagd.
Auf dieser Jagd, bei diesem Beutezug
Trieb ihn ein Ziel nur an: sich selber fangen.
Er suchte nicht mehr Grauwild, nein, das Grab
Und statt Gazellen war sein Ziel der eigne Makel.


Die Abgründe und die zeitlose Modernität, die Nizamis Werk weit über das Gros mittelalterlicher Versepik erheben, treten erst im Blick auf die Gesamtkomposition hervor. So wird die patriarchalisch geprägte Welt der Rahmengeschichte, in der sich alles nur zwischen Harem, Jagdausflügen, Zechgelagen und Krieg abspielt, in dem Mikrokosmos der sieben Geschichten völlig von Frauen beherrscht. Auch ist es kein Zufall, dass der Turandot-Stoff, bei dem die Prinzessin ihr Eheversprechen an uneinlösbare, die Bewerber in den sicheren Tod treibende Forderungen knüpft, hier eine seiner schönsten und zugleich blutigsten Gestaltungen findet - während Nizami sonst mit einer bei kaum einem Autor seiner Zeit anzutreffenden Insistenz die Gewaltlosigkeit predigt. Vor diesem Hintergrund erscheinen die Männer, die von Turandots Zauberschwertern niedergemetzelt werden, nur als die Opfer ihrer Begierden, wohingegen derjenige, der Turandot mit Geduld und Überlegung freit, letztlich ihre Hand erhält. Die Modernität von Nizamis Frauengestalten erstaunt noch heute. Als mächtige Prinzessin hat es seine Turandot nicht nötig, einen Mann zu bekommen:

Über den - freilich bei ihm noch nicht so genannten - Turandot-Stoff, den man heute vor allem aus Puccinis gleichnamiger Oper und von Schillers Drama kennt, hat Nizami indirekt sogar auf die europäische Literatur und Musikgeschichte eingewirkt. Schiller, der Nizami nicht kannte, sondern über Umwege zu dem Stoff gelangte, brauchte in seiner Bearbeitung für das Theater nur weniges hinzufügen, um aus der selbstgenügsamen, um ihre Stärke wissende Frau eine amazonenhafte Emanze zu machen:

Ich sehe durch ganz Asien das Weib
Erniedrigt und zum Sklavenjoch verdammt,
Und rächen will ich mein beleidigtes Geschlecht
An diesem stolzen Männervolke, dem
Kein andrer Vorzug vor dem zärtern Weibe
Als rohe Stärke war.


Vom Stoff her sind die meisten Versepen Nizamis im wesentlichen Fortdichtungen altbekannter vorderorientalischer Legenden. So ist Nizamis "Laila und Madschnun" die persische Fassung einer der ältesten arabischen Legendenstoffe. Unter den klassischen Liebespaaren der orientalischen Literatur ist die von Laila und Madschnun die bekannteste und hat im Orient einen ähnlichen Status wie bei uns Romeo und Julia oder Orpheus und Euridike - und wirkt zugleich wie eine geniale Mischung dieser beiden tragischen Liebespaare. Allerdings darf Madschnun seine Laila nicht deswegen nicht heiraten, weil die Familien verfeindet wären, sondern weil er sie zu früh - nämlich vor der Heirat - in Liebesgedichten besungen und damit die Ehre Lailas und ihrer Familie befleckt hat. Laila wird einem anderen gegeben, Madschnun verfällt dem Wahnsinn und zieht sich schließlich in die Wildnis zurück, wie Orpheus ein trauriger Sänger unter den Tieren.

Eine ähnlich komplexe Stoffgeschichte lässt sich für Chosrou und Schirin geltend machen, ein weiteres klassisches Liebespaar der orientalischen Literatur, das zwei Jahrhunderte vor Nizami der persische Nationaldichter Firdausi (940-1016) in seinem Shahname, dem "Königsbuch" bereits einmal vorkommen lässt. Noch komplexer ist die Vorgeschichte von Nizami längstem Versepos, dem "Alexanderbuch" (Iskandarname). Es ist eine hochverdichtete Aufbereitung der auch im europäischen Mittelalter kursierenden Alexandererzählungen, die angeblich alle auf eine gemeinsame griechische Version zurückzuführen sind. Nizamis Alexander wird zum Philosophen und dann zum Propheten, aber ohne explizite Islamisierung.

Liest man heute in der Übersetzung die Werke Nizamis, sind es freilich weniger die vielen literarischen Anspielungen, der virtuose Umgang mit der Tradition und die stilistische Komplexität Nizamis, die den Leser ansprechen, als die Anklänge an die orientalischen Märchen, die wir bei Nizami eben auch heraushören.

Freilich lassen uns gerade erst dieses Anspielungen einen Anknüpfungspunkt finden, von dem aus wir tiefer in sein Werk eindringen können. Wer einen ersten Einstieg in die Welt von Nizami sucht, ist daher mit der erwähnten Nacherzählung Rudolf Gelpkes gut bedient. Wer sich dann packen lässt, wird umso dankbarer für die ungleich genaueren und poetischeren Übersetzungen Christoph Bürgels sein. Mit der genaueren und der bloß paraphrasierenden Übersetzung verhält es sich damit exakt so, wie der vor 800 Jahren gestorbene Dichter das Verhältnis von Immanenz und Transzendenz in einem meisterhaften Vers beschrieb:

Der Vorkoster des Himmels ist die Erde
der Gastwirt für die Engel ist der Mensch.


Werke von Nizami in deutscher Übersetzung:

Die Abenteuer des Königs Bahram. Übers Christoph. Bürgel, C.H. Beck Verlag, München 1997, 29,90 Euro

Alle anderen Werke von Nizami liegen im Manesse Verlag vor:
In der freien Übertragung von Rudolf Gelpke:
Laila und Madschnun, 19,90 Euro
Die sieben Geschichten der sieben Prinzessinnen, 19,90 Euro

In der genaueren Übertragung von Christoph Bürgel

Chosrou und Schirin, Zürich 2009 (Neuauflage), 22,90 Euro
Das Alexanderbuch, Zürich 1991, derzeit vergriffen

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