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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDie Spuren von 100 Jahren Behaviorismus08.08.2013

Die Spuren von 100 Jahren Behaviorismus

Tagung zur Geschichte der Psychologie an der Uni Würzburg

Behavioristen stellen das Verhalten der Menschen statt ihr Bewusstsein in den Mittelpunkt. Das Konzept geht zurück auf den amerikanischen Psychologen John B. Watson, der es vor 100 Jahren erstmals in einem wissenschaftlichen Artikel skizzierte. Nun war es Thema eines Symposiums.

Von Jakob Epler

Menschliches Verhalten definiert Watson als die Reaktion auf einen Reiz.  (Stock.XCHNG)
Menschliches Verhalten definiert Watson als die Reaktion auf einen Reiz. (Stock.XCHNG)

Der Artikel "Psychologie, wie sie der Behaviorist sieht" gilt heute als Manifest einer damals neuen Psychologie. John B. Watson forderte darin, die Disziplin zur reinen Naturwissenschaft zu machen. Dazu solle sie sich auf einen Gegenstand konzentrieren, der objektiv beobachtet werden kann: das Verhalten. Watsons Artikel ist eine Art Gründungsurkunde des Behaviorismus.

Menschliches Verhalten definiert Watson als die Reaktion auf einen Reiz. Der Behaviorismus verschrieb sich nun zwei Aufgaben. Er sollte einerseits Reiz-Reaktions-Muster erforschen und anderseits Methoden entwickeln, wie diese Muster verändert werden können. Ziel war es, Verhalten voraussagen und vor allem kontrollieren zu können. Diese Idee habe gut in das Amerika der 1910er und 1920er Jahre gepasst, sagt der Historiker David O. Clark. Er beschreibt eine Gesellschaft, die sich im Umbruch befindet. Sie ist von Einwanderung und rasanter Industrialisierung geprägt.

"”Watson verspricht, dass wenn man ihm ein gesundes Baby gibt, er dessen Charakter beliebig formen kann. Man kann es zu einem Banker, einem Bauern oder einem Mechaniker machen. Das ist ein Ansatz, der von der Gleichheit der Menschen ausgeht. Und er verspricht den Amerikanern, dass wenn man ihn als Psychologen konsultiert, er ihnen und ihren Kinder helfen wird, erfolgreich zu sein in diesem Land, das wirtschaftlich wächst, sich ausdehnt und all diese Chancen bereithält"".

Den Schlüssel zur Verhaltenskontrolle fand Watson schließlich in der klassischen Konditionierung. Iwan Petrowitsch Pawlow hatte sie Anfang des 20. Jahrhunderts an Hunden nachgewiesen. Er bewies, dass die Tiere vermehrt Speichel produzierten, wenn sie Futter sahen. Wurde wiederholt eine Glocke geläutet, bevor die Hunde zu fressen bekamen, reichte schließlich das Läuten aus, um den Speichelfluss anzuregen.

Das Lernen durch Konditionierung übertrug Watson auf den Menschen. Verhalten werde auf diese Weise gelernt, könne aber auch wieder verlernt werden, so seine These. Behavioristen betrachten den Menschen aus einer mechanistischen Perspektive. Das ist einerseits eine Utopie, weil demnach jeder Mensch zu allem fähig ist. Andererseits beraubt der Behaviorismus den einzelnen Menschen aber auch seiner Einzigartigkeit.

"”Es ist eine Theorie, die Industriellen gefällt. Weil sie für sie bedeutet, dass sie jede beliebige Person für jede beliebige Aufgabe ausbilden können. Abschätzig betrachtet könnte man sagen, dass Menschen nur noch eine Funktion in einer Maschinerie erfüllen und man kann sie beliebig gegeneinander austauschen.""

Weil Watson das Verhalten in den Mittelpunkt stellte, konnte er sich von der Erforschung des Bewusstseins verabschieden. Reiz-Reaktions-Muster werden von außen beobachtet und können über Konditionierung verändert werden. Das innere Erleben wurde deswegen zur Blackbox degradiert. Die heißt so, weil niemand hineinschauen kann und laut Watson auch nicht muss.

