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StartseiteMarkt und MedienDie Skandalisierung der Killerspiele11.05.2013

Die Skandalisierung der Killerspiele

Medien berichten meist negativ über Computerspiele

Killerspiele stehen im Fall eines Amoklaufs oft unter Generalverdacht. Aber wirken sie tatsächlich enthemmend? Während die Wissenschaftler darüber diskutieren, gilt der Zusammenhang in den Medien als ausgemacht. Die Spiele-Community fühlt sich von den Berichten unfair behandelt.

Von David Goeßmann

Verdammt, ich bin tot! Ein Computerspieler bei der World Cyber Games-Qualifikation in Miami (AP Archiv)
Verdammt, ich bin tot! Ein Computerspieler bei der World Cyber Games-Qualifikation in Miami (AP Archiv)

"Die Frage ist doch: Verändert sich durchs Daddeln nur die Virtuosität des Daumens, verändert sich der Hirnbereich, der den Daumen steuert, oder verändert sich durch das Daddeln auch das Wesen eines Menschen."

Frank Plasberg moderiert einen Einspieler in der Sendung "Wie doof machen Apple, Handy & Co.?" vom 4. Februar an. Es folgt ein Interview mit dem britischen Prinzen Harry. Man sieht ihn vor einem Kampfhubschrauber in Afghanistan.

"Als Bordschütze im Kampfhubschrauber will er dort auch Taliban getötet haben. In einem Interview erklärte er, warum er mit der Waffe so gut umgehen kann: ‚Ich bin einer von diesen Leuten, die gerne Play Station und Xbox spielen. Und ich liebe den Gedanken, dass ich mit meinen schnellen Daumen ziemlich nützlich bin. Da können Sie die Jungs fragen."

Danach wird in der Hart aber Fair-Runde über Killerspiele diskutiert. Doch bei dem Zitat von Prinz Harry ging es gar nicht um Gewalt darstellende Videospiele, sondern um Fingerfertigkeit. Julian Hansemann, 24-jähriger Wirtschaftsinformatiker und Mitglied im Verband für Deutschlands Video- und Computerspieler:

"Man hat den Eindruck erweckt, dass er ein Killerspiel spielt, weil man den letzten Halbsatz, dass er seine Kameraden ständig in Fifa besiegt, weggelassen hat. Und genau dieser Teil ändert natürlich sehr viel an diesem Zitat. Es geht gar nicht um was man im Allgemeinen ein Killerspiel bezeichnet, sondern um ein harmloses, ich glaube schon ab null Jahren freigegebenes Sportspiel."

"You can ask the guys: I trash them at Fifa the whole time."

Was bleibt, ist: eine dumme Bemerkung von Prinz Harry, jedoch keine Killerspiele, auch keine herabgesenkte Tötungshemmung. Denn der britische Prinz tötet in Afghanistan ja nicht, weil er ein Fifa-Fußballspiel am Computer gespielt hat, sondern weil er in den Krieg geschickt worden ist.

Immer wieder trifft man in der Berichterstattung über Killerspiele auf Verzerrungen: Spiele werden falsch dargestellt und Spieler dämonisiert. Nach Angaben des Internetportals stigma-videospiele.de inszenierte ein Panorama-Beitrag eine effektheischende Killerszene und schnitt dahinter einen grinsenden Spieler, obwohl sich das Lachen gar nicht auf die Szene bezog.

Thomas Feibel, Journalist und Leiter des Büros für Kindermedien:

"Ich glaube nicht, dass man sagen kann, dass sich die Berichterstattung von anderen unterscheidet. Man muss, wenn man ganz realistisch ist, einfach sehen, dass jede Woche eine Sau durchs Dorf getrieben wird. Einmal ist es das Killerspiel, dann ist es das Pferdefleisch in der Lasagne. Und so wechselt das immer. Die Skandalisierung hat nur einen Zweck, dass die Skandalisierung am Leben gehalten wird. Und die hat meistens gar nichts mehr mit dem Thema zu tun."

Feibel beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema "Kinder und Computer". 2004 schrieb er das Buch "Killerspiele im Kinderzimmer". Er glaubt nicht, wie oft in Medien behauptet, dass Killerspiele die Tötungshemmung absenkten. Die Wissenschaft liefere in diesem Punkt keine eindeutigen Ergebnisse. Das heiße aber nicht, dass Killerspiele keine Auswirkungen hätten.

Dem Medienjournalisten Feibel fehlt in der Berichterstattung vielmehr der genaue Blick auf das, was Kinder und Jugendliche an medialer Gewalt fasziniere.

"In dem Verhalten, wie wir Nachrichten gucken, haben wir meistens in unserem Umfeld knallharte Beobachter. Und das sind unsere Kinder. Die gucken nämlich nicht, was wir sagen oder wie wir darüber denken, sondern die beobachten uns. Die sehen doch, ich beiße gerade in dieses Käsebrot, während diese Kriegsszenerie ist. Wie ist das möglich? Und die Kinder sagen sich: ‚Wenn meine Eltern das so machen, dann muss ich mich wohl abhärten.‘ Und dann versucht man, sich mit Filmen oder mit bestimmten Spielen den Schrecken zu nehmen."

Die Gewaltschraube sei in den letzten Jahren zudem immer weiter angezogen worden, sagt Feibel, gerade auch in Buchthrillern, TV- und Kinofilmen. Eine Entwicklung, die in der medialen Berichterstattung, anders als bei den Killerspielen, hingegen kaum problematisiert wird.

Eine ernsthafte und kritische Debatte über Computer- und Killerspiele wünscht sich Feibel, in der auch Spieler zu Wort kommen sollten. Gegen eine Problematisierung des Genres hat auch Julian Hansemann nichts, wenn sie denn fair ist:

"Generell würde ich mir wünschen, dass bei Berichten gerade über die Killerspieldebatte differenzierter berichtet wird und gerade auch die Argumente der Gegner überprüft werden."

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