Damit brach er mit den damals herrschenden Theorien, die das Bewusstsein mithilfe der sogenannten Introspektion, der Selbstbeobachtung, ergründen wollten. Das provozierte einerseits Widerstand. Anderseits fiel es bei einigen Zeitgenossen auf fruchtbaren Boden. Denn sie sahen die Psychologie Anfang des 20. Jahrhunderts in der Krise. Professor Annette Mülberger von der Autonomen Universität Barcelona:

"Die Psychologie ist ein sehr chaotisches Feld. Jeder Psychologe kocht sein Süppchen und es gibt gar nicht eine einheitliche Methode im Fach. Etwas, was vom positivistischen Standpunkt aus eben viele Psychologen erhofft haben: 'Jetzt sind wir wissenschaftlich, jetzt beweisen wir alles experimentell, jetzt müsste es eigentlich keine Diskussion mehr über verschiedene theoretische Ansätze geben‘. Aber was kommt? Es kommen synthetische Ansätze, aber auch wieder verschiedene."

Die Psychologie war erst Mitte des 19. Jahrhunderts zur wissenschaftlichen Disziplin geworden. Wilhelm Wundt gründete 1879 das erste Labor für experimentelle Psychologie in Leipzig. Dort konfrontierte er seine Probanden beispielsweise mit visuellen Reizen. Um zu verstehen, was das bei ihnen auslöste, zeichnete er körperliche Reaktionen auf und setze auf die Introspektion. Seine Probanden sollten ihm beschreiben, was sie erlebten. So wollte er verstehen, was in ihnen vorgeht. Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts hatte sich die Disziplin dann in viele teils miteinander konkurrierende psychologische Ansätze aufgefächert.

"Das macht es alles sehr sehr schwierig und produziert viel Unzufriedenheit der Psychologen mit ihrem eigenen Gebiet und das nützt eben auch Watson aus in seinem Manifesto. Weil er sagt, sie wissen ja alle, wir müssen die Psychologie unter einem Begriff vereinigen und der Begriff darf eben nicht Bewusstsein sein – was ein wichtiger Begriff bis dahin war, sowohl bei der Gestaltpsychologie als auch bei der wundt'schen Psychologie, auch bei der Würzburger Schule. Und bei der Psychoanalyse ist es das Unterbewusstsein. Und jetzt durch Watson hat man gesagt: Nein! Verhalten, nur noch Verhalten!"

Trotzdem hatte es der Behaviorismus in Europa und vor allem in Deutschland schwer. Und so wird er erst im Anschluss an den Nationalsozialismus wichtig. Das hatte vor allem pragmatische Gründe, erläutert Professor Armin Stock, der in Würzburg das Adolf-Würth-Zentrum für Geschichte der Psychologie leitet.

"Der Behaviorismus wird im Prinzip nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg importiert nach Deutschland. Die deutsche Psychologie wird ein Stück weit einfach durch den Nationalsozialismus kaputtgemacht, weil die führenden Köpfe in der deutschen Psychologie, wie William Stern, wie Max Wertheimer, wie Otto Selz, die waren alle Juden und sie wurden hier natürlich verfolgt oder sind emigriert. Und deswegen ist die deutsche Psychologie nach dem Krieg natürlich erst mal am Boden. Man muss sie neu aufbauen. Da kommen natürlich die Bücher aus dem Ausland und der Behaviorismus wird importiert ein Stück weit."

Behavioristische Ideen haben die Psychologie über viele Jahre lang geprägt. In den 1960er und 1970er Jahren kam es dann aber zur so genannten kognitiven Wende. Anlass dafür war vor allem, dass der Behaviorismus vieles dann doch nicht erklären konnte. Zum Beispiel wären Sprachen kaum durch Konditionierung zu erlernen. Es würde schlicht zu lange dauern. Plötzlich wurde es also wieder interessant, was in der Blackbox passierte. Die Kognitionspsychologie verschreibt sich seitdem dem Versuch, zu klären, wie Menschen Informationen verarbeiten. Das heißt aber nicht, dass der Behaviorismus vollkommen ad acta gelegt wurde.

"Also der Behaviorismus spielt in einigen Bereichen noch eine ganz große Rolle. Zum Beispiel in der Verhaltenstherapie. Da geht man noch ganz klar davon aus, dass das funktioniert. Es funktioniert ja auch, bei Phobien zum Beispiel, man kann Angst auch wieder verlernen. Und anderseits war es aber auch ein bisschen zu einfach gedacht. Menschen sind halt doch sehr intelligente und vom Geist gesteuerte Menschen. Möglicherweise ist die Erklärung einfach eine andere, aber es funktioniert. Das ist nicht so, dass man das ignorieren könnte und diese Ansätze bauen darauf auf."

